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Das Leben von Nikola Tesla (A2-B1)

NEWHÖREN

Nikola Tesla ist am 10. Juli 1856 in dem kleinen Dorf Smiljan geboren. Dieser Ort hat damals zum Kaiserreich Österreich gehört und liegt heute im Land Kroatien. Seine Familie war serbisch. Sein Vater, Milutin Tesla, war ein sehr gebildeter Mann und hat als orthodoxer Priester gearbeitet. Er wollte unbedingt, dass sein Sohn Nikola später auch Priester wird. Seine Mutter, Đuka Tesla, konnte zwar nicht lesen und schreiben, aber sie war extrem intelligent und hatte ein fantastisches Gedächtnis. Sie hat viele praktische Werkzeuge für den Haushalt selbst erfunden. Nikola hat später oft gesagt, dass er sein Erfindertalent von seiner Mutter geerbt hat.

Schon als kleines Kind hat Nikola eine außergewöhnliche Fantasie gezeigt. Er hat stundenlang in der Natur gespielt und die Tiere beobachtet. Eine kleine Geschichte aus seiner Kindheit ist besonders wichtig gewesen: Als er seinen schwarzen Kater gestreichelt hat, hat er kleine Funken auf dem Fell der Katze gesehen. Sein Vater hat ihm erklärt, dass das Elektrizität war – dieselbe Kraft, die auch bei einem Gewitter als Blitz am Himmel zu sehen ist. Seit diesem Tag war der kleine Nikola absolut fasziniert von dem Phänomen der Elektrizität. Er wollte genau verstehen, wie diese unsichtbare Kraft funktioniert.

Aus der Sicht eines Historikers hatte Nikola Tesla ein ganz besonderes Talent, das man bildhaftes Denken nennt. Er konnte komplizierte Maschinen und Erfindungen vor seinem inneren Auge in allen Details sehen, bevor er sie auf Papier gezeichnet oder gebaut hat. Wenn er eine Idee hatte, hat er die Maschine in seinem Kopf laufen lassen und konnte sogar Fehler korrigieren. Dieses seltene Talent hat ihm später bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten extrem geholfen, hat ihn als Kind aber manchmal auch überfordert, weil er sehr viele Bilder und Lichtblitze im Kopf hatte.

Nach seiner Kindheit in Smiljan ist Nikola Tesla auf das Gymnasium in der Stadt Karlovac gegangen. Dort hat er einen sehr guten Physiklehrer gehabt, der den Schülern oft kleine Experimente mit Elektrizität gezeigt hat. Tesla war so begeistert von diesen Demonstrationen, dass er beschlossen hat, Ingenieur zu werden. Er wollte sein Leben der Technik widmen. Doch als er die Schule fertig hatte, ist er sehr schwer an Cholera erkrankt. Er hat viele Monate im Bett gelegen, und die Familie hatte große Angst um sein Leben. In dieser schweren Zeit hat sein Vater ihm versprochen: Wenn er wieder gesund wird, darf er an einer besten technischen Universitäten studieren und muss nicht Priester werden. Tesla ist wieder gesund geworden.

Im Jahr 1875 hat Tesla sein Studium an der Technischen Hochschule in Graz (Österreich) begonnen. Er war ein extrem fleißiger Student. Er ist jeden Tag um drei Uhr morgens aufgestanden und hat bis elf Uhr abends gelernt. Seine Professoren waren begeistert von seinem Talent. In Graz hat er zum ersten Mal eine moderne Gleichstrom-Maschine (die sogenannte Gramme-Maschine) gesehen. Diese Maschine hat als Motor und als Generator funktioniert, aber sie hat beim Laufen viele Funken geschlagen und war sehr unpraktisch. Tesla hat sofort gesagt, dass man diese Funken vermeiden könnte, wenn man Wechselstrom statt Gleichstrom benutzt. Sein Professor hat damals nur gelacht und gesagt, dass das unmöglich sei.

Doch Tesla hat nicht aufgegeben. Er war absolut überzeugt davon, dass seine Idee mit dem Wechselstrom richtig war. Wechselstrom ist ein Strom, der seine Richtung viele Male in einer Sekunde ändert. Nach zwei Jahren in Graz hat Tesla jedoch finanzielle Probleme bekommen. Er hat sein Stipendium verloren und hat die Universität ohne Abschluss verlassen müssen. Er ist nach Prag gezogen, um an der dortigen Universität weiter zu lernen, aber der Tod seines Vaters im Jahr 1879 hat seine Pläne erneut durchkreuzt.

Aus der Sicht von Historikern war diese Zeit im Studium trotz aller Probleme der wichtigste Schmelztiegel für Teslas Ideen. Er hatte das mathematische und physikalische Rüstzeug gelernt, um die Elektrizität nicht mehr nur als Naturwunder, sondern als Werkzeug für die Menschheit zu nutzen. Er wusste genau, dass die Zukunft der Welt in einem neuen Stromsystem lag, das man über viele Kilometer transportieren konnte. Er musste nur noch eine Möglichkeit finden, diesen Traum in der Realität zu bauen.

Im Jahr 1881 ist Nikola Tesla nach Budapest gezogen, um dort bei einer neuen Telefongesellschaft zu arbeiten. Während dieser Zeit hat er einen schweren Nervenzusammenbruch gehabt. Seine Sinne waren plötzlich extrem empfindlich: Er hat das Ticken einer Uhr in einem anderen Raum als extrem laut empfunden und das Sonnenlicht hat seine Augen geschmerzt. Doch während er sich langsam wieder erholt hat, ist ihm beim Spazierengehen im Stadtpark von Budapest der entscheidende wissenschaftliche Durchbruch gelungen.

Als die Sonne gerade untergegangen ist, hat Tesla Gedichte von Goethe rezitiert. In genau diesem Moment hatte er plötzlich eine klare Vision in seinem Kopf. Er hat einen Stock genommen und eine Skizze direkt in den Sand des Weges gezeichnet. Es war die Zeichnung für den Induktionsmotor und ein rotierendes Magnetfeld. Tesla hat verstanden, dass man zwei oder mehr Wechselströme kombinieren kann, um ein Magnetfeld zu erzeugen, das sich von alleine dreht. Mit dieser Idee konnte man endlich Elektromotoren bauen, die ohne Funken und ohne Verschleiß funktionierten.

Im Jahr 1882 ist Tesla nach Paris gegangen, um für die europäische Tochtergesellschaft von Thomas Edison (Continental Edison Company) zu arbeiten. Seine Aufgabe war es, elektrische Anlagen und Beleuchtungssysteme in verschiedenen Städten in Frankreich und Deutschland zu reparieren. Tesla war ein hervorragender Ingenieur und hat für die Firma viele schwierige Probleme gelöst. In seiner Freizeit hat er in einer kleinen Werkstatt in Straßburg den ersten funktionierenden Prototyp seines Wechselstrommotors gebaut. Er hat die Maschine den Direktoren der Firma gezeigt, aber niemand in Europa hatte damals Interesse daran, Geld in seine neue Idee zu investieren.

Ein amerikanischer Manager der Firma, Charles Batchelor, hat das riesige Talent von Tesla jedoch sofort erkannt. Er hat dem jungen Erfinder geraten, nach Amerika auszuwandern. Batchelor hat Tesla ein Empfehlungsschreiben an den berühmtesten Erfinder der Welt geschrieben: Thomas Alva Edison. In diesem kurzen Brief stand ein berühmter Satz: „Ich kenne zwei große Männer, und Sie sind einer davon. Der andere ist dieser junge Mann.“ Mit diesem Brief, sehr wenig Geld und vielen großen Ideen im Kopf hat Tesla im Jahr 1884 ein Schiff nach New York bestiegen.

Im Juni 1884 ist Nikola Tesla nach einer langen und extrem schwierigen Schiffsreise im Hafen von New York angekommen. Die Reise über den Atlantischen Ozean war eine Katastrophe gewesen: Sein Gepäck war gestohlen worden, und er hatte fast all sein Geld verloren. Als der 28-jährige Ingenieur in der riesigen amerikanischen Metropole an Land gegangen ist, hatte er nur vier Cent in der Tasche, ein paar eigene Gedichte und den Empfehlungsschreiben von Charles Batchelor an Thomas Edison. New York war zu dieser Zeit eine wilde, schnell wachsende Stadt, in der die Modernisierung im vollen Gange war.

Schon am nächsten Tag ist Tesla direkt zur Werkstatt von Thomas Edison gegangen, um dem berühmten Erfinder den Brief zu überreichen. Edison hat den jungen Mann aus Europa sofort eingestellt. Teslas erste Aufgabe war es, die Gleichstrom-Generatoren von Edison zu reparieren und zu verbessern. Edison hat das System des Gleichstroms (DC) genutzt, bei dem der elektrische Strom immer nur in eine Richtung fließt. Doch dieses System hatte ein riesiges Problem: Gleichstrom konnte nicht über lange Strecken transportiert werden. Man musste alle zwei Kilometer ein neues Kraftwerk bauen, weil die Energie in den dicken Kupferkabeln verloren ging.

Tesla hat Edison sehr schnell bewiesen, dass er ein genialer Mechaniker war. Als ein wichtiges Kraftwerk auf einem Schiff kaputtgegangen ist, hat Tesla die ganze Nacht durchgearbeitet und die Generatoren komplett repariert. Edison war extrem beeindruckt von der Arbeits moral des jungen Mannes. Tesla hat vorgeschlagen, die schlechten Dynamos (Generatoren) von Edison komplett neu zu konstruieren, um sie viel effizienter zu machen. Edison hat ihm daraufhin angeblich versprochen: „Wenn Sie das schaffen, gebe ich Ihnen 50.000 Dollar.“

Tesla hat monatelang Tag und Nacht gearbeitet und die Maschinen von Edison massiv verbessert. Als er nach getaner Arbeit nach seinem Geld gefragt hat, hat Edison nur gelacht und gesagt: „Tesla, Sie verstehen unseren amerikanischen Humor noch nicht.“ Er hat ihm stattdessen nur eine kleine Gehaltserhöhung angeboten. Tesla war tief enttäuscht über dieses unfaire Verhalten. Er hat seinen Job bei Edison noch am selben Tag fristlos gekündigt. Es war der Beginn einer großen Feindschaft zwischen den beiden Erfindern.

Nach dem Bruch mit Thomas Edison im Jahr 1885 stand Nikola Tesla zunächst vor dem Nichts. Er hatte kein Geld, keine Arbeit und keine Sponsoren für seine Erfindungen. Die Jahre 1886 und 1887 gehören zu den dunkelsten Abschnitten in seinem Leben. Um zu überleben, musste der hochgebildete Ingenieur auf den Straßen von New York als einfacher Arbeiter Gräben für Telefonkabel ausheben. Später schrieb Tesla in seinen Erinnerungen, dass er in dieser harten Zeit oft geweint habe, weil er seine Erfindungen und Ideen nutzlos in sich trug, während er für einen Hungerlohn körperliche Schwerarbeit leistete.

Doch Teslas Glück wendete sich im Frühjahr 1887. Zwei Investoren erkannten sein Potenzial und halfen ihm bei der Gründung der Tesla Electric Company. Tesla konnte endlich eine eigene Werkstatt in der Nähe von Edisons Labor mieten. Dort entwickelte er in extrem kurzer Zeit sein komplettes System für den Wechselstrom (AC), inklusive Generatoren, Transformatoren und seinen berühmten mehrphasigen Wechselstrommotor. Aus historischer Sicht war dieses System dem Gleichstrom von Edison technologisch haushoch überlegen: Wechselstrom ließ sich mithilfe von Transformatoren auf extrem hohe Spannungen bringen, über Hunderte von Kilometern mit sehr dünnen Kabeln ohne große Energieverluste transportieren und am Zielort wieder für Häuser und Fabriken auf ungefährliche Spannungen heruntertransformieren.

Als Edison erkannte, dass Teslas Wechselstrom sein eigenes Monopol auf die Stromversorgung bedrohte, begann eine der schmutzigsten Schlammschlachten der Wissenschaftsgeschichte: der sogenannte Stromkrieg (War of the Currents). Edison hatte Millionen von Dollar in sein Gleichstromnetz investiert und wollte seine Einnahmen unter allen Umständen schützen. Da er die technologische Überlegenheit des Wechselstroms nicht widerlegen konnte, versuchte er, Teslas System in der Öffentlichkeit als extrem gefährlich und tödlich darzustellen.

Edison organisierte öffentliche Demonstrationen, bei denen kleine Tiere mit Wechselstrom getötet wurden, um den Menschen Angst vor Teslas Technik zu machen. Er setzte sich sogar dafür ein, dass die erste elektrische Execution eines Verbrechers auf dem elektrischen Stuhl mit Wechselstrom durchgeführt wurde, um das Wort „Wechselstrom“ in den Köpfen der Menschen mit dem Tod zu verknüpfen. Doch Tesla und sein neuer Geschäftspartner George Westinghouse ließen sich nicht provozieren. Sie konzentrierten sich auf die Fakten, verbesserten die Sicherheit der Maschinen und bewiesen der Welt Schritt für Schritt, dass die Zukunft der globalen Energieversorgung eindeutig dem Wechselstrom gehörte.

Im Jahr 1888 erlebte Nikola Tesla den endgültigen wissenschaftlichen und geschäftlichen Durchbruch in seiner Wahlheimat Amerika. Der reiche Unternehmer und Erfinder George Westinghouse, der durch die Entwicklung von Druckluftbremsen für die Eisenbahn sehr vermögend geworden war, wurde auf Teslas Patente aufmerksam. Westinghouse erkannte sofort, dass Teslas Wechselstromsystem die einzige Technologie war, mit der man Strom über große Distanzen effizient transportieren konnte. Er besuchte Tesla in seiner New Yorker Werkstatt, sah die Prototypen der Motoren in Aktion und machte dem Erfinder ein fantastisches Angebot. Westinghouse kaufte Teslas Wechselstrom-Patente für eine riesige Summe Geld und versprach ihm zusätzlich eine Lizenzgebühr für jede verkaufte Pferdestärke an Wechselstrom.

Durch diese Partnerschaft hatte Tesla auf einen Schlag die finanziellen Mittel und die industrielle Unterstützung, um seine Träume in die Realität umzusetzen. Westinghouse investierte Millionen von Dollar, um Maschinen nach Teslas Plänen zu bauen und das Wechselstromnetz in ganz Amerika auszuweiten. Edison versuchte weiterhin mit allen Mitteln, Wechselstrom schlechtzumachen, aber Westinghouse und Tesla konzentrierten sich auf die Praxis. Ein erster großer öffentlicher Beweis für die Überlegenheit von Teslas Technik folgte im Jahr 1893 bei der Weltausstellung in Chicago (der sogenannten World’s Columbian Exposition). Westinghouse gewann die Ausschreibung für die Beleuchtung des riesigen Ausstellungsgeländes, weil sein Angebot mit Wechselstrom viel günstiger war als das Gleichstrom-Angebot von Edisons Firma.

Die Weltausstellung im Jahr 1893 wurde zu einem gigantischen Triumph für Nikola Tesla. Als der Präsident der USA auf einen Knopf drückte, erstrahlten plötzlich Hunderttausende von bunten Glühbirnen auf dem gesamten Gelände. Es war das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass eine komplette Großstadt nachts von elektrischem Licht im großen Stil erleuchtet wurde. Millionen von Besuchern aus der ganzen Welt wanderten staunend durch die hell erleuchteten Hallen und sahen die Zukunft der Technik. Tesla hatte in einem eigenen Pavillon eine fantastische Show aufgebaut: Er ließ elektrischen Strom schadlos durch seinen eigenen Körper fließen, entzündete kabellose Gasentladungsröhren in seinen Händen und zeigte das berühmte „Ei des Kolumbus“ – ein Metallei, das durch ein unsichtbares, rotierendes Magnetfeld auf einer Holzplatte von alleine aufrecht zum Stehen kam und sich rasend schnell drehte.

Die Demonstrationen in Chicago überzeugten die Fachwelt und die Bevölkerung endgültig. Edisons Schreckenspropaganda war wirkungslos geworden. Niemand konnte mehr leugnen, dass der Wechselstrom absolut sicher, viel günstiger und technisch weitaus flexibler war als der altmodische Gleichstrom. Für Tesla war die Weltausstellung nicht nur ein persönlicher Sieg über seinen früheren Chef Thomas Edison, sondern auch der Beginn einer neuen Ära. Der Wechselstrom hatte die Dunkelheit der Nacht vertrieben, und Nikola Tesla wurde von den Zeitungen als ein technischer Magier gefeiert, der das Licht in die moderne Welt gebracht hatte.

Der größte und wichtigste praktische Beweis für die Überlegenheit von Nikola Teslas Wechselstromsystem sollte an einem der spektakulärsten Naturwunder der Welt erbracht werden: den Niagarafällen an der Grenze zwischen den USA und Kanada. Schon seit vielen Jahrzehnten hatten Ingenieure davon geträumt, die gewaltige Wasserkraft dieser riesigen Wasserfälle zu nutzen, um Energie zu erzeugen. Im Jahr 1890 gründeten amerikanische und internationale Investoren eine große Kommission, um das beste System für ein gigantisches Wasserkraftwerk auszuwählen. Der Leiter dieser Kommission war der berühmte britische Physiker Lord Kelvin, der ursprünglich ein großer Befürworter von Thomas Edisons Gleichstrom gewesen war.

Doch nach den beeindruckenden Erfolgen von Tesla und Westinghouse bei der Weltausstellung in Chicago änderte die Kommission ihre Meinung. Sie erkannten, dass man die riesige Menge an Strom, die an den Niagarafällen erzeugt werden sollte, nicht nur in den kleinen Dörfern direkt am Wasserfall brauchte. Der Strom musste vor allem in die große Industriestadt Buffalo transportiert werden, die etwa 35 Kilometer weit entfernt lag. Das war mit Gleichstrom absolut unmöglich, da die Energie auf dieser langen Strecke komplett in den dicken Kupferkabeln verloren gegangen wäre. Im Jahr 1893 erhielt die Firma von George Westinghouse offiziell den Zuschlag für den Bau der ersten großen Generatoren, die genau nach den Patenten und Plänen von Nikola Tesla konstruiert wurden.

Der Bau des Kraftwerks war eine gewaltige technische Herausforderung für die damalige Zeit. Es mussten riesige Tunnel gegraben, schwere Turbinen tief unter der Erde installiert und massenhaft neuartige Wechselstrom-Generatoren gebaut werden. Tesla arbeitete unermüdlich an den Berechnungen und Plänen. Am 16. November 1896 war es schließlich so weit: Um Mitternacht wurden die Schalter im neuen Kraftwerk an den Niagarafällen umgelegt. Die gewaltige Wasserkraft des Flusses trieb die riesigen Turbinen an, und Teslas Generatoren verwandelten die mechanische Energie in hochgespannten Wechselstrom. Der Strom floss über kilometerlange Freileitungen direkt in die Stadt Buffalo.

Innerhalb von wenigen Sekunden erstrahlten die Straßen, Straßenbahnen und Fabriken in Buffalo im elektrischen Licht. Das Experiment war ein historischer Erfolg. Die Fachwelt war absolut überwältigt von dieser Leistung. Es war das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein riesiges Kraftwerk Strom über eine so große Distanz zu Tausenden von Menschen transportieren konnte. Binnen weniger Jahre wurde das System an den Niagarafällen erweitert, und der Strom reichte bald bis in das hunderte Kilometer entfernte New York City.

Aus der Sicht von Historikern war der Erfolg an den Niagarafällen das endgültige Ende des Stromkriegs. Sogar die Firma von Thomas Edison musste aufgeben und baute von nun an nur noch Geräte für Wechselstrom. Für Nikola Tesla ging mit diesem Kraftwerk ein Traum in Erfüllung, den er schon als kleiner Junge in Smiljan gehabt hatte: Damals hatte er seinem Vater nach dem Bild eines Wasserfalls erzählt, dass er eines Tages ein großes Rad unter die Niagarafälle bauen würde, um Energie zu erzeugen. Dieser Kindheitstraum war nun Realität geworden und hatte die industrielle Welt für immer verändert.

Nach seinen großen Erfolgen mit dem Wechselstrom war Nikola Tesla ein sehr wohlhabender und weltberühmter Mann geworden. Er zog in das Luxushotel Waldorf-Astoria in New York und richtete sich im Stadtteil Manhattan ein großes, hochmodernes Laboratorium ein. In diesem Labor verbrachte er fast Tag und Nacht. Tesla wollte sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern wandte sich völlig neuen, spektakulären Forschungsgebieten zu. Er war fasziniert von Strömen mit extrem hohen Frequenzen und hohen Spannungen. Um diese zu erzeugen, erfand er 1891 eine seiner berühmtesten Apparaturen: die Tesla-Spule (Tesla Coil).

Eine Tesla-Spule ist ein spezieller Transformator, mit dem man aus normalem Strom riesige Spannungen von vielen Millionen Volt erzeugen kann. Wenn diese Maschine lief, gab es in seinem Labor spektakuläre Effekte: Lange, blaue Blitzentladungen schossen laut knallend durch die Luft, und der Raum war von einem unheimlichen Summen erfüllt. Für Tesla waren diese Blitze jedoch kein gefährliches Spielzeug, sondern Werkzeuge für die Forschung. Er fand heraus, dass Ströme mit extrem hoher Frequenz für den menschlichen Körper schadlos sein konnten, weil sie nur über die Hautoberfläche flossen (der sogenannte Skin-Effekt). Bei Vorführungen ließ er diese gewaltigen Ströme oft durch seinen eigenen Körper fließen, sodass Blitze aus seinen Fingerspitzen schossen, ohne dass er Schmerzen spürte.

Mit seinen Experimenten erfand Tesla viele Technologien, die später unser tägliches Leben verändern sollten. Er konstruierte kabellose Leuchtröhren, die im Grunde die Vorläufer der modernen Neonröhren und Energiesparlampen waren. Er hielt eine Glasröhre einfach in die Nähe seiner Spulen, und die Röhre fing wie von Zauberhand an zu leuchten, ganz ohne Kabel oder Stecker. Zudem entdeckte er bei seinen Versuchen mit Hochfrequenzstrahlung bereits vor Wilhelm Conrad Röntgen die Wirkung von Röntgenstrahlen, die er „Schattenfotografien“ nannte. Leider wurden viele seiner detaillierten Aufzeichnungen und wertvollen Geräte im März 1895 zerstört, als in seinem Labor in New York ein verheerendes Feuer ausbrach. Doch Tesla ließ sich nicht aufhalten und baute sofort ein neues Labor auf.

Ein weiterer historischer Meilenstein gelang Tesla im Jahr 1898 bei einer großen Ausstellung im Madison Square Garden. Er baute ein kleines, etwa zwei Meter langes Modellboot und setzte es in ein großes Wasserbecken. Das Besondere an diesem Boot war, dass es keinerlei Kabel hatte. Tesla steuerte das Boot mit einer kleinen Kiste aus der Ferne: Er konnte das Schiff stoppen, wenden und Lichter an Bord an- und ausschalten. Die Zuschauer in der Halle konnten ihren Augen nicht glauben; viele dachten, es handele sich um Magie, einen Trick oder einen kleinen dressierten Affen im Inneren des Schiffes. Tatsächlich hatte Tesla die Funkfernsteuerung (Teleautomaton) erfunden. Aus dieser Arbeit entstanden später die Grundlagen für die moderne Robotik, Fernbedienungen und die kabellose Kommunikation.

Im Mai 1899 verließ Nikola Tesla die hektische Großstadt New York und zog in den Bundesstaat Colorado, genauer gesagt in die Nähe der Stadt Colorado Springs. Er wählte diesen abgelegenen Ort im Westen der USA aus zwei wichtigen Gründen: Zum einen gab es dort viel Platz für seine gefährlichen Hochspannungsexperimente, und zum anderen gab es in den Rocky Mountains im Sommer extrem viele und heftige natürliche Gewitter. Tesla war davon überzeugt, dass die Erde selbst ein gigantischer elektrischer Leiter sei. Sein neues, großes Ziel war es, elektrische Energie und Informationen komplett drahtlos – also ohne Kabel – durch die gesamte Erde und die Atmosphäre zu übertragen.

In Colorado Springs baute er in kurzer Zeit ein sehr ungewöhnliches Labor auf. Es sah aus wie eine große hölzerne Scheune, aus deren Dach ein riesiger, über 40 Meter hoher Mastrohr mit einer großen Kupferkugel an der Spitze hervorragte. Im Inneren des Gebäudes installierte er die weltweit größte Tesla-Spule, die jemals gebaut worden war. Diese gigantische Maschine hatte einen Durchmesser von über 15 Metern. Wenn Tesla die Anlage einschaltete, entstanden künstliche Blitze, die eine Länge von mehr als 40 Metern erreichten und wie echter Donner im Umkreis von vielen Kilometern zu hören waren. Die elektrischen Spannungen waren so gewaltig, dass die Erde rings um das Labor buchstäblich unter Strom stand und Funken aus den Hufeisen der vorbeireitenden Pferde schossen.

Während seiner Arbeit in Colorado Springs machte Tesla viele wissenschaftliche Entdeckungen. Er beobachtete natürliche Gewitter und stellte fest, dass die Blitze elektrische Wellen in der Erde erzeugten, die sich über den gesamten Erdball ausbreiteten und wieder zurück reflektiert wurden. Er hatte sogenannte stehende Wellen (Standing Waves) in der Erde nachgewiesen. Damit war für ihn bewiesen, dass man die Erde wie eine riesige Stimmgabel elektrisch in Schwingung versetzen konnte, um Energie an jeden beliebigen Ort der Welt zu schicken.

Bei seinen empfindlichen Empfangsmessungen in den ruhigen Nachtstunden fing Tesla eines Nachts sehr regelmäßige, rhythmische Signale auf. Er war tief erschüttert und überzeugt, dass er als erster Mensch Signale von einer außerirdischen Zivilisation – vermutlich vom Mars oder von der Venus – empfangen hatte. Aus heutiger Sicht wissen Historiker und Wissenschaftler, dass es sich dabei wahrscheinlich um natürliche Radio-Signale von fernen Sternen oder Gewittern handelte. Dennoch verstärkte dieses Erlebnis Teslas Glauben daran, dass die drahtlose Zukunft der Menschheit bevorstand. Anfang des Jahres 1900 packte er seine Koffer, baute das Labor in Colorado Springs ab und kehrte mit spektakulären Ergebnissen und großem Selbstbewusstsein nach New York zurück.

Nach seinen spektakulären Experimenten in Colorado Springs kehrte Nikola Tesla im Jahr 1900 voller Optimismus nach New York zurück. Er hatte eine Vision, die das gesamte Leben auf der Erde revolutionieren sollte. Tesla wollte ein globales, drahtloses Kommunikations- und Energieübertragungssystem aufbauen. Er träumte von einer Welt, in der Nachrichten, Bilder, Musik und sogar Strom völlig ohne Kabel über riesige Distanzen an jeden Punkt des Planeten geschickt werden konnten.

Um diesen gewaltigen Traum zu verwirklichen, brauchte er jedoch erneut einen sehr reichen Investor. Er schaffte es, den mächtigsten Finanzier der damaligen Zeit zu überzeugen: den Bankier J. P. Morgan. Morgan gab Tesla 150.000 Dollar, was damals eine sehr große Summe Geld war. Im Gegenzug gesicherte sich der Bankier die Mehrheit an Teslas Funk-Patenten. Mit diesem Geld kaufte Tesla ein großes Grundstück auf Long Island, etwa 100 Kilometer von New York entfernt. Der Ort hieß Wardenclyffe.

Dort begann der Bau seines Meisterwerks: der Wardenclyffe Tower. Es war ein riesiger, futuristischer Holzturm mit einer Höhe von 57 Metern. Auf der Spitze des Turms befand sich eine gigantische, halbkugelförmige Kuppel aus Stahl, die viele Tonnen wog. Unter dem Gebäude graben die Arbeiter ein tiefe Schächte und lange Metallrohre tief in die Erde, um die Verbindung mit dem elektrischen Feld des Erdballs herzustellen. Tesla wollte den Turm als zentralen Sender nutzen, um Nachrichten um die Welt zu schicken und elektrische Geräte an jedem beliebigen Ort kabellos mit Strom zu versorgen.

Doch während des Baus traten rasch schwere finanzielle und technische Probleme auf. Der italienische Erfinder Guglielmo Marconi schaffte es im Dezember 1901, eine einfache Funkmeldung (den Buchstaben „S“) erfolgreich über den Atlantischen Ozean zu senden. Marconi benutzte dafür ein viel einfacheres und viel günstigeres System als Tesla – und er nutzte dabei sogar einige von Teslas eigenen Patenten. Als der Investor J. P. Morgan sah, dass Marconi das Ziel der drahtlosen Nachrichtenübertragung viel schneller und mit weniger Geld erreicht hatte, verlor er das Interesse an Teslas kompliziertem Projekt.

Tesla bat Morgan verzweifelt um mehr Geld, um den Turm fertigzustellen. Er gestand Morgan nun auch, dass er nicht nur Nachrichten, sondern auch kostenlose Energie für die ganze Welt drahtlos übertragen wollte. Doch der Knallharte Geschäftsmann Morgan lehnte ab. Morgan fragte angeblich pragmatisch: „Wenn jeder Mensch den Strom einfach aus der Luft nehmen kann, wo stellen wir dann den Stromzähler hin, um Geld zu kassieren?“

Ohne neues Kapital stoppte der Bau im Jahr 1903. Tesla erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch. Der unvollendete Turm stand jahrelang als trauriges Monument auf Long Island, bis er im Jahr 1917 während des Ersten Weltkriegs schließlich dynamitiert und abgerissen wurde, um das Metall zu verkaufen und Teslas Schulden zu bezahlen. Der Traum vom Wardenclyffe Tower war geplatzt und markierte den Beginn einer sehr tragischen Phase in Teslas Leben.

Nach dem finanziellen Ruin und dem Verlust des Wardenclyffe Towers begann für Nikola Tesla eine sehr schwierige und einsame Lebensphase. Die Welt der Technik entwickelte sich rasant weiter, aber der einst gefeierte Star-Erfinder zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Tesla hatte sein gesamtes Vermögen in seine Projekte investiert und besaß nun kaum noch Geld. Er lebte in verschiedenen Hotels in New York, musste aber oft die Zimmer wechseln, weil er die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte. Viele seiner früheren Geschäftspartner und Freunde wandten sich von ihm ab, da seine Ideen für die damalige Zeit oft zu verrückt und unrealistisch wirkten.

In dieser späten Phase seines Lebens entwickelte Tesla immer strengere Routinen und Marotten. Er litt unter starken Zwangsneurosen: Er hatte eine extreme Angst vor Keimen und Bakterien, wusch sich ständig die Hände und verlangte in Restaurants immer genau 18 Papierservietten, um Besteck und Teller vor dem Essen akribisch zu reinigen. Außerdem hatte er eine Abneigung gegen Perlenohrringe bei Frauen und fasste niemals fremdes Haar an. Zahlen, die durch drei teilbar waren, spielten für ihn eine magische Rolle: Bevor er ein Gebäude betrat, ging er oft dreimal um den Häuserblock.

Seine größte Freude und Zuflucht fand der alternde Erfinder in den Parks von New York. Jeden Tag ging er nach draußen, um die wilden Tauben der Stadt zu füttern. Er pflegte verletzte Vögel in seinem Hotelzimmer gesund und gab viel von seinem letzten Geld für spezielles Vogelfutter aus. Zu einer ganz bestimmten weißen Taube entwickelte er eine fast mystische Beziehung. Er sagte später, dass er diese Taube so liebte wie ein Mann eine Frau liebt, und dass sein Leben seinen Sinn verlor, als dieser Vogel schließlich in seinen Armen starb.

Obwohl die Industrie ihn größtenteils vergessen hatte, arbeitete Teslas Geist unermüdlich weiter. An jedem 10. Juli – seinem Geburtstag – lud er Journalisten zu großen Pressekonferenzen in sein Hotel ein. Dort präsentierte er den erstaunten Reportern phantastische Theorien und Erfindungen: Er sprach über sogenannte „Todesstrahlen“ (eine Energiewaffe, die jeden Krieg auf der Erde stoppen sollte), über Gedanken-Kameras und über Raumschiffe, die mit Antigravitation flogen. Da er jedoch keine Prototypen oder mathematischen Beweise mehr vorlegen konnte, gedachten die meisten Zeitungen ihn nur noch als einen schoddrigen, verschrobenen alten Mann.

Ein kleiner Lichtblick in diesen dunklen Jahren war die Hilfe aus seiner alten Heimat. Die Regierung des damaligen Königreichs Jugoslawien zahlte dem alternden Erfinder ab 1936 eine kleine monatliche Ehrenrente. Auch die Firma Westinghouse übernahm schließlich die Miete für sein letztes Zimmer im Hotel New Yorker. Nikola Tesla verbrachte seine letzten Jahre fast vollständig isoliert in diesem Hotelzimmer, umgeben von seinen Aufzeichnungen, seinen Erinnerungen und den Tauben, die ans Fenster kamen.

Am 7. Januar 1943 ist Nikola Tesla im Alter von 86 Jahren einsam in seinem Zimmer im Hotel New Yorker gestorben. Ein Zimmermädchen hat den verstorbenen Erfinder im Bett gefunden. Kurz nach seinem Tod sind Agenten der amerikanischen Regierung (des FBI) in das Hotelzimmer gegangen und haben all seine Kisten, Zeichnungen und Tagebücher beschlagnahmt. Die Regierung hatte Angst, dass sich unter seinen Unterlagen gefährliche Pläne für neue Waffen befinden könnten. Seine Asche wurde später in einer goldenen Kugel nach Belgrad gebracht, wo sie bis heute im Nikola-Tesla-Museum aufbewahrt wird.

Aus der Sicht von Historikern war Nikola Tesla ein genialer Visionär, der seiner Zeit um viele Jahrzehnte voraus war. Zu seinen Lebzeiten hat er oft nicht die Anerkennung bekommen, die er verdient gehabt hätte, weil andere Erfinder wie Thomas Edison oder Guglielmo Marconi geschickter im Verkaufen von Ideen waren. Doch heute weiß die ganze Welt, wie immens wichtig seine Arbeit gewesen ist. Ohne Teslas Erfindungen würde unsere moderne Zivilisation vollkommen anders aussehen.

Das wichtigste Fundament unserer modernen Welt ist das Wechselstromsystem, das Tesla entwickelt hat. Jedes Mal, wenn wir heute einen Lichtschalter an der Wand drücken, ein Smartphone an der Steckdose aufladen oder eine Kaffeemaschine einschalten, nutzen wir genau die Technologie, die Tesla in den 1880er-Jahren erfunden hat. Auch die Motoren in unseren elektrischen Geräten – von der Waschmaschine bis zum modernen Elektroauto – funktionieren nach den Prinzipien seines rotierenden Magnetfeldes.

Darüber hinaus waren seine Verfechter-Ideen die echte Basis für die drahtlose Welt von heute. Seine Theorien über Wellen und Kommunikation haben den Weg für das Radio, das Fernsehen, das WLAN, Bluetooth und die moderne Radartechnik geebnet. Das berühmte amerikanische Elektroauto-Unternehmen Tesla hat sich nach ihm benannt, um seinen Geist der Innovation zu ehren. Zudem trägt die offizielle wissenschaftliche Einheit für die Stärke eines Magnetfeldes heute seinen Namen: das Tesla (abgekürzt T).

Nikola Tesla war kein Geschäftsmann, dem es um viel Geld oder Reichtum ging. Er war ein idealistischer Wissenschaftler, der die Menschheit von harter Arbeit befreien und ihr kostenlose Energie schenken wollte. Er hat einmal gesagt: „Die Gegenwart gehört ihnen; die Zukunft, für die ich wirklich gearbeitet habe, gehört mir.“ Dieser Satz ist wahr geworden: Heute feiern wir Nikola Tesla als einen Erfinder, der das 20. Jahrhundert überhaupt erst möglich gemacht hat.

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