Erster Weltkrieg | Teil 3 (B1-B2)
NEWHÖREN

Am 11. November 1918, um genau 11:00 Uhr morgens, geschah etwas, das Millionen von Menschen kaum noch für möglich gehalten hatten: Die Kanonen an der Westfront verstummten. Nach 1568 Tagen des ununterbrochenen Mordens herrschte plötzlich eine unheimliche Stille. Drei Tage zuvor war eine deutsche Delegation unter der Leitung des Politikers Matthias Erzberger in den Wald von Compiègne gereist. Dort, in einem einsamen Eisenbahnwaggon, wartete der französische Marschall Foch. Er empfing die Deutschen nicht als Verhandlungspartner, sondern als Besiegte.
Die Bedingungen für den Waffenstillstand waren extrem hart. Deutschland musste innerhalb von zwei Wochen alle besetzten Gebiete in Frankreich, Belgien und Luxemburg verlassen. Das gesamte schwere Militärmaterial – tausende Kanonen, Flugzeuge und fast die gesamte Flotte – musste an die Alliierten übergeben werden. Zudem wurde die britische Seeblockade nicht sofort aufgehoben, was bedeutete, dass der Hunger in Deutschland vorerst blieb. Die deutschen Unterzeichner wussten, dass diese Bedingungen das Land wehrlos machten, aber sie hatten keine Wahl: Die Armee war am Ende und die Revolution in der Heimat hatte bereits begonnen.
An der Front spielten sich in diesem Moment bizarre Szenen ab. Einige Soldaten begannen zu jubeln und warfen ihre Helme in die Luft, andere saßen einfach nur schweigend im Schlamm und weinten. Es gab keine großen Verbrüderungen wie zu Weihnachten 1914; zu viel Blut war in den vier Jahren geflossen. Viele Männer konnten mit der plötzlichen Ruhe nicht umgehen. Sie hatten vergessen, wie man in einer Welt ohne Granateneinschläge lebt. Der Krieg war militärisch vorbei, aber in den Köpfen der Soldaten sollte er noch Jahrzehnte lang weitergehen.
In den Hauptstädten der Siegermächte, wie Paris und London, brach ein gigantischer Jubel aus. Die Menschen tanzten auf den Straßen und feierten das Ende des Albtraums. Doch in Deutschland war die Stimmung düster. Die Soldaten, die nun nach Hause marschierten, fanden ein Land im Chaos vor. Der Kaiser war nach Holland geflohen, und die alte Ordnung existierte nicht mehr. Der Waffenstillstand von Compiègne war zwar das Ende des großen Sterbens, aber er war nicht der Beginn eines echten Friedens. Er war nur die Pause vor einem politischen Kampf, der Europa in den nächsten Jahren völlig zerreißen sollte.
Im Jahr 1919 trafen sich die Staatsmänner der Siegermächte im prächtigen Schloss von Versailles bei Paris. Ihr Ziel war es, die Welt nach dem großen Chaos neu zu ordnen. Doch die Atmosphäre war nicht von Versöhnung, sondern von Wut und dem Wunsch nach Bestrafung geprägt. Die drei wichtigsten Köpfe waren Woodrow Wilson (USA), Georges Clemenceau (Frankreich) und David Lloyd George (Großbritannien). Deutschland durfte an den Verhandlungen nicht teilnehmen. Die deutschen Diplomaten wurden erst ganz am Ende gerufen, um das fertige Dokument zu unterschreiben.
Der Vertrag enthielt über 400 Artikel, aber der berüchtigtste war der Artikel 231: der sogenannte „Kriegsschuldparagraph“. Darin musste Deutschland die alleinige Verantwortung für den Ausbruch des Krieges und alle Schäden anerkennen. Das war für das deutsche Volk eine moralische Katastrophe. Auf dieser Basis forderten die Alliierten astronomische Summen als Wiedergutmachung (Reparationen). Deutschland musste Milliarden von Goldmark zahlen, was die Wirtschaft des Landes für Jahrzehnte zu zerstören drohte.
Die territorialen Verluste waren massiv. Deutschland verlor etwa 13 % seines Staatsgebiets und alle seine Kolonien in Afrika und Asien. Im Westen ging Elsass-Lothringen zurück an Frankreich. Im Osten entstand der „Polnische Korridor“, der Ostpreußen vom restlichen Deutschland trennte, damit Polen einen Zugang zum Meer bekam. Auch militärisch wurde Deutschland fast komplett entwaffnet: Die Armee durfte nur noch 100.000 Soldaten haben, schwere Waffen wie Panzer, U-Boote oder Flugzeuge waren streng verboten. Die stolze Militärmacht war nun ein machtloser Kleinstaat in der Mitte Europas.
Als der Vertrag am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles unterzeichnet wurde – genau fünf Jahre nach dem Attentat von Sarajevo –, war die Empörung in Deutschland grenzenlos. Man nannte den Vertrag einen „Diktatfrieden“. Viele Menschen glaubten, dass die Bedingungen so hart waren, dass Deutschland niemals wieder aufstehen konnte. Dieser tiefe Hass auf Versailles wurde später zu einem gefährlichen Werkzeug für radikale Parteien. Der Frieden von 1919 hatte zwar den Krieg beendet, aber er hatte gleichzeitig die Samen für einen neuen, noch schrecklicheren Konflikt in den Boden gepflanzt.
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs begann in Deutschland ein mutiges, aber extrem schwieriges Experiment. Im Jahr 1919 wurde in der Stadt Weimar eine neue Verfassung geschrieben, weil es in Berlin zu viele Unruhen und Kämpfe gab. Deutschland wurde zum ersten Mal in seiner Geschichte eine echte Demokratie: die Weimarer Republik. Das Volk durfte nun wählen, und Frauen bekamen zum ersten Mal das Stimmrecht. Doch diese junge Republik wurde in eine Welt hineingeboren, die von Hunger, Gewalt und tiefem Misstrauen geprägt war.
Der Start der Republik war katastrophal. Die Soldaten, die von der Front zurückkehrten, fanden keine Arbeit und oft kein Zuhause. In den Städten kämpften bewaffnete Gruppen der extremen Linken (Kommunisten) gegen Gruppen der extremen Rechten (Freikorps) um die Macht. Es gab politische Morde und Putschversuche, die die Regierung fast stürzten. Viele Menschen konnten nicht verstehen, warum Deutschland den Krieg verloren hatte, obwohl die Soldaten noch in Frankreich standen, als der Waffenstillstand kam.
In dieser Zeit entstand die gefährliche „Dolchstoßlegende“. Rechte Politiker und Generäle behaupteten, dass die Armee an der Front unbesiegt geblieben sei, aber von den Politikern und Revolutionären in der Heimat hinterrücks „erdolcht“ wurde. Diese Lüge beschädigte das Vertrauen in die neue Demokratie massiv. Als Deutschland dann noch die riesigen Reparationen aus dem Versailler Vertrag zahlen musste, brach die Wirtschaft zusammen. Im Jahr 1923 kam es zur Hyperinflation: Das Geld verlor so schnell an Wert, dass man für ein Brot Millionen oder sogar Milliarden Mark bezahlen musste.
Trotz dieser Krisen gab es in den 1920er Jahren auch eine kurze Zeit der Hoffnung, die „Goldenen Zwanziger“. In Berlin blühten Kunst, Theater und Nachtleben auf. Die Menschen versuchten, den Schrecken des Krieges zu vergessen. Doch das Fundament der Republik blieb brüchig. Die Demokraten hatten es schwer, sich gegen die Feinde von links und rechts durchzusetzen, die die Republik lieber heute als morgen zerstören wollten. Die Weimarer Republik war eine „Demokratie ohne Demokraten“, die ständig gegen das schwere Erbe des Ersten Weltkriegs ankämpfen musste.
Für das Osmanische Reich war das Ende des Ersten Weltkriegs eine existenzielle Katastrophe. Als Verbündeter Deutschlands hatte das Reich alles verloren. Im Oktober 1918 unterzeichnete das Sultanat den Waffenstillstand von Moudros. Die Siegermächte – vor allem England, Frankreich, Italien und Griechenland – begannen sofort damit, das riesige Territorium unter sich aufzuteilen. Istanbul und die strategisch wichtigen Meerengen wurden besetzt. Der Vertrag von Sèvres im Jahr 1920 sah vor, dass vom einst stolzen Weltreich nur noch ein winziges Gebiet in Zentralanatolien übrig blieb.
Doch in dieser dunklen Stunde erhob sich ein entschlossener Widerstand. General Mustafa Kemal, den die Welt später als „Atatürk“ kennen sollte, reiste im Mai 1919 nach Samsun. Er glaubte nicht an die Kapitulation des Sultans und begann, das türkische Volk für einen Befreiungskrieg (Kurtuluş Savaşı) zu mobilisieren. In Ankara gründete er die Große Nationalversammlung als neue, legitime Regierung. Es war ein Kampf an vielen Fronten: gegen die griechische Armee im Westen, gegen französische Truppen im Süden und gegen die innere Opposition des Sultans.
Der Sieg der türkischen Truppen in der Schlacht von Dumlupınar im Jahr 1922 änderte alles. Die Besatzer mussten das Land verlassen. Im Jahr 1923 wurde der Vertrag von Lausanne unterzeichnet, der die Grenzen der heutigen Türkei völkerrechtlich bestätigte und den demütigenden Vertrag von Sèvres für ungültig erklärte. Am 29. Oktober 1923 rief Mustafa Kemal die Republik Türkei aus. Er wurde ihr erster Präsident und startete eine Serie von radikalen Reformen, um das Land zu modernisieren.
Die Veränderungen waren gigantisch: Das Sultanat und das Kalifat wurden abgeschafft. Die Türkei bekam ein neues, lateinisches Alphabet, ein modernes Rechtssystem nach europäischem Vorbild und die Trennung von Staat und Religion (Laizismus). Die Frauen erhielten schon sehr früh das Wahlrecht – früher als in vielen europäischen Ländern. Aus den Ruinen eines religiösen Weltreichs entstand ein moderner, nationaler und säkularer Staat. Atatürk hatte es geschafft, sein Volk aus der Asche des Ersten Weltkriegs in eine völlig neue Ära zu führen.
Während die Türkei eine neue Identität fand, verschwand im Herzen Europas eine der ältesten Mächte der Weltkarte: das Kaiserreich Österreich-Ungarn. Über Jahrhunderte hatten die Habsburger ein riesiges Gebiet mit vielen verschiedenen Völkern regiert. Doch der Erste Weltkrieg war für dieses „Vielvölkerreich“ eine Belastung, die es nicht aushalten konnte. Schon während des Krieges forderten Tschechen, Slowaken, Ungarn, Kroaten und Polen ihre Unabhängigkeit. Als der Waffenstillstand im November 1918 kam, brach das Reich innerhalb weniger Tage wie ein Kartenhaus zusammen.
Kaiser Karl I., der Nachfolger von Franz Joseph, musste auf die Regierungsgeschäfte verzichten und ins Exil gehen. Die prächtige Hauptstadt Wien, die einst das Zentrum eines Reiches mit 52 Millionen Menschen war, wurde plötzlich zur Hauptstadt eines winzigen Staates: der Republik Deutschösterreich. Im Vertrag von Saint-Germain wurde Österreich streng verboten, sich mit Deutschland zu vereinigen. Das Land verlor seine wichtigsten Industriegebiete und den Zugang zum Meer (Triest). Die Österreicher fühlten sich wie ein „Staat, den keiner wollte“.
Noch härter traf es Ungarn. Im Vertrag von Trianon verlor Ungarn zwei Drittel seines Territoriums an seine Nachbarstaaten. Millionen von Ungarn lebten plötzlich als Minderheiten in anderen Ländern. Dieser „Schock von Trianon“ ist in der ungarischen Politik bis heute ein tiefes Trauma. Aus den Trümmern des Habsburgerreiches entstanden völlig neue Nationalstaaten wie die Tschechoslowakei und das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (das spätere Jugoslawien). Polen bekam Galizien zurück, und Italien besetzte Südtirol.
Das Ende von Österreich-Ungarn veränderte das Gesicht Mitteleuropas für immer. Wo früher ein großer Wirtschaftsraum existierte, gab es nun viele kleine Länder mit neuen Grenzen, eigenen Währungen und tiefem Misstrauen gegeneinander. Die wirtschaftlichen Folgen waren katastrophal, und die Region blieb politisch instabil. Der Fall der Habsburger zeigte, dass das Zeitalter der alten Kaiserreiche endgültig vorbei war. Die Nationalstaaten übernahmen die Macht, aber der Frieden in dieser Region blieb ein zerbrechlicher Traum, der nur zwanzig Jahre später erneut zerstört werden sollte.
Eines der erstaunlichsten Ergebnisse des Ersten Weltkriegs war die Wiedergeburt von Nationen, die für lange Zeit von der Landkarte verschwunden waren. Über 120 Jahre lang hatte es keinen polnischen Staat gegeben, da das Land zwischen Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt war. Doch der Zusammenbruch dieser drei Kaiserreiche schuf ein historisches Vakuum. Im November 1918 nutzte der polnische Nationalheld Józef Piłsudski die Gunst der Stunde und rief in Warschau die Zweite Polnische Republik aus. Polen war wieder frei, aber seine Grenzen waren im Osten und Westen hart umkämpft.
Um Polen einen Zugang zur Ostsee zu geben, entschieden die Siegermächte in Versailles, den sogenannten „Polnischen Korridor“ zu schaffen. Dieses Gebiet trennte die deutsche Provinz Ostpreußen vom restlichen Deutschland. Die Stadt Danzig (Gdańsk) wurde zu einer „Freien Stadt“ unter dem Schutz des Völkerbundes. Diese Grenzziehung verursachte sofort enorme Spannungen zwischen Deutschland und Polen. Im Osten musste Polen sogar einen blutigen Krieg gegen das revolutionäre Russland führen, um seine Unabhängigkeit zu verteidigen. Erst 1921 fanden diese Kämpfe ein Ende.
Weiter nördlich an der Ostsee passierte Ähnliches. Die baltischen Völker – Esten, Letten und Litauer – hatten jahrhundertelang unter russischer Herrschaft gestanden. Nach der Russischen Revolution von 1917 erklärten Estland, Lettland und Litauen nacheinander ihre Unabhängigkeit. Sie mussten ihre Freiheit in harten Kämpfen gegen die Rote Armee und gegen deutsche Freikorps behaupten. Im Jahr 1920 erkannten schließlich alle Großmächte die Souveränität dieser drei kleinen, stolzen Republiken an. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte hatten die Balten ihre eigenen Nationalstaaten.
Dieses „neue Osteuropa“ war für Frankreich und England von strategischer Bedeutung. Man nannte diese Kette von Staaten den „Cordon Sanitaire“ (Sicherheitsgürtel). Sie sollten wie eine Mauer wirken, um Westeuropa vor dem „Virus“ des Kommunismus aus Russland zu schützen und gleichzeitig Deutschland im Osten zu kontrollieren. Doch diese neuen Staaten waren wirtschaftlich schwach und militärisch isoliert. Sie saßen wie ein Puffer zwischen zwei wütenden Riesen: Deutschland und der Sowjetunion. Die Freiheit Polens und des Baltikums war ein großer Erfolg des Selbstbestimmungsrechts, aber sie blieb in der gefährlichen Geopolitik der Zwischenkriegszeit extrem bedroht.
Während der Rest der Welt in Versailles über Grenzen verhandelte, entstand im Osten etwas völlig Neues und für viele Beängstigendes. Russland war nicht mehr das Reich des Zaren. Nach der Oktoberrevolution 1917 hatten die Bolschewiki unter Wladimir Lenin die Macht übernommen. Doch der Frieden mit Deutschland bedeutete nicht das Ende des Sterbens. Ein grausamer Bürgerkrieg zwischen der „Roten Armee“ (Kommunisten) und der „Weißen Armee“ (Monarchisten und Liberale) zerfleischte das Land für weitere drei Jahre. Am Ende siegten die Kommunisten, und 1922 wurde offiziell die Sowjetunion (UdSSR) gegründet.
Die Sowjetunion war der erste sozialistische Staat der Weltgeschichte. Alles änderte sich: Privatbesitz wurde abgeschafft, Fabriken und Banken gehörten nun dem Staat. Die Kommunisten wollten eine klassenlose Gesellschaft schaffen, in der es keine reichen Adligen und armen Bauern mehr gab. Doch dieser Traum wurde mit eiserner Gewalt erzwungen. Gegner der Revolution wurden verhaftet, hingerichtet oder in Arbeitslager geschickt. Die orthodoxe Kirche verlor ihren Einfluss, und die Religion wurde durch die Ideologie des Marxismus-Leninismus ersetzt. Das Land isolierte sich fast vollständig vom kapitalistischen Westen.
Für Europa und die USA war die Existenz der Sowjetunion ein Schock. Man hatte Angst, dass die „Weltrevolution“ auch nach Berlin, Paris oder London kommen würde. Tatsächlich gab es in Deutschland und Ungarn kurzzeitig Versuche, bayerische oder ungarische „Räterepubliken“ nach russischem Vorbild zu errichten. Diese Angst vor dem Kommunismus prägte die gesamte Politik der 1920er Jahre. Die Sowjetunion war zwar durch den Krieg und den Hunger extrem geschwächt, aber sie begann, ihre Industrie im Rekordtempo aufzubauen. Ein riesiger schlafender Riese war erwacht, der die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts massiv beeinflussen sollte.
Nach Lenins Tod im Jahr 1924 begann ein interner Machtkampf, den schließlich Josef Stalin gewann. Unter seiner Herrschaft verwandelte sich die Sowjetunion in eine totale Diktatur. Das Land blieb ein Außenseiter in der internationalen Politik, da es im Ersten Weltkrieg seine Verbündeten im Stich gelassen hatte. Doch Russland hatte bewiesen, dass alte Imperien sterben können und völlig neue Systeme an ihre Stelle treten. Die Sowjetunion war das lebendige Beispiel dafür, dass der Erste Weltkrieg nicht nur Grenzen verschoben, sondern das Fundament der menschlichen Gesellschaft erschüttert hatte.
Obwohl Frankreich zu den großen Gewinnern des Ersten Weltkriegs gehörte, war die Stimmung im Land alles andere als festlich. Frankreich hatte den höchsten Preis aller Westmächte gezahlt. Fast 1,4 Millionen französische Soldaten waren tot, und über 4 Millionen waren verwundet. In fast jedem Dorf in Frankreich gab es nun ein Denkmal für die Gefallenen. Eine ganze Generation von jungen Männern war entweder im Schlamm von Verdun und der Somme geblieben oder kehrte als „Gueules cassées“ (zerbrochene Gesichter) mit schrecklichen Entstellungen nach Hause zurück.
Der Norden Frankreichs, wo die meisten Kämpfe stattgefunden hatten, sah aus wie eine Mondlandschaft. Tausende Quadratkilometer Land waren durch Milliarden von Granatsplittern, Giftgas und Blindgängern völlig vergiftet. Man nannte diese Gebiete die „Zone Rouge“ (Rote Zone). Ganze Städte und hunderte Dörfer existierten einfach nicht mehr. Die Fabriken, Bergwerke und Bauernhöfe im reichsten Teil Frankreichs waren zerstört. Der Wiederaufbau sollte Jahrzehnte dauern und Milliarden von Francs kosten. Das war der Hauptgrund, warum Frankreich in Versailles so hart gegen Deutschland vorging: Man wollte, dass Deutschland für jeden Stein und jedes Leben bezahlte.
Die Angst vor einer neuen deutschen Invasion saß tief im kollektiven Gedächtnis der Franzosen. Obwohl Deutschland entwaffnet war, traute man dem Nachbarn im Osten nicht. Frankreich versuchte, Bündnisse mit den neuen Staaten wie Polen und der Tschechoslowakei zu schließen, um Deutschland einzukreisen. Ende der 1920er Jahre begann Frankreich mit dem Bau der „Maginot-Linie“ – einer gigantischen Kette aus unterirdischen Festungen entlang der Grenze. Man wollte sich nie wieder von einer deutschen Armee überraschen lassen. Doch diese Fixierung auf die Verteidigung zeigte auch, wie sehr der Krieg Frankreich psychisch gelähmt hatte.
Frankreich bekam zwar Elsass-Lothringen zurück und erhielt deutsche Kolonien als Mandatsgebiete, aber das Land war finanziell am Ende. Die Schulden bei den USA waren riesig, und die Inflation fraß die Ersparnisse der Bürger. Der „Sieg“ fühlte sich für viele Franzosen wie eine langsame Katastrophe an. Die Gesellschaft war tief gespalten zwischen Nationalisten, die noch mehr Härte gegen Deutschland forderten, und Pazifisten, die nie wieder einen Krieg erleben wollten. Frankreich war zwar die stärkste Militärmacht in Europa, aber es war eine Macht, die aus ihren eigenen Wunden blutete.
Großbritannien war am Ende des Krieges nominell die größte Macht der Welt. Das Britische Empire hatte seine größte Ausdehnung in der Geschichte erreicht, da es viele deutsche Kolonien und Teile des Osmanischen Reiches (wie Palästina und den Irak) als Mandate übernahm. Doch hinter der glänzenden Fassade war das Empire tief erschüttert. Der Krieg hatte England fast 900.000 junge Männer gekostet. Die britische Wirtschaft, die vor 1914 die Welt dominiert hatte, war nun massiv bei den USA verschuldet. London war nicht mehr das unangefochtene Finanzzentrum des Planeten.
In der Heimat begannen schwere soziale Unruhen. Die Soldaten, die aus dem Schlamm der Schützengräben zurückkehrten, fanden keine „Heldenheimat“ vor, sondern Arbeitslosigkeit und Streiks. Besonders in Irland explodierte die Situation. Während des Krieges hatte es 1916 den Osteraufstand gegeben, und nach 1918 führte die Irisch-Republikanische Armee (IRA) einen blutigen Guerillakrieg gegen die britische Herrschaft. Im Jahr 1922 musste London nachgeben: Der Irische Freistaat wurde unabhängig, und das Vereinigte Königreich verlor einen Teil seines eigenen Kernlandes.
Auch in den fernen Kolonien begann der Geist des Widerstands zu wachsen. Soldaten aus Indien, Kanada und Australien hatten für den König gekämpft und geblutet. Nun forderten sie mehr Rechte und Selbstbestimmung. In Indien begann Mahatma Gandhi mit seinem gewaltlosen Widerstand gegen die britische Krone. Die Briten merkten, dass sie nicht mehr genug Geld und Soldaten hatten, um ihr riesiges Reich mit Gewalt zu kontrollieren. Das Empire begann sich langsam in das „Commonwealth“ zu verwandeln – einen Bund aus fast unabhängigen Staaten.
Die Vorherrschaft der Royal Navy auf den Weltmeeren war ebenfalls vorbei. In internationalen Verträgen musste England akzeptieren, dass die US-Marine nun genauso groß sein durfte. Großbritannien zog sich in eine Politik des „Appeasement“ (Beschwichtigung) zurück. Man wollte um jeden Preis einen neuen Krieg in Europa vermeiden, weil das Land einen weiteren Konflikt finanziell und moralisch nicht überlebt hätte. England war zwar ein Sieger, aber es war ein müder, alter Riese, der seine beste Zeit hinter sich hatte.
Während Europa in Trümmern lag und seine Wunden leckte, erlebten die Vereinigten Staaten von Amerika einen Aufstieg, wie ihn die moderne Welt noch nicht gesehen hatte. Die USA waren erst spät, im Jahr 1917, in den Krieg eingetreten. Ihre Städte waren nicht bombardiert worden, ihre Fabriken liefen auf Hochtouren und ihre Felder waren unversehrt. Der Krieg verwandelte Amerika fast über Nacht vom größten Schuldner der Welt zum größten Gläubiger. Fast alle europäischen Mächte – egal ob Sieger oder Besiegte – hatten nun gigantische Schulden bei den Banken in New York. Die Ära der europäischen Dominanz war vorbei, und das „Amerikanische Jahrhundert“ begann.
Präsident Woodrow Wilson reiste 1919 nach Europa und wurde dort wie ein Messias gefeiert. Er brachte seine berühmten „14 Punkte“ mit, ein Programm für eine gerechtere Weltordnung. Wilson wollte, dass jedes Volk das Recht auf Selbstbestimmung hatte und dass ein „Völkerbund“ zukünftige Kriege durch Diplomatie verhindern sollte. Er glaubte, dass Amerika die moralische Pflicht hatte, die Welt für die Demokratie sicher zu machen. Doch in Versailles musste er schmerzhaft feststellen, dass die Europäer mehr an Rache und Gebieten interessiert waren als an seinen idealistischen Träumen.
Zurück in der Heimat erlebte Wilson eine bittere Enttäuschung. Die amerikanische Bevölkerung hatte genug von den Problemen der „Alten Welt“. Viele Amerikaner fragten sich: „Warum haben wir unsere Söhne nach Europa geschickt, nur damit die dortigen Mächte sich wieder um Grenzen streiten?“ Das US-Parlament (der Senat) weigerte sich, den Versailler Vertrag zu ratifizieren. Amerika trat dem Völkerbund, den ihr eigener Präsident erfunden hatte, niemals bei. Die USA zogen sich in den sogenannten „Isolationismus“ zurück. Man wollte sich nur noch um die eigenen Angelegenheiten kümmern und Geschäfte machen.
In den 1920er Jahren, den „Roaring Twenties“, boomte die US-Wirtschaft wie nie zuvor. Während in Deutschland die Menschen hungerten, kauften die Amerikaner Autos, Radios und Kühlschränke auf Raten. Hollywood wurde zum Zentrum der weltweiten Unterhaltung, und Jazz-Musik eroberte den Planeten. Amerika exportierte nicht nur Waren, sondern auch seinen Lebensstil. Doch diese Isolation hatte einen Preis: Da die stärkste Macht der Welt sich aus der Weltpolitik heraushielt, fehlte im Völkerbund die nötige Kraft, um aggressive Diktatoren in Europa und Asien später zu stoppen. Die USA waren zwar die neue Weltmacht, aber sie waren noch nicht bereit, die Verantwortung für den Weltfrieden zu übernehmen.
Italien war im Jahr 1915 mit großen Hoffnungen in den Krieg eingetreten. Obwohl das Land vorher mit Deutschland und Österreich verbündet war, wechselte es die Seiten, nachdem die Alliierten (England und Frankreich) im geheimen „Londoner Vertrag“ Italien riesige Gebiete versprochen hatten. Die Italiener träumten davon, das Mittelmeer zu kontrollieren und Gebiete wie Südtirol, Triest, Istrien und Teile Dalmatiens zu annektieren. Doch der Krieg in den Alpen gegen Österreich war eine Katastrophe. Drei Jahre lang starben hunderttausende Soldaten in elf Schlachten am Isonzo-Fluss, ohne dass sich die Front nennenswert bewegte.
Als der Krieg 1918 endete, saßen die italienischen Diplomaten in Versailles am Tisch der Sieger. Doch sie erlebten eine bittere Enttäuschung. Präsident Wilson aus den USA wollte den geheimen Londoner Vertrag nicht anerkennen, weil er gegen sein Prinzip des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ verstieß. Italien bekam zwar Südtirol und Triest, aber die Gebiete an der Adriaküste (Dalmatien) und die Stadt Fiume wurden dem neuen Staat Jugoslawien zugesprochen. Die italienische Öffentlichkeit reagierte mit Wut. Man sprach vom „Vittoria mutilata“ – dem „verstümmelten Sieg“. Das Gefühl, von den eigenen Verbündeten betrogen worden zu sein, vergiftete die politische Atmosphäre des Landes.
Gleichzeitig versank Italien im sozialen Chaos. Über zwei Millionen Soldaten kehrten nach Hause zurück und fanden keine Arbeit. Die Preise für Lebensmittel stiegen extrem an, und in den Fabriken im Norden kam es zu gewaltsamen Streiks und Besetzungen. Viele Menschen hatten Angst, dass in Italien eine kommunistische Revolution wie in Russland ausbrechen würde. In dieser Zeit der Angst und der nationalen Demütigung tauchte ein neuer Mann auf der politischen Bühne auf: Benito Mussolini. Er war früher Sozialist, aber der Krieg hatte ihn zu einem extremen Nationalisten gemacht. Er gründete die „Fasci di Combattimento“ (die Faschisten).
Mussolinis Bewegung nutzte die Wut der Kriegsveteranen und die Angst des Bürgertums vor dem Kommunismus. Seine Schlägertrupps, die „Schwarzhemden“, begannen, politische Gegner auf den Straßen zu terrorisieren. Mussolini verprach, Italien wieder zu alter Größe wie zur Zeit des Römischen Reiches zu führen und die „Schande von Versailles“ zu beenden. Im Oktober 1922 organisierte er den „Marsch auf Rom“. Der König von Italien, der Angst vor einem Bürgerkrieg hatte, gab dem Druck nach und ernannte Mussolini zum Ministerpräsidenten. Innerhalb weniger Jahre verwandelte Mussolini Italien in die erste faschistische Diktatur Europas. Das Beispiel Italiens zeigte der Welt, wie die Instabilität nach dem Ersten Weltkrieg den Weg für den Totalitarismus ebnete.
Am Ende dieser gigantischen Katastrophe stand die Sehnsucht nach einer Welt, in der so etwas „nie wieder“ passieren würde. Im Januar 1920 wurde in Genf offiziell der Völkerbund (League of Nations) gegründet. Es war das Herzensprojekt von Woodrow Wilson. Zum ersten Mal in der Geschichte sollten alle Nationen an einem Tisch sitzen, um Konflikte durch Reden statt durch Schießen zu lösen. Der Völkerbund war die große Hoffnung der Menschheit. Doch von Anfang an hatte diese Organisation schwere Geburtsfehler. Die USA traten nicht bei, Deutschland und die Sowjetunion waren anfangs ausgeschlossen. Der Bund besaß keine eigene Armee und konnte aggressive Staaten nur mit Worten oder wirtschaftlichen Sanktionen bestrafen.
Das Erbe des Krieges war jedoch viel tiefer als nur politische Verträge. Europa war physisch und psychisch verändert. Über 9 Millionen Soldaten waren tot, und etwa 20 Millionen waren verwundet. In fast jeder Familie gab es eine Lücke, die niemals wieder gefüllt werden konnte. Die Überlebenden kehrten oft als „gebrochene Männer“ zurück; sie hatten Dinge gesehen, die man mit Worten nicht beschreiben konnte. Die Literatur und Kunst der 1920er Jahre, wie zum Beispiel das Buch „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, zeigten diese tiefe Verstörung einer ganzen Generation. Man nannte sie die „Lost Generation“ (die verlorene Generation).
Wirtschaftlich hatte der Krieg die alte Weltordnung zerstört. Die Inflation in Deutschland, die Schulden in England und Frankreich und der Aufstieg der USA veränderten den globalen Handel für immer. Die Grenzen, die in Versailles, Saint-Germain und Lausanne gezogen worden waren, schufen neue Minderheitenkonflikte. In vielen Ländern glaubten die Menschen nicht mehr an die Vernunft oder an die Demokratie. Sie suchten nach „starken Männern“, die einfache Antworten auf komplizierte Probleme hatten. Der Geist des Nationalismus, der den Krieg 1914 ausgelöst hatte, war nicht verschwunden – er war durch die Demütigungen des Friedens oft noch stärker geworden.
Wenn wir heute auf den Ersten Weltkrieg zurückblicken, sehen wir ihn als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Er war der Motor für die Russische Revolution, den Aufstieg des Faschismus und schließlich für den Zweiten Weltkrieg. Die Welt von 1914 war unwiederbringlich untergegangen. Aus ihren Trümmern entstand unsere moderne Welt – mit all ihren technologischen Fortschritten, aber auch mit ihren tiefen politischen Narben. Der „Große Krieg“ lehrte uns eine bittere Lektion: Ein Friede, der nur auf Rache und Demütigung basiert, ist oft nur ein langer Waffenstillstand. Die Schatten von 1914 bis 1918 sollten die Menschheit noch für sehr lange Zeit begleiten.
