Das Leben von Martin Luther
HÖREN

Martin Luther ist am 10. November 1483 in Eisleben, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, zur Welt gekommen. Er ist in eine Zeit hineingeboren worden, in der das späte Mittelalter langsam zu Ende gegangen ist und die Angst vor dem Jüngsten Gericht den Alltag der Menschen tief geprägt hat. Seine Eltern, Hans und Margarethe Luder, sind keine Adligen gewesen, sondern haben hart gearbeitet, um ihren sozialen Status zu verbessern. Sein Vater ist ursprünglich ein einfacher Bauer gewesen, hat sich aber später im Kupferbergbau eine solide finanzielle Existenz aufgebaut. Dieser wirtschaftliche Aufstieg hat es der Familie ermöglicht, Martin eine erstklassige Ausbildung zu finanzieren, was für die damalige Zeit keineswegs selbstverständlich gewesen ist.
Hans Luder hat für seinen Sohn sehr präzise und ehrgeizige Pläne gehabt: Martin hat ein erfolgreicher Jurist werden sollen, um die Familie politisch und finanziell weiter abzusichern. Aus diesem Grund hat Martin zunächst die Lateinschulen in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach besucht, wo er eine extrem strenge Erziehung genossen hat. Die Disziplin in diesen Schulen ist drakonisch gewesen, und Luther hat später oft davon berichtet, wie sehr ihn der Leistungsdruck und die Angst vor Fehlern in dieser Zeit belastet haben. Dennoch hat er sich als ein außergewöhnlich begabter Schüler erwiesen, der besonders in der Rhetorik und der Grammatik geglänzt hat.
Im Jahr 1501 hat Luther angefangen, an der Universität Erfurt zu studieren, die damals als eine der bedeutendsten Bildungsstätten im Heiligen Römischen Reich gegolten hat. Er hat dort zunächst die „Sieben Freien Künste“ absolviert und hat seinen Magistertitel mit Bravour erworben. Gemäß dem Wunsch seines Vaters hat er anschließend im Jahr 1505 mit dem Jurastudium begonnen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt haben ihn existenzielle Fragen über das Leben, den Tod und die Gerechtigkeit Gottes viel mehr beschäftigt als die trockenen Paragrafen der Rechtswissenschaft. Er hat sich oft gefragt, wie ein Mensch vor Gott bestehen kann, und hat unter einer tiefen inneren Unruhe gelitten.
Dieser innere Konflikt hat schließlich im Juli 1505 zu einem dramatischen Ereignis geführt, das seinen Lebensweg radikal verändert hat. Während einer Reise zurück nach Erfurt ist er in der Nähe des Dorfes Stotternheim von einem schweren Gewitter überrascht worden. Als ein Blitz unmittelbar neben ihm eingeschlagen ist, hat er Todesangst empfunden und hat in seiner Verzweiflung ein Gelübde abgelegt: „Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!“ Er hat diesen Moment als ein direktes Zeichen Gottes interpretiert. Zum Entsetzen seines Vaters hat er nur wenige Wochen später sein Jurastudium abgebrochen, seinen gesamten Besitz verkauft und ist in das Schwarze Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt eingetreten. Dieser Schritt hat den Grundstein für die kommende religiöse Revolution gelegt, da er sich nun ganz der Suche nach einem gnädigen Gott gewidmet hat.
Nach seinem Eintritt in das Augustiner-Kloster in Erfurt im Jahr 1505 hat Martin Luther ein Leben begonnen, das von extremer Selbstdisziplin und spiritueller Strenge geprägt gewesen ist. Er hat die Regeln des Ordens mit einer Genauigkeit befolgt, die selbst seine Vorgesetzten in Erstaunen versetzt hat. Luther hat nicht einfach nur gebetet; er hat versucht, durch exzessives Fasten, nächtelanges Wachen und ständige Beichte die vollkommene Heiligkeit zu erreichen. Sein Ziel ist es gewesen, den Zorn Gottes zu besänftigen, doch je mehr er sich angestrengt hat, desto stärker hat er an seiner eigenen Würdigkeit gezweifelt. Er hat sich oft gefragt, ob seine Reue jemals ausreichen würde, um vor einem gerechten Richter zu bestehen.
In dieser Phase der tiefen Verzweiflung hat sein Mentor, Johann von Staupitz, eine entscheidende Rolle gespielt. Staupitz hat erkannt, dass Luthers intellektuelle Kapazitäten und sein religiöser Eifer im Klosteralltag allein nicht zur Ruhe kommen würden. Er hat ihn deshalb gedrängt, Theologie zu studieren und eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Im Jahr 1510 ist Luther im Auftrag seines Ordens nach Rom gereist – eine Reise, die für jeden gläubigen Christen des Mittelalters der Höhepunkt des Lebens gewesen ist. Doch was er in der heiligen Stadt gesehen hat, hat ihn zutiefst erschüttert. Anstatt spiritueller Erhebung hat er dort Korruption, weltlichen Luxus und eine mechanische Form der Frömmigkeit vorgefunden, die ihn an der Integrität der kirchlichen Hierarchie hat zweifeln lassen.
Nach seiner Rückkehr aus Italien ist er nach Wittenberg versetzt worden, wo er 1512 zum Doktor der Theologie promoviert worden ist. Er hat den Lehrstuhl für Bibelauslegung an der jungen Universität übernommen und hat angefangen, die Briefe des Apostels Paulus intensiv zu studieren. Während dieser Vorlesungsvorbereitungen hat er schließlich eine theologische Entdeckung gemacht, die heute oft als das „Turmerlebnis“ bezeichnet wird. Er hat beim Lesen des Römerbriefs begriffen, dass die Gerechtigkeit Gottes kein strafendes Prinzip ist, sondern ein Geschenk, das der Mensch allein durch den Glauben (sola fide) empfängt.
Diese Erkenntnis hat Luthers gesamtes Weltbild revolutioniert. Er hat verstanden, dass man sich das Heil nicht durch gute Werke oder religiöse Leistungen erkaufen kann, sondern dass Gott den Menschen aus reiner Gnade annimmt. Diese neue Freiheit hat seinen inneren Terror beendet und hat ihm die Kraft gegeben, die bestehende Praxis der Kirche kritisch zu hinterfragen. Er ist sich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst gewesen, dass diese friedliche akademische Entdeckung bald zu einem weltweiten Flächenbrand führen würde.
Im Jahr 1517 hat sich die religiöse Situation in Deutschland dramatisch zugespitzt. Der Grund dafür ist der sogenannte Ablasshandel gewesen, eine Praxis der katholischen Kirche, bei der Gläubige gegen Geld die Vergebung ihrer Sünden oder die Verkürzung der Zeit im Fegefeuer für verstorbene Verwandte erkaufen konnten. Papst Leo X. hat diese Gelder dringend benötigt, um den prunkvollen Neubau des Petersdoms in Rom zu finanzieren. In der Nähe von Wittenberg ist der Dominikanermönch Johann Tetzel als Ablassprediger aufgetreten und hat die Menschen mit dem berüchtigten Spruch unter Druck gesetzt: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“
Luther hat diese Praxis zutiefst verabscheut, da sie seiner neuen Erkenntnis von der Gnade Gottes widersprochen hat. Er hat argumentiert, dass die Kirche kein Recht habe, Gottes Vergebung zu verkaufen. Um eine akademische Diskussion über dieses Thema anzustoßen, hat er 95 Thesen in lateinischer Sprache verfasst. Laut der Überlieferung hat er diese Thesen am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Ob dieser Hammerwurf tatsächlich so stattgefunden hat oder ob er die Thesen nur per Brief an seine Vorgesetzten verschickt hat, ist unter Historikern umstritten, doch die Wirkung ist in beiden Fällen explosiv gewesen.
Dank der damals noch neuen Erfindung des Buchdrucks sind Luthers Thesen innerhalb weniger Wochen in ganz Deutschland und bald in ganz Europa verbreitet worden. Was als interner akademischer Streit begonnen hat, hat sich rasch zu einer Massenbewegung entwickelt. Die Menschen haben Luthers Kritik an der Korruption und der Gier der Kirche begeistert aufgenommen. Luther hat in seinen Schriften nicht nur den Ablasshandel angegriffen, sondern hat auch die Autorität des Papstes in Frage gestellt, falls dieser der Bibel widersprechen sollte.
Die Kirche in Rom hat zunächst versucht, Luther zu ignorieren oder ihn als einen „betrunkenen Deutschen“ abzutun, der bald wieder zur Vernunft kommen würde. Doch sie haben die Entschlossenheit des Wittenberger Professors unterschätzt. Luther hat sich geweigert, seine Meinung zu widerrufen, solange man ihn nicht mit Argumenten aus der Heiligen Schrift widerlegen konnte. Damit hat er den Stein ins Rollen gebracht, der die mittelalterliche Weltordnung endgültig zertrümmert hat. Er ist sich bewusst gewesen, dass er mit seinem Protest sein Leben riskiert hat, doch sein Gewissen hat ihm keinen anderen Weg gelassen.
Nach der rasanten Verbreitung der 95 Thesen ist die römische Kurie schließlich gezwungen gewesen, massiv gegen den „ketzerischen“ Mönch aus Sachsen vorzugehen. Der Papst hat Martin Luther im Jahr 1518 nach Rom vorgeladen, doch der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise hat seine schützende Hand über seinen Professor gehalten und hat durchgesetzt, dass das Verhör auf deutschem Boden stattfindet. In den folgenden Jahren hat sich der Konflikt immer weiter radikalisiert. In der berühmten „Leipziger Disputation“ von 1519 hat Luther schließlich öffentlich erklärt, dass nicht nur der Papst, sondern auch Kirchenkonzilien irren können. Damit hat er die Unfehlbarkeit der kirchlichen Institutionen direkt angegriffen und hat die Bibel als einzige wahre Autorität (sola scriptura) etabliert.
Die Reaktion aus Rom hat nicht lange auf sich warten lassen. Im Juni 1520 hat Papst Leo X. die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ erlassen, in der er 41 Sätze aus Luthers Schriften als häretisch verdammt hat. Man hat Luther eine Frist von 60 Tagen gesetzt, um seine Aussagen zu widerrufen, andernfalls würde er exkommuniziert werden. Doch anstatt sich einzuschüchtern zu lassen, hat Luther einen Akt des offenen Widerstands gewählt, der die Welt schockiert hat. Am 10. Dezember 1520 ist er zusammen mit Studenten und Professoren vor das Elstertor in Wittenberg gezogen und hat dort öffentlich die päpstliche Bulle sowie das kirchliche Gesetzbuch verbrannt.
Dieser Akt der Rebellion ist der endgültige Bruch mit der römischen Kirche gewesen. Luther hat damit symbolisch verdeutlicht, dass er die geistliche Herrschaft des Papstes nicht mehr anerkennt. In seinen drei großen Reformationsschriften desselben Jahres hat er sein theologisches Programm präzisiert. Er hat den Adel aufgefordert, die Reform der Kirche selbst in die Hand zu nehmen, hat die Sakramente auf Taufe und Abendmahl reduziert und hat die „Freiheit eines Christenmenschen“ proklamiert. Er hat argumentiert, dass ein Christ niemandem untertan ist, außer Gott allein.
Am 3. Januar 1521 ist schließlich die offizielle Bannbulle „Decet Romanum Pontificem“ veröffentlicht worden, die Luthers Exkommunikation endgültig besiegelt hat. Aus der Sicht der Kirche ist er nun ein Ausgestoßener gewesen, dessen Seele der Verdammnis geweiht war. Doch für einen Großteil der deutschen Bevölkerung ist er bereits zu einem nationalen Helden geworden, der es gewagt hat, der fernen Macht in Rom die Stirn zu bieten. Die Bühne ist nun für eine politische Auseinandersetzung bereitet gewesen, die weit über religiöse Fragen hinausgegangen ist.
Nach der Exkommunikation durch den Papst ist die rechtliche Lage für Martin Luther lebensgefährlich geworden. Nach dem Gesetz des Heiligen Römischen Reiches hat auf den Kirchenbann nun die Reichsacht folgen müssen, was bedeutet hat, dass Luther für vogelfrei erklärt worden wäre. Doch die politische Situation ist kompliziert gewesen. Der junge Kaiser Karl V., ein tiefgläubiger Katholik, hat den Druck der deutschen Fürsten gespürt, die eine friedliche Lösung gefordert haben. Deshalb ist Luther im April 1521 zum Reichstag nach Worms vorgeladen worden. Man hat ihm freies Geleit versprochen, doch viele seiner Freunde haben ihn gewarnt, da sie das Schicksal des Reformators Jan Hus vor Augen gehabt haben, der trotz ähnlicher Versprechen ein Jahrhundert zuvor als Ketzer verbrannt worden ist.
Am 17. April 1521 ist Luther schließlich vor den Kaiser und die versammelten Reichstände getreten. Auf einem Tisch sind seine Bücher ausgebreitet gewesen. Man hat ihn direkt gefragt, ob er diese Schriften als die seinen anerkenne und ob er bereit sei, deren Inhalte zu widerrufen. Luther, der von der Pracht und der Macht der Versammlung sichtlich beeindruckt gewesen ist, hat zunächst um einen Tag Bedenkzeit gebeten. Er hat diese Nacht im Gebet verbracht und hat mit seiner Angst gerungen, da er gewusst hat, dass seine Entscheidung den Verlauf der Geschichte und sein eigenes Leben besiegeln würde.
Am nächsten Tag ist er in den überfüllten Saal zurückgekehrt und hat seine historische Antwort gegeben. Anstatt klein beizugeben, hat er in einer leidenschaftlichen Rede erklärt, dass er seine Schriften nur dann widerrufen würde, wenn man ihn durch Zeugnisse der Heiligen Schrift oder durch klare Vernunftgründe widerlegen könne. Er hat betont, dass sein Gewissen in den Worten Gottes gefangen sei und es weder sicher noch ratsam sei, gegen das eigene Gewissen zu handeln. Der Überlieferung nach hat er seine Verteidigung mit den monumentalen Worten abgeschlossen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“
Diese unerschütterliche Haltung hat den Kaiser und die katholischen Vertreter provoziert. Karl V. hat daraufhin das „Wormser Edikt“ erlassen, das über Luther die Reichsacht verhängt hat. Es ist nun jedem verboten gewesen, Luther zu beherbergen, zu speisen oder seine Schriften zu verbreiten; zudem hat jeder das Recht gehabt, ihn festzunehmen und an den Kaiser auszuliefern. Luther ist jedoch bereits aus Worms abgereist, bevor das Edikt offiziell in Kraft getreten ist. Auf seinem Rückweg ist etwas Unerwartetes passiert: Er ist von bewaffneten Reitern überfallen und entführt worden. Was wie ein Gewaltakt ausgesehen hat, ist in Wahrheit eine Rettungsaktion seines Kurfürsten Friedrich des Weisen gewesen, der Luther im Geheimen auf die Wartburg hat bringen lassen.
Nach seiner inszenierten Entführung im Mai 1521 ist Martin Luther auf die Wartburg bei Eisenach gebracht worden. Um seine Identität zu schützen, hat er sich dort die Haare und einen Bart wachsen lassen, hat ritterliche Kleidung angelegt und hat den Namen „Junker Jörg“ angenommen. Zehn Monate lang ist er in dieser Isolation geblieben, während die Welt draußen geglaubt hat, er sei bereits tot oder in Gefangenschaft verschollen. Diese Zeit der Einsamkeit ist für Luther jedoch eine Phase enormer literarischer und theologischer Produktivität gewesen, obwohl er oft unter Depressionen und körperlichen Leiden gelitten hat.
Das bedeutendste Projekt dieser Monate ist die Übersetzung des Neuen Testaments aus dem griechischen Urtext ins Deutsche gewesen. In einer unglaublichen Geschwindigkeit von nur elf Wochen hat Luther den Text vollständig übertragen. Das Besondere daran ist gewesen, dass er nicht Wort für Wort übersetzt hat, was oft zu unverständlichen Sätzen geführt hätte. Stattdessen hat er versucht, dem Volk „aufs Maul zu schauen“. Er hat eine Sprache gesucht, die sowohl der Bauer auf dem Feld als auch der Adlige im Schloss verstehen konnte. Damit hat er nicht nur das religiöse Monopol der lateinisch sprechenden Kirche gebrochen, sondern hat auch den Grundstein für die moderne deutsche Einheitssprache gelegt.
Luthers Sprachgewalt hat Ausdrücke geschaffen, die wir noch heute verwenden, wie zum Beispiel „Gewissensbisse“, „Lückenbüßer“ oder „Feuertaufe“. Er hat gewollt, dass jeder Gläubige die Heilige Schrift selbst lesen und interpretieren kann, ohne auf die Vermittlung durch einen Priester angewiesen zu sein. Während er auf der Wartburg geschrieben hat, sind in Wittenberg jedoch radikale Veränderungen außer Kontrolle geraten. Seine Anhänger, angeführt von Andreas Karlstadt, haben begonnen, Bilder in Kirchen zu zerstören und die Messe gewaltsam zu verändern.
Diese Unruhen haben Luther zutiefst beunruhigt, da er eine friedliche Reformation durch das Wort und nicht durch Gewalt angestrebt hat. Trotz der Gefahr, gefasst und hingerichtet zu werden, hat er im März 1522 die Sicherheit der Wartburg verlassen und ist nach Wittenberg zurückgekehrt. In seinen berühmten „Invokavit-Predigten“ hat er die radikalen Kräfte zur Ordnung gerufen und hat betont, dass der Glaube niemals erzwungen werden darf. Diese Rückkehr hat gezeigt, dass Luther nicht nur ein Theologe, sondern auch ein verantwortungsbewusster Anführer gewesen ist, der bereit war, für die Stabilität seiner Bewegung sein Leben erneut aufs Spiel zu setzen.
Im Jahr 1525 hat Martin Luther eine Entscheidung getroffen, die die gesellschaftlichen Strukturen des Christentums bis heute prägt. Er hat mit der jahrhundertealten Tradition des Zölibats gebrochen und hat die ehemalige Nonne Katharina von Bora geheiratet. Katharina ist zusammen mit mehreren anderen Ordensschwestern aus dem Kloster Nimbschen geflohen – eine Tat, die damals als schweres Verbrechen gegolten hat. Sie sind in Wittenberg angekommen, und Luther hat sich persönlich um ihre Unterbringung und Verheiratung gekümmert. Dass er schließlich selbst eine dieser Frauen zur Gattin genommen hat, ist nicht nur ein Akt der Liebe, sondern auch ein theologisches Statement gewesen: Er hat damit bewiesen, dass die Ehe kein „unheiliger“ Stand ist, sondern ein gottgewolltes Fundament der Gesellschaft.
Die Hochzeit hat in der damaligen Welt für einen gewaltigen Skandal gesorgt. Seine Gegner haben ihn verspottet, doch Luther hat sich davon nicht beirren lassen. In dem ehemaligen „Schwarzen Kloster“ in Wittenberg, das der Kurfürst dem Ehepaar geschenkt hat, hat Katharina ein beeindruckendes Management aufgebaut. Sie hat die Landwirtschaft geleitet, eine Brauerei betrieben und hat sich um die Finanzen gekümmert, während Martin sich auf seine theologischen Schriften konzentriert hat. Luther hat seine Frau respektvoll „Herr Käthe“ genannt, was zeigt, wie sehr er ihre Durchsetzungskraft und Intelligenz geschätzt hat.
In diesem Haus ist das Modell des evangelischen Pfarrhauses entstanden. Es ist kein einsamer Ort der Askese mehr gewesen, sondern ein offenes Zentrum für Studenten, Gelehrte und Bedürftige. Die Luthers haben sechs eigene Kinder gehabt und haben zudem zahlreiche Waisen aufgenommen. Bei den berühmten „Tischreden“ hat Martin Luther in geselliger Runde über Gott und die Welt philosophiert, während seine Schüler fleißig seine Worte mitgeschrieben haben. Diese private Atmosphäre hat dazu beigetragen, dass die Reformation nicht nur eine theoretische Lehre geblieben ist, sondern im Alltag der Menschen angekommen ist.
Durch seine Ehe hat Luther das Ideal der Familie als „Pflanzstätte des Glaubens“ etabliert. Er hat argumentiert, dass die Erziehung von Kindern und das Führen eines Haushalts genauso wertvoll vor Gott seien wie das Leben hinter Klostermauern. Katharina von Bora ist dabei weit mehr als nur eine Ehefrau an seiner Seite gewesen; sie ist seine wichtigste Stütze in Zeiten schwerer körperlicher Krankheiten und psychischer Anfechtungen gewesen. Ohne ihre organisatorische Begabung hätte Luther wohl kaum die Kraft gehabt, die enormen Belastungen der folgenden Jahre durchzustehen.
In der Mitte der 1520er Jahre ist die reformatorische Bewegung in ihre bisher schwerste Krise geraten. Viele Bauern haben Luthers Lehre von der „Freiheit eines Christenmenschen“ missverstanden und haben sie auf ihre soziale und wirtschaftliche Lage bezogen. Unter der Führung radikaler Prediger wie Thomas Müntzer haben sich die Bauern in weiten Teilen Deutschlands erhoben, um gegen die Leibeigenschaft und die drückenden Lasten der adligen Grundherren zu protestieren. Zunächst hat Luther versucht, zwischen beiden Seiten zu vermitteln, doch als die Aufstände immer gewaltsamer geworden sind und Klöster sowie Schlösser geplündert worden sind, hat er eine radikale Kehrtwende vollzogen.
In seiner berüchtigten Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ hat Luther den Adel aufgefordert, die Rebellion mit aller Härte niederzuschlagen. Er hat argumentiert, dass die weltliche Ordnung von Gott eingesetzt sei und dass Aufruhr gegen die Obrigkeit ein schweres Verbrechen darstelle. Diese harte Haltung hat dazu geführt, dass die Bauernhaufen im Jahr 1525 blutig besiegt worden sind. Für Luther ist dies ein Wendepunkt gewesen: Er hat das Vertrauen in die Urteilskraft der „einfachen Masse“ verloren und hat die Organisation der Kirche fortan stärker in die Hände der Landesfürsten gelegt. Damit hat die Entwicklung hin zum landesherrlichen Kirchenregiment begonnen, was die politische Landschaft Deutschlands für Jahrhunderte geprägt hat.
Neben den sozialen Unruhen haben auch theologische Differenzen innerhalb der protestantischen Bewegung zugenommen. Beim Marburger Religionsgespräch im Jahr 1529 ist es zum endgültigen Bruch mit dem Schweizer Reformator Huldrych Zwingli gekommen. Der Streitpunkt ist das Verständnis des Abendmahls gewesen. Während Zwingli Brot und Wein nur als Symbole gesehen hat, hat Luther unnachgiebig auf der realen Gegenwart Christi beharrt. Da sie sich in diesem zentralen Punkt nicht haben einigen können, ist eine Union der protestantischen Kräfte gescheitert.
Diese politischen und theologischen Spannungen haben dazu geführt, dass die Reformation immer mehr zu einer Angelegenheit der Machtpolitik geworden ist. Die protestantischen Fürsten haben sich im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen, um sich gegen den katholischen Kaiser Karl V. zu verteidigen. Luther selbst hat sich in diesen Jahren zunehmend in seine Rolle als Professor und Prediger in Wittenberg zurückgezogen. Er hat zwar weiterhin unermüdlich geschrieben, doch die unbeschwerte Euphorie der Anfangsjahre ist einer realistischen, manchmal auch verbitterten Sicht auf die Unvollkommenheit der Welt gewichen.
In seinen letzten Lebensjahren ist Martin Luther zu einer immer komplexeren und oft schwierigen Persönlichkeit geworden. Er hat unter zahlreichen chronischen Krankheiten wie Nierensteinen und extremer Erschöpfung gelitten, was seine ohnehin schon schroffe Art weiter verstärkt hat. Trotz seiner physischen Schwäche ist er jedoch intellektuell unermüdlich geblieben. Er hat in dieser Zeit seine Arbeit an der vollständigen Bibelübersetzung abgeschlossen und hat unzählige Predigten sowie Kommentare verfasst. Er hat sich als der „Wächter“ der Reformation gesehen, der die Reinheit der Lehre gegen alle äußeren und inneren Feinde verteidigen musste.
Diese Verteidigungshaltung hat jedoch zu Schriften geführt, die heute als die dunkelsten Kapitel seines Erbes gelten. Besonders seine Haltung gegenüber dem Judentum hat sich radikal verschlechtert. Während er in seiner Frühzeit noch gehofft hat, Juden durch eine reformierte Kirche zum Christentum bekehren zu können, hat er in seiner Spätzeit, enttäuscht über den mangelnden Erfolg, hasserfüllte Texte wie „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) verfasst. In diesen Schriften hat er dazu aufgerufen, Synagogen niederzubrennen und jüdisches Eigentum zu konfiszieren. Diese harten und intoleranten Aussagen sind in der modernen Geschichte oft kritisiert worden und stehen im krassen Gegensatz zu seiner früheren Lehre von der Freiheit des Gewissens.
Auch gegenüber der katholischen Kirche hat er bis zum Schluss keine Versöhnung gesucht. In seiner letzten großen Streitschrift gegen das Papsttum hat er den Papst in Rom als den „Antichristen“ bezeichnet und hat jede Form von Kompromiss abgelehnt. Dennoch hat er in seinem privaten Umfeld, vor allem bei seinen berühmten „Tischreden“, oft eine humorvolle und tiefgründige Seite gezeigt. Er hat über die Musik philosophiert, die er als das zweitwichtigste Geschenk Gottes nach der Theologie bezeichnet hat, und hat zahlreiche Kirchenlieder komponiert, die den Gemeindegesang in Deutschland revolutioniert haben.
Obwohl sein Tonfall in den öffentlichen Debatten immer aggressiver geworden ist, ist seine Bedeutung als theologischer Anker der neuen Kirche unangefochten geblieben. Er hat gespürt, dass sein Ende naht, und hat in seinen späten Briefen oft eine Sehnsucht nach Frieden und Ruhe geäußert. Er hat gewusst, dass er ein monumentales Werk hinterlässt, doch die Sorge um die Zukunft der protestantischen Bewegung hat ihn bis in den Schlaf verfolgt. Diese Jahre sind eine Mischung aus genialer Schaffenskraft und menschlicher Bitterkeit gewesen, die das Bild eines Mannes zeigen, der mit der Welt und mit sich selbst gerungen hat.
Im Februar 1546 hat Martin Luther seine letzte Reise angetreten. Obwohl er gesundheitlich extrem angeschlagen gewesen ist, hat er sich bereit erklärt, in seine Geburtsstadt Eisleben zu reisen, um einen komplizierten Erbschaftsstreit zwischen den Grafen von Mansfeld zu schlichten. Er hat sich zeitlebens als Friedensstifter gesehen, auch wenn seine eigenen Worte oft das Gegenteil bewirkt haben. Trotz der winterlichen Kälte und seiner Herzschwäche ist er in Eisleben angekommen und hat es tatsächlich geschafft, die Verhandlungen erfolgreich abzuschließen. Doch die Anstrengungen der Reise haben seine letzten Kräfte aufgezehrt.
In den frühen Morgenstunden des 18. Februars 1546 ist Martin Luther im Alter von 62 Jahren gestorben. Kurz vor seinem Ende haben ihn seine Freunde gefragt, ob er standhaft bei der Lehre bleibe, die er verkündet habe, worauf er mit einem klaren „Ja“ geantwortet hat. Nach seinem Tod hat man in seiner Tasche einen kleinen Zettel gefunden, auf dem sein letzter schriftlicher Gedanke festgehalten gewesen ist: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Dieser Satz hat seine tiefe theologische Überzeugung zusammengefasst, dass der Mensch vor Gott nichts aus eigener Kraft erreichen kann, sondern vollkommen auf dessen Gnade angewiesen ist.
Luthers Leichnam ist in einem feierlichen Trauerzug nach Wittenberg überführt worden, wo er in der Schlosskirche – dem Ort, an dem alles mit den 95 Thesen begonnen hat – direkt unter der Kanzel bestattet worden ist. Sein Tod hat eine enorme Lücke hinterlassen, doch die Reformation ist längst zu einer unaufhaltsamen Kraft geworden. Er hat eine Kirche geschaffen, die das Wort Gottes ins Zentrum gestellt hat, und hat dem Individuum die Verantwortung für seinen eigenen Glauben übertragen.
Das Erbe Martin Luthers ist monumental. Er hat nicht nur die religiöse Landkarte Europas zerrissen, sondern hat durch seine Bibelübersetzung die deutsche Sprache vereinheitlicht und die Bildung für alle Bevölkerungsschichten gefördert. Seine Betonung des Gewissens hat den Weg für die Aufklärung und die moderne Freiheit des Individuums geebnet, auch wenn er selbst noch tief im mittelalterlichen Denken verwurzelt gewesen ist. Heute bekennen sich weltweit über 70 Millionen Lutheraner zu seinen Lehren. Martin Luther ist eine der widersprüchlichsten, aber zweifellos einflussreichsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte gewesen, dessen Wirken das Fundament der modernen westlichen Welt mitgestaltet hat.
