Die Industrielle Revolution (A2-B1)
NEWHÖREN

Die Industrielle Revolution hat in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England begonnen. Aber warum genau dort und nicht in Frankreich oder Deutschland? Es gab mehrere wichtige Gründe, die England zum perfekten Startpunkt für diese globale Veränderung gemacht haben. Zuerst war die Geografie ein großer Vorteil. England ist eine Insel und hatte viele natürliche Ressourcen wie Kohle und Eisenerz direkt unter der Erde. Kohle war besonders wichtig, weil sie die Energie für die neuen Maschinen geliefert hat.
Ein zweiter Grund war die Landwirtschaft. Vor der Industrie hat eine „Agrarrevolution“ stattgefunden. Die Bauern haben neue Methoden benutzt, um mehr Essen zu produzieren. Dadurch gab es genug Nahrung für eine wachsende Bevölkerung. Da weniger Menschen auf den Feldern arbeiten mussten, sind viele junge Leute in die Städte gezogen, um in den neuen Fabriken Arbeit zu suchen. Diese Menschen waren die ersten Industriearbeiter.
Außerdem war England damals die größte Handelsmacht der Welt. Das Land hatte viele Kolonien in Amerika, Indien und Afrika. Aus diesen Kolonien hat England billige Rohstoffe wie Baumwolle bekommen. Die fertigen Produkte aus den Fabriken hat England dann wieder in die ganze Welt verkauft. Das hat sehr viel Geld (Kapital) in das Land gebracht. Die reichen Kaufleute und Adligen haben dieses Geld in neue Erfindungen und Fabriken investiert.
Schließlich gab es in England ein stabiles politisches System und eine starke Flotte. Die Regierung hat den Handel unterstützt und Patente für Erfinder geschützt. Das hat die Menschen dazu motiviert, neue Dinge zu erfinden. Man kann sagen: In England kamen Kohle, Kapital, Kolonien und kluge Köpfe zusammen. Diese Mischung war der Funke, der das Feuer der Industrie entzündet hat. Ohne diese speziellen Bedingungen in England hätte die moderne Welt vielleicht ganz anders ausgesehen.
Die Dampfmaschine war die wichtigste Erfindung der gesamten Industriellen Revolution. Ohne sie hätte es keine Fabriken, keine Eisenbahnen und keine moderne Industrie gegeben. Vor dieser Erfindung mussten die Menschen die Kraft der Natur nutzen: Sie haben Windmühlen für Getreide oder Wasserräder an Flüssen gebaut. Aber diese Energie war unzuverlässig. Wenn kein Wind wehte oder ein Fluss im Sommer zu wenig Wasser hatte, standen alle Maschinen still. Die Menschen brauchten eine Kraft, die man überall und zu jeder Zeit benutzen konnte.
James Watt hat die Dampfmaschine im Jahr 1769 nicht komplett neu erfunden, aber er hat sie entscheidend verbessert. Es gab schon vorher einfache Maschinen von Thomas Newcomen, aber diese waren sehr schwach und haben viel zu viel Kohle verbraucht. Watt hat einen separaten Kondensator eingebaut. Das war ein genialer Trick: Dadurch blieb der Zylinder der Maschine immer heiß, und man hatte viel mehr Power bei weniger Brennstoff. Später hat er die Maschine so umgebaut, dass sie nicht nur pumpen, sondern auch Räder drehen konnte. Das war der Moment, in dem die Industrie wirklich geboren ist.
Plötzlich konnten die Unternehmer ihre Fabriken überall bauen. Man war nicht mehr an einen Fluss gebunden. Die Dampfmaschine hat angefangen, hunderte von Webstühlen oder Spinnmaschinen gleichzeitig anzutreiben. In den Bergwerken hat sie das Wasser aus den tiefen Schächten gepumpt, damit die Arbeiter noch tiefer nach Kohle graben konnten. Die Maschine wurde zum Symbol der neuen Zeit: Sie war laut, sie rauchte, aber sie hat unermüdlich gearbeitet. Ein einziger Dampfmotor konnte die Arbeit von hunderten Pferden oder tausenden Menschen erledigen.
Die Dampfmaschine hat auch das Zeitgefühl der Menschen verändert. Früher bestimmte die Sonne oder das Wetter den Rhythmus der Arbeit. Mit der Maschine gab es einen festen Takt. Die Fabriken liefen Tag und Nacht. James Watt ist durch seine Erfindung sehr berühmt und reich geworden. Zu seiner Ehre nutzen wir heute noch seinen Namen "Watt" als Einheit für elektrische Leistung. Die Dampfmaschine war der erste Schritt in eine Welt, in der Maschinen die schwere Arbeit für uns machen. Sie hat den Weg frei gemacht für Schiffe ohne Segel und Wagen ohne Pferde.
Die Textilindustrie war der erste Wirtschaftszweig, der durch die Industrielle Revolution komplett verändert wurde. Vor dem Jahr 1760 haben die Menschen fast alle Kleider zu Hause gemacht. Das war ein sehr langsamer Prozess: Frauen haben am Spinnrad Wolle oder Baumwolle zu Fäden gesponnen und danach an einem Handwebstuhl Stoffe gewebt. Ein Weber brauchte die Garnproduktion von etwa zehn Spinnerinnen, um seine Arbeit zu machen. Das war ein großes Problem, weil die Nachfrage nach Kleidung in England schnell gewachsen ist.
Dann kamen die Erfinder und haben alles beschleunigt. Im Jahr 1764 hat James Hargreaves die „Spinning Jenny“ erfunden. Diese Maschine konnte nicht nur einen Faden, sondern acht Fäden gleichzeitig spinnen. Später wurden die Maschinen noch größer und hatten hunderte von Spindeln. Aber diese großen Maschinen passten nicht mehr in die kleinen Häuser der Arbeiter. Deshalb haben reiche Unternehmer die ersten Fabriken gebaut. Sie haben viele Maschinen in ein großes Gebäude gestellt und sie zuerst mit Wasserkraft und später mit der Dampfmaschine von James Watt angetrieben.
Ein weiterer Durchbruch war der mechanische Webstuhl von Edmund Cartwright. Diese Maschine war so schnell, dass sie die Arbeit von vielen Handwebern gleichzeitig gemacht hat. Die Produktion von Stoffen ist dadurch explodiert. Während ein Handweber früher Wochen für ein Stück Stoff brauchte, hat die Fabrik das nun in wenigen Stunden geschafft. Baumwolle wurde zum wichtigsten Rohstoff. England hat riesige Mengen Baumwolle aus seinen Kolonien importiert, sie in Städten wie Manchester verarbeitet und die fertigen Textilien wieder in die ganze Welt verkauft.
Die Folgen für die Menschen waren zweigeteilt. Einerseits ist Kleidung viel billiger geworden, sodass auch einfache Leute sich mehr als nur ein Hemd leisten konnten. Andererseits haben viele Handweber ihre Arbeit verloren, weil sie gegen die billigen Maschinen keine Chance hatten. Die Fabriken waren laut, staubig und gefährlich. Die Arbeiter mussten sich an den Takt der Maschinen anpassen. Manchester bekam in dieser Zeit den Spitznamen „Cottonopolis“, weil es dort so viele Baumwollfabriken gab. Die Textilindustrie hat gezeigt, wie die Maschine den Menschen als Produzenten ersetzt hat.
Ohne die Entwicklung von hochwertigem Eisen und Stahl hätte die Industrielle Revolution niemals ihr volles Potenzial erreicht. Wenn die Dampfmaschine das Herz der Industrie war, dann war Eisen ihr Knochengerüst. Vor dem 18. Jahrhundert war die Herstellung von Eisen extrem teuer und schwierig. Die Schmiede haben Holzkohle benutzt, um das Eisenerz zu schmelzen. Aber Holzkohle wurde in England knapp, weil man fast alle Wälder für den Schiffbau und zum Heizen abgeholzt hatte. Die Industrie brauchte dringend einen neuen Brennstoff und eine schnellere Methode.
Der große Durchbruch kam von Abraham Darby im Jahr 1709. Er hat entdeckt, dass man Steinkohle zu „Koks“ verarbeiten kann. Koks brennt viel heißer und länger als normales Holz. Mit dieser Entdeckung konnten die Eisenhütten nun riesige Mengen an flüssigem Eisen produzieren. Später hat Henry Cort das „Puddel-Verfahren“ erfunden. Mit dieser Technik konnten die Arbeiter das Eisen rühren, um Verunreinigungen zu entfernen. Das Ergebnis war Schmiedeeisen, das viel stärker und flexibler war als das alte Gusseisen.
Plötzlich gab es überall Eisen. Man hat es für die Zylinder der Dampfmaschinen, für die Schienen der Bergwerke und sogar für Brücken benutzt. Die „Iron Bridge“ in Shropshire war die erste Brücke der Welt, die komplett aus Eisen gebaut wurde. Sie zeigte allen Menschen, dass dieses neue Material viel stärker als Stein oder Holz war. Aber Eisen hatte ein Problem: Es war oft spröde und konnte bei zu viel Druck brechen. Die Ingenieure träumten von einem Material, das noch härter und elastischer war: Stahl.
Im Jahr 1856 hat Henry Bessemer die Lösung gefunden. Mit dem „Bessemer-Konverter“ konnte man durch das Einblasen von Luft in das flüssige Eisen den Kohlenstoffgehalt senken. Dieser Prozess hat die Stahlproduktion revolutioniert: Aus einem teuren Luxusmaterial wurde ein Massenprodukt. Stahl war perfekt für die gigantischen Fabriken, für die Rümpfe von riesigen Dampfschiffen und später für die ersten Wolkenkratzer. Die Regionen um Städte wie Sheffield oder Birmingham sind zu den „Black Countries“ geworden, weil der Rauch der Schmelzöfen den Himmel schwarz gefärbt hat. Eisen und Stahl haben die Welt physisch verändert und die Basis für die moderne Architektur und Technik gelegt.
Die Eisenbahn war die spektakulärste und sichtbarste technologische Revolution des 19. Jahrhunderts. Bevor die Schienen die Kontinente eroberten, war der Transport von schweren Gütern wie Kohle oder Eisen extrem schwierig und teuer. Man hatte Pferdewagen auf schlechten Straßen oder langsame Kanäle benutzt, um Rohstoffe zu den Fabriken zu bringen. Doch die Kraft der Dampfmaschine wollte nicht länger nur in den Fabrikhallen bleiben. Ingenieure in England hatten die Vision, die Dampfmaschine auf Räder zu setzen und sie auf festen Schienen aus Eisen fahren zu lassen.
Der entscheidende Durchbruch kam von George Stephenson. Im Jahr 1829 hat er mit seiner Lokomotive „The Rocket“ das berühmte Rennen von Rainhill gewonnen. Seine Maschine war schneller und zuverlässiger als alle anderen. Nur ein Jahr später hat die erste öffentliche Eisenbahnstrecke zwischen den Industriestädten Liverpool und Manchester den Betrieb aufgenommen. Das war eine Weltsensation. Die Menschen hatten so etwas noch nie gesehen: Ein Ungeheuer aus Eisen, das Feuer spuckte und tonnenschwere Lasten mit einer Geschwindigkeit von 45 km/h zog. Viele Menschen hatten anfangs Angst und glaubten, dass die hohe Geschwindigkeit für den menschlichen Körper schädlich sei.
Doch der Erfolg der Eisenbahn war nicht zu stoppen. In ganz England und bald auch in Europa und den USA hat ein „Eisenbahn-Fieber“ begonnen. Tausende von Kilometern Schienen wurden durch Berge gebohrt und über Täler gebaut. Die Eisenbahn hat die Wirtschaft fundamental verändert. Kohle wurde überall billig verfügbar, was das Wachstum der Fabriken noch mehr beschleunigt hat. Bauern konnten ihre frische Milch und ihr Gemüse nun in weit entfernte Großstädte schicken, ohne dass die Ware verdarb. Die Eisenbahn war das erste Massentransportmittel, das die Welt wirklich vernetzt hat.
Besonders faszinierend war die soziale Veränderung. Zum ersten Mal in der Geschichte konnten auch einfache Menschen weite Strecken reisen. Die Reisezeit zwischen London und Edinburgh sank von mehreren Tagen auf wenige Stunden. Die Zeitungen berichteten, dass die Eisenbahn den „Raum und die Zeit vernichtet“ hätte. Es entstand eine völlig neue Infrastruktur: prächtige Bahnhöfe, die wie Kathedralen der Industrie aussahen, Hotels für Reisende und sogar die Standardisierung der Uhrzeit. Früher hatte jede Stadt ihre eigene Sonnenzeit, aber für die Fahrpläne der Züge brauchte man eine einheitliche „Eisenbahnzeit“. Die Eisenbahn hat die Welt kleiner gemacht und den Takt des modernen Lebens festgelegt.
Die Industrielle Revolution hat eine der größten Völkerwanderungen der menschlichen Geschichte ausgelöst. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich das Gesicht Europas komplett verändert. Vor dem Jahr 1780 lebten über 80 % der Menschen auf dem Land und arbeiteten in der Landwirtschaft. Doch mit der Erfindung der Maschinen auf den Feldern wurden viele Bauern arbeitslos. Gleichzeitig brauchten die neuen Fabriken in den Städten tausende von kräftigen Händen. Dieser Prozess, den man Urbanisierung nennt, hat die alten Dorfstrukturen zerstört und gigantische Metropolen aus dem Boden gestampft.
Städte wie Manchester, Birmingham oder Essen sind in einem unglaublichen Tempo gewachsen. Manchester zum Beispiel hatte im Jahr 1717 nur etwa 10.000 Einwohner, aber im Jahr 1851 waren es bereits über 300.000. Die Infrastruktur der Städte war auf diesen Massenansturm überhaupt nicht vorbereitet. Es gab keinen Plan für den Wohnungsbau, keine Kanalisation und kein sauberes Trinkwasser. Die Fabrikbesitzer haben billige, enge Mietskasernen bauen lassen, um so viele Arbeiter wie möglich auf kleinstem Raum unterzubringen. Oft hat eine ganze Familie in nur einem einzigen, dunklen und feuchten Zimmer gelebt.
Die hygienischen Zustände in diesen neuen Industrievierteln waren katastrophal. Da es keine Toiletten mit Wasserspülung gab, haben die Menschen ihren Abfall einfach auf die Straße oder in die nahen Flüsse geworfen. Diese Flüsse waren gleichzeitig die Quelle für das Trinkwasser. Die Folge waren schreckliche Epidemien wie Cholera und Typhus, die tausende von Menschen getötet haben. Die Luft in den Städten war durch den ewigen Rauch der Fabrikschlote schwarz und giftig. Man konnte die Sonne oft tagelang nicht sehen, und der Ruß hat sich wie ein dunkler Teppich über alles gelegt.
Trotz dieser schrecklichen Bedingungen sind immer mehr Menschen in die Städte geströmt. Sie hatten die Hoffnung auf ein regelmäßiges Einkommen und ein besseres Leben, weg von der harten und oft hungrigen Existenz auf dem Land. In der Stadt gab es Geschäfte, Kneipen und die ersten Formen von Massenunterhaltung. Aber der Preis für diesen Fortschritt war hoch: Die Anonymität der Großstadt hat die alten sozialen Bindungen der Dorfgemeinschaft ersetzt. Die Stadt wurde zu einem Ort der extremen Kontraste – auf der einen Seite prachtvolle Villen der reichen Industriellen und auf der anderen Seite das tiefe Elend der Arbeiterviertel. Diese soziale Spaltung sollte die Politik der nächsten 100 Jahre massiv prägen.
Das tägliche Leben der Arbeiter in den Fabriken der Industriellen Revolution war eine radikale Umstellung zum bisherigen menschlichen Dasein. Während die Bauern auf dem Land nach dem Rhythmus der Sonne und der Jahreszeiten gearbeitet hatten, bestimmte in der Fabrik allein die Maschine den Takt. Die Arbeiter waren keine Handwerker mehr, die ein ganzes Produkt herstellten, sondern sie wurden zu kleinen Rädchen in einem riesigen mechanischen System. Diese neue Art der Arbeit hat die Menschen physisch und psychisch an ihre Grenzen gebracht.
Ein typischer Arbeitstag begann oft schon um fünf Uhr morgens und endete erst nach 14 oder 16 Stunden harter körperlicher Arbeit. Es gab keine Gewerkschaften, keine Pausenregelungen und keine sozialen Absicherungen. Die Fabrikbesitzer hatten eine absolute Macht über ihre Angestellten. Wer zu spät kam, musste hohe Geldstrafen zahlen, und wer krank war, verlor sofort seinen Job. Die Fabrikhallen waren laut, stickig und oft lebensgefährlich. Überall drehten sich offene Zahnräder und Transmissionsriemen, die keine Schutzvorrichtungen hatten. Schwere Unfälle, bei denen Arbeiter Gliedmaßen verloren oder sogar starben, waren trauriger Alltag.
Besonders belastend war die Monotonie. Ein Arbeiter musste den ganzen Tag lang nur einen einzigen Handgriff wiederholen, zum Beispiel einen Hebel drücken oder einen Faden anknoten. Diese Arbeit war geistig ermüdend und hat die Menschen stumpf gemacht. Der Lärm der Dampfmaschinen war so ohrenbetäubend, dass eine Unterhaltung fast unmöglich war. Die Luft war voller Staub, Öl und Fasern, was bei vielen Arbeitern zu schweren Lungenkrankheiten geführt hat. In den Textilfabriken herrschte zudem eine extreme Hitze und Feuchtigkeit, damit die Fäden nicht rissen.
Trotz dieser Qualen hatten die Menschen keine Wahl. In den Städten gab es ein riesiges Angebot an Arbeitskräften, und wer sich beschwerte, wurde sofort durch einen anderen Verzweifelten ersetzt. Die Fabrikbesitzer betrachteten ihre Arbeiter oft nur als "Human Capital" – als billiges Material, das man nutzen und wegwerfen konnte. Diese totale Unterordnung unter den Takt der Stechuhr hat das soziale Gefüge der Familien zerstört, da oft alle Familienmitglieder in verschiedenen Schichten arbeiten mussten. Die Fabrik war ein Ort der Produktion, aber für die Seele der Menschen war sie ein Gefängnis aus Eisen und Dampf.
Eines der dunkelsten und schmerzhaftesten Kapitel der Industriellen Revolution war die systematische Ausnutzung von Kindern als billige Arbeitskräfte. Da die Löhne der Väter in den Fabriken oft nicht ausreichten, um eine ganze Familie zu ernähren, mussten bereits Kinder im Alter von fünf oder sechs Jahren zum Familieneinkommen beitragen. Die Fabrikbesitzer bevorzugten Kinder, weil sie ihnen nur einen Bruchteil des Lohns eines Erwachsenen zahlten und weil sie gehorsamer waren. Diese Kinder haben ihre gesamte Kindheit in den dunklen Hallen der Industrie verloren, ohne jemals eine Schule besucht zu haben.
In den Textilfabriken hatten Kinder eine besonders gefährliche Aufgabe: Sie waren sogenannte „Piecer“ oder „Scavengers“. Da sie klein und flink waren, mussten sie unter die laufenden Maschinen kriechen, um Baumwollabfälle aufzusammeln oder gerissene Fäden wieder zusammenzuknoten. Die Maschinen wurden dabei oft nicht angehalten, was zu schrecklichen Unfällen führte. Viele Kinder haben Finger oder ganze Hände in den Zahnrädern verloren. Wenn sie vor Müdigkeit einschliefen, wurden sie von den Aufsehern mit Schlägen bestraft, um sie wach zu halten. Die Luft in diesen Räumen war so voller Staub, dass viele Kinder schon mit zehn Jahren an schweren Lungenkrankheiten litten.
Noch schlimmer war die Situation in den Kohlebergwerken. Dort haben Kinder als „Trappers“ gearbeitet. Ihre Aufgabe war es, den ganzen Tag in absoluter Dunkelheit hinter den Belüftungstüren zu sitzen und diese zu öffnen, wenn ein Kohlewagen kam. Andere Kinder mussten schwere Karren durch extrem niedrige Tunnel ziehen, in denen ein erwachsener Mann nicht stehen konnte. Sie waren oft 12 Stunden am Tag unter der Erde und haben das Tageslicht im Winter fast nie gesehen. Diese körperliche Schwerstarbeit hat das Wachstum der Kinder gehemmt und ihre Wirbelsäulen dauerhaft verformt.
Die Gesellschaft hat diese Zustände lange Zeit als normal akzeptiert, da man Kinderarbeit aus der Landwirtschaft kannte. Doch die industrielle Ausbeutung war eine neue Dimension der Grausamkeit. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts haben mutige Sozialreformer angefangen, gegen diese Zustände zu kämpfen. Die ersten „Factory Acts“ in England haben die Arbeitszeit für Kinder schließlich auf 10 Stunden begrenzt und ein Mindestalter festgelegt. Dennoch hat es Generationen gedauert, bis die Schulpflicht die Kinderarbeit komplett ersetzt hat. Diese Kinder waren die vergessenen Opfer des Fortschritts, deren Gesundheit und Bildung für den industriellen Erfolg Europas geopfert wurden.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts ist aus dem tiefen Elend der Fabrikarbeiter ein gewaltiger gesellschaftlicher Konflikt entstanden, den man die „Soziale Frage“ genannt hat. Während die Industriellen (die Bourgeoisie) einen märchenhaften Reichtum angehäuft hatten, vegetierte das Proletariat (die Arbeiterklasse) in einer Hoffnungslosigkeit, die das gesamte soziale Gefüge Europas bedrohte. Die Kluft zwischen Arm und Reich war so groß geworden, dass viele Denker und Politiker einen blutigen Umsturz befürchteten. Die Menschen fragten sich: Wie kann eine Gesellschaft so viel Reichtum produzieren, während die Produzenten dieses Reichtums selbst verhungern?
In dieser explosiven Atmosphäre haben Intellektuelle wie Karl Marx und Friedrich Engels das „Kommunistische Manifest“ geschrieben. Sie haben das kapitalistische System scharf kritisiert und behauptet, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte von Klassenkämpfen sei. Marx hat die Arbeiter dazu aufgerufen, sich weltweit zu vereinigen, um die Macht der Fabrikbesitzer zu brechen. Diese radikalen Ideen haben die Angst der Eliten vergrößert, aber sie haben den Arbeitern auch zum ersten Mal ein politisches Bewusstsein gegeben. Sie haben begriffen, dass sie als Einzelne schwach, aber als Masse eine unaufhaltsame Macht waren.
Doch der Widerstand hat nicht nur in Büchern stattgefunden, sondern auf der Straße und in den Fabriken. Die Arbeiter haben angefangen, sich in geheimen Bünden und später in Gewerkschaften zu organisieren. Da Streiks anfangs streng verboten waren, wurden die ersten Anführer oft verhaftet oder ausgewiesen. Trotzdem haben die Arbeiter mutig für ihre Rechte gekämpft: Sie forderten den Zehnstundentag, höhere Löhne, den Schutz vor Kündigung und ein Verbot der Kinderarbeit. In England haben die „Chartisten“ Millionen von Unterschriften gesammelt, um das Wahlrecht für die Arbeiterklasse zu erzwingen, damit sie ihre Interessen im Parlament selbst vertreten konnten.
Die Regierungen haben schließlich eingesehen, dass sie handeln mussten, um eine Revolution zu verhindern. In Deutschland hat Otto von Bismarck unter dem Druck der Arbeiterbewegung die weltweit ersten Sozialversicherungen eingeführt. Krankenversicherungen, Unfallversicherungen und später Altersrenten sind entstanden, um die schlimmste Not zu lindern. Dieser lange und oft schmerzhafte Kampf hat das Fundament für unseren heutigen Sozialstaat gelegt. Die Arbeiter haben durch ihre Solidarität bewiesen, dass Fortschritt nicht nur aus Maschinen und Profit bestehen darf, sondern dass die Würde des Menschen und gerechte Arbeitsbedingungen das Ziel jeder zivilisierten Gesellschaft sein müssen.
Die Industrielle Revolution hat die Welt nicht nur verändert, sie hat eine völlig neue Zivilisation erschaffen. Alles, was wir heute als „modern“ bezeichnen – vom Smartphone in unserer Tasche bis hin zu den Flugzeugen, die Ozeane überqueren – hat seinen Ursprung in jener Zeit, als die erste Dampfmaschine begonnen hat, sich zu drehen. Wir leben heute in einer Welt der Massenproduktion, in der Waren für fast jeden Menschen verfügbar sind. Der allgemeine Lebensstandard ist in den letzten 200 Jahren so stark gestiegen, wie in den 2000 Jahren zuvor nicht. Die moderne Medizin, die Elektrizität und die globale Kommunikation wären ohne den industriellen Aufbruch des 19. Jahrhunderts niemals entstanden.
Doch dieser gigantische Fortschritt hat einen sehr hohen Preis gefordert, den wir erst heute in seinem vollen Ausmaß begreifen. Die Industrielle Revolution war der Moment, in dem der Mensch angefangen hat, die Ressourcen der Erde in einem Tempo zu verbrauchen, das die Natur nicht regenerieren kann. Durch das Verbrennen von riesigen Mengen an Kohle, Öl und Gas haben wir Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gepustet. Die Wissenschaftler haben festgestellt, dass der menschengemachte Klimawandel genau in jener Zeit begonnen hat, als die Schlote in Manchester und im Ruhrgebiet zu rauchen anfingen. Unsere heutige Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist das schwierigste Erbe dieser Epoche.
Ein weiteres Erbe ist die totale Veränderung unserer Lebensweise. Wir haben den natürlichen Rhythmus der Natur gegen den Takt der Uhr getauscht. Die Urbanisierung hat dazu geführt, dass heute mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben. Das hat zwar zu mehr Bildung und kulturellem Austausch geführt, aber auch zu neuen Problemen wie Stress, Umweltverschmutzung und der Entfremdung von der Natur. Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts hat sich heute zu einer globalen Frage entwickelt: Während einige Nationen durch die Industrie extrem reich geworden sind, leiden andere Teile der Welt immer noch unter den Folgen der kolonialen Ausbeutung, die damals für die Rohstoffe der Fabriken begonnen hat.
Die Industrielle Revolution lehrt uns eine wichtige Lektion für die Zukunft: Menschlicher Erfindergeist kennt keine Grenzen, aber unser Planet besitzt sie. Wir stehen heute am Beginn einer „Grünen Industriellen Revolution“. Wir müssen die Energie und die Technik der Vergangenheit ersetzen, um die Erde zu retten. Wir nutzen immer noch den Mut und die Neugier von Erfindern wie James Watt, aber heute setzen wir diese Kraft für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit ein. Die Geschichte der Industrie ist nicht zu Ende; sie geht jetzt in eine Phase, in der wir lernen müssen, Fortschritt und Natur wieder in Einklang zu bringen, damit auch kommende Generationen die Früchte des menschlichen Geistes genießen können.
