Das Leben von Nietzsche (A2-B1)
NEWHÖREN

Friedrich Nietzsche ist am 15. Oktober 1844 in einem kleinen Dorf namens Röcken in Preußen geboren. Sein Vater, Karl Ludwig, ist ein protestantischer Pfarrer gewesen. Deshalb hat die Religion in Friedrichs Kindheit eine sehr große Rolle gespielt. Die Familie hat in einem Pfarrhaus direkt neben der Kirche gewohnt. Friedrich ist ein ruhiges und sehr braves Kind gewesen. Er hat oft in der Bibel gelesen und hat den Spitznamen „der kleine Pastor“ bekommen.
Doch das Glück der Familie ist nicht lange geblieben. Im Jahr 1849 ist sein Vater an einer Gehirnkrankheit gestorben. Friedrich ist zu diesem Zeitpunkt erst vier Jahre alt gewesen. Nur ein Jahr später ist auch sein kleiner Bruder verstorben. Diese traurigen Ereignisse haben die Familie erschüttert. Seine Mutter ist mit Friedrich und seiner Schwester Elisabeth nach Naumburg gezogen. Dort ist er in einem Haushalt aufgewachsen, der nur aus Frauen bestanden hat: seine Mutter, seine Schwester, seine Großmutter und zwei Tanten.
In Naumburg hat Friedrich angefangen, Musik zu lieben. Er hat Klavier gespielt und hat sogar angefangen, eigene kleine Lieder zu komponieren. In der Schule ist er ein exzellenter Schüler gewesen, besonders in den Fächern Religion, Literatur und Sprachen. Seine Lehrer haben schnell gemerkt, dass er eine außergewöhnliche Begabung hat. Er hat ein Stipendium für die berühmte Landesschule Pforta bekommen. Das ist eine sehr strenge Schule gewesen, in der er viel über die antiken Griechen und Römer gelernt hat. Dort hat er angefangen, an der Religion zu zweifeln, obwohl er eigentlich Pfarrer werden sollte.
Nach seiner Schulzeit hat Friedrich Nietzsche angefangen, in Bonn zu studieren. Zuerst hat er sich für Theologie eingeschrieben, weil seine Mutter wollte, dass er Pfarrer wird. Aber schon nach einem Semester hat er gemerkt: Das ist nicht mein Weg. Er hat den Glauben an Gott fast ganz verloren. Deshalb hat er das Fach gewechselt und hat angefangen, Klassische Philologie (die Wissenschaft von alten Sprachen und Texten) zu studieren. Er ist dann nach Leipzig umgezogen, weil dort ein sehr berühmter Professor unterrichtet hat.
In Leipzig ist Nietzsche ein absoluter Star an der Universität gewesen. Er hat so viel und so schnell gelernt, dass alle Professoren über ihn gestaunt haben. Er hat alte griechische Texte analysiert und hat wissenschaftliche Artikel geschrieben, die in ganz Deutschland gelesen worden sind. Er hat die griechische Kultur nicht nur als Hobby gesehen, sondern er hat sie leidenschaftlich geliebt. Er hat geglaubt, dass wir von den alten Griechen lernen können, wie man ein starkes und ehrliches Leben führt.
Dann ist etwas Unglaubliches passiert. Die Universität Basel in der Schweiz hat einen neuen Professor gesucht. Obwohl Nietzsche noch keinen Doktor-Titel hatte und erst 24 Jahre alt gewesen ist, hat die Universität ihm den Job angeboten. Sein Professor in Leipzig hat einen Brief nach Basel geschrieben und gesagt: „Nietzsche ist ein Genie, er kann alles machen, was er will.“ So ist Nietzsche im Jahr 1869 der jüngste Professor für Philologie in ganz Europa geworden. Das ist eine riesige Sensation in der akademischen Welt gewesen.
Aber das Leben als Professor ist nicht nur einfach gewesen. Er hat viele Vorlesungen halten müssen und hat oft bis spät in die Nacht gearbeitet. Seine Gesundheit ist schon damals schwach gewesen; er hat oft schlimme Kopfschmerzen und Probleme mit den Augen gehabt. Trotzdem hat er in Basel eine sehr wichtige Entdeckung gemacht: die Philosophie von Arthur Schopenhauer. Er hat ein Buch von Schopenhauer in einem Antiquariat gefunden, es gelesen und sofort gedacht: „Dieser Mann versteht die Welt genau wie ich.“ Diese Entdeckung hat sein Denken für immer verändert und ihn langsam von der reinen Wissenschaft zur Philosophie geführt.
Im Jahr 1868 ist etwas passiert, das Nietzsches ganzes Leben erschüttert hat: Er hat den berühmten Komponisten Richard Wagner kennengelernt. Nietzsche ist zu dieser Zeit ein junger Professor gewesen und hat Wagners Musik leidenschaftlich geliebt. Er hat in Wagner nicht nur einen Musiker gesehen, sondern ein echtes Genie. Wagner ist viel älter als Nietzsche gewesen, aber die beiden Männer haben sich sofort verstanden. Sie haben beide die griechische Antike geliebt und haben geglaubt, dass die moderne Kultur in Deutschland eine neue, starke Kunst braucht.
Wagner hat damals in einem wunderschönen Haus in Tribschen am Vierwaldstättersee in der Schweiz gewohnt. Nietzsche ist dort ein sehr häufiger Gast gewesen. Er hat dort fast wie ein Familienmitglied gelebt. Er hat mit Wagners Frau, Cosima, Klavier gespielt und hat viele Stunden mit Richard Wagner über Philosophie und Kunst diskutiert. In dieser Zeit ist Nietzsche sehr glücklich gewesen. Er hat das Gefühl gehabt, dass er einen „geistigen Vater“ gefunden hat. Er hat Wagner bei seinen Projekten geholfen und hat sogar Werbung für Wagners große Opern in Bayreuth gemacht.
Aber mit der Zeit ist die Freundschaft schwieriger geworden. Nietzsche hat gemerkt, dass Wagner ein sehr dominanter Mensch gewesen ist. Wagner hat von seinen Freunden totale Treue verlangt. Er hat nicht akzeptiert, dass Nietzsche eigene Ideen gehabt hat. Außerdem hat Nietzsche angefangen, Wagners politische Ansichten kritisch zu sehen. Wagner ist sehr nationalistisch gewesen und hat Dinge gesagt, die Nietzsche schrecklich gefunden hat. Der größte Schock für Nietzsche ist jedoch Wagners letzte Oper Parsifal gewesen. Nietzsche hat gedacht, dass Wagner zu religiös geworden ist. Er hat gesagt: „Wagner ist vor dem christlichen Kreuz auf die Knie gefallen.“
Der Bruch zwischen den beiden Männern ist sehr schmerzhaft gewesen. Sie haben aufgehört, miteinander zu sprechen. Nietzsche hat später mehrere Bücher geschrieben, in denen er Wagner scharf kritisiert hat (zum Beispiel Der Fall Wagner). Er hat seinen alten Freund einen „Schauspieler“ genannt. Doch trotz des Streits hat Nietzsche Wagner nie ganz vergessen. Sogar als er später krank gewesen ist, hat er immer noch mit Tränen in den Augen an die glücklichen Tage in Tribschen gedacht. Diese Enttäuschung hat ihn einsamer gemacht, aber sie hat ihn auch gezwungen, seinen eigenen, unabhängigen Weg als Philosoph zu finden.
Im Jahr 1872 hat Nietzsche sein erstes großes Buch veröffentlicht. Der Titel ist „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ gewesen. Nietzsche hat in diesem Buch nicht wie ein normaler Professor geschrieben. Er hat versucht zu erklären, warum die alten griechischen Theaterstücke (Tragödien) so wichtig für uns sind. Er hat zwei wichtige Götter als Symbole benutzt: Apollo und Dionysos.
Apollo ist der Gott des Lichts, der Ordnung und der Logik gewesen. Dionysos dagegen ist der Gott des Weins, des Rausches und des Chaos gewesen. Nietzsche hat behauptet, dass das Leben beide Seiten braucht. Er hat geschrieben, dass die moderne Welt zu viel „Apollo“ (nur Logik und Regeln) und zu wenig „Dionysos“ (Gefühl und Leidenschaft) hat. Er hat gehofft, dass die Musik von Richard Wagner diese alte Energie zurück nach Deutschland bringen kann.
Die Reaktion der anderen Professoren ist schrecklich gewesen. Ein junger Wissenschaftler namens Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff hat eine sehr böse Kritik geschrieben. Er hat gesagt, dass Nietzsches Buch keine echte Wissenschaft ist, sondern nur Fantasie. Fast alle Studenten in Basel haben daraufhin aufgehört, seine Vorlesungen zu besuchen. In einem Semester hat Nietzsche nur noch zwei Studenten gehabt! Die akademische Welt hat ihn ignoriert und als „verrückten Professor“ gesehen.
Dieser Misserfolg hat Nietzsche sehr wehgetan, aber er hat nicht aufgegeben. Er hat gemerkt, dass er kein klassischer Philologe mehr sein wollte. Er hat verstanden, dass er ein Philosoph für die Zukunft sein musste. Er hat angefangen, über die Probleme der ganzen Kultur nachzudenken und nicht nur über alte Texte. Dieses Buch ist der Anfang seines einsamen Weges gewesen. Er hat gewusst, dass die Menschen ihn erst viel später verstehen würden. Aber er hat auch gemerkt, dass seine Gesundheit schlechter geworden ist. Die Anstrengung und der Stress haben seine Augen und seinen Kopf krank gemacht.
Im Jahr 1879 hat Friedrich Nietzsche eine schwere Entscheidung treffen müssen. Seine Gesundheit ist so schlecht gewesen, dass er nicht mehr unterrichten konnte. Er hat fast jeden Tag schreckliche Migräne gehabt, sein Magen ist ständig krank gewesen und er ist fast blind geworden. Er hat der Universität in Basel einen Brief geschrieben und hat seine Professur aufgegeben. Die Universität ist sehr nett gewesen und hat ihm eine kleine Rente (Geld) gegeben. Mit nur 34 Jahren ist Nietzsche also „Rentner“ geworden und hat angefangen, wie ein Nomade zu leben.
Er hat kein festes Zuhause mehr gehabt. Er hat seinen Koffer gepackt und ist zehn Jahre lang durch Europa gereist. Er hat immer Orte mit gutem Wetter gesucht. Im Winter ist er oft an die italienische Riviera oder nach Nizza in Frankreich gefahren, weil es dort warm und sonnig gewesen ist. Im Sommer hat er die kühle Luft in den Schweizer Alpen geliebt. Sein Lieblingsort ist das kleine Dorf Sils Maria gewesen. Er hat dort in einem sehr einfachen, dunklen Zimmer gewohnt und hat fast den ganzen Tag draußen in der Natur verbracht.
Nietzsche ist ein extremer Wanderer gewesen. Er ist jeden Tag sechs bis acht Stunden gelaufen. Während dieser langen Spaziergänge hat er über seine Philosophie nachgedacht. Er hat immer ein kleines Notizbuch dabei gehabt. Da seine Augen so schwach gewesen sind, hat er seine Gedanken oft sehr schnell und kurz aufgeschrieben. Er hat gesagt, dass nur die Gedanken gut sind, die man beim Gehen hat. Er hat in dieser Zeit sehr wenig Kontakt zu Menschen gehabt. Die Leute in den Hotels haben ihn oft für einen merkwürdigen, einsamen Mann gehalten, aber niemand hat gewusst, dass er gerade die Welt der Philosophie verändert.
Das Leben im „Exil“ ist für ihn eine Befreiung gewesen, aber es hat ihn auch sehr traurig gemacht. Er hat sich oft einsam gefühlt und hat keine Freunde mehr gehabt, die ihn verstehen konnten. Er hat Bücher wie Menschliches, Allzumenschliches und Die fröhliche Wissenschaft geschrieben. In diesen Büchern hat er alles kritisiert: die Politik, die Religion und die Moral. Er hat sich wie ein Geist gefühlt, der über der Welt schwebt. Er hat gewusst, dass er ein „dynamisches“ Schicksal hat, aber der Preis für diese Freiheit ist totale Isolation gewesen.
Im Jahr 1882 hat Nietzsche in Rom eine junge Frau aus Russland kennengelernt: Lou Andreas-Salomé. Lou ist erst 21 Jahre alt gewesen, aber sie ist unglaublich intelligent, frei und mutig gewesen. Nietzsche ist sofort fasziniert gewesen. Er hat gedacht, dass er endlich einen Menschen gefunden hat, der seinen Geist verstehen kann. Er hat zu seinem Freund Paul Rée gesagt: „Lou ist die klügste Person, die ich je getroffen habe.“
Nietzsche hat einen ungewöhnlichen Plan gehabt. Er hat vorgeschlagen, dass Lou, sein Freund Paul Rée und er zusammen in einer „intellektuellen Dreiergruppe“ leben. Sie wollten gemeinsam in Paris oder Berlin wohnen und nur über Philosophie und Kunst diskutieren. Doch Nietzsche hat mehr gewollt als nur Freundschaft. Er hat sich tief in Lou verliebt und hat ihr sogar zwei Mal einen Heiratsantrag gemacht. Aber Lou hat „Nein“ gesagt. Sie hat ihre Freiheit geliebt und hat keine Ehefrau sein wollen.
Dieser Korb hat Nietzsche das Herz gebrochen. Er hat sich von seinen Freunden Paul und Lou betrogen gefühlt, weil er gedacht hat, dass die beiden ein Geheimnis vor ihm haben. Es hat einen großen Streit gegeben, und am Ende ist Nietzsche wieder ganz allein gewesen. Er ist in eine sehr tiefe Depression gefallen. Er hat in seinen Briefen geschrieben, dass er sich wie ein „halber Toter“ fühlt. Er hat sich in sein Zimmer in Sils Maria zurückgezogen und hat tagelang mit niemandem gesprochen.
Aber aus diesem schrecklichen Schmerz ist etwas Gigantisches entstanden. Nietzsche hat seine ganze Energie und seine Trauer in seine Arbeit gesteckt. Er hat angefangen, sein wichtigstes Buch zu schreiben: „Also sprach Zarathustra“. Er hat später gesagt, dass er dieses Buch nur schreiben konnte, weil er so sehr gelitten hat. Die Figur des Zarathustra ist für ihn ein Lehrer gewesen, der zeigt, wie man trotz Schmerz und Einsamkeit ein „Übermensch“ wird. Lou ist also die Inspiration für sein größtes Werk gewesen, obwohl sie ihn verlassen hat.
In seinen Büchern hat Nietzsche eine Nachricht verkündet, die die Menschen schockiert hat. Er hat den berühmten Satz geschrieben: „Gott ist tot!“ Damit hat er nicht gemeint, dass Gott wirklich gestorben ist. Er hat gemeint, dass die Religion für die moderne Welt nicht mehr wichtig gewesen ist. Er hat gesehen, dass die Wissenschaft und die Vernunft immer stärker geworden sind. Er hat sich Sorgen gemacht: Wenn die Menschen nicht mehr an Gott glauben, woran sollen sie sich dann halten? Er hat befürchtet, dass die Welt ohne Gott in ein großes Chaos oder in den Nihilismus (den Glauben an das Nichts) fallen würde.
Deshalb hat Nietzsche eine Lösung gesucht. Er hat gesagt, dass wir eine „Umwertung aller Werte“ brauchen. Er hat die christliche Moral kritisiert und hat sie als „Sklavenmoral“ bezeichnet. Er hat gedacht, dass diese Moral die starken Menschen schwach macht, weil sie Mitleid und Demut feiert. Stattdessen hat er die „Herrenmoral“ gelobt. Er hat gewollt, dass der Mensch mutig und stolz ist und seine eigenen Regeln schafft. Er hat den Menschen gesagt: „Seid keine Schafe in einer Herde! Seid Individuen!“
Ein zentraler Begriff in dieser Zeit ist der Übermensch gewesen. Der Übermensch ist für Nietzsche ein Ziel für die Menschheit gewesen. Er hat sich einen Menschen vorgestellt, der über sich selbst hinauswächst. Dieser Mensch sollte nicht mehr auf den Himmel hoffen, sondern das Leben auf der Erde mit allen Schmerzen und Freuden lieben. Er hat auch die Idee der „ewigen Wiederkunft“ entwickelt. Er hat gefragt: „Wenn du dein Leben unendlich oft genau so noch einmal leben müsstest, hättest du Angst oder wärst du glücklich?“ Mit dieser Frage hat er die Menschen gezwungen, jede Sekunde ihres Lebens wichtig zu nehmen.
Nietzsche hat gewusst, dass seine Ideen sehr gefährlich gewesen sind. Er hat sich selbst oft als „Dinamit“ bezeichnet. Er hat geglaubt, dass er die alte Welt sprengen muss, um Platz für etwas Neues zu machen. Aber diese radikalen Gedanken haben ihn noch einsamer gemacht. Fast niemand hat seine Bücher gekauft, und die wenigen Leser haben ihn oft missverstanden. Er hat sich wie ein Prophet gefühlt, der in der Wüste spricht und den niemand hört. Aber er hat trotzdem immer weiter geschrieben, weil er überzeugt gewesen ist, dass er die Wahrheit entdeckt hat.
In den Jahren 1887 und 1888 hat Nietzsche fast wie in einem Rausch gearbeitet. Er hat das Gefühl gehabt, dass er nur noch wenig Zeit hat. Deshalb hat er in sehr kurzer Zeit viele Bücher geschrieben, zum Beispiel Jenseits von Gut und Böse und Der Antichrist. In diesen Werken ist er noch radikaler geworden. Er hat das Konzept vom „Willen zur Macht“ erklärt. Er hat geglaubt, dass alles Leben auf der Welt – Tiere, Pflanzen und Menschen – immer stärker wachsen und mehr Macht haben möchte. Für ihn ist das kein böser Wille gewesen, sondern die natürliche Energie des Lebens.
Nietzsche hat sich in dieser Zeit immer mehr wie ein Kämpfer gefühlt. Er hat die moderne Kultur seiner Zeit gehasst. Er hat gedacht, dass die Menschen in Europa „decadent“ (schwach und krank) geworden sind. Besonders das Christentum hat er hart angegriffen. Er hat sich selbst als den größten Feind der alten Moral gesehen. Er hat sogar ein Buch mit dem Titel Ecce Homo geschrieben, in dem er Kapitelüberschriften wie „Warum ich so weise bin“ oder „Warum ich so gute Bücher schreibe“ benutzt hat. Die Leute haben damals gedacht, dass er sehr arrogant ist, aber vielleicht ist es schon ein Zeichen für seine kommende Krankheit gewesen.
Obwohl er so viel geschrieben hat, ist er ein armer und einsamer Mann geblieben. Er hat fast kein Geld mit seinen Büchern verdient. Er hat oft allein in kleinen Restaurants gegessen und ist stundenlang bei jedem Wetter gewandert. Seine Briefe an seine Freunde sind in dieser Zeit immer seltsamer geworden. Er hat angefangen, sich mit großen historischen Figuren zu vergleichen. Er hat geglaubt, dass er die Geschichte der Menschheit in zwei Teile teilt: die Zeit vor Nietzsche und die Zeit nach Nietzsche.
Am Ende des Jahres 1888 ist er nach Turin in Italien gezogen. Er hat diese Stadt geliebt, weil die Straßen dort so ordentlich und das Licht so hell gewesen ist. Er ist dort für kurze Zeit sehr glücklich gewesen. Er hat viel Musik gehört und hat gedacht, dass er endlich gesund wird. Aber das ist leider nur eine Illusion gewesen. Sein Gehirn ist durch die jahrelange schwere Arbeit und seine chronischen Schmerzen völlig erschöpft gewesen. Die dunklen Wolken sind immer näher gekommen, und bald hat er die Kontrolle über seine Gedanken verloren.
Im Januar 1889 ist das Unglück in Turin passiert. Friedrich Nietzsche ist aus seiner Wohnung auf den Marktplatz gegangen. Dort hat er eine schreckliche Szene gesehen: Ein Kutscher hat ein altes Pferd sehr grausam mit einer Peitsche geschlagen. Nietzsche hat das Tier gesehen und hat plötzlich ein tiefes Mitleid gefühlt. Er ist zu dem Pferd gelaufen, hat seine Arme um den Hals des Tieres gelegt und hat laut geweint. Danach ist er bewusstlos auf der Straße zusammengebrochen.
Vermieter haben ihn zurück in sein Zimmer gebracht, aber er ist nicht mehr derselbe Mensch gewesen. Er hat angefangen, verrückte Briefe an seine Freunde und sogar an Könige zu schreiben. Er hat diese Briefe mit „Dionysos“ oder „Der Gekreuzigte“ unterschrieben. Sein treuer Freund Franz Overbeck ist sofort nach Turin gefahren, um ihm zu helfen. Als Overbeck angekommen ist, hat er Nietzsche in einem schrecklichen Zustand gefunden. Der große Philosoph hat getanzt, gesungen und hat nicht mehr gewusst, wer er eigentlich ist.
Overbeck hat Nietzsche mit dem Zug zurück nach Basel in eine Klinik für Nervenkranke gebracht. Die Ärzte haben dort eine schwere Krankheit im Gehirn diagnostiziert. Nietzsche hat nicht mehr logisch sprechen können und hat seine Freunde oft nicht mehr erkannt. Später hat seine Mutter ihn in ihr Haus nach Naumburg geholt. Sie hat ihn dort viele Jahre lang gepflegt, genau wie ein kleines Kind. Er hat stundenlang am Fenster gesessen und hat ins Leere geschaut.
In dieser Zeit hat Nietzsche nicht mehr gewusst, dass er ein berühmter Mann geworden ist. Während er in der geistigen Dunkelheit gelebt hat, haben Menschen auf der ganzen Welt angefangen, seine Bücher zu lesen. Er ist eine Legende geworden, aber er hat davon nichts mehr verstanden. Er hat die letzten elf Jahre seines Lebens in tiefer Stille verbracht. Er hat keine Philosophie mehr geschrieben und hat nie wieder ein Wort über den Übermensch oder den Willen zur Macht gesagt. Seine Reise als Denker ist an diesem kalten Januartag in Turin für immer zu Ende gegangen.
Nach vielen Jahren der Krankheit ist Friedrich Nietzsche am 25. August 1900 in Weimar gestorben. Er hat eine Lungenentzündung gehabt und sein Körper ist zu schwach gewesen. Er hat bis zum Ende nicht mehr gewusst, wer er war. Man hat ihn in seinem Geburtsort Röcken neben seinem Vater begraben. Zu seinem Begräbnis sind nur wenige Menschen gekommen, aber in der Welt der Literatur und Philosophie ist er zu diesem Zeitpunkt bereits ein „Superstar“ gewesen.
Doch nach seinem Tod ist etwas Problematisches passiert. Seine Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche, hat seinen gesamten Nachlass (seine Briefe und Manuskripte) übernommen. Sie ist eine sehr dominante Frau gewesen und hat die Ideen ihres Bruders nicht wirklich verstanden. Schlimmer noch: Sie hat seine Texte manipuliert. Sie hat Sätze gelöscht oder verändert, damit die Philosophie von Nietzsche zu ihren eigenen extremistischen und nationalistischen Ideen passte.
Im 20. Jahrhundert haben die Nationalsozialisten diese verfälschten Texte benutzt. Sie haben Nietzsche als ihren „Propheten“ gefeiert. Sie haben den Begriff „Übermensch“ genommen und ihn rassistisch interpretiert. Das hat Nietzsches Ruf für viele Jahrzehnte fast zerstört. Die Menschen haben gedacht, dass Nietzsche ein böser Denker war, der Gewalt und Hass geliebt hat. Aber das ist eine Lüge gewesen, denn Nietzsche hat den Nationalismus und den Antisemitismus zeit seines Lebens gehasst.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg haben ehrliche Wissenschaftler angefangen, die Originaltexte von Nietzsche wieder zu finden. Sie haben gezeigt, dass Elisabeth gelogen hat. Heute wissen wir: Nietzsche ist ein Philosoph der Freiheit und der individuellen Stärke gewesen. Er hat uns gelehrt, dass wir mutig sein müssen und dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen sollen. Sein Erbe ist heute in der Kunst, der Psychologie und der Philosophie überall auf der Welt lebendig. Er ist als einsamer Mensch gestorben, aber seine Gedanken leben in Millionen Köpfen weiter.
