Erster Weltkrieg | Teil 2 (B1-B2)
NEWHÖREN

Nachdem der schnelle Vormarsch im Jahr 1914 gestoppt worden war, verwandelte sich die Westfront in ein gigantisches Labyrinth aus Gräben. Auf einer Länge von über 700 Kilometern gruben sich Millionen von Soldaten in die Erde ein. Der Schützengraben wurde für die nächsten vier Jahre ihr Zuhause, ihr Arbeitsplatz und für viele auch ihr Grab. Das Leben dort hatte nichts mit dem glorreichen Bild zu tun, das die jungen Männer am Anfang des Krieges im Kopf hatten. Es war ein Alltag, der von extremem Schmutz, Krankheiten und der ständigen Nähe zum Tod geprägt war.
Das größte Problem im Graben war die Feuchtigkeit. Wenn es regnete, verwandelten sich die Gräben in knietiefen Schlamm. Die Soldaten mussten tagelang in nassen Stiefeln stehen, was oft zum sogenannten „Grabenfuß“ führte – einer schmerzhaften Infektion, bei der das Gewebe abstarb. Überall gab es Ratten, die so groß wie Katzen wurden, weil sie sich von den Leichen im Niemandsland ernährten. Läuse waren eine weitere Plage; sie saßen in jeder Naht der Uniformen und verursachten unerträglichen Juckreiz und das gefährliche „Fleckfieber“.
Die psychische Belastung war unvorstellbar. Die Soldaten verbrachten Stunden und Tage damit, einfach nur zu warten. Dieses Warten wurde regelmäßig durch das „Trommelfeuer“ der feindlichen Artillerie unterbrochen. Tausende von Granaten schlugen gleichzeitig ein und ließen die Erde wie bei einem Erdbeben beben. Viele Männer erlitten dabei ein „Schütteltrauma“ (Shell Shock) – sie konnten nicht mehr aufhören zu zittern oder zu schreien, weil ihre Nerven am Ende waren. Wenn die Pfeife des Offiziers schließlich zum Angriff ertönte, mussten sie aus dem Schutz des Grabens klettern und direkt in das Feuer der Maschinengewehre laufen.
Trotz dieser Hölle versuchten die Soldaten, ein Stück Normalität zu bewahren. Sie haben Briefe nach Hause geschrieben, in denen sie oft über das Essen oder das Wetter berichteten, um ihre Familien nicht zu beunruhigen. Sie haben kleine Kunstwerke aus Patronenhülsen gebastelt oder miteinander Karten gespielt. Zwischen den Angriffen herrschte manchmal ein ungeschriebenes Gesetz: „Leben und leben lassen“. Doch diese kurzen Momente der Ruhe wurden immer wieder durch den Wahnsinn der großen Schlachten zerstört. Der Schützengraben machte aus den stolzen Soldaten des Augusts 1914 erschöpfte, traumatisierte Männer, die nur noch ein Ziel hatten: den nächsten Tag zu überleben.
Im Februar 1916 begann an der Westfront eine der längsten und schrecklichsten Schlachten der gesamten Weltgeschichte: die Schlacht um Verdun. Der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn hatte eine grausame Strategie entwickelt. Er wollte keine strategisch wichtige Stadt erobern, sondern er wollte die französische Armee an einem Ort „ausbluten“ lassen, den sie niemals aufgeben würde. Verdun war für Frankreich ein nationales Symbol mit vielen historischen Forts. Falkenhayn glaubte, dass Frankreich jeden verfügbaren Soldaten dorthin schicken würde, um die Festungen zu verteidigen, bis die französische Armee physisch und psychisch am Ende war.
Was folgte, war ein industrielles Schlachten von unvorstellbarem Ausmaß. Über zehn Monate lang haben sich deutsche und französische Truppen auf einem winzigen Gebiet bekämpft. Die Landschaft um Verdun verwandelte sich in eine Kraterwüste, in der kein einziger Baum mehr stand. Es gab kein Gras mehr, nur noch zerfetzten Boden und Metallschrott. Die Soldaten nannten den Weg zur Front die „Voie Sacrée“ (die heilige Straße), auf der ununterbrochen Lastwagen mit Nachschub und frischen Soldaten in die Hölle fuhren. Das Trommelfeuer der Artillerie war so laut, dass man es noch in 150 Kilometern Entfernung hören konnte.
In den Tunneln der Forts, wie zum Beispiel Fort Douaumont oder Fort Vaux, spielten sich dramatische Szenen ab. Die Soldaten mussten dort bei extremem Wassermangel, Gestank und ständigem Beschuss ausharren. Oft wussten sie nicht einmal, wer gerade die Kontrolle über welchen Teil der Festung hatte. Die Kämpfe fanden Mann gegen Mann mit Bajonetten, Spaten und Flammenwerfern statt. Die Leichen der Gefallenen konnten oft nicht beerdigt werden und wurden einfach Teil der Schützengräben. Der Boden von Verdun ist heute noch mit den Knochen von über 300.000 toten Soldaten gefüllt, die dort für wenige Meter Land ihr Leben verloren.
Am Ende der Schlacht im Dezember 1916 hatte sich die Frontlinie fast überhaupt nicht verändert. Frankreich hatte die Festungen gehalten, aber der Preis war gigantisch. Über 700.000 Menschen waren insgesamt getötet, vermisst oder schwer verletzt worden. Verdun wurde zum ultimativen Symbol für die absolute Sinnlosigkeit des Stellungskrieges. Es war kein Krieg der Helden mehr, sondern eine „Knochenmühle“, in der das Individuum nichts mehr wert war. Diese Schlacht hat eine ganze Generation von jungen Männern in Europa tief traumatisiert und gezeigt, dass der moderne Krieg keine Gewinner mehr kannte, sondern nur noch Opfer.
In den Jahren 1916 und 1917 veränderte sich der Charakter des Krieges fundamental. Es war nicht mehr nur ein Kampf zwischen Soldaten auf dem Schlachtfeld, sondern ein gigantischer Wettbewerb zwischen den Volkswirtschaften und Fabriken der beteiligten Nationen. Diesen Zustand nennen wir die „Materialschlacht“. Der Sieg hing nicht mehr primär vom Mut der Männer ab, sondern davon, welches Land mehr Tonnen Stahl, mehr Millionen Granaten und mehr Treibstoff produzieren konnte. Der Krieg wurde zu einer gewaltigen Industriemaschine, die ununterbrochen mit Ressourcen gefüttert werden musste.
Die Zahlen dieser Zeit sind unvorstellbar. In Schlachten wie an der Somme oder bei Verdun wurden innerhalb weniger Tage Millionen von Granaten abgefeuert. Um diesen Hunger nach Munition zu stillen, mussten die Regierungen die gesamte heimische Industrie kontrollieren. In Deutschland wurde das „Hindenburg-Programm“ eingeführt, um die Waffenproduktion zu verdoppeln oder sogar zu verdreifachen. Jede verfügbare Maschine und jeder Arbeiter wurde für den Krieg eingesetzt. Glocken aus Kirchen und Töpfe aus Küchen wurden eingeschmolzen, um daraus Kanonen und Patronenhülsen zu machen.
Die Materialschlacht bedeutete auch eine totale Mobilmachung der Gesellschaft. Da die Männer an der Front waren, mussten Frauen und sogar Jugendliche in den Munitionsfabriken arbeiten. Die Arbeit war gefährlich, und die Chemikalien verfärbten oft die Haut der Arbeiterinnen gelb. Ohne diesen unermüdlichen Einsatz in der Heimat hätte die Front keinen einzigen Tag überlebt. Der Krieg fraß nicht nur Menschenleben, sondern auch das gesamte Volksvermögen. Rohstoffe wie Gummi, Öl und Kupfer wurden so wertvoll wie Gold, und die Wissenschaftler suchten verzweifelt nach „Ersatzstoffen“, um den Mangel zu ausgleichen.
Für den einzelnen Soldaten an der Front war die Materialschlacht ein absoluter Albtraum. Er fühlte sich nicht mehr wie ein Kämpfer, sondern wie ein Zielobjekt für die feindliche Industrie. Das tagelange Trommelfeuer der Artillerie zerstörte nicht nur die Stellungen, sondern auch den Verstand der Männer. Sie nannten es „Stahlgewitter“. In dieser neuen Welt des Krieges hatte die Technik den Menschen besiegt. Wer die meisten Fabriken im Rücken hatte, konnte den Gegner am Ende einfach „niederwerfen“. Die Materialschlacht zeigte die dunkle Seite der Moderne: Die industrielle Perfektion wurde genutzt, um die industrielle Vernichtung zu perfektionieren.
Im April 1915 geschah bei der belgischen Stadt Ypern etwas, das die Kriegsführung für immer beschmutzte. Die deutschen Truppen öffneten tausende Stahlzylinder, die mit Chlorgas gefüllt waren. Der Wind wehte eine gelbgrüne Wolke direkt in die Schützengräben der französischen und kanadischen Soldaten. Diese Männer hatten so etwas noch nie gesehen. Sie dachten zuerst, es sei ein Nebel, der ihren Angriff tarnen sollte. Doch als die Wolke die Gräben erreichte, begann eine Panik, wie sie die Welt noch nicht erlebt hatte. Das Giftgas war die chemische Antwort auf das Patt im Schützengraben.
Die Wirkung des Gases war grausam und hasserfüllt. Chlorgas reagierte mit der Feuchtigkeit in den Lungen der Soldaten und verwandelte sich in Säure. Die Männer erstickten qualvoll bei vollem Bewusstsein, während sie verzweifelt nach Luft rangen. Wer nicht sofort starb, erlitt schwere Verätzungen an den Augen und der Haut. Viele Soldaten erblindeten auf der Stelle. Da es am Anfang keine Gasmasken gab, versuchten die Männer, sich mit nassen Taschentüchern zu schützen, aber das half fast gar nicht. Die Einführung chemischer Waffen brach alle alten Regeln des „ehrlichen“ Kampfes und machte den Krieg noch unmenschlicher.
Bald entwickelten beide Seiten immer tödlichere Gase. Nach dem Chlorgas kam das fast unsichtbare Phosgen, das noch giftiger war, und schließlich das berüchtigte Senfgas (Lost). Senfgas war besonders tückisch, weil es nicht nur die Lungen angriff, sondern auch durch die Kleidung drang und schreckliche Brandblasen auf der ganzen Haut verursachte. Es blieb tagelang im Boden und in den Gräben haften. Die Soldaten mussten nun oft stundenlang unter schweren, heißen Gummimasken leben und arbeiten. Das Atmen durch die Filter war anstrengend und das Sprechen fast unmöglich. Die Maske wurde zum Gesicht des modernen Krieges.
Trotz der schrecklichen Wirkung hat das Giftgas den Krieg nicht entschieden. Sobald beide Seiten gute Gasmasken hatten, wurde das Gas eher zu einer psychologischen Waffe. Die ständige Angst, dass der Wind sich drehen oder eine Gasgranate lautlos einschlagen könnte, machte die Männer wahnsinnig. Man konnte nie mehr sicher sein, nicht einmal im Schlaf. Das Gas vergiftete nicht nur die Körper, sondern auch die Moral der Truppen. Es zeigte, dass der menschliche Erfindergeist in der Lage war, die Luft zum Atmen in ein Werkzeug des Massenmords zu verwandeln. Das Erbe dieser „Waffe des Schreckens“ verfolgt die Menschheit bis in die heutige Zeit.
An der Somme im September 1916 tauchte plötzlich eine Maschine auf, die wie ein Ungeheuer aus einer anderen Welt aussah. Die britische Armee hatte im Geheimen eine neue Waffe entwickelt, um das tödliche Patt der Schützengräben zu brechen. Diese Maschinen wurden unter dem Codenamen „Tanks“ (Wassertanks) nach Frankreich geschickt, damit die deutschen Spione nicht erfuhren, was sie wirklich waren. Als die ersten 49 britischen Mark I Panzer durch den Nebel auf die deutschen Linien zurollten, brach bei den Verteidigern eine nackte Panik aus. Man hatte so etwas noch nie gesehen.
Die Idee des Panzers war genial: Man kombinierte die Panzerung eines Kriegsschiffs mit den Ketten eines Traktors und dem Motor eines Lastwagens. Diese Stahlkolosse konnten einfach über Stacheldrahtverhaue fahren, kleine Gräben überqueren und feindliche Maschinengewehrnester direkt angreifen. Die Kugeln der normalen Gewehre prallten an der dicken Eisenhaut einfach ab. Für die Soldaten in den Gräben fühlte es sich so an, als ob die Zeit der Infanterie vorbei sei. Die Panzer brachten die Bewegung zurück auf das Schlachtfeld, das seit Jahren festgefroren war.
Doch das Leben im Inneren dieser ersten Panzer war eine absolute Qual. Es war dort extrem eng, laut und unerträglich heiß – oft über 50 Grad. Der Motor stand direkt neben den acht Besatzungsmitgliedern und produzierte giftige Abgase, sodass die Männer oft ohnmächtig wurden. Die Sicht nach draußen war minimal; man konnte nur durch kleine Schlitze sehen. Zudem waren die ersten Tanks sehr langsam und technisch unzuverlässig. Viele blieben im Schlamm stecken oder hatten Motorschäden, bevor sie den Gegner überhaupt erreichten. Die Deutschen lernten schnell, sie mit schwerer Artillerie direkt zu beschießen.
Trotz dieser technischen Probleme war der Panzer der Anfang einer militärischen Revolution. Er zeigte, dass der Mensch nicht mehr nur mit seinem Körper gegen Maschinen kämpfen konnte, sondern dass er selbst in einer Maschine sitzen musste. Die Briten und Franzosen produzierten bis zum Ende des Krieges tausende dieser Stahlungetüme, während Deutschland nur sehr wenige eigene Panzer (wie den A7V) baute. Der Tank hat den psychologischen Vorteil der Alliierten massiv vergrößert. Er markierte das Ende des klassischen Grabenkriegs und den Beginn der modernen mechanisierten Kriegsführung, die die Schlachten des 20. Jahrhunderts dominieren sollte.
Zu Beginn des Krieges im Jahr 1914 waren Flugzeuge eine absolute Neuheit. Die Generäle glaubten zuerst, dass diese „zerbrechlichen Kisten“ aus Holz und Leinwand nur Spielzeuge seien. Man nutzte sie primär für die Aufklärung, damit die Piloten von oben sehen konnten, wohin die feindlichen Armeen marschierten. Doch sehr schnell erkannten alle Seiten, dass die Kontrolle über den Himmel den Sieg am Boden entscheiden konnte. Aus den einfachen Beobachtungsflügen entwickelte sich innerhalb weniger Jahre ein technologisch hochmoderner und tödlicher Luftkrieg.
Die ersten Piloten hatten noch keine fest installierten Waffen. Wenn sie einen feindlichen Flieger trafen, winkten sie sich manchmal sogar zu oder schossen mit einfachen Pistolen und Gewehren aufeinander. Doch im Jahr 1915 erfand der Ingenieur Anthony Fokker für die deutsche Armee eine Unterbrechergetriebe-Technik. Das war eine Sensation: Jetzt konnten die Piloten mit einem Maschinengewehr direkt durch den drehenden Propeller schießen, ohne ihn zu zerstören. Das Flugzeug wurde von einem Beobachtungsmittel zu einer echten Jagdwaffe.
Es entstand der Mythos der „Ritter der Lüfte“. Im Gegensatz zum Schlamm und Dreck der Schützengräben erschien der Kampf am Himmel sauber und heroisch. Piloten wie der Deutsche Manfred von Richthofen, bekannt als der „Rote Baron“, wurden zu internationalen Superstars. Richthofen hatte 80 bestätigte Abschüsse und flog einen auffälligen roten Dreidecker. Auf der anderen Seite kämpften Flieger-Asse aus Frankreich und England. Diese Männer führten gefährliche „Dogfights“ (Kurvenkämpfe) in schwindelerregender Höhe. Doch die Realität war grausam: Die Lebenserwartung eines neuen Piloten betrug oft nur wenige Wochen.
Der Luftkrieg blieb jedoch nicht nur an der Front. Deutschland nutzte riesige Luftschiffe, die Zeppeline, um Städte wie London zu bombardieren. Das war ein Schock für die Zivilbevölkerung, denn zum ersten Mal in der Geschichte war man auch weit hinter der Front nicht mehr sicher. Später übernahmen große Bomberflugzeuge diese Aufgabe. Die Flugzeuge des Ersten Weltkriegs zeigten, dass der Himmel ein neues Schlachtfeld geworden war. Die Technik machte in diesen vier Jahren einen Sprung von Jahrzehnten: Aus instabilen Doppeldeckern wurden am Ende des Krieges schnelle, schwer bewaffnete Kampfmaschinen, die die Zukunft der modernen Kriegsführung einläuteten.
Während die Soldaten in den Schützengräben feststeckten, begann unter der Oberfläche der Weltmeere ein völlig neuer und unsichtbarer Krieg. Deutschland hatte ein großes Problem: Die britische Marine war die stärkste der Welt und hatte eine Seeblockade gegen Deutschland errichtet. Das bedeutete, dass keine Schiffe mehr mit Nahrungsmitteln oder Rohstoffen die deutschen Häfen erreichen konnten. Die Antwort der deutschen Führung war technisch revolutionär, aber politisch extrem gefährlich: das Unterseeboot, kurz U-Boot.
Die deutschen U-Boote hatten den Auftrag, den Nachschub für England zu stoppen. Da England eine Insel war, hing sein Überleben von Handelsschiffen aus den USA und den Kolonien ab. Im Jahr 1917 erklärte Deutschland den „uneingeschränkten U-Boot-Krieg“. Das bedeutete: Die U-Boot-Kommandanten durften jedes Schiff angreifen und ohne Warnung mit Torpedos versenken, das in Richtung England fuhr – egal, ob es ein englisches Kriegsschiff oder ein neutrales Passagierschiff war. Die Meere wurden zu einer tödlichen Falle.
Das Leben auf einem U-Boot war ein technischer und psychischer Albtraum. Die Besatzung lebte auf engstem Raum zwischen Maschinen, Batterien und Torpedos. Es gab kaum frische Luft, und der Gestank von Diesel und Schweiß war überall. Wenn ein U-Boot tauchte, um einem Angriff zu entgehen, mussten die Männer in absoluter Stille verharren, während über ihnen die Wasserbomben der britischen Schiffe explodierten. Ein Treffer bedeutete fast immer den sicheren Tod in einem eisernen Grab tief unter dem Meeresspiegel.
Die Strategie des U-Boot-Krieges war anfangs sehr erfolgreich und brachte England an den Rand einer Hungersnot. Doch sie hatte einen gigantischen politischen Preis. Schon 1915 hatte ein deutsches U-Boot die „RMS Lusitania“ versenkt, wobei viele Amerikaner starben. Als Deutschland 1917 den uneingeschränkten Krieg fortsetzte, verlor die USA endgültig die Geduld. Diese Entscheidung war der Hauptgrund dafür, dass die USA ihre Neutralität aufgaben und in den Krieg eintraten. Die U-Boote sollten England besiegen, aber am Ende brachten sie einen neuen, übermächtigen Gegner nach Europa.
Während im Westen die Soldaten in ihren Gräben feststeckten, sah der Krieg im Osten völlig anders aus. Die Ostfront erstreckte sich über tausende Kilometer, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Hier gab es keinen durchgehenden Schützengraben, sondern einen riesigen Bewegungskrieg. Das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn kämpften hier gegen das Russischen Reich unter Zar Nikolaus II. Da das Gebiet so gewaltig war, konnten die Armeen einander oft umgehen, was zu großen Schlachten und massiven Gebietsverlusten führte.
Schon zu Beginn des Krieges erlebte Russland eine schwere Niederlage. In der Schlacht bei Tannenberg im August 1914 besiegte die deutsche Armee unter den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff zwei russische Armeen fast vollständig. Hindenburg wurde in Deutschland als ein Nationalheld gefeiert. Doch trotz dieses Sieges war Russland nicht besiegt. Die russische Armee war personell übermächtig – man nannte sie die „russische Dampfwalze“. Die russischen Soldaten waren tapfer, aber sie hatten ein riesiges Problem: Die Versorgung mit Waffen, Munition und sogar Stiefeln war katastrophal.
Das Leben an der Ostfront war durch extreme Bedingungen geprägt. Im Sommer war es staubig und heiß, im Winter war die Kälte mörderisch. Die Soldaten mussten oft hunderte Kilometer zu Fuß marschieren, durch tiefe Wälder und riesige Sümpfe. Die Entfernungen waren so groß, dass die Kommunikation oft abriss. In den besetzten Gebieten Russlands und Polens litten die Menschen unter Hunger und Zerstörung. Die Front schob sich über die Jahre hunderte Kilometer nach Osten, tiefer in das russische Territorium hinein.
Die Belastung durch den Krieg zerstörte Russland von innen heraus. Die hohen Verluste an Menschenleben und die Hungersnot in den Städten führten dazu, dass das Vertrauen in den Zaren verschwand. Die Moral der russischen Soldaten sank auf den Nullpunkt; viele verließen einfach ihre Einheiten und gingen nach Hause. Diese Instabilität sollte im Jahr 1917 zur Russischen Revolution führen, die nicht nur den Krieg im Osten beendete, sondern die gesamte Weltgeschichte veränderte. Mit dem Zusammenbruch Russlands hatte Deutschland im Osten zwar „gesiegt“, doch die Zeit für einen Gesamtsieg im Westen lief unaufhaltsam davon.
Während die Soldaten an den Fronten kämpften, veränderte sich das Leben in der Heimat radikal. Der Krieg war nicht mehr weit weg; er saß nun mit am Küchentisch. In Deutschland begann man, den Begriff „Heimatfront“ zu nutzen, denn der Kampf um das Überleben fand nun auch in den Städten statt. Der Hauptgrund dafür war die britische Seeblockade. Da die englische Flotte die Nordsee kontrollierte, kamen keine Schiffe mit Getreide, Fett oder Fleisch mehr nach Deutschland. Die Folge war eine katastrophale Nahrungsmittelknappheit, die Millionen von Menschen an den Rand der Verzweiflung brachte.
Ab 1915 führte der Staat Lebensmittelkarten ein. Brot, Fleisch, Butter und Milch wurden streng rationiert. Die Menschen mussten oft stundenlang in der Kälte anstehen, um nur ein kleines Stück Brot zu bekommen. Besonders schlimm war der sogenannte „Steckrübenwinter“ 1916/17. Weil die Kartoffelernte durch Regen und Frost zerstört worden war, gab es fast nur noch gelbe Kohlrüben zu essen. Man machte daraus alles: Steckrübensuppe, Steckrübenkoteletts und sogar Steckrübenmarmelade. Der Hunger war ein ständiger Begleiter, und die Menschen wurden immer schwächer.
Der Mangel betraf alles. Es gab keine Kohle zum Heizen, keine Seife und keine richtige Kleidung mehr. Die Wissenschaftler erfanden ständig „Ersatzstoffe“: Kaffee wurde aus gerösteten Eicheln gemacht, und Kleidung webte man aus Papierfasern oder Brennnesseln. In den Schulen sammelten die Kinder alles, was für den Krieg wichtig war: Frauenhaare für Treibriemen, Metall für Kanonen und Heilkräuter für die Lazarette. Der Stolz vom August 1914 verwandelte sich in bittere Enttäuschung. Die Menschen fragten sich immer öfter: „Warum kämpfen wir noch, wenn unsere Kinder hungern?“
Das Schlimmste für die Frauen in der Heimat war jedoch das Warten. Jeden Tag warteten sie auf den Postboten. Ein Brief von der Front war ein Grund zur Freude, aber ein offizielles Telegramm bedeutete meistens den Tod des Ehemanns oder Sohnes. Überall in den Straßen sah man Frauen in schwarzer Trauerkleidung. Die psychische Belastung durch den Hunger und die ständige Angst um die Liebsten führte dazu, dass die Unterstützung für den Krieg in der Bevölkerung massiv sank. Die Heimatfront war am Ende ihrer Kräfte, und die ersten Streiks in den Fabriken zeigten, dass der innere Zusammenhalt Deutschlands gefährlich bröckelte.
Während Millionen von Männern in den Schützengräben kämpften, veränderte sich das Bild der Frau in der Gesellschaft radikal. Vor 1914 war die Rolle der Frau klar definiert: Sie sollte sich um den Haushalt und die Kinder kümmern. Doch als der Krieg immer länger dauerte, merkten die Regierungen schnell, dass die Wirtschaft ohne die Frauen sofort zusammenbrechen würde. Die Frauen verließen ihre Küchen und übernahmen die Jobs der Männer, die an der Front waren. Sie wurden zum Rückgrat der gesamten Kriegswirtschaft.
In den Städten sah man nun Frauen in Berufen, die vorher reine Männersache waren. Sie fuhren Straßenbahnen, arbeiteten bei der Post, löschten Brände bei der Feuerwehr und kontrollierten als Schaffnerinnen die Fahrkarten. Besonders wichtig war ihr Einsatz in der Rüstungsindustrie. In riesigen Fabriken bauten Frauen Kanonen und füllten gefährliches Schießpulver in Granathülsen. Diese Arbeit war extrem gesundheitsschädlich; durch den Kontakt mit Schwefel und anderen Chemikalien verfärbten sich ihre Haare und ihre Haut oft gelb, weshalb man sie „Canaries“ (Kanarienvögel) nannte.
Auch direkt hinter der Front leisteten Frauen Unglaubliches. Tausende von Krankenschwestern arbeiteten in den Lazaretten und pflegten die schwer verletzten Soldaten. Sie sahen das Grauen des Krieges jeden Tag aus nächster Nähe. Oft waren sie die letzte Verbindung der sterbenden Soldaten zu ihren Familien, indem sie Abschiedsbriefe für sie schrieben. Diese Erfahrung gab den Frauen ein völlig neues Selbstbewusstsein. Sie sahen, dass sie genauso hart und diszipliniert arbeiten konnten wie die Männer.
Dieser Wandel hatte langfristige Folgen. Die Frauen wollten nach dem Krieg nicht einfach wieder in ihre alten Rollen zurückkehren. Sie hatten bewiesen, dass der Staat ohne sie nicht existieren konnte. Sie forderten nun mehr Rechte, vor allem das Wahlrecht. In vielen Ländern, wie auch in Deutschland nach dem Krieg, wurde das Frauenwahlrecht schließlich eingeführt. Die „Heimatfront“ war also nicht nur ein Ort des Leidens, sondern auch der Ort einer sozialen Revolution. Die Frauen hatten den Krieg am Laufen gehalten, und damit hatten sie sich ihren Platz in der Politik und Gesellschaft hart erarbeitet.
Das Jahr 1917 war der entscheidende Wendepunkt des gesamten Krieges. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Soldaten und Zivilisten in Europa völlig am Ende ihrer Kräfte. Die Armeen hatten Millionen von Menschen verloren, und der Hunger in den Städten wurde unerträglich. In dieser Phase des totalen Erschöpfungskrieges passierten zwei gewaltige Ereignisse auf der Weltbühne, die das Schicksal des Krieges in völlig entgegengesetzte Richtungen lenkten. Es war ein Jahr zwischen dem Zusammenbruch eines alten Reiches und dem Aufstieg einer neuen Weltmacht.
Im Osten geschah das Unvorstellbare: Das Russische Kaiserreich brach zusammen. Die russischen Soldaten hatten keine Lust mehr zu sterben, und die Menschen in St. Petersburg hungerten. Im Februar 1917 musste Zar Nikolaus II. abdanken. Doch die neue Regierung wollte den Krieg fortsetzen, was ein Fehler war. Im Oktober 1917 übernahmen die Bolschewiki unter Lenin die Macht (die Oktoberrevolution). Sie verprachen den Menschen „Brot, Land und Frieden“. Russland stieg aus dem Krieg aus und schloss mit Deutschland den Frieden von Brest-Litowsk. Plötzlich hatte Deutschland keine Ostfront mehr und konnte alle Truppen nach Westen schicken.
Doch während Deutschland im Osten siegte, machte es im Westen seinen größten Fehler. Durch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und die geheime „Zimmermann-Depesche“ (ein deutscher Plan für ein Bündnis mit Mexiko gegen die USA) verloren die Vereinigten Staaten ihre Neutralität. Im April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Kaiserreich den Krieg. Die Amerikaner hatten zwar anfangs keine große Armee in Europa, aber sie besaßen unerschöpfliche Ressourcen: frisches Geld, Millionen von jungen Männern und eine gigantische Industrie, gegen die Deutschland auf Dauer keine Chance hatte.
Für die deutsche Führung war es nun ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie wussten, dass sie den Krieg im Westen gewinnen mussten, bevor die Millionen von amerikanischen Soldaten in Frankreich ankamen. Die Stimmung war extrem angespannt. Im Osten herrschte Jubel über den Sieg gegen Russland, aber im Westen sahen die Generäle die schwarzen Wolken am Horizont. Das Jahr 1917 hatte die Karten neu gemischt. Der Krieg war nun endgültig ein Kampf zwischen der alten europäischen Ordnung und der aufstrebenden Macht Amerikas geworden.
Im Frühjahr 1918 stand das Deutsche Kaiserreich vor einer alles entscheidenden Wahl. Durch den Frieden im Osten konnte General Ludendorff über 500.000 Soldaten an die Westfront schicken. Es war die letzte Chance für einen deutschen Sieg, bevor die Übermacht der US-Armee unbesiegbar wurde. Am 21. März 1918 begann die „Kaiserschlacht“, die gewaltigste Offensive des ganzen Krieges. Mit einer neuen Taktik – den sogenannten Sturmtruppen – durchbrachen die Deutschen die britischen und französischen Linien. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als ob Paris doch noch fallen würde.
Doch der Erfolg war eine Illusion. Die deutschen Soldaten waren am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kraft. Sie waren hungrig und schlecht ausgerüstet. Wenn sie ein britisches Lager eroberten, fanden sie dort Berge von gutem Essen und moderner Ausrüstung – Dinge, von denen sie in Deutschland nur träumen konnten. Das zerstörte ihre Moral völlig. Gleichzeitig kamen jeden Monat 250.000 frische, gut ernährte amerikanische Soldaten in Frankreich an. Im Juli 1918 starteten die Alliierten ihren Gegenangriff. Mit hunderten von Panzern walzten sie die deutschen Stellungen einfach nieder.
Der 8. August 1918 ging als der „Schwarze Tag des deutschen Heeres“ in die Geschichte ein. Die deutsche Front begann an vielen Stellen zu bröckeln. Es war kein geordneter Rückzug mehr, sondern eine Flucht. Die Generäle Hindenburg und Ludendorff erkannten plötzlich, dass der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen war. Um die Verantwortung für die Niederlage auf die Politiker abzuwälzen, forderten sie Ende September überraschend einen sofortigen Waffenstillstand. Das deutsche Volk, das jahrelang für den „Siegfrieden“ gehungert hatte, erfuhr erst jetzt die bittere Wahrheit: Deutschland hatte den Krieg verloren.
In den letzten Wochen des Jahres 1918 brach die alte Ordnung in Deutschland zusammen. In Kiel meuterten die Matrosen der Flotte, weil sie nicht in eine letzte, sinnlose Schlacht ziehen wollten. Aus diesem Funken entstand die Novemberrevolution, die das Kaiserreich beendete. Am 9. November musste Kaiser Wilhelm II. abdanken und nach Holland fliehen. Zwei Tage später, am 11. November 1918, wurde in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet. Die Waffen schwiegen nach vier Jahren endlich, aber Europa lag in Trümmern und die Welt war eine völlig andere geworden.
