Das Leben von Sokrates
HÖREN

Sokrates ist um das Jahr 469 vor Christus in Athen geboren. Sein Vater hat Sophroniskos geheißen und ist ein begabter Bildhauer gewesen. Seine Mutter, Phainarete, hat als Hebamme gearbeitet. Diese familiären Hintergründe haben das Denken von Sokrates später stark beeinflusst. Er hat oft gesagt, dass seine philosophische Arbeit wie die Arbeit einer Hebamme ist: Er hat den Menschen nicht sein eigenes Wissen gegeben, sondern er hat ihnen geholfen, die Wahrheit in ihrem eigenen Inneren „zu gebären“.
In seiner Jugend hat Sokrates wahrscheinlich zuerst das Handwerk seines Vaters gelernt. Man hat früher sogar geglaubt, dass er einige Statuen auf der Akropolis von Athen selbst gemeißelt hat. Aber Sokrates hat schnell gemerkt, dass ihn die Arbeit mit Stein nicht glücklich macht. Er hat sich nicht für leblose Materie interessiert, sondern für die menschliche Seele und die Bedeutung von Gerechtigkeit, Tugend und Wahrheit.
Athen ist zu dieser Zeit eine sehr reiche und mächtige Stadt gewesen. Es ist das „Goldene Zeitalter“ unter Perikles gewesen. Überall hat man prächtige Tempel gebaut und über Demokratie diskutiert. Sokrates ist ein fester Teil dieser Gesellschaft gewesen, aber er ist anders als die anderen Bürger gewesen. Er hat keinen Wert auf Reichtum, schöne Kleidung oder teures Essen gelegt. Oft ist er barfuß durch die Straßen von Athen gelaufen und hat nur einen einfachen Mantel getragen.
Sein ganzes Leben hat er in Athen verbracht. Er hat die Stadt fast nie verlassen, außer wenn er als Soldat in den Krieg ziehen musste. Für Sokrates ist Athen nicht nur ein Ort zum Wohnen gewesen, sondern ein Ort für den Dialog. Er hat geglaubt, dass man nur durch das Gespräch mit anderen Menschen wirklich lernen kann. So hat seine Reise als Philosoph in den Werkstätten, auf den Marktplätzen und in den Straßen seiner Heimatstadt begonnen. Er hat die traditionelle Arbeit seines Vaters hinter sich gelassen, um der erste große „Bildhauer der Seelen“ zu werden.
Bevor Sokrates als der friedliche Philosoph in die Geschichte eingegangen ist, hat er sich als mutiger Soldat bewiesen. Während des Peloponnesischen Krieges, einem langen Konflikt zwischen Athen und Sparta, hat er als schwerbewaffneter Fußsoldat (Hoplit) in der athenischen Armee gekämpft. Er hat an wichtigen Schlachten teilgenommen, wie zum Beispiel in Potidaia, Delion und Amphipolis.
Seine Mitbürger sind sehr erstaunt über seine physische Ausdauer gewesen. Während andere Soldaten im kalten Winter von Thrakien über den Frost geklagt haben, ist Sokrates barfuß durch den Schnee gelaufen. Er hat keine spezielle Ausrüstung gegen die Kälte gebraucht und hat gezeigt, dass seine geistige Disziplin seinen Körper kontrollieren kann. Er hat Hunger, Durst und Kälte viel besser ertragen als jüngere Männer.
In der Schlacht von Potidaia hat er eine besonders heldenhafte Tat vollbracht. Er hat das Leben von Alkibiades gerettet, einem jungen und später sehr berühmten Staatsmann. Alkibiades ist verwundet am Boden gelegen, und Sokrates hat ihn gegen die Feinde verteidigt und ihn in Sicherheit gebracht. Später hat Sokrates sogar auf die Auszeichnung für Tapferkeit verzichtet und gewollt, dass Alkibiades den Preis bekommt.
Auch bei der Niederlage in der Schlacht von Delion hat Sokrates Ruhe bewahrt. Während viele andere Soldaten in Panik geflohen sind, ist er langsam und stolz zurückgegangen. Er hat so entschlossen ausgesehen, dass die Feinde ihn nicht angegriffen haben. Diese Jahre im Krieg haben Sokrates gezeigt, dass wahrer Mut nicht nur körperliche Stärke ist, sondern vor allem Standhaftigkeit und Selbstbeherrschung. Er hat gelernt, dass ein Mann seinen Prinzipien treu bleiben muss, egal ob im Krieg oder im politischen Leben von Athen. Diese Disziplin hat er später in seine Philosophie übernommen.
Es ist eine faszinierende Tatsache der Weltliteratur: Einer der einflussreichsten Denker der Menschheit hat kein einziges Buch hinterlassen. Sokrates hat sich bewusst dazu entschieden, seine Ideen niemals aufzuschreiben. Er hat geglaubt, dass die Wahrheit nur durch das lebendige Gespräch zwischen zwei Menschen gefunden werden kann. Für ihn ist die Philosophie kein totes Wissen in einem Buch gewesen, sondern ein dynamischer Prozess.
Sokrates hat eine kritische Meinung über das Schreiben gehabt. Er hat befürchtet, dass die Menschen durch Bücher aufhören würden, ihr eigenes Gedächtnis zu trainieren. Er hat gesagt, dass ein geschriebener Text immer dasselbe sagt und auf Fragen nicht antworten kann. Wenn man ein Buch etwas fragt, bleibt es stumm. Er hat den direkten Dialog bevorzugt, weil er dort auf die Persönlichkeit und die Argumente seines Gegenübers individuell reagieren konnte.
Alles, was wir heute über Sokrates wissen, haben wir anderen Personen zu verdanken. Sein wichtigster Schüler, Platon, hat nach dem Tod seines Lehrers viele Dialoge geschrieben. In diesen Texten ist Sokrates fast immer die Hauptperson. Auch der Historiker Xenophon hat über ihn berichtet. Diese Berichte sind jedoch sehr unterschiedlich: Bei Platon ist Sokrates ein genialer Metaphysiker, bei Xenophon eher ein praktischer Ratgeber.
Zusätzlich hat der Komödiendichter Aristophanes in seinem Stück „Die Wolken“ eine Parodie über Sokrates geschrieben. Dort hat er ihn als einen verrückten Lehrer dargestellt, der in einem Korb am Himmel hängt. Durch diese verschiedenen Quellen haben wir heute ein sehr komplexes Bild von ihm. Sokrates hat gewollt, dass seine Philosophie in den Köpfen der Menschen weiterlebt und nicht in staubigen Regalen. Er hat seine Spuren nicht auf Papier, sondern in den Seelen seiner Mitbürger hinterlassen.
Sokrates hat eine ganz besondere Art zu philosophieren erfunden, die wir heute als „Sokratische Methode“ oder „Elenktik“ kennen. Er ist nicht wie ein Lehrer aufgetreten, der lange Reden hält oder fertige Antworten gibt. Stattdessen ist er über den Marktplatz (die Agora) von Athen gelaufen und hat die Menschen in Gespräche verwickelt. Er hat so getan, als ob er selbst nichts wüsste, und hat seine Gesprächspartner gebeten, ihm Begriffe wie „Mut“, „Gerechtigkeit“ oder „Liebe“ zu erklären.
Sein Ziel ist es gewesen, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Wenn ein General ihm gesagt hat, dass Mut bedeutet, niemals wegzulaufen, hat Sokrates geschickte Gegenfragen gestellt: „Was ist aber, wenn ein Rückzug taktisch klug ist? Ist das dann feige?“ Durch diese Fragen hat der Gesprächspartner oft gemerkt, dass seine erste Definition falsch oder unvollständig gewesen ist. Sokrates hat diesen Prozess „Mäeutik“ genannt, was übersetzt „Hebammenkunst“ bedeutet. Er hat geglaubt, dass er keine neuen Ideen in die Köpfe pflanzt, sondern den Menschen nur hilft, die Wahrheit, die schon in ihnen steckt, ans Licht zu bringen.
Oft hat das Ende eines solchen Gesprächs in der sogenannten „Aporie“ geendet. Das bedeutet, dass beide Gesprächspartner am Ende zugeben mussten: „Ich weiß es eigentlich doch nicht.“ Viele Leute in Athen haben das sehr frustrierend gefunden. Sie haben sich vor den Zuschauern auf dem Marktplatz geschämt, weil Sokrates ihre Unwissenheit gezeigt hat. Aber für Sokrates ist dieses Eingeständnis der erste Schritt zur wahren Weisheit gewesen. Er hat die Menschen aus ihrer geistigen Trägheit aufgeweckt und sie gezwungen, ihre eigenen Überzeugungen kritisch zu prüfen. Diese Methode ist bis heute die Basis für kritisches Denken und moderne Pädagogik geblieben.
Eines der wichtigsten Ereignisse im Leben von Sokrates ist die Reise seines Freundes Chairephon nach Delphi gewesen. Chairephon ist zum berühmten Orakel gegangen und hat der Priesterin eine gewagte Frage gestellt: „Gibt es einen Menschen, der weiser ist als Sokrates?“ Das Orakel hat geantwortet, dass es niemanden gibt, der weiser als er ist. Als Sokrates diese Nachricht gehört hat, ist er absolut schockiert und verwirrt gewesen. Er hat von sich selbst geglaubt, dass er überhaupt kein Wissen besitzt.
Um das Rätsel des Orakels zu lösen, hat Sokrates eine große Untersuchung in Athen begonnen. Er ist zu den Menschen gegangen, die in der Gesellschaft als besonders weise gegolten haben: zu den Politikern, den Dichtern und den Handwerkern. Er hat gedacht: „Ich muss nur jemanden finden, der klüger ist als ich, dann kann ich dem Gott beweisen, dass das Orakel sich geirrt hat.“ Aber bei seinen Gesprächen hat er eine bittere Entdeckung gemacht. Die Politiker haben zwar so getan, als ob sie alles wüssten, aber sie haben auf tiefe Fragen keine echten Antworten gehabt. Die Dichter haben schöne Worte benutzt, aber sie haben den tieferen Sinn ihrer eigenen Werke nicht verstanden.
Nach vielen Gesprächen hat Sokrates das Geheimnis des Orakels endlich begriffen. Er hat gemerkt, dass die meisten Menschen glauben, etwas zu wissen, obwohl sie eigentlich unwissend sind. Er selbst hat jedoch einen entscheidenden Vorteil gehabt: Er hat gewusst, dass er nichts weiß. Er hat verstanden, dass seine Weisheit in der Erkenntnis seiner eigenen Grenzen liegt. Das ist die Bedeutung des berühmten Paradoxons: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
Diese Erkenntnis hat Sokrates aber nicht arrogant gemacht. Im Gegenteil, er hat es als seine göttliche Mission gesehen, auch anderen Menschen dabei zu helfen, ihre Arroganz und ihr falsches Wissen abzulegen. Er hat geglaubt, dass man nur dann nach echter Wahrheit suchen kann, wenn man zuerst zugibt, dass man sie noch nicht gefunden hat. Während die Sophisten in Athen viel Geld dafür genommen haben, den Leuten „Wissen“ zu verkaufen, hat Sokrates kostenlos die Demut gelehrt. Leider hat er sich durch diese ständigen Fragen viele Feinde gemacht, denn niemand gibt gerne zu, dass er ungebildet ist. Aber für Sokrates ist die ehrliche Suche nach der Wahrheit wichtiger gewesen als sein Ruf oder seine Sicherheit.
Sokrates hat seine Aufgabe in der Gesellschaft mit einem sehr seltsamen Vergleich beschrieben. Er hat sich selbst als eine „Stechfliege“ (auf Griechisch: myops) bezeichnet. Er hat gesagt, dass die Stadt Athen wie ein großes, edles Pferd ist. Dieses Pferd ist jedoch ein bisschen träge und faul geworden, weil es so reich und mächtig ist. Das Pferd braucht deshalb eine Fliege, die es ständig sticht, damit es aufwacht und wieder aktiv wird. Sokrates hat geglaubt, dass Gott ihn in die Stadt geschickt hat, um die Bürger durch seine Fragen zu „stechen“ und sie aus ihrem geistigen Schlaf zu wecken.
Jeden Tag ist er zu den öffentlichen Plätzen gegangen und hat die Leute gefragt: „Denkst du mehr an dein Geld und deinen Ruhm als an die Tugend deiner Seele?“ Er hat die Politiker kritisiert, wenn sie nur an ihre Macht gedacht haben, anstatt das Volk moralisch zu verbessern. Er hat keine Angst vor mächtigen Männern gehabt und hat jeden gleich behandelt, egal ob es ein reicher Aristokrat oder ein einfacher Schuhmacher gewesen ist. Er hat die Menschen gezwungen, über den Sinn des Lebens nachzudenken, was für viele Bürger im Alltag sehr anstrengend und sogar nervig gewesen ist.
Diese ständige Kritik hat dazu geführt, dass er in Athen immer unbeliebter geworden ist. Die Leute haben ihn als einen Störenfried gesehen, der die Ordnung der Stadt gefährdet. Aber Sokrates hat das nicht als Beleidigung empfunden. Er hat geglaubt, dass Kritik das beste Geschenk ist, das man einem Staat machen kann. Für ihn ist ein guter Bürger nicht jemand, der immer alles akzeptiert, was die Regierung sagt, sondern jemand, der kritisch denkt und die Wahrheit sucht. Er hat seinen Mitbürgern immer wieder gesagt, dass „ein ungeprüftes Leben nicht lebenswert ist“. Er hat gewollt, dass jeder Mensch Verantwortung für sein eigenes Denken übernimmt, auch wenn das bedeutet, dass man unbequeme Wahrheiten akzeptieren muss.
Durch sein Verhalten hat er jedoch eine gefährliche Grenze überschritten. In einer Demokratie wie Athen ist die Meinung der Mehrheit sehr wichtig gewesen, und Sokrates hat die Mehrheit oft provoziert. Viele einflussreiche Männer haben angefangen, Pläne gegen ihn zu machen, weil sie sein „Stechen“ nicht mehr ertragen haben. Trotzdem ist Sokrates standhaft geblieben. Er hat seine Mission niemals aufgegeben, auch wenn der Druck auf ihn von Jahr zu Jahr größer geworden ist. Er hat gewusst, dass er für seine Ehrlichkeit einen hohen Preis bezahlen muss.
Ein besonders rätselhafter Aspekt im Leben von Sokrates ist sein „Daimonion“ gewesen. Er hat oft erzählt, dass er seit seiner Kindheit eine göttliche oder innere Stimme hört. Diese Stimme hat er als ein Zeichen einer höheren Macht betrachtet. Aber im Gegensatz zu anderen Menschen, die behauptet haben, Visionen zu haben, ist das Daimonion von Sokrates sehr speziell gewesen: Es hat ihm niemals gesagt, was er tun soll, sondern immer nur, was er nicht tun darf.
Diese innere Warnung hat Sokrates in entscheidenden Momenten seines Lebens beeinflusst. Wenn er zum Beispiel vorgehabt hat, eine politische Karriere zu beginnen, hat das Daimonion ihn davor gewarnt. Sokrates hat später erklärt, dass dies ein Glück gewesen ist. In der Politik hätte er seine Prinzipien opfern müssen, um zu überleben, und er wäre wahrscheinlich schon viel früher gestorben. Die Stimme hat ihn also vor Handlungen geschützt, die seine moralische Integrität oder seine Seele gefährdet hätten.
Für die Bürger Athens ist dieses Daimonion jedoch ein Problem gewesen. In einer Zeit, in der die Religion eng mit dem Staat verbunden gewesen ist, hat Sokrates behauptet, eine private Verbindung zu einer göttlichen Kraft zu haben. Viele Menschen haben das als gefährlich empfunden. Sie haben geglaubt, dass er neue Götter einführen will oder dass er die traditionellen Götter der Stadt nicht respektiert. In der antiken Welt hat man Individualität oft als Bedrohung für die Gemeinschaft gesehen.
Sokrates hat jedoch immer betont, dass er kein Prophet ist. Er hat die Stimme als eine Art Gewissen interpretiert, das ihn daran hindert, Unrecht zu tun. Er hat geglaubt, dass jeder Mensch eine Verantwortung gegenüber seiner eigenen Seele hat. Für ihn ist es wichtiger gewesen, im Einklang mit seinem inneren Daimonion zu leben, als den Gesetzen der Menschen zu folgen, wenn diese ungerecht gewesen sind. Diese kompromisslose Treue zu seiner inneren Stimme ist später einer der Hauptgründe für die Anklage gegen ihn gewesen. Er hat gezeigt, dass die Freiheit des Denkens und das eigene Gewissen wichtiger sind als gesellschaftlicher Erfolg.
Im Jahr 399 vor Christus ist es schließlich zur Katastrophe gekommen. Drei Bürger Athens – Meletos, Anytos und Lykon – haben eine offizielle Anklage gegen den siebzigjährigen Sokrates erhoben. Die Vorwürfe sind extrem schwerwiegend gewesen: Man hat ihm vorgeworfen, die Götter der Stadt nicht anzuerkennen, neue religiöse Wesen einzuführen und die Jugend durch sein ständiges Hinterfragen zu korrumpieren. In der instabilen Atmosphäre nach dem verlorenen Krieg hat die Stadt einen Sündenbock für ihre Probleme gesucht.
Der Prozess hat vor einem riesigen Volksgericht mit 501 Geschworenen stattgefunden. Sokrates hat sich jedoch nicht wie ein typischer Angeklagter verhalten. Normalerweise haben Angeklagte in Athen geweint oder ihre Familie mitgebracht, um Mitleid zu erregen. Aber Sokrates ist stolz und kompromisslos geblieben. In seiner Verteidigungsrede, die Platon später als „Apologie“ aufgeschrieben hat, hat er erklärt, dass er seine Mission niemals aufgeben wird. Er hat gesagt: „Athener, ich ehre und liebe euch, aber ich werde dem Gott mehr gehorchen als euch.“
Anstatt sich zu entschuldigen, hat er die Jury sogar provoziert. Als man ihn nach der ersten Abstimmung gefragt hat, welche Strafe er verdient hat, hat er geantwortet, dass er eigentlich eine Belohnung verdient habe. Er hat vorgeschlagen, dass die Stadt ihm ein kostenloses Mittagessen im Rathaus (dem Prytaneion) schenken sollte, weil er den Bürgern so viel Gutes getan hat. Diese Ironie hat die Richter sehr wütend gemacht. Sie haben das als Arroganz interpretiert und nicht als philosophische Aufrichtigkeit.
In der zweiten Abstimmung haben die Richter deshalb mit einer größeren Mehrheit für das Todesurteil gestimmt. Sokrates hat das Urteil jedoch mit einer unglaublichen Ruhe akzeptiert. Er hat zu den Richtern gesagt, dass der Tod entweder ein tiefer, traumloser Schlaf oder eine Reise an einen Ort ist, wo man die großen Seelen der Vergangenheit treffen kann. In beiden Fällen hat er den Tod nicht als ein Übel betrachtet. Er ist fest davon überzeugt gewesen, dass einem guten Menschen weder im Leben noch im Tod wirklich etwas Böses geschehen kann. Er hat den Gerichtssaal als moralischer Sieger verlassen, während seine Ankläger die Last der Ungerechtigkeit tragen mussten.
Sokrates hat nach seinem Todesurteil noch einen Monat im Gefängnis verbringen müssen, weil ein heiliges Schiff aus Athen unterwegs gewesen ist und während dieser Zeit keine Hinrichtungen stattfinden durften. In dieser Zeit haben seine reichen Freunde, besonders Kriton, einen perfekten Plan für seine Flucht organisiert. Sie haben die Wärter bestochen und alles vorbereitet, um Sokrates ins Ausland zu bringen, wo er in Sicherheit hätte leben können. Doch zur Überraschung aller hat Sokrates sich absolut geweigert, das Gefängnis zu verlassen.
Er hat seinen Freunden erklärt, dass ein Bürger einen Vertrag mit den Gesetzen seines Staates hat. Er hat sein ganzes Leben lang die Vorteile der athenischen Gesetze genossen und ist freiwillig in der Stadt geblieben. Er hat argumentiert, dass es ungerecht wäre, die Gesetze jetzt zu brechen, nur weil sie gegen ihn entschieden haben. Für Sokrates ist es wichtiger gewesen, ein gerechter Mann zu bleiben, als sein Leben durch eine unehrenhafte Flucht zu verlängern. Er hat gefragt: „Was wäre ich für ein Philosoph, wenn ich meine eigenen Prinzipien am Ende meines Lebens verraten würde?“
An seinem letzten Tag sind seine engsten Schüler bei ihm im Gefängnis gewesen. Sie haben geweint, aber Sokrates ist ruhig und gefasst geblieben. Er hat sie sogar getröstet und mit ihnen über die Unsterblichkeit der Seele diskutiert. Er hat geglaubt, dass der Körper nur ein Gefängnis für die Seele ist und dass der Tod die Seele endlich befreit. Als der Wärter schließlich den Becher mit dem giftigen Schierling (einem Extrakt aus der Pflanze Conium maculatum) gebracht hat, hat Sokrates ihn ohne Zögern getrunken.
Sokrates ist im Gehen durch den Raum gelaufen, bis seine Beine schwer geworden sind. Er hat sich hingelegt und gewartet, bis das Gift sein Herz erreicht hat. Seine letzten Worte sind an seinen Freund Kriton gerichtet gewesen: „Kriton, wir schulden Asklepios (dem Gott der Heilung) einen Hahn; bitte vergiss nicht, diese Schuld zu bezahlen.“ Das ist ein Symbol dafür gewesen, dass er den Tod als eine Heilung von den Leiden des irdischen Lebens gesehen hat. So ist der Mann gestorben, den seine Freunde als den „besten, weisesten und gerechtesten aller Menschen“ bezeichnet haben.
Der Tod von Sokrates ist nicht das Ende seiner Geschichte gewesen, sondern der wahre Beginn seines enormen Einflusses auf die Welt. Obwohl er selbst niemals ein Wort geschrieben hat, hat sein Leben die Richtung des menschlichen Denkens für immer verändert. Vor Sokrates haben sich die Philosophen (die Naturphilosophen) meistens für die Sterne, die Elemente und die Entstehung der Welt interessiert. Sokrates hat die Philosophie jedoch „vom Himmel auf die Erde geholt“. Er hat den Menschen zum Mittelpunkt des Denkens gemacht und Fragen nach Ethik, Moral und dem guten Leben gestellt.
Sein wichtigster Schüler, Platon, ist durch den Tod seines Lehrers so tief erschüttert gewesen, dass er sein ganzes Leben der Bewahrung von Sokrates' Erbe gewidmet hat. Er hat die „Akademie“ in Athen gegründet, die erste Universität der Geschichte. Fast alles, was wir über die sokratische Ethik wissen, hat Platon in seinen berühmten Dialogen aufgeschrieben. Auch Aristoteles, der Schüler von Platon, hat auf den Fundamenten aufgebaut, die Sokrates gelegt hat. Diese drei Denker – Sokrates, Platon und Aristoteles – haben zusammen das geistige Fundament der westlichen Zivilisation geschaffen. Ohne Sokrates hätte es die Entwicklung der Logik, der Wissenschaft und der politischen Theorie, wie wir sie heute kennen, wahrscheinlich niemals gegeben.
Sokrates ist zum Symbol für den freien Geist und den Mut zur Wahrheit geworden. Er hat gezeigt, dass es wichtiger ist, seinen Prinzipien treu zu bleiben, als dem Druck der Mehrheit nachzugeben. In der Renaissance, in der Aufklärung und sogar in der modernen Existenzphilosophie haben Denker immer wieder auf Sokrates zurückgegriffen. Er hat uns gelehrt, dass wir alles hinterfragen müssen – auch unsere eigenen festen Überzeugungen. Sein Leben ist ein Beweis dafür gewesen, dass wahre Stärke nicht in Macht oder Reichtum liegt, sondern in der Klarheit des Verstandes und der Reinheit der Seele.
Heute, über 2400 Jahre nach seinem Tod, ist die „Sokratische Methode“ in Schulen, Universitäten und sogar in der Psychotherapie immer noch lebendig. Jedes Mal, wenn ein Mensch eine kritische Frage stellt und nicht einfach die erstbeste Antwort akzeptiert, lebt der Geist von Sokrates weiter. Er hat die Philosophie zu einer Lebensweise gemacht und nicht nur zu einer akademischen Theorie. Sein Vermächtnis ist eine ewige Aufforderung an die Menschheit: „Erkenne dich selbst.“ Er hat uns gezeigt, dass die Suche nach der Wahrheit eine lebenslange Aufgabe ist, die Mut, Demut und unendliche Neugier erfordert.
