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Die Bahnkultur in Deutschland (B1-B2)

NEWHÖREN

Wenn man an Deutschland denkt, kommen einem oft schnelle Autos und die berühmte Autobahn in den Sinn. Aber im Alltag der meisten Menschen spielt ein ganz anderes Verkehrsmittel die Hauptrolle, nämlich der Zug. Deutschland hat im Laufe der Jahrzehnte eines der dichtesten Schienennetze der Welt aufgebaut. Hier ist das Bahnfahren nicht einfach nur eine Art zu reisen, sondern ein echter Teil des täglichen Lebens und der Kultur geworden. Egal ob Schüler, Studenten, Angestellte oder Senioren, fast jeder hat in Deutschland eine Beziehung zur Bahn.

Jeden Morgen sieht man an den Bahnhöfen unzählige Menschen, die auf ihren Zug warten. Man nennt diese Personen Pendler, weil sie regelmäßig zwischen ihrem Wohnort und ihrer Arbeitsstelle hin und her fahren. Für diese Menschen ist der Zug oft wie ein zweites Wohnzimmer oder ein rollendes Büro geworden. Weil viele Züge bequem sind und Tische sowie Steckdosen haben, haben die Fahrgäste gelernt, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Manche haben ihren Laptop aufgeklappt und arbeiten schon vor dem eigentlichen Bürostart, andere trinken in Ruhe ihren Kaffee, lesen Zeitung oder hören einen Podcast. Auf diese Weise geht die Fahrzeit nicht verloren, sondern wird produktiv oder entspannt genutzt.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Bahnhöfe selbst. In fast jeder deutschen Stadt liegt der Hauptbahnhof direkt im Zentrum. Diese Bahnhöfe sind echte Treffpunkte mit vielen Geschäften, Bäckereien und Restaurants. Wenn man aus dem Zug aussteigt, ist man sofort mitten in der Stadt und kann problemlos in die U-Bahn, die Straßenbahn oder auf das Fahrrad umsteigen. Genau diese Kombination aus guter Erreichbarkeit und alltäglicher Nutzung hat dafür gesorgt, dass Deutschland ein echtes Bahnland geworden ist, in dem der Schienenverkehr kaum noch wegzudenken ist.

Um zu verstehen, warum der Zug in Deutschland heute so eine zentrale Rolle spielt, muss man einen Blick in die Geschichte werfen. Alles hat im Jahr 1835 begonnen, als die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth feierlich eröffnet worden ist. Die berühmte Dampflokomotive mit dem Namen Adler hat damals eine Strecke von nur etwa sechs Kilometern zurückgelegt, aber diese kurze Fahrt hat eine riesige Revolution in Gang gesetzt. Zu dieser Zeit hat Deutschland noch nicht als einheitlicher Staat existiert, sondern war in viele kleine Fürstentümer und Königreiche aufgeteilt. Das neue Schienennetz hat diesen Zustand grundlegend verändert, weil die verschiedenen Regionen plötzlich schnell miteinander Handel treiben und Menschen unkompliziert reisen konnten. Die Eisenbahn ist somit zum wichtigsten Motor der industriellen Revolution geworden und hat die deutsche Wirtschaft förmlich explodieren lassen.

In den folgenden Jahrzehnten sind überall im Land neue Schienen verlegt und imposante Bahnhöfe gebaut worden, um den wachsenden Verkehr zu bewältigen. Die Züge haben nicht nur schwere Kohle und Stahl aus dem Ruhrgebiet transportiert, sondern auch dafür gesorgt, dass ganze Städte und Industriezweige überhaupt erst entstehen konnten. Im zwanzigsten Jahrhundert hat die Eisenbahngeschichte dann aber auch die tiefen Wunden und politischen Konflikte des Landes widergespiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Deutschland bekanntlich geteilt worden, und mit der Teilung des Landes hat sich auch die Eisenbahn aufgespalten. Im Westen hat die Deutsche Bundesbahn den Verkehr übernommen und massiv in moderne Technologien und neue Züge investiert, während im Osten die Deutsche Reichsbahn unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen ein dichtes Netz aufrechterhalten musste. Trotz der innerdeutschen Grenze und der politischen Spannungen ist der Schienenverkehr auf beiden Seiten immer eines der wichtigsten Transportmittel für die Bevölkerung geblieben.

Nach dem Mauerfall im Jahr 1989 hat das Land vor der gewaltigen Aufgabe gestanden, diese beiden völlig unterschiedlichen Eisenbahnsysteme wieder zusammenzuführen. Die Gleise, die Züge und die Verwaltung im Osten haben dringend Erneuerungen gebraucht, während der Westen vor hohen Kosten und Umstrukturierungen gestanden hat. Aus diesem Grund hat die Politik im Jahr 1994 die große Bahnreform beschlossen. Durch diesen Schritt sind die Bundesbahn und die Reichsbahn miteinander verschmolzen, und das neue staatliche Unternehmen Deutsche Bahn, kurz DB, ist gegründet worden. Mit dieser Reform hat eine ganz neue Epoche begonnen, in der viel Geld in Hochgeschwindigkeitsstrecken und moderne Technologie geflossen ist. Diese lange, wechselhafte Entwicklung über fast zwei Jahrhunderte hat das heutige dichte Streckennetz geformt und dafür gesorgt, dass die Eisenbahn tief in der Identität und der Infrastruktur des Landes verwurzelt ist.

Wer in Deutschland mit dem Zug reisen möchte, merkt schnell, dass das System aus verschiedenen Zuggattungen besteht, die alle unterschiedliche Aufgaben erfüllen. An der Spitze dieses Systems steht der berühmte Intercity-Express, den man überall einfach nur ICE nennt. Der ICE ist das Aushängeschild der Deutschen Bahn und gehört zu den modernsten Zügen Europas. Er verbindet die großen Metropolen wie Berlin, Hamburg, Frankfurt und München miteinander und hat auf speziellen Neubaustrecken Geschwindigkeiten von bis zu dreihundert Kilometern pro Stunde erreicht. Für Reisende bietet der ICE enorm viel Komfort, denn hier gibt es ein Bordbistro, bequeme Sitze, stabiles Internet und spezielle Ruhebereiche, in denen man ungestört arbeiten oder schlafen kann. Dicht hinter dem ICE folgt der Intercity, kurz IC, sowie der Eurocity für grenzüberschreitende Fahrten. Diese Züge sind etwas langsamer als der ICE und halten auch in mittelgroßen Städten, weshalb sie für viele Menschen eine beliebte Alternative auf langen Strecken darstellen.

Unterhalb dieser schnellen Fernverkehrszüge liegt das dichte Netz des Regionalverkehrs, das für das tägliche Leben im Land noch viel wichtiger ist. Hier trifft man vor allem auf den Regional-Express und die Regionalbahn, die man an den Abkürzungen RE und RB erkennt. Diese Züge haben die Aufgabe, die kleineren Städte und Dörfer mit den großen Zentren und ICE-Bahnhöfen zu verbinden. Der Regional-Express hält dabei nur an den wichtigsten Stationen der Region und ist dadurch recht zügig unterwegs, während die Regionalbahn fast an jedem noch so kleinen Bahnhof anhält und somit auch abgelegene Orte erreichbar macht. Finanziert und organisiert werden diese Linien von den einzelnen Bundesländern, weshalb man hier neben den roten Zügen der Deutschen Bahn oft auch Züge von privaten regionalen Anbietern sieht, die im Auftrag der Region fahren.

Für den Nahverkehr direkt in und um die großen Ballungsräume herum ist schließlich die S-Bahn zuständig, was für Stadtschnellbahn steht. Ein typisches S-Bahn-Netz, wie man es aus Berlin, München, Frankfurt oder dem Ruhrgebiet kennt, verbindet die weitläufigen Vororte und Nachbarstädte im Minutentakt direkt mit dem Stadtzentrum. Zusammen mit den städtischen U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen sorgt die S-Bahn dafür, dass man innerhalb einer Metropolregion im Grunde kein eigenes Auto mehr braucht. Das Geniale an diesem gesamten System ist der sogenannte Taktfahrplan. Das bedeutet, dass Züge auf den meisten Strecken immer zur gleichen Minute jeder Stunde abfahren und die verschiedenen Zuggattungen perfekt aufeinander abgestimmt sind. Wenn man also aus einem kleinen Dorf mit der Regionalbahn ankommt, hat man am Hauptbahnhof oft nur wenige Minuten Wartezeit, bis der nächste ICE in Richtung Großstadt einfährt, was das Reisen durch das ganze Land unglaublich flexibel und zusammenhängend macht.

Es gibt viele gute Gründe, warum das Zugfahren in Deutschland über Generationen hinweg so enorm populär geblieben ist und warum täglich Millionen Menschen freiwillig auf das Auto verzichten. Der vielleicht größte praktische Vorteil liegt in der hervorragenden Anbindung und der Stadtplanung. Während man mit dem Auto oft im Stau steht, hohe Parkgebühren zahlen muss und am Ende weit vom eigentlichen Ziel entfernt parkt, bringt der Zug die Fahrgäste direkt in das pulsierende Zentrum der Städte. Fast jeder Hauptbahnhof ist ein riesiger Knotenpunkt, an dem man ohne lange Wege sofort in U-Bahnen, Busse oder Taxis umsteigen kann. Für viele Menschen in Metropolen wie Berlin, Köln oder Hamburg ist es deshalb viel bequemer und oft sogar schneller, mit der Bahn zu reisen, als sich durch den dichten Stadtverkehr zu quälen.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist das wachsende Bewusstsein für den Klimaschutz und die Nachhaltigkeit, was in der deutschen Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert hat. Züge im Fernverkehr fahren in Deutschland schon seit vielen Jahren fast vollständig mit Ökostrom aus erneuerbaren Energien. Viele Bürger und auch immer mehr Unternehmen haben verstanden, dass eine Zugfahrt den persönlichen CO2-Fußabdruck im Vergleich zu einem Inlandsflug oder einer langen Autofahrt drastisch senkt. Aus diesem Grund haben zahlreiche Firmen ihre Reiserichtlinien geändert und verlangen von ihren Mitarbeitern, für Dienstreisen innerhalb des Landes grundsätzlich die Bahn zu buchen. Der Zug gilt in Deutschland längst nicht mehr als altmodisch, sondern als das modernste und umweltfreundlichste Verkehrsmittel der Zukunft.

Dazu kommt der unschlagbare Vorteil des Reisekomforts und der sinnvollen Zeitnutzung. Wer hinter dem Steuer eines Autos sitzt, muss sich stundenlang voll auf die Straße konzentrieren und kommt nach einer langen Fahrt oft völlig erschöpft an. Im Zug dagegen beginnt die Erholung schon beim Einsteigen. Man kann aufstehen, sich die Beine vertreten, im Bordbistro einen heißen Kaffee trinken oder sich an einen Tisch setzen und produktiv arbeiten. Moderne Züge bieten heute kostenloses Internet und Steckdosen an jedem Platz, sodass Geschäftsleute ihre Präsentationen vorbereiten und Studenten für ihre Prüfungen lernen können, während draußen die Landschaft vorbeizieht. Wer keine Lust auf Arbeit hat, setzt sich einfach in den ausgewiesenen Ruhebereich, liest einen spannenden Roman oder schläft eine Runde. Diese Mischung aus Freiheit, Produktivität und Umweltfreundlichkeit hat dazu geführt, dass das Bahnfahren für viele Deutsche ein fest verankertes Stück Lebensqualität geworden ist.

Trotz all der genannten Vorteile und der großen Beliebtheit hat das deutsche Bahnsystem heute mit massiven Problemen zu kämpfen, die das Image der berühmten deutschen Pünktlichkeit gründlich zerstört haben. Wer heute in Deutschland regelmäßig mit dem Zug unterwegs ist, hat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schon stundenlang auf verspätete Züge gewartet oder auf kalten Bahnsteigen gestanden, weil eine Verbindung komplett ausgefallen ist. Die Deutsche Bahn, kurz DB, ist im Alltag der Menschen zu einem Synonym für Unzuverlässigkeit geworden, und kaum ein anderes Thema sorgt in der Bevölkerung für so viel Frust, Wut und gleichzeitig bitteren Humor. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in Zeitungen, Talkshows oder den sozialen Medien über das nächste Bahnchaos berichtet oder gespottet wird.

Die offiziellen Statistiken zeigen das Ausmaß der Krise ganz deutlich. Im Fernverkehr hat in den letzten Jahren oft mehr als jeder dritte ICE oder IC sein Ziel mit einer spürbaren Verspätung erreicht. Dabei gilt eine Verspätung von bis zu knapp sechs Minuten in der offiziellen Statistik noch nicht einmal als unpünktlich, und Züge, die ganz ausfallen, werden aus diesen Zahlen oft komplett herausgerechnet. Wenn ein Zug Verspätung hat, führt das auf dem dicht befahrenen Streckennetz zu einer gefährlichen Kettenreaktion. Die Fahrgäste haben dann das größte Problem beim Umsteigen, denn sie verpassen ihren Anschlusszug und stranden an irgendeinem fremden Bahnhof, wo sie wieder lange auf die nächste Reisemöglichkeit warten müssen.

Um zu verstehen, wie es zu diesem Zustand gekommen ist, muss man die tieferen Ursachen betrachten, die viele Jahre zurückliegen. Der Hauptgrund ist eine chronische Unterfinanzierung und falsche Sparpolitik nach der großen Bahnreform in den neunziger Jahren. Über Jahrzehnte hinweg hat die Politik Milliarden in den Ausbau von Autobahnen gesteckt, während das Schienennetz vernachlässigt, Weichen abgebaut und Personal drastisch reduziert worden sind. Gleichzeitig ist die Zahl der Fahrgäste und der Güterzüge auf den Schienen immer weiter gewachsen. Heute ist das Streckennetz völlig überlastet, weil sich schnelle ICEs, langsame Regionalzüge und schwere Güterzüge oft dieselben wenigen Gleise teilen müssen. Wenn dann an einer einzigen Stelle eine Weiche einfriert, ein Signal kaputtgeht oder ein Zug eine Panne hat, bricht sofort der gesamte Fahrplan in einer ganzen Region zusammen.

Dazu kommt die Tatsache, dass das Land nun versucht, diese jahrzehntelangen Versäumnisse mit riesigen Bauprojekten aufzuholen. Überall im Land gibt es endlose Großbaustellen, auf denen Gleise, Brücken und Stellwerke saniert werden, was jedoch kurzfristig zu noch mehr Streckensperrungen, Umleitungen und Zugausfällen führt. Aus diesem alltäglichen Ärgernis hat sich in Deutschland eine ganz eigene Frustkultur entwickelt. Sätze der automatischen Bahnhofsansage wie „Wir bitten um Ihr Verständnis“ oder „Heute in umgekehrter Wagenreihung“ sind zu geflügelten Worten geworden, über die sich das ganze Land lustig macht, um den täglichen Bahnstress überhaupt noch mit Humor zu ertragen.

Neben den alltäglichen Verspätungen und technischen Pannen gibt es noch ein weiteres Phänomen, das den Bahnverkehr in Deutschland regelmäßig komplett lahmgelegt hat: die Streiks. In Deutschland ist das Streikrecht ein hohes, im Grundgesetz geschütztes Gut, und die Beschäftigten im Verkehrssektor haben sehr mächtige Organisationen hinter sich. Vor allem zwei Gewerkschaften stehen dabei immer wieder im Mittelpunkt, nämlich die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, kurz EVG, und die besonders kampfstarke Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, bekannt als GDL. Wenn die Tarifverhandlungen zwischen diesen Gewerkschaften und der Führung der Deutschen Bahn scheitern, rufen die Gewerkschaftsführer zum Arbeitskampf auf, und innerhalb weniger Stunden steht ein Großteil des gesamten Landes still.

Ein solcher Bahnstreik hat enorme Auswirkungen auf das tägliche Leben von Millionen Menschen. Lokführer, Zugbegleiter, aber auch Fahrdienstleiter in den wichtigen Stellwerken legen ihre Arbeit nieder, sodass tagelang kaum ein Rad auf den Schienen rollt. Während eines Streiks versucht die Deutsche Bahn zwar meistens, einen sogenannten Notfahrplan anzubieten, aber auf diesem fahren oft nur zwanzig Prozent der normalen Fernverkehrszüge, und im Regionalverkehr fallen ganze Linien ersatzlos weg. Millionen von Pendlern haben in solchen Zeiten riesige Probleme, überhaupt zur Arbeit, zur Schule oder zu wichtigen Terminen zu kommen. Die Autobahnen sind dann völlig verstopft, Mietwagen sind innerhalb von Minuten ausgebucht, und an den Flughäfen herrscht oft ein riesiges Chaos, weil auch Inlandsflüge überlastet sind.

Die Forderungen der Gewerkschaften drehen sich dabei nicht nur um höhere Löhne als Ausgleich für die gestiegene Inflation. Ein ganz zentraler Streitpunkt ist in den letzten Jahren vor allem die Reduzierung der Wochenarbeitszeit für Schichtarbeiter gewesen. Die Gewerkschaften haben argumentiert, dass Berufe wie der des Lokführers durch unregelmäßige Arbeitszeiten, Nachtschichten und ständige Wochenendarbeit extrem belastend geworden sind und dass die Bahn ohne bessere Bedingungen schlicht keinen Nachwuchs mehr findet. Die Bahnführung dagegen hat oft gewarnt, dass kürzere Arbeitszeiten bei dem ohnehin schon dramatischen Personalmangel unbezahlbar und organisatorisch unmöglich seien.

In der deutschen Bevölkerung löst diese Streikkultur sehr gemischte Gefühle aus. Auf der einen Seite haben viele Bürger Verständnis dafür, dass das Bahnpersonal für faire Bezahlung und menschliche Arbeitszeiten kämpft. Auf der anderen Seite wächst mit jedem weiteren Streiktag die Wut bei den Fahrgästen, die das Gefühl haben, als Geiseln in einem endlosen Machtkampf zwischen Gewerkschaftsbossen und Bahnvorständen gehalten zu werden. Trotz aller Kritik und Belastungen zeigen diese Streiks aber auch ganz deutlich, wie unverzichtbar die Eisenbahn und ihre Beschäftigten für das Funktionieren der gesamten deutschen Wirtschaft und Gesellschaft geworden sind.

Wer in Deutschland ein Ticket kaufen wollte, hat viele Jahre lang vor einem extrem komplizierten und oft verwirrenden System gestanden. Das Land war in hunderte verschiedene Verkehrsverbünde aufgeteilt, und jeder Verbund hatte seine eigenen Zonen, Preisstufen und Automaten. Es ist oft vorgekommen, dass Fahrgäste an einem Bahnhof gestanden haben und nicht genau wussten, welches Ticket sie für eine kurze Fahrt in die Nachbarstadt überhaupt gebraucht haben. Im Fernverkehr galt gleichzeitig ein dynamisches Preissystem wie bei Fluggesellschaften. Wer weit im Voraus bucht, kann mit dem sogenannten Sparpreis oder Super-Sparpreis sehr günstig mit dem schnellen ICE durch das ganze Land reisen. Wer sein Ticket dagegen spontan am selben Reisetag kauft, muss den deutlich teureren Flexpreis zahlen, hat dafür aber die Freiheit, jeden beliebigen Zug auf der gewählten Strecke zu nehmen.

Um Vielfahrern das Leben leichter und günstiger zu machen, hat die Deutsche Bahn schon vor Jahrzehnten ein sehr populäres Rabattsystem eingeführt: die BahnCard. Millionen Menschen in Deutschland besitzen eine solche Karte im Portemonnaie oder auf dem Smartphone. Mit der BahnCard 25 bekommt man auf jeden Ticketpreis fünfundzwanzig Prozent Rabatt, während die BahnCard 50 den Preis sogar halbiert. Für Menschen, die beruflich ständig zwischen verschiedenen Städten unterwegs sind, gibt es schließlich die BahnCard 100, eine Art Generalabonnement, mit dem man ein ganzes Jahr lang in jeden beliebigen Zug im ganzen Land einsteigen kann, ohne jemals ein einzelnes Ticket kaufen zu müssen.

Den größten und radikalsten Wandel in der deutschen Tarifgeschichte hat das Land jedoch nach der Energiekrise erlebt. Um die Bürger finanziell zu entlasten und mehr Menschen zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen, hat die Politik zunächst das berühmte Neun-Euro-Ticket für drei Sommermonate getestet. Dieses Experiment war ein so gigantischer Erfolg, dass daraus eine dauerhafte Lösung entstanden ist: das Deutschlandticket. Für einen festen monatlichen Betrag im Abonnement können die Menschen seitdem bundesweit alle Regionalzüge, S-Bahnen, U-Bahnen, Straßenbahnen und Linienbusse nutzen, völlig egal, in welcher Stadt oder in welchem Bundesland sie sich gerade befinden. Das Deutschlandticket gilt zwar nicht in den schnellen ICE- und IC-Zügen des Fernverkehrs, hat aber den gesamten Nahverkehr von Grund auf revolutioniert. Es hat den alten Tarifdschungel mit einem Schlag beseitigt, Millionen neue Kunden für die Schiene gewonnen und das Pendeln in ganz Deutschland spürbar vereinfacht.

Um eine Reise mit der Bahn in Deutschland stressfrei zu überstehen und nicht unangenehm aufzufallen, sollte man die wichtigsten geschriebenen und ungeschriebenen Regeln kennen. Das fängt schon vor dem Einsteigen auf dem Bahnsteig an. Wenn der Zug einfährt und die Türen sich öffnen, gilt in Deutschland ein eisernes Grundgesetz: Erst die Fahrgäste aussteigen lassen, bevor man selbst einsteigt. Wer versucht, sich gegen den Strom der aussteigenden Menschen in den Zug zu drängeln, erntet garantiert böse Blicke und laute Beschwerden. Man stellt sich deshalb links und rechts neben die Waggontür, bildet eine freie Gasse und wartet geduldig, bis alle draußen sind.

Im Zug selbst geht es vor allem um Rücksichtnahme und die Wahrung der persönlichen Privatsphäre. Ein typisches Streitthema ist das Gepäck. Es gilt als extrem unhöflich, den eigenen Rucksack oder Koffer auf den freien Nachbarsitz zu stellen, besonders wenn der Zug voll ist und andere Menschen nach einem Sitzplatz suchen. Taschen gehören entweder in die Gepäckablage über den Sitzen oder direkt auf den Boden zwischen die eigenen Beine. Wenn man einen freien Platz sieht, fragt man die Person daneben stets höflich mit dem Satz: „Entschuldigung, ist dieser Platz noch frei?“ Erst wenn das Gegenüber nickt oder bejaht, setzt man sich hin. Eine ganz besondere Zone ist der sogenannte Ruhebereich im ICE. Hier ist lautes Telefonieren absolut verboten, man unterhält sich nur im Flüsterton und achtet darauf, dass keine Musik aus den Kopfhörern nach außen dringt. Wer im Ruhebereich laut telefoniert, wird sehr schnell und direkt von Mitreisenden oder dem Zugpersonal ermahnt.

Auch an die typische Sprache und die Ansagen im Zug gewöhnt man sich schnell. Wenn die Türen schließen, ertönt die weltberühmte Warnung: „Zurückbleiben, bitte!“, die man unbedingt befolgen sollte. Während der Fahrt hört man regelmäßig den Zugbegleiter, der freundlich, aber bestimmt sagt: „Die Fahrkarten bitte!“ Bei der Ticketkontrolle zeigt man entweder den QR-Code auf dem Smartphone oder das Papierticket vor, oft zusammen mit einem Lichtbildausweis oder der BahnCard. Wenn sich das Reiseziel nähert, kündigt die automatische Stimme den nächsten Bahnhof an mit Worten wie: „Nächster Halt: Berlin Hauptbahnhof. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links. Ihre nächsten Anschlüsse...“

Und sollte es doch einmal schiefgehen, was bei der Bahn bekanntlich häufiger vorkommt, hört man die beiden bekanntesten Sätze des deutschen Bahnverkehrs: „Dieser Zug fällt heute leider aus“ oder „Wir erreichen unser Ziel heute mit einer Verspätung von etwa zwanzig Minuten. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Mit diesem Wissen über die Verhaltensregeln und die typischen Redewendungen ist man für jede Fahrt auf dem deutschen Schienennetz bestens gerüstet und kann die Reise entspannt genießen.

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