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Erster Weltkrieg | Teil 1 (B1-B2)

NEWHÖREN

Am Anfang des 20. Jahrhunderts war Europa das Zentrum der Welt. Es war eine Zeit des enormen Fortschritts, der prachtvollen Architektur und der neuen Erfindungen. In den großen Hauptstädten wie Paris, London, Berlin und Wien haben die Menschen geglaubt, dass die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht hatte. Doch unter dieser glänzenden Oberfläche haben sich tiefe und gefährliche Spannungen entwickelt. Europa war kein friedlicher Kontinent, sondern ein politisches Minenfeld, in dem die großen Mächte ständig um Dominanz gekämpft haben.

Ein Hauptgrund für diese Spannungen war der extreme Nationalismus. In fast jedem Land haben die Menschen geglaubt, dass ihre eigene Nation die beste und stärkste sei. Dieses Gefühl war nicht nur Stolz, sondern oft auch Hass auf die Nachbarn. Die Deutschen waren stolz auf ihr junges, mächtiges Kaiserreich und ihre starke Industrie. Die Franzosen hingegen hatten den Krieg von 1870/71 nicht vergessen und wollten unbedingt die Provinzen Elsass und Lothringen von Deutschland zurückbekommen. In Österreich-Ungarn wiederum gab es viele verschiedene Völker (wie Tschechen, Serben und Ungarn), die ihre eigene Unabhängigkeit forderten, was den Zusammenhalt des Reiches massiv bedrohte.

Gleichzeitig hat sich das Gleichgewicht der Kräfte fundamental verschoben. Seit dem Sieg gegen Frankreich im Jahr 1871 war Deutschland zur stärksten Militärmacht auf dem europäischen Festland aufgestiegen. Das hat bei den anderen Mächten große Angst ausgelöst. Besonders England, das seit Jahrhunderten die Meere kontrolliert hatte, sah in der wachsenden deutschen Flotte eine direkte Bedrohung. Die Diplomatie dieser Zeit war ein kompliziertes Spiel aus Misstrauen und geheimen Absprachen. Man hat nicht mehr miteinander gesprochen, um Lösungen zu finden, sondern man hat sich nur noch auf den Ernstfall vorbereitet.

Diese instabile Lage wurde durch eine aggressive Sprache in der Politik und in den Zeitungen noch verschlimmert. Die Militärs in allen Ländern hatten einen enormen Einfluss auf die Staatsführung. Sie haben Pläne für einen großen Krieg entworfen, als ob es nur ein technisches Problem wäre. Man hat die Bevölkerung darauf vorbereitet, dass ein Krieg unvermeidlich und sogar „reinigend“ sei. Europa war im Jahr 1914 wie ein dunkler Wald voller trockener Äste: Es brauchte nur einen kleinen Funken, um einen gigantischen Brand zu entfachen, den niemand mehr löschen konnte.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Gier nach Macht nicht auf den europäischen Kontinent begrenzt. Die Großmächte haben einen rücksichtslosen Wettlauf um Kolonien in Afrika und Asien gestartet, den wir heute als Imperialismus bezeichnen. Es war ein Zeitalter, in dem die europäischen Reiche geglaubt haben, dass ihre Größe und ihr Prestige von der Anzahl der Quadratkilometer abhängen, die sie in Übersee kontrollierten. Dieser weltweite Konkurrenzkampf hat die Spannungen in Europa massiv verschärft und das gegenseitige Misstrauen in die Höhe getrieben.

England und Frankreich hatten bereits riesige Kolonialreiche aufgebaut. England besaß Indien und große Teile Afrikas, während Frankreich weite Gebiete in Nord- und Westafrika kontrollierte. Doch das junge Deutsche Kaiserreich, das erst 1871 entstanden war, wollte nun auch seinen „Platz an der Sonne“ haben. Kaiser Wilhelm II. wollte Deutschland als Weltmacht etablieren. Er hat angefangen, eigene Kolonien wie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) oder Deutsch-Ostafrika zu erwerben. Das Problem war, dass die Welt zu diesem Zeitpunkt schon fast komplett aufgeteilt war. Deutschland musste also aggressiv vorgehen, um noch Territorien zu bekommen.

Besonders gefährlich war der Konflikt um Marokko. Zweimal (1905 und 1911) wäre es fast zum Krieg zwischen Deutschland und Frankreich gekommen, weil beide Länder die Kontrolle über dieses Gebiet wollten. Diese Krisen haben dazu geführt, dass sich England und Frankreich enger zusammengeschlossen haben, um Deutschland zu isolieren. In den Köpfen der deutschen Politiker entstand das Gefühl der „Einkreisung“ – man glaubte, dass die anderen Mächte Deutschland absichtlich klein halten wollten. Der Imperialismus war also nicht nur ein wirtschaftliches Projekt, sondern ein gefährliches Spiel mit dem Feuer.

Hinter diesem Drang nach Kolonien steckten auch wirtschaftliche Interessen. Die Fabriken in Europa brauchten billige Rohstoffe wie Kautschuk, Kupfer, Gold und Baumwolle. Gleichzeitig suchten die Industriellen nach neuen Märkten, um ihre fertigen Produkte zu verkaufen. Doch der Preis für diesen Reichtum war die grausame Ausbeutung der Menschen in den Kolonien. Dieser globale Egoismus hat dazu geführt, dass die Moral in der Außenpolitik fast völlig verschwunden ist. Man hat nur noch in Kategorien von Sieg und Niederlage gedacht. Als der Erste Weltkrieg schließlich ausbrach, war er auch ein Resultat dieser jahrzehntelangen Gier nach Weltmacht.

In den Jahren vor 1914 hat sich Europa in ein gigantisches Waffenlager verwandelt. Es war eine Zeit, in der die Generäle und Politiker glaubten, dass nur eine überlegene Armee den Frieden sichern oder einen schnellen Sieg garantieren konnte. Dieses Phänomen nennen wir das Wettrüsten. Jedes Mal, wenn ein Land eine neue Kanone erfunden oder ein Regiment vergrößert hat, haben die Nachbarn mit noch mehr Soldaten und noch modernerer Technik geantwortet. Es war ein Teufelskreis aus Angst und Aggression, der das gegenseitige Misstrauen ins Unermessliche gesteigert hat.

Besonders dramatisch war der Wettbewerb auf den Weltmeeren, das sogenannte „deutsch-britische Flottenwettrüsten“. England besaß seit der Schlacht von Trafalgar die mächtigste Flotte der Welt und folgte dem „Two-Power-Standard“: Die britische Marine musste immer so stark sein wie die beiden nächstgrößeren Flotten zusammen. Doch Kaiser Wilhelm II. wollte unbedingt eine eigene, gewaltige Hochseeflotte bauen. Er war fasziniert von Schiffen und glaubte, dass Deutschland ohne eine starke Marine keine Weltmacht sein konnte. Großadmiral Alfred von Tirpitz hat die Flottengesetze durchgesetzt und angefangen, moderne Schlachtschiffe (Dreadnoughts) in Serie zu produzieren.

Diese deutsche Provokation hat England direkt in die Arme von Frankreich und Russland getrieben. Die Briten sahen in den deutschen Schiffen eine tödliche Gefahr für ihre Handelswege und ihre Insel. Sie haben mit dem Bau von noch größeren und schnelleren Schiffen reagiert. In den Zeitungen beider Länder wurde die Stimmung extrem aufgeheizt. Die Menschen haben stolz die Anzahl ihrer Kanonen gezählt, als wäre der Krieg ein sportlicher Wettbewerb. Doch hinter dieser Begeisterung steckte eine gefährliche Realität: Die Waffen wurden immer präziser und die Zerstörungskraft der Artillerie immer größer.

Auch an Land ist der Wahnsinn nicht stehen geblieben. Die Armeen Frankreichs, Russlands und Deutschlands sind massiv gewachsen. Man hat die allgemeine Wehrpflicht verschärft und Millionen von Männern militärisch ausgebildet. Die Eisenbahnen wurden so geplant, dass sie im Ernstfall in wenigen Tagen Millionen von Soldaten an die Grenzen transportieren konnten. Im Jahr 1914 waren die europäischen Staaten bis an die Zähne bewaffnet. Die Generäle hatten ihre Marschbefehle bereits in den Schubladen liegen. Europa war zu einem Pulverfass geworden, bei dem jede kleine Krise die gesamte Zivilisation in die Luft jagen konnte.

In den Jahren vor 1914 hat sich Europa in zwei feindliche Lager gespalten. Man kann sich das wie ein unsichtbares Netz aus Verträgen und Versprechen vorstellen, das über den gesamten Kontinent gespannt war. Diese Bündnisse sollten eigentlich den Frieden sichern, weil man glaubte, dass niemand einen Krieg beginnen würde, wenn der Gegner starke Freunde hatte. Doch in der Realität haben diese Verträge genau das Gegenteil bewirkt: Sie haben dafür gesorgt, dass ein kleiner lokaler Konflikt sofort zu einem riesigen Weltbrand werden konnte.

Auf der einen Seite standen die Mittelmächte. Das Herz dieses Bündnisses war der Zweibund zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn. Später ist auch Italien beigetreten, was man den Dreibund nannte. Deutschland und Österreich waren sehr enge Partner, weil sie eine ähnliche Kultur und Sprache hatten. Kaiser Wilhelm II. hat dem österreichischen Kaiser Franz Joseph absolute Treue versprochen. Das war ein gefährliches Versprechen, denn Österreich-Ungarn hatte viele Probleme auf dem Balkan und brauchte die deutsche Militärmacht als Rückendeckung.

Auf der anderen Seite hat sich die „Triple Entente“ gebildet. Das war eine Allianz zwischen Frankreich, Russland und Großbritannien. Zuerst hatten Frankreich und Russland ein Militärbündnis geschlossen, um Deutschland von zwei Seiten zu kontrollieren. Später ist auch England dazugekommen, weil die Briten Angst vor der deutschen Flotte hatten. Diese drei Mächte waren eigentlich sehr verschieden, aber die gemeinsame Angst vor Deutschland hat sie zusammengeführt. Deutschland fühlte sich dadurch „eingekreist“ und wurde in seiner Politik immer nervöser und aggressiver.

Das große Problem dieser Bündnisse war der Automatismus. In den geheimen Verträgen stand, dass ein Land sofort mitkämpfen musste, wenn sein Partner angegriffen wurde. Es gab keinen Platz mehr für Diplomatie oder Neutralität. Wenn ein kleiner Staat auf dem Balkan (wie Serbien) mit einer Großmacht (wie Österreich) stritt, wurden durch die Bündnisse sofort alle anderen Mächte wie bei einer Kettenreaktion in den Abgrund gezogen. Im Sommer 1914 ist genau das passiert: Die Diplomaten konnten die Lawine nicht mehr stoppen, weil die Verträge die Generäle zum Handeln zwangen.

Am 28. Juni 1914 ist in der Stadt Sarajevo etwas passiert, das die Welt für immer verändert hat. Dieser Tag war eigentlich ein hoher Feiertag für die Serben, doch der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand hat sich genau diesen Termin ausgesucht, um die Stadt zu besuchen. Sarajevo gehörte damals zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, aber viele Serben, die dort lebten, wollten lieber zu einem großen, unabhängigen serbischen Staat gehören. Die Stimmung in der Stadt war extrem angespannt und voller Hass gegen die österreichischen Besatzer.

Eine Gruppe von jungen serbischen Nationalisten, die „Schwarze Hand“, hat ein Attentat geplant. Sie waren bereit, ihr Leben zu opfern, um Österreich-Ungarn zu provozieren. Zuerst hat ein Attentäter eine Bombe auf das Auto des Thronfolgers geworfen, aber Franz Ferdinand hatte Glück: Die Bombe ist hinter dem Wagen explodiert und hat nur einige Begleiter verletzt. Doch das Schicksal wollte es anders. Der Chauffeur des Thronfolgers hat sich später in den engen Straßen von Sarajevo verirrt und musste mit dem Auto direkt vor einem Café anhalten.

In diesem Café saß zufällig Gavrilo Princip, einer der jungen Verschwörer. Er konnte sein Glück kaum fassen, als der offene Wagen direkt vor ihm stehen blieb. Princip ist auf das Auto zugelaufen und hat aus kürzester Distanz zwei Schüsse gefeuert. Eine Kugel hat Franz Ferdinand am Hals getroffen, die andere seine Frau Sophie im Bauch. Beide sind nur wenige Minuten später an ihren schweren Verletzungen gestorben. Gavrilo Princip wurde sofort von der Polizei verhaftet, aber die Tat war bereits begangen.

Dieses Attentat war der „tödliche Funke“, auf den die Generäle in Europa gewartet hatten. In Wien war man wütend und wollte Serbien für diesen Mord hart bestrafen. Die Politiker in Österreich-Ungarn sahen nun die Chance, den serbischen Nationalismus ein für alle Mal zu vernichten. Sie waren sicher, dass Deutschland sie unterstützen würde. Was als lokaler Konflikt auf dem Balkan begann, hat durch das komplexe Netz der Bündnisse eine Katastrophe ausgelöst. Die Welt hat den Atem angehalten, während die Diplomaten in den Hauptstädten verzweifelt versuchten, den drohenden Weltbrand noch zu verhindern.

Nach den Schüssen von Sarajevo war die Welt für einen Moment lang still. Viele Menschen glaubten, dass es nur eine weitere Krise auf dem Balkan sei, die man mit Gesprächen lösen könnte. Doch hinter den Kulissen der Macht hat im Juli 1914 ein gefährliches diplomatisches Poker begonnen, das wir heute die „Julikrise“ nennen. Es war ein Monat voller Telegramme, geheimer Treffen und arroganter Forderungen. Die Politiker in Wien, Berlin, St. Petersburg, Paris und London haben ein Spiel mit dem Feuer gespielt, bei dem am Ende ganz Europa in Flammen stand.

In Wien war man fest entschlossen, Serbien für das Attentat zu bestrafen. Die Generäle in Österreich-Ungarn wollten einen schnellen Krieg, um ihre Macht auf dem Balkan zu zeigen. Aber sie hatten Angst vor Russland, dem großen Beschützer aller Slawen. Deshalb haben sie zuerst in Berlin nachgefragt. Kaiser Wilhelm II. und seine Berater haben den berühmten „Blankoscheck“ ausgestellt: Sie haben Österreich versprochen, dass Deutschland in jedem Fall treu an ihrer Seite stehen würde, auch wenn es zum Krieg gegen Russland käme. Das war der Moment, in dem die Situation außer Kontrolle geraten ist, denn Wien fühlte sich nun unbesiegbar.

Am 23. Juli hat Österreich-Ungarn ein extrem hartes Ultimatum an Serbien geschickt. Die Forderungen waren so streng, dass kein unabhängiger Staat sie komplett akzeptieren konnte. Serbien sollte österreichische Ermittler im eigenen Land zulassen und alle anti-österreichischen Gruppen verbieten. Obwohl Serbien fast alle Punkte angenommen hat, war es der Regierung in Wien nicht genug. Sie wollten den Krieg. Am 28. Juli 1914 hat Österreich-Ungarn Serbien offiziell den Krieg erklärt. Nur wenige Stunden später begann die russische Armee mit der Mobilmachung, um Serbien zu helfen.

In den letzten Tagen des Juli haben die Diplomaten in London noch verzweifelt versucht, eine Friedenskonferenz zu organisieren. Doch es war zu spät. Die Militärpläne der Generäle hatten nun Vorrang vor der Politik. In Berlin, St. Petersburg und Paris wurden die roten Plakate für die Mobilmachung an die Wände geklebt. Die Logik der Bündnisse zwang nun ein Land nach dem anderen in den Konflikt. Es war wie eine Lawine, die man nicht mehr stoppen konnte. Am 1. August hat Deutschland Russland den Krieg erklärt, zwei Tage später Frankreich. Der Weg in die Katastrophe war nun endgültig frei.

In Berlin war die Stimmung im Juli 1914 eine Mischung aus Stolz, Nervosität und tiefer Angst. Deutschland war eine junge Weltmacht, aber die deutschen Generäle hatten ein großes Problem: Sie fühlten sich von Feinden eingekreist. Im Westen war Frankreich, das auf Rache für 1871 wartete, und im Osten wuchs die Macht Russlands jeden Tag. In den Köpfen der deutschen Führung existierte der Glaube, dass ein Krieg sowieso kommen würde. Sie dachten: „Wenn wir kämpfen müssen, dann lieber jetzt, solange wir noch stärker sind als die anderen.“

In dieser kritischen Situation hat Kaiser Wilhelm II. am 5. Juli 1914 den berühmten „Blankoscheck“ ausgestellt. Er hat den Abgesandten aus Wien gesagt, dass Österreich-Ungarn auf die volle Unterstützung Deutschlands zählen kann. Er hat keine Bedingungen gestellt und keine Grenzen gezogen. Das war ein historischer Fehler, denn damit hat Berlin die Kontrolle über den Frieden in die Hände von Wien gelegt. Die Österreicher wussten nun, dass die stärkste Armee Europas hinter ihnen stand, und sie wurden in ihrer Politik gegenüber Serbien extrem rücksichtslos.

Innerhalb Deutschlands gab es jedoch auch Zweifel. Die Sozialdemokraten haben zuerst gegen den Krieg demonstriert, weil sie keine Lust auf ein „imperialistisches Abenteuer“ hatten. Doch die Regierung hat den Menschen erzählt, dass Deutschland von Russland angegriffen wird. Man hat die Gefahr aus dem Osten so stark betont, dass am Ende fast alle Deutschen glaubten, sie müssten ihr Vaterland verteidigen. Sogar die Gegner des Kaisers haben schließlich im Parlament für die Kriegskredite (das Geld für den Krieg) gestimmt. Kaiser Wilhelm II. hat in einer berühmten Rede gesagt: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“

Die deutsche Strategie war von Panik und Präzision geprägt. Da man einen Zweifrontenkrieg fürchtete, musste alles nach einem exakten Zeitplan funktionieren. Jede Minute zählte. Als Russland seine Armee mobilisierte, sah Deutschland das als eine direkte Kriegserklärung. Die Generäle haben den Kaiser unter Druck gesetzt, den Befehl zum Angriff zu geben. Die diplomatischen Kanäle wurden geschlossen, und die militärische Logik übernahm das Kommando. Deutschland hat sich auf einen gigantischen Schlag vorbereitet, der ganz Europa erschüttern sollte.

Anfang August 1914 geschah in Deutschland etwas, das Historiker heute den „Augusterlebnis“ nennen. Als die Nachricht vom Kriegsausbruch die Städte erreichte, gab es kein Entsetzen, sondern eine Welle der Euphorie. Auf den großen Plätzen in Berlin, München und Hamburg haben tausende Menschen die Nationalhymne gesungen und dem Kaiser zugejubelt. Es war ein Gefühl der nationalen Einheit, als ob alle Sorgen und sozialen Unterschiede der Vergangenheit plötzlich verschwunden wären. Die Menschen hatten das Gefühl, Teil eines großen, historischen Abenteuers zu sein.

Besonders die junge Generation war begeistert. Viele Studenten und Arbeiter haben sich freiwillig zum Militär gemeldet, weil sie Angst hatten, den „großen Kampf“ zu verpassen. In ihrer Vorstellung war der Krieg ein romantisches Duell, ein kurzer Ausflug, um die Ehre des Vaterlandes zu verteidigen. Man hat überall den Satz gehört: „An Weihnachten sind wir wieder zu Hause!“ Niemand hat in diesem Moment an den Tod, an Dreck oder an moderne Waffen gedacht. Die Propaganda hat den Krieg als eine Art sportlichen Wettbewerb dargestellt, den Deutschland sicher gewinnen würde.

An den Bahnhöfen spielten sich dramatische Szenen ab. Die Züge, die die Soldaten an die Front brachten, waren mit Blumen geschmückt. Frauen und Kinder haben ihren Ehemännern und Vätern zum Abschied gewunken. Die Soldaten hatten bunte Blumen an ihren Pickelhauben und lachten aus den Fenstern der Waggons. Auf die Züge hatten sie mit Kreide freche Sprüche geschrieben, wie zum Beispiel „Auf Wiedersehen auf dem Boulevard von Paris“. Es war eine Atmosphäre wie bei einem Schulfest, nicht wie der Beginn einer Katastrophe.

Doch hinter diesem Jubel gab es auch die leise Angst der Mütter und Frauen, die zu Hause blieben. Während die Männer in den Krieg zogen, mussten die Frauen nun die Arbeit in den Fabriken und auf den Feldern übernehmen. Die Begeisterung war vor allem in den Städten groß; auf dem Land waren die Bauern besorgter, weil die Ernte gerade begonnen hatte und die starken Männer nun fehlten. Die Welt, die diese Soldaten an diesem Tag verlassen haben, sollte nie wieder dieselbe sein. Der Abschied im August 1914 war für Millionen von Menschen der letzte Moment der Unschuld, bevor das Grauen der modernen Schlachtfelder alles veränderte.

Bevor die ersten Schüsse fielen, musste die deutsche Führung ein riesiges geografisches Problem lösen. Deutschland lag in der Mitte Europas und hatte mächtige Gegner im Westen und im Osten. Das nannte man die Gefahr des Zweifrontenkrieges. Um diesen Krieg zu gewinnen, hatte General Alfred von Schlieffen schon Jahre zuvor einen extrem riskanten Plan entwickelt. Die Idee war einfach, aber brutal: Zuerst sollte die gesamte deutsche Armee im Westen Frankreich innerhalb von nur sechs Wochen besiegen, und danach wollte man alle Soldaten mit dem Zug nach Osten schicken, um gegen Russland zu kämpfen.

In diesem Moment war Europa klar in zwei feindliche Lager geteilt, die sich nun für den Kampf aufstellten. Es gab die Mittelmächte (Mittleren Mächte) und die Entente (die Alliierten). Zu den Mittelmächten gehörten primär das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn. Sie hatten eine zentrale Lage in Europa. Später kam noch das Osmanische Reich dazu. Auf der anderen Seite stand die Entente: Frankreich, das Russische Reich und das Britische Weltreich (Großbritannien). Diese Länder hatten Deutschland und Österreich buchstäblich eingekesselt.

Der Schlieffen-Plan hat jedoch eine Sache völlig ignoriert: das Völkerrecht. Um Frankreich schnell zu überraschen, wollten die deutschen Generäle nicht direkt an der stark befestigten deutsch-französischen Grenze angreifen. Stattdessen hat der Plan vorgesehen, durch das neutrale Belgien zu marschieren, um die französische Armee von Norden her zu umzingeln. Belgien war ein kleines, friedliches Land und gehörte zu keinem Bündnis. Die deutsche Führung hat geglaubt, dass der Durchmarsch einfach sein würde und dass die Welt diesen Bruch der Neutralität akzeptieren würde.

Diese Strategie war ein gigantisches Glücksspiel. Der Plan funktionierte nur, wenn Russland im Osten lange brauchte, um seine Armee vorzubereiten. Die deutschen Generäle dachten, dass das riesige Russland mit seinen schlechten Straßen Wochen benötigen würde, um zu mobilisieren. In diesen Wochen musste Paris fallen. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch durch den Angriff auf Belgien hat Deutschland ein schlafendes Ungeheuer geweckt: Großbritannien. Die Briten hatten versprochen, die Neutralität Belgiens zu schützen. Mit dem ersten deutschen Schritt auf belgischen Boden wurde aus einem europäischen Konflikt ein echter Weltkrieg.

Am frühen Morgen des 4. August 1914 hat die deutsche Armee die Grenze zum neutralen Belgien überschritten. Dieser Moment war ein Schock für die Welt und der eigentliche Beginn des großen Sterbens. Belgien war kein Teil der großen Bündnissysteme; es war ein friedliches Land, das mit dem Streit der Großmächte nichts zu tun haben wollte. Doch der Schlieffen-Plan kannte keine Neutralität. Die deutschen Generäle hatten es eilig. Sie wollten Paris so schnell wie möglich erreichen, und der Weg durch die flachen Ebenen Belgiens schien die schnellste Route zu sein.

Die deutsche Führung hatte geglaubt, dass die Belgier keinen Widerstand leisten würden. Sie hatten ein Ultimatum geschickt und freien Durchmarsch gefordert. Doch der belgische König Albert I. hat mutig geantwortet: „Belgien ist ein Land, keine Durchgangsstraße!“ Die kleine belgische Armee hat sich den riesigen deutschen Truppen entgegengestellt. Besonders um die Festung Lüttich (Liège) gab es tagelange, blutige Kämpfe. Die Deutschen mussten schwere Artillerie, wie die „Dicke Bertha“, benutzen, um die modernen Forts der Belgier zu zerstören. Dieser unerwartete Widerstand hat den deutschen Zeitplan zum ersten Mal massiv gestört.

Die Reaktion der deutschen Soldaten auf den belgischen Widerstand war oft brutal. Da sie Angst vor Heckenschützen (Franc-tireurs) hatten, haben sie ganze Dörfer niedergebrannt und Zivilisten als Geiseln erschossen. Die Zerstörung der berühmten Bibliothek von Löwen (Leuven) hat weltweit für Entsetzen gesorgt. In der internationalen Presse wurde Deutschland als „der Barbar“ dargestellt. Diese Ereignisse haben das Bild von Deutschland für Jahrzehnte beschädigt. Aus einem strategischen Marsch wurde ein moralisches Desaster, das den Hass auf beiden Seiten extrem vergrößert hat.

Der wichtigste Effekt des Einmarsches war jedoch die Reaktion Großbritanniens. England hatte im Jahr 1839 einen Vertrag unterschrieben, um die Neutralität Belgiens zu garantieren. Als die ersten deutschen Stiefel belgischen Boden berührten, hat London ein Ultimatum nach Berlin geschickt: „Zieht eure Truppen zurück oder es herrscht Krieg!“ Da Deutschland nicht reagierte, hat das Britische Weltreich am Abend des 4. August den Krieg erklärt. Plötzlich stand Deutschland nicht nur gegen Frankreich und Russland, sondern gegen die größte Seemacht der Erde. Der „Spaziergang nach Paris“ wurde zu einem globalen Albtraum.

Mitte August 1914 trafen die gigantischen Armeen zum ersten Mal mit voller Wucht aufeinander. Es waren die sogenannten „Grenzschlachten“. Über zwei Millionen Soldaten kämpften auf einer Linie von der Schweiz bis nach Belgien. Die Generäle auf beiden Seiten hatten noch Taktiken aus dem 19. Jahrhundert: Sie schickten Infanterie in bunten Uniformen und Kavallerie mit Pferden direkt gegen die feindlichen Linien. Doch die Technik hatte sich verändert. Das Maschinengewehr und die moderne Artillerie verwandelten das Schlachtfeld in eine Todeszone, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte.

In den ersten Wochen war der Krieg noch ein Bewegungskrieg. Die deutschen Truppen marschierten täglich bis zu 40 Kilometer zu Fuß durch Belgien und Nordfrankreich. Die Hitze war extrem, und die Soldaten waren völlig erschöpft. Überall, wo gekämpft wurde, hinterließen die Armeen eine Spur der Verwüstung. Historische Städte wurden mit schweren Kanonen beschossen, Brücken gesprengt und Wälder niedergebrannt. Die Zivilbevölkerung floh zu Tausenden vor den herannahenden deutschen Truppen. Die Straßen waren verstopft mit Karren, Möbeln und verzweifelten Menschen, die alles verloren hatten.

Besonders die französische Armee erlitt schreckliche Verluste. In ihren leuchtend roten Hosen waren die französischen Soldaten perfekte Ziele für die deutschen Schützen. Allein am 22. August 1914 starben über 27.000 französische Soldaten – das war der blutigste Tag in der gesamten Geschichte Frankreichs. Die Offiziere erkannten schmerzhaft, dass Mut und Bajonette gegen moderne Stahlgeschosse keine Chance hatten. Der Krieg war kein romantisches Abenteuer mehr, sondern eine industrielle Vernichtung von Menschenleben.

Trotz der hohen Verluste schien der deutsche Plan zuerst zu funktionieren. Die Alliierten (Franzosen und Briten) mussten sich immer weiter zurückziehen. Ende August standen die deutschen Vorhuten so nah vor Paris, dass man das Grollen der Kanonen in der Stadt hören konnte. Die französische Regierung verließ die Hauptstadt und floh nach Bordeaux. Alles deutete auf einen schnellen Sieg Deutschlands hin. Doch die Erschöpfung der Soldaten und die wachsenden Lücken zwischen den deutschen Armeen sollten bald zu einer dramatischen Wende führen, die niemand in Berlin vorausgesehen hatte.

Anfang September 1914 stand die Welt am Abgrund. Die deutschen Truppen waren nur noch 50 Kilometer von Paris entfernt. In Berlin wartete man stündlich auf die Nachricht vom Sieg, und in Paris bereiteten sich die Menschen auf eine Belagerung vor. Doch genau in diesem Moment geschah das Unerwartete: Die französische Armee und das britische Expeditionskorps starteten an der Marne einen verzweifelten Gegenangriff. In der „Schlacht an der Marne“ mussten die erschöpften deutschen Soldaten zum ersten Mal seit Kriegsbeginn zurückweichen. Der Schlieffen-Plan, der auf Schnelligkeit basierte, war damit endgültig gescheitert.

Was danach passierte, veränderte die Kriegsführung für immer. Da keine Armee mehr genug Kraft hatte, um die andere offen zu besiegen, suchten die Soldaten Schutz vor den tödlichen Maschinengewehren. Sie begannen, sich in die Erde einzugraben. Zuerst waren es nur kleine Löcher, doch innerhalb weniger Wochen entstand ein gigantisches System aus Gräben, Tunneln und Stacheldraht. Dieser „Wettlauf zum Meer“ endete an der belgischen Küste. Eine ununterbrochene Frontlinie von über 700 Kilometern zog sich nun von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze.

Der Bewegungskrieg war vorbei, und der grauenhafte Stellungskrieg hatte begonnen. Die Soldaten auf beiden Seiten realisierten nun bitter, dass sie zu Weihnachten nicht zu Hause sein würden. Sie saßen fest in tiefen, nassen Schützengräben, umgeben von Schlamm, Ratten und dem ständigen Pfeifen der Granaten. Zwischen den feindlichen Linien lag das „Niemandsland“ – eine Wüste aus Trichtern und Leichen, die niemand betreten konnte, ohne sofort erschossen zu werden. Die Front bewegte sich monatelang keinen Meter mehr nach vorn oder hinten.

Mit dem Erstarren der Fronten im Winter 1914 endete die erste Phase des Ersten Weltkriegs. Die Illusion von einem kurzen, ehrenvollen Krieg war blutig zerstört. Statt eines schnellen Sieges begann nun ein jahrelanger Abnutzungskrieg, bei dem es nicht mehr um Mut, sondern um die Menge an Material und Menschenleben ging. Europa hatte sich in eine riesige Todesmaschine verwandelt. Die Begeisterung vom August war tiefer Trauer und Erschöpfung gewichen. Die Welt war in einem Albtraum aufgewacht, aus dem es so schnell keinen Ausweg mehr geben sollte.