Das Leben von Wright Brüder (A2-B1)
NEWHÖREN

Die Geschichte der Brüder Wright beginnt im späten 19. Jahrhundert im Mittleren Westen der USA. Wilbur Wright ist im Jahr 1867 in Indiana geboren, sein jüngerer Bruder Orville im Jahr 1871 in Ohio. Zusammen mit ihren Geschwistern sind sie in einer sehr intellektuellen und liberalen Familie aufgewachsen. Ihr Vater, Milton Wright, ist ein Bischof der Kirche gewesen. Er hat eine große Bibliothek besessen und hat seine Kinder immer dazu ermutigt, viele Bücher zu lesen und die Welt kritisch zu hinterfragen. Ihre Mutter, Susan Wright, hat ein großes Talent für Mathematik und Mechanik gehabt. Sie hat oft Spielzeuge für ihre Kinder selbst gebaut.
Ein ganz bestimmtes Ereignis in ihrer Kindheit hat das Leben der Brüder für immer verändert. Im Jahr 1878 hat der Vater von einer Reise ein kleines Spielzeug mitgebracht. Es ist ein einfacher Hubschrauber aus Bambus, Kork und Papier gewesen, der durch ein Gummiband fliegen konnte. Dieses Spielzeug basierte auf den Ideen des französischen Erfinders Alphonse Pénaud. Die beiden Jungen haben dieses Spielzeug geliebt. Als es kaputtgegangen ist, haben sie es einfach selbst nachgebaut, aber in einer größeren Version. Aus der Sicht von Historikern ist dieses kleine Spielzeug der Funke gewesen, der das lebenslange Interesse der Brüder an der Luftfahrt entzündet hat.
Obwohl beide Brüder sehr intelligent gewesen sind, hat keiner von ihnen einen offiziellen Highschool-Abschluss gemacht. Wilbur hat seine Schulzeit wegen eines Unfalls beim Eishockeyspielen und der anschließenden Depression abgebrochen. Orville hat die Schule verlassen, um sein eigenes Unternehmen zu gründen. Das hat sie jedoch nicht gestoppt, sich selbst weiterzubilden. Sie haben alles über Physik, Mechanik und Naturwissenschaften gelesen, was sie finden konnten. Sie haben schon als Kinder gelernt, wie man Probleme systematisch und logisch analysiert. Diese enge Zusammenarbeit und das gegenseitige Vertrauen sind die wichtigsten Grundlagen für ihre späteren wissenschaftlichen Erfolge gewesen.
Bevor die Brüder Wright angefangen haben, Flugzeuge zu bauen, sind sie sehr aktive und kreative Jungunternehmer gewesen. Ihr erstes echtes Geschäft hat im Jahr 1889 begonnen. Orville hat ein großes Interesse an der Drucktechnik gehabt. Er hat eine eigene, große Druckpresse gebaut – größtenteils aus alten Holz- und Metallteilen, die er auf der Straße gefunden hat. Zusammen mit Wilbur hat er eine wöchentliche Zeitung mit dem Namen The West Side News herausgegeben. Wilbur ist der Redakteur gewesen und Orville hat sich um die Technik und den Druck gekümmert. Obwohl dieses Geschäft erfolgreich gewesen ist, haben sie bald eine neue, noch größere Leidenschaft entdeckt.
Im späten 19. Jahrhundert hat es in den USA und in Europa einen riesigen „Fahrrad-Boom“ gegeben. Das Fahrrad ist zu dieser Zeit das modernste und beliebteste Transportmittel für die Menschen geworden. Die Brüder Wright haben diesen Trend sofort erkannt. Im Jahr 1892 haben sie in ihrer Heimatstadt Dayton, Ohio, ein neues Geschäft eröffnet: die Wright Cycle Exchange (später Wright Cycle Company). Zuerst haben sie nur Fahrräder von anderen Firmen repariert und verkauft. Aber weil sie exzellente Mechaniker gewesen sind, haben sie bald angefangen, ihre eigenen Fahrräder zu entwerfen und unter eigenen Markennamen wie Van Cleve und St. Clair zu produzieren.
Aus der Sicht eines Historikers ist die Fahrrad-Werkstatt der perfekte Vorbereitungsort für ihre späteren Flugversuche gewesen. Hier haben sie wichtige physikalische und mechanische Prinzipien gelernt. Sie haben verstanden, wie wichtig ein geringes Gewicht, eine stabile Kette und die Aerodynamik sind. Vor allem aber haben sie durch das Fahrradfahren ein grundlegendes Konzept verstanden: Ein Fahrzeug muss nicht absolut stabil sein, um zu funktionieren. Ein Fahrradfahrer muss ständig das Gleichgewicht halten, um nicht umzufallen. Dieses Prinzip der dynamischen Balance haben die Brüder später direkt auf das Fliegen übertragen.
Die Einnahmen aus der erfolgreichen Fahrrad-Werkstatt haben den Brüdern auch die finanzielle Unabhängigkeit gegeben, die sie brauchten. Im Gegensatz zu vielen anderen Erfindern ihrer Zeit haben sie keine reichen Sponsoren oder staatliche Unterstützung gehabt. Sie haben jeden Cent für ihre Flugexperimente selbst in ihrer Werkstatt verdient. Die Werkstatt ist gleichzeitig ihr erstes Labor gewesen, in dem sie Werkzeuge, Metallteile und das nötige Wissen für das größte Abenteuer ihres Lebens gesammelt haben.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist der Traum vom Fliegen für die Brüder Wright zu einer echten Obsession geworden. Sie haben die Nachrichten über die weltweiten Versuche in der Luftfahrt sehr aufmerksam verfolgt. Ein ganz wichtiges Vorbild für sie ist der deutsche Flugpionier Otto Lilienthal gewesen. Lilienthal hat als erster Mensch erfolgreiche und systematische Gleitflüge durchgeführt. Er hat gezeigt, dass der Traum vom Fliegen keine Spinnerei ist, sondern ein echtes physikalisches Problem, das man mit Logik und Experimenten lösen kann.
Als Otto Lilienthal im Jahr 1896 bei einem seiner Flugversuche tragisch abgestürzt und gestorben ist, hat diese Nachricht die Brüder Wright zutiefst getroffen. Doch dieser Unfall hat sie nicht abgeschreckt; er hat sie vielmehr dazu motiviert, die Arbeit von Lilienthal fortzusetzen. Wilbur Wright hat im Jahr 1899 einen Brief an die berühmte Smithsonian Institution in Washington geschrieben. Er hat in diesem Brief nach allen wissenschaftlichen Büchern und Arbeiten gefragt, die es über das Fliegen gab. Die Brüder wollten genau verstehen, warum Lilienthal und andere Erfinder gescheitert waren.
Aus der Sicht von Historikern haben die Wright-Brüder ein zentrales Problem erkannt, das andere Erfinder ignoriert hatten. Die meisten Pioniere dieser Zeit haben versucht, ein absolut stabiles Flugzeug zu bauen, das von alleine geradeaus fliegt – ähnlich wie ein Schiff auf dem Wasser. Doch die Wrights haben durch ihre Erfahrung mit Fahrrädern gewusst, dass die Luft ein sehr unruhiges Element ist. Ein Flugzeug, so haben sie argumentiert, braucht keine automatische Stabilität, sondern eine effektive Steuerung. Der Pilot muss in der Lage sein, das Flugzeug in alle drei Dimensionen zu kontrollieren: nach oben und unten (Nicken), nach links und rechts (Gieren) und um die eigene Längsachse (Rollen).
Um dieses Problem zu lösen, haben die Brüder begonnen, Vögel in der Natur intensiv zu beobachten. Wilbur hat bemerkt, dass Vögel ihre Flügelspitzen elegant verbiegen, um die Richtung zu ändern und das Gleichgewicht im Wind zu halten. Diese Entdeckung hat sie auf eine geniale Idee gebracht: die Tragflächenverwindung (auf Englisch: wing warping). Sie haben dieses Prinzip zuerst an einem kleinen Drachen ausprobiert. Das System hat funktioniert. Damit hatten sie den ersten Schritt auf dem Weg zu einem steuerbaren Flugzeug gemacht. Der Traum ist langsam zu einem konkreten wissenschaftlichen Projekt geworden.
Im Jahr 1900 haben die Brüder Wright beschlossen, ihre theoretischen Ideen in der Praxis zu testen. Sie haben einen großen Gleitflieger gebaut, der groß genug gewesen ist, um einen Menschen zu tragen. Doch für die praktischen Tests haben sie einen ganz bestimmten Ort gebraucht. Ihre Heimatstadt Dayton in Ohio ist dafür nicht geeignet gewesen, da es dort zu wenig Wind und zu viele Bäume gab. Sie haben deshalb an das nationale Wetteramt der USA geschrieben, um nach einem Ort mit konstantem, starkem Wind und weichem Sandboden für eventuelle Abstürze zu suchen.
Die Antwort hat sie nach Kitty Hawk geführt, einem kleinen, isolierten Fischerdorf an den „Outer Banks“ im Bundesstaat North Carolina. Dieser Ort ist für die Brüder perfekt gewesen. Es hat dort fast immer starken und gleichmäßigen Wind vom Atlantischen Ozean gegeben. Außerdem haben die riesigen Sanddünen (die Kill Devil Hills) eine ideale Startrampe für ihre Gleiter geboten. Der weiche Sand hat zudem das Risiko für schwere Verletzungen bei Unfällen minimiert. Im Spätsommer 1900 sind sie zum ersten Mal dorthin gereist und haben ihr Camp in der Wildnis aufgeschlagen.
Die ersten Experimente in den Jahren 1900 und 1901 sind jedoch eine große Enttäuschung gewesen. Die Brüder haben ihre Gleiter oft wie einen großen Drachen an Seilen vom Boden aus gesteuert, um die Aerodynamik zu testen. Manchmal ist Wilbur auch selbst mit dem Gleiter geflogen. Doch die Enttäuschung ist groß gewesen: Die Flügel haben nicht so viel Auftrieb (die Kraft, die das Flugzeug nach oben zieht) produziert, wie die wissenschaftlichen Tabellen der damaligen Zeit versprochen hatten. Auch die Steuerung mit der Tragflächenverwindung hat im echten Wind nicht immer so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt hatten.
Aus der Sicht eines Historikers ist das Jahr 1901 der absolute Tiefpunkt für die Brüder gewesen. Nach einer harten Saison in Kitty Hawk ist Wilbur so deprimiert gewesen, dass er auf der Heimreise zu Orville gesagt hat: „Der Mensch wird in den nächsten tausend Jahren nicht fliegen.“ Doch anstatt aufzugeben, haben die Brüder angefangen, an den offiziellen physikalischen Daten der Wissenschaft zu zweifeln. Sie haben verstanden, dass die existierenden Tabellen – selbst die des berühmten Otto Lilienthal – Fehler enthalten mussten. Sie haben beschlossen, alle physikalischen Gesetze der Aerodynamik noch einmal ganz von vorne selbst zu erforschen.
Nach den Misserfolgen im Sand von Kitty Hawk haben die Brüder Wright im Winter 1901 eine sehr wichtige wissenschaftliche Entscheidung getroffen. Sie haben verstanden, dass sie nicht mehr einfach nur raten oder falschen Daten vertrauen konnten. Sie mussten die physikalischen Gesetze des Auftriebs und des Luftwiderstands selbst ganz genau messen. Dafür haben sie in ihrer Fahrrad-Werkstatt in Dayton ein für die damalige Zeit revolutionäres Gerät gebaut: einen eigenen Windkanal.
Dieser Windkanal ist ein einfacher, eckiger Holzkasten gewesen, der etwa 1,8 Meter lang war. An einem Ende hat ein kleiner Benzinmotor einen Ventilator angetrieben, der einen gleichmäßigen Luftstrom in den Kasten geblasen hat. Das Geniale an diesem Experiment ist jedoch das Messinstrument gewesen, das die Brüder selbst konstruiert hatten. Sie haben aus alten Fahrradspeichen und feinen Blechteilen eine hochpräzise Waage gebaut. Mit dieser Waage konnten sie den Auftrieb und den Luftwiderstand von verschiedenen Flügelformen ganz genau messen.
Aus der Sicht eines Historikers ist dieser Windkanal der eigentliche Schlüssel zu ihrem späteren Erfolg gewesen. Die Brüder haben über 200 verschiedene Miniatur-Flügelmodelle mit unterschiedlichen Kurven, Dicken und Längen getestet. Sie haben systematisch Daten gesammelt und eine eigene, korrekte Tabelle für die Aerodynamik erstellt. Sie haben herausgefunden, dass längere und schmalere Flügel viel mehr Auftrieb erzeugen als kurze, breite Flügel. Damit haben sie bewiesen, dass fast alle bisherigen wissenschaftlichen Berechnungen der Luftfahrtpioniere fehlerhaft waren.
Mit diesen neuen, absolut präzisen Daten haben sie im Jahr 1902 einen neuen, viel größeren Gleitflieger gebaut. Als sie im Herbst 1902 wieder nach Kitty Hawk gereist sind, hat sich die Arbeit im Windkanal sofort ausgezahlt. Der neue Gleiter ist fantastisch geflogen. Er hat nicht nur perfekten Auftrieb gehabt, sondern die Brüder haben auch ein bewegliches Seitenruder am Heck hinzugefügt, das mit der Tragflächenverwindung gekoppelt war. Dadurch konnten sie das Flugzeug im Wind perfekt stabilisieren. Mit fast 1.000 erfolgreichen Gleitflügen im Jahr 1902 hatten sie das Problem des Segelfliegens gelöst. Nun war der Weg frei für den nächsten logischen Schritt: den Motor.
Nach den großen Erfolgen mit dem Gleiter im Jahr 1902 haben die Brüder Wright das letzte große Puzzleteil für ihren Traum ins Auge gefasst: den Motor. Ein echtes Flugzeug hat nicht nur Wind gebraucht, um in der Luft zu bleiben, sondern eine eigene Kraftquelle. Die Aufgabe ist jedoch extrem schwierig gewesen: Der Motor hat sehr viel Kraft (mindestens 8 PS) haben müssen, durfte aber nicht mehr als etwa 90 Kilogramm wiegen.
Die Brüder haben zuerst bei vielen verschiedenen Autofirmen und Motorenherstellern in den USA nachgefragt, ob diese einen so leichten und starken Benzinmotor bauen könnten. Doch alle Firmen haben geantwortet, dass dies technisch unmöglich sei oder dass sie kein Interesse an einem solchen Projekt hätten. Aus diesem Grund haben die Wrights beschlossen, den Motor einfach selbst zu bauen. Sie haben dabei Hilfe von ihrem talentierten Werkstatt-Mitarbeiter Charlie Taylor bekommen, der ein genialer Mechaniker gewesen ist.
Um Gewicht zu sparen, haben sie eine für die damalige Zeit revolutionäre Entscheidung getroffen: Sie haben das Kurbelgehäuse des Motors aus Aluminium gegossen. Aluminium ist damals ein sehr neues und teures Metall gewesen, aber es hat das Gewicht des Motors massiv reduziert. Der fertige Vierzylindermotor hat schließlich etwa 12 PS geleistet und hat nur 82 Kilogramm gewogen. Damit haben die Brüder ihre eigenen Ziele sogar übertroffen.
Ein weiteres physikalisches Problem sind die Propeller gewesen. Die Wright-Brüder haben in wissenschaftlichen Büchern nachgelesen, wie man einen Luftpropeller konstruiert, aber es hat zu dieser Zeit keine brauchbaren Theorien gegeben. Sie haben daraufhin erkannt, dass ein Propeller im Grunde nichts anderes ist als ein rotierender Flügel. Mit diesem theoretischen Durchbruch haben sie zwei Holzpropeller entworfen, die einen Wirkungsgrad von über 65 Prozent hatten – ein fantastischer Wert für das Jahr 1903.
Aus der Sicht eines Historikers hat diese Kombination aus dem selbst gebauten Aluminiummotor und den hocheffizienten Propellern bewiesen, dass die Brüder Wright nicht nur theoretische Genies, sondern auch herausragende praktische Ingenieure gewesen sind. Während andere Forscher mit enormen Summen an staatlichen Geldern an dieser Aufgabe gescheitert waren, haben die Wrights in ihrer kleinen Fahrrad-Werkstatt in Dayton eine hocheffiziente Antriebseinheit geschaffen, die bereit für den ersten echten Flug der Menschheit gewesen ist.
Im Spätherbst 1903 sind die Brüder Wright wieder nach Kitty Hawk gereist, um ihre neue Maschine, den Wright Flyer, zu testen. Das neue Flugzeug hat eine Flügelspannweite von etwa 12 Metern gehabt, hat mit dem Motor und dem Piloten ungefähr 340 Kilogramm gewogen und hat über zwei hölzerne Propeller verfügt, die durch Ketten – wie beim Fahrrad – mit dem Motor verbunden waren. Die Bedingungen im Dezember sind sehr schwierig gewesen, da es extrem kalt war und ein starker, eisiger Wind geweht hat.
Am 14. Dezember haben die Brüder den ersten echten Versuch unternommen. Sie haben zuvor eine Münze geworfen, um gerecht zu entscheiden, wer als Erster fliegen darf. Wilbur hat dieses Duell gewonnen. Doch beim Start hat er einen kleinen Fehler gemacht: Er hat die Maschine zu steil nach oben gesteuert. Das Flugzeug hat in der Luft an Geschwindigkeit verloren und ist nach nur dreieinhalb Sekunden unsanft im Sand gelandet. Der Flyer ist dabei leicht beschädigt worden, aber dieser kurze Moment hat den Brüdern gezeigt, dass ihr selbst gebauter Motor genug Kraft für den Aufstieg hatte.
Nach drei Tagen intensiver Reparaturarbeit ist am 17. Dezember 1903 der historische Tag gekommen. Um genau 10:35 Uhr ist Orville Wright an der Reihe gewesen. Er hat sich flach auf die untere Tragfläche des Flyers gelegt, um den Luftwiderstand so gering wie möglich zu halten. Wilbur ist neben der Maschine hergelaufen, um die Tragfläche im Gleichgewicht zu halten, während das Flugzeug auf einer hölzernen Schiene Fahrt aufgenommen hat. Der Flyer ist gegen den starken Wind gestartet, hat an Geschwindigkeit gewonnen und hat sich tatsächlich ganz von alleine in die Luft erhoben. Orville ist 12 Sekunden lang geflogen und hat dabei eine Strecke von etwa 37 Metern zurückgelegt.
Aus der Sicht eines Historikers ist dieser kurze Flug der erste bemannte, gesteuerte und kontinuierliche Flug mit einem Motorfahrzeug gewesen, das schwerer als die Luft war. Die Brüder haben an diesem geschichtsträchtigen Tag insgesamt vier Flüge durchgeführt. Beim letzten und längsten Flug des Tages ist Wilbur Wright am Steuer gewesen. Er hat die Maschine noch besser kontrolliert, ist unglaubliche 59 Sekunden lang in der Luft geblieben und hat dabei eine Distanz von 260 Metern überwunden.
Obwohl nur sehr wenige Zeugen – darunter ein paar lokale Rettungsschwimmer – diesen Moment mit eigenen Augen beobachtet haben, hat eine Fotokamera diesen Augenblick für immer festgehalten. Orville hatte die Kamera vor dem Start auf einem Stativ positioniert und dem Rettungsschwimmer John T. Daniels genau erklärt, wann er auf den Auslöser drücken musste. Dieses weltberühmte Foto ist der unumstößliche Beweis dafür gewesen, dass der uralte Traum der Menschheit an diesem kalten Dezembermorgen Realität geworden war.
Nach den erfolgreichen Flügen am 17. Dezember 1903 haben die Brüder Wright sofort ein Telegramm an ihren Vater geschickt, um die sensationelle Nachricht zu teilen. Doch die Reaktion der Öffentlichkeit und der Medien ist ganz anders gewesen, als man es heute erwarten würde. Die Welt hat diese Nachricht zunächst mit extrem großer Skepsis aufgenommen. Fast niemand hat den beiden Fahrradmechanikern aus Ohio geglaubt, dass sie das Geheimnis des Fliegens gelöst hatten.
Ein wichtiger Grund für diese Skepsis ist die Rolle der Medien gewesen. Die großen Zeitungen in den USA haben damals fast täglich über andere, sehr berühmte Wissenschaftler berichtet, die viel Geld vom Staat erhalten hatten, aber spektakulär gescheitert waren. Ein bekanntes Beispiel ist Samuel Pierpont Langley gewesen, der Chef der angesehenen Smithsonian Institution. Seine Flugmaschine ist nur wenige Tage vor dem Erfolg der Wright-Brüder vor den Augen der Presse im Fluss abgestürzt. Die Journalisten haben deshalb geglaubt, dass das Fliegen mit Motoren physikalisch unmöglich sei und dass Berichte über erfolgreiche Flüge nur billige Lügen waren.
Dazu ist gekommen, dass die Brüder Wright sehr verschlossen und geheimnisvoll gearbeitet haben. Da sie ihre Technologie und ihre Erfindungen schützen wollten, haben sie in den Jahren 1904 und 1905 keine großen öffentlichen Vorführungen gemacht. Sie haben ihre Flüge auf einer einfachen Kuhweide in der Nähe ihrer Heimatstadt Dayton (Huffman Prairie) fortgesetzt. Wenn neugierige Reporter oder Fotografen gekommen sind, haben die Brüder die Flüge oft abgesagt. Sie wollten erst dann an die Öffentlichkeit gehen, wenn sie die Patente für ihre Steuerungstechnologie sicher in den Händen hielten.
Aus der Sicht eines Historikers hat diese Geheimhaltung zu einer absurden Situation geführt. Während die Brüder Wright bereits im Jahr 1905 Flüge von über 30 Minuten Dauer gemacht haben und Kreise in den Himmel fliegen konnten, hat die wissenschaftliche Welt in Europa und Amerika sie immer noch für Scharlatane gehalten. In Frankreich haben namhafte Luftfahrtpioniere öffentlich erklärt, dass die Wrights Lügner seien. Diese Ignoranz der Welt hat dazu geführt, dass die Brüder jahrelang im Verborgenen weiterarbeiten mussten, während andere Erfinder versucht haben, ihre Ideen zu kopieren.
Nach Jahren der Skepsis und des Misstrauens in ihrer Heimat haben die Brüder Wright im Jahr 1908 eine wichtige Entscheidung getroffen. Sie haben verstanden, dass sie ihre Erfindung der Welt live präsentieren mussten, um Verträge mit Regierungen und Investoren abschließen zu können. Da die europäische Luftfahrt zu dieser Zeit sehr aktiv war, aber die Leistungen der Wrights immer noch bezweifelte, ist Wilbur Wright im Sommer 1908 nach Frankreich gereist.
Die ersten Vorführungen haben auf einer Rennbahn in der Nähe der Stadt Le Mans stattgefunden. Viele französische Flugpioniere und Journalisten sind zu den Flügen gekommen. Sie waren sehr kritisch und haben erwartet, dass Wilbur scheitern würde. Doch als Wilbur am 8. August 1908 mit dem neuen Wright Model A abhob, hat sich die Stimmung sofort komplett verändert. Wilbur ist nicht nur geradeaus geflogen; er ist enge Kurven, perfekte Achten und elegante Kreise in der Luft geflogen. Er hat das Flugzeug mit einer Leichtigkeit kontrolliert, die die Zuschauer fassungslos gemacht hat.
Aus der Perspektive eines Historikers ist dieser Tag in Le Mans der endgültige Beweis für die technische Überlegenheit der Wright-Brüder gewesen. Während die europäischen Flugzeuge zu dieser Zeit sehr schwerfällig waren und kaum Kurven fliegen konnten, hat Wilbur gezeigt, dass sein System der dreidimensionalen Steuerung (besonders die Kombination aus Tragflächenverwindung und Seitenruder) absolut perfekt funktioniert hat. Die französischen Zeitungen, die die Brüder vorher als Lügner bezeichnet hatten, haben nun begeistert geschrieben: „Wir sind geschlagen! Wir sind absolut nichts im Vergleich zu den Wrights!“
Wilbur ist in Frankreich über Nacht zu einem weltweiten Superstar geworden. Reiche Persönlichkeiten, Könige und Wissenschaftler sind nach Le Mans gereist, um den „Vogelmenschen“ fliegen zu sehen. Zur gleichen Zeit hat Orville Wright in den USA erfolgreiche Flüge für das amerikanische Militär durchgeführt. Die Skepsis der Welt war endgültig besiegt. Die Menschen haben begriffen, dass die beiden Mechaniker aus Ohio das größte technische Rätsel der Epoche gelöst hatten. Frankreich hat sich als das Epizentrum dieser Begeisterung erwiesen, was den Brüdern die Türen für weltweite Geschäfte geöffnet hat.
Nach dem großen Triumph in Europa und den USA haben die Brüder Wright im Jahr 1909 die Wright Company gegründet, um ihre Flugzeuge kommerziell zu produzieren. Doch anstatt ihre Technologie in Ruhe weiterzuentwickeln, haben die Brüder fast ihre gesamte Energie in einen jahrelangen, bitteren Rechtsstreit investiert. Dieser Kampf ist als der große Patentkrieg in die Luftfahrtgeschichte eingegangen.
Die Wright-Brüder hatten im Jahr 1906 ein sehr breites Patent auf ihr System der dreidimensionalen Steuerung erhalten. Dieses Patent hat nicht nur die manuelle Verbiegung der Flügel (Tragflächenverwindung) geschützt, sondern allgemein jede Methode, bei der die Querneigung eines Flugzeugs durch die Veränderung der Flügelwinkel kontrolliert wurde. Als andere Erfinder – wie der Amerikaner Glenn Curtiss – anfingen, Flugzeuge mit beweglichen Klappen an den Flügeln (den heutigen Querrudern) zu bauen, haben die Wrights das als eine direkte Kopie ihrer Idee betrachtet. Sie haben Curtiss und viele andere Pioniere in den USA und Europa sofort verklagt.
Aus der Sicht eines Historikers hat dieser Patentkrieg die technische Entwicklung der Luftfahrt in den USA massiv gebremst. Wilbur und Orville Wright sind extrem kompromisslos gewesen. Sie haben von jedem Flugzeughersteller und sogar von Piloten, die Shows geflogen sind, sehr hohe Lizenzgebühren verlangt. Viele junge Erfinder haben die Fliegerei deshalb aufgegeben oder sind nach Europa gegangen, wo die Patentgesetze lockerer waren. Glenn Curtiss ist zum großen Rivalen der Brüder geworden und hat den Rechtsstreit mit allen Mitteln in die Länge gezogen.
Der ständige Stress vor Gericht hat besonders Wilbur Wright physisch und psychisch schwer belastet. Er ist wochenlang von einem Gerichtstermin zum nächsten gereist, hat Beweise gesammelt und wissenschaftliche Gutachten geschrieben, anstatt neue Flugzeuge zu konstruieren. Obwohl die Gerichte den Brüdern in vielen Punkten recht gegeben haben, war der Preis für diesen juristischen Sieg extrem hoch. Die Wrights haben durch die vielen Prozesse wertvolle Zeit verloren, während die europäische Luftfahrtindustrie sie technologisch langsam zu überholen begann.
Der lange und anstrengende Kampf um die Patente hat die Gesundheit von Wilbur Wright massiv geschwächt. Im Frühjahr 1912 ist er während einer Geschäftsreise schwer an Typhus erkrankt. Nach mehreren Wochen Fieber ist Wilbur am 30. Mai 1492 – Entschuldigung, am 30. Mai 1912 – im Alter von nur 45 Jahren in seinem Elternhaus in Dayton gestorben. Sein Vater Milton Wright hat in sein Tagebuch geschrieben, dass Wilburs Leben kurz, aber voller intellektueller Kraft gewesen ist und dass er niemals aufgegeben hat.
Der Tod seines Bruders hat Orville Wright tief getroffen. Die beiden hatten fast ihr ganzes Leben lang zusammengearbeitet und hatten keine Geheimnisse voreinander gehabt. Orville hat die Leitung der Wright Company übernommen, aber er hat schnell das Interesse am kommerziellen Geschäft verloren. Er ist kein Geschäftsmann gewesen, sondern ein leidenschaftlicher Tüftler und Forscher. Im Jahr 1915 hat er die Firma verkauft und sich aus der aktiven Flugzeugproduktion zurückgezogen. Er hat sich ein neues, ruhiges Labor in Dayton gebaut, wo er an verschiedenen mechanischen Erfindungen gearbeitet hat.
Aus der Perspektive eines Historikers hat Orville die zweite Hälfte seines Lebens vor allem der Bewahrung des historischen Erbes der Brüder gewidmet. Er hat jahrelang mit der berühmten Smithsonian Institution in Washington gestritten. Diese Institution hatte behauptet, dass ihr früherer Chef, Samuel Langley, das erste flugfähige Flugzeug gebaut hatte. Aus Protest gegen diese falsche Darstellung der Geschichte hat Orville den originalen Wright Flyer von 1903 an ein Museum nach London geschickt. Erst im Jahr 1942 hat das Smithsonian offiziell zugegeben, dass die Wright-Brüder die Ersten gewesen waren, und der Flyer ist später nach Amerika zurückgekehrt.
Orville Wright hat miterlebt, wie sich seine Erfindung in rasantem Tempo weiterentwickelt hat. Er hat gesehen, wie Flugzeuge im Ersten und Zweiten Weltkrieg als schreckliche Waffen eingesetzt wurden, aber er hat auch den Beginn des kommerziellen Linienflugs erlebt, der die Kontinente miteinander verbunden hat. Orville ist am 30. Januar 1948 im Alter von 76 Jahren nach einem Herzinfarkt gestorben. Er hat den Weg von den ersten 12 Sekunden im Sand von Kitty Hawk bis zum Beginn des Jetzeitalters mit eigenen Augen miterlebt.
Aus der Sicht der modernen Geschichtsschreibung sind Wilbur und Orville Wright nicht einfach nur zwei glückliche Bastler gewesen, die zufällig als Erste geflogen sind. Sie waren echte Pioniere der angewandten Wissenschaft. Ihre systematische Methode – die Kombination aus theoretischer Forschung im Windkanal, präziser mathematischer Messung und mutigen praktischen Tests – hat die Luftfahrt von einer gefährlichen Träumerei in eine exakte Wissenschaft verwandelt.
Das größte Erbe der Brüder ist das Konzept der dreidimensionalen Steuerung. Jedes moderne Flugzeug, das heute am Himmel fliegt – von der kleinen Sportmaschine bis zum riesigen Passagierjet –, nutzt im Prinzip immer noch dieselbe Steuerungstechnik, die die Wright-Brüder zwischen 1900 und 1903 in der Einsamkeit von Kitty Hawk entwickelt haben. Sie haben verstanden, dass Fliegen kein Problem der puren Motorkraft ist, sondern ein Problem des Gleichgewichts und der Kontrolle.
Die globalen Auswirkungen ihrer Erfindung sind kaum zu überschätzen. Das Flugzeug hat die Geografie der Erde geschrumpft. Reisen, die früher Wochen oder Monate mit dem Schiff oder der Eisenbahn gedauert haben, sind plötzlich in wenigen Stunden möglich geworden. Der internationale Handel, der globale Kulturaustausch und die moderne Diplomatie basieren heute zu einem großen Teil auf der schnellen Luftfahrt, die durch den Erfolg im Jahr 1903 gestartet wurde.
Doch dieses Erbe hat auch Schattenseiten gehabt, derer sich besonders Orville Wright in seinen späten Jahren schmerzhaft bewusst gewesen ist. Die rasante Entwicklung des Flugzeugs zur Kriegswaffe in den beiden Weltkriegen hat gezeigt, dass diese Technologie auch unendliches Leid und Zerstörung bringen konnte. Dennoch überwiegt in der historischen Bewertung das Positive: Die Wright-Brüder haben der Menschheit die Flügel geschenkt. Sie haben bewiesen, dass mit Logik, Geduld und eisernem Willen selbst die ältesten Träume der Menschheit Realität werden können.
