Das Leben von Malcolm X (B1-B2)
NEWHÖREN

Malcolm Little ist am 19. Mai 1925 in Omaha, Nebraska, in eine Welt hineingeboren worden, die von extremer Segregation und Gewalt geprägt gewesen ist. Sein Vater, Earl Little, ist ein baptistischer Prediger und ein aktiver Unterstützer von Marcus Garvey gewesen. Er hat sich leidenschaftlich für die wirtschaftliche Unabhängigkeit der schwarzen Bevölkerung eingesetzt. Diese politische Aktivität hat die Familie jedoch zur Zielscheibe von rassistischen Gruppierungen gemacht. Malcolm hat später oft davon erzählt, wie die „Black Legion“, eine Gruppe weißer Rassisten, das Haus seiner Familie angezündet hat, während die Feuerwehr tatenlos zugesehen hat.
Die Tragödie hat sich im Jahr 1931 verschärft, als sein Vater unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Offiziell ist sein Tod als Unfall deklariert worden, aber die schwarze Gemeinschaft ist davon überzeugt gewesen, dass er von weißen Rassisten ermordet worden ist. Nach diesem schweren Verlust ist die Familie in extreme Armut gestürzt. Malcolms Mutter, Louise Little, hat hart gekämpft, um ihre acht Kinder zu ernähren, aber der psychische Druck und die ständige Schikane durch die Behörden sind zu groß gewesen. Sie hat schließlich einen Nervenzusammenbruch erlitten und ist in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden.
Die Familie ist daraufhin auseinandergerissen worden. Malcolm ist in verschiedenen Pflegeheimen aufgewachsen, wo er oft der einzige schwarze Junge gewesen ist. Trotz dieser instabilen Verhältnisse ist er ein exzellenter Schüler gewesen. Ein entscheidender Moment ist jedoch passiert, als ein Lehrer ihn nach seinem Berufswunsch gefragt hat. Malcolm hat geantwortet, dass er Anwalt werden möchte. Der Lehrer hat daraufhin gesagt, dass dies kein „realistisches Ziel für einen Nigger“ sei und hat ihm stattdessen empfohlen, Zimmermann zu werden.
Diese rassistische Herabwürdigung hat Malcolm zutiefst verletzt und sein Vertrauen in das amerikanische System zerstört. Er hat begriffen, dass Fleiß und Intelligenz in einer rassistischen Gesellschaft für ihn nicht ausreichen würden. Er hat daraufhin sein Interesse an der Schule verloren und ist nach Boston zu seiner Halbschwester gezogen. In diesem Moment ist der junge, hoffnungsvolle Malcolm innerlich gestorben, und die Suche nach einer Identität in einer feindseligen Welt hat ihn auf einen gefährlichen Weg geführt, der ihn weit weg von seinen Träumen und direkt in die Kriminalität gebracht hat.
Nachdem Malcolm Little seine Heimat verlassen hat, ist er nach Boston zu seiner Halbschwester Ella gezogen. Für ihn ist das eine ganz neue Welt gewesen. Er hat dort als Schuhputzer, als Tellerwäscher und später als Koch in Zügen gearbeitet. Aber die harte Arbeit hat ihn nicht befriedigt. Er hat die glitzernde Welt des Nachtlebens in Boston und später in Harlem, New York, entdeckt. Er ist fasziniert von dem „schnellen Geld“, der Musik und den bunten Kleidern gewesen. In dieser Zeit hat er sich die Haare mit einer chemischen Mischung geglättet – der sogenannte „Conk“ – um den Schönheitsidealen der weißen Gesellschaft zu entsprechen.
Er hat sich in dieser Zeit „Detroit Red“ genannt, wegen seiner rötlichen Haare und seiner Herkunft aus Detroit. Sein Leben hat sich völlig gewandelt: Er hat nächtelang in Jazz-Clubs verbracht, hat an illegalen Glücksspielen teilgenommen, Drogen verkauft und den Konsum von Marihuana und Kokain zu seinem Alltag gemacht. Es ist eine Flucht vor der Realität gewesen. Da er als schwarzer Mann in Amerika kaum legale Chancen auf eine Karriere oder gesellschaftliche Anerkennung gesehen hat, hat er sich entschieden, sich das zu nehmen, was ihm das System verweigert hat.
Dieser Lebensstil hat ihn immer tiefer in die Kriminalität geführt. Er hat angefangen, hochwertige Wohnungen in Boston einzubrechen und den Schmuck der reichen Bewohner zu stehlen. Er ist dabei sehr geschickt und risikofreudig gewesen. Er hat gewusst, dass er ein gefährliches Spiel spielt, aber er hat das Gefühl der Macht und der Unabhängigkeit genossen, das er durch diese kriminellen Aktivitäten bekommen hat. Er hat sich in dieser Phase nicht mehr als das Opfer gefühlt, das in Pflegeheimen aufgewachsen ist, sondern als ein „Spieler“, der die Regeln der Gesellschaft herausfordert.
Das Ende dieser Phase ist jedoch unausweichlich gewesen. Im Jahr 1946 ist Malcolm bei dem Versuch, eine gestohlene Uhr in einem Pfandleihhaus abzugeben, von der Polizei festgenommen worden. Er ist aufgrund seiner Taten und seines Lebenswandels vor Gericht gestellt und zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. In diesem Moment ist „Detroit Red“ gestorben. Der Mann, der den Gerichtssaal verlassen hat, ist nicht mehr der gleiche gewesen, der ihn betreten hat. Die Gefängnistür ist nicht nur zugefallen, um ihn zu bestrafen, sondern sie ist zu einem Tor geworden, hinter dem seine eigentliche Transformation begonnen hat.
Im Jahr 1946 ist Malcolm Little in das Staatsgefängnis von Charlestown eingeliefert worden. Zu Beginn seiner Haftstrafe ist er ein sehr wütender und aggressiver junger Mann gewesen, der die Religion und Gott offen abgelehnt hat. Seine Mithäftlinge haben ihn wegen seines antireligiösen Verhaltens sogar „Satan“ genannt. Doch nach einiger Zeit hat eine tiefe intellektuelle Neugier in ihm begonnen, sein Leben radikal zu verändern. Er hat begriffen, dass sein Mangel an Bildung seine größte Schwäche gewesen ist.
Um seine Ausdrucksweise zu verbessern, hat er eine unglaubliche Disziplin an den Tag gelegt. Er hat angefangen, das gesamte Wörterbuch Seite für Seite abzuschreiben. Er hat jedes Wort, jede Definition und sogar die Zeichensetzung studiert. Danach hat er angefangen, fast jedes Buch in der Gefängnisbibliothek zu lesen – von Philosophie über Geschichte bis hin zu wissenschaftlichen Texten. Er hat später oft gesagt, dass er sich hinter Gittern freier gefühlt hat als jemals zuvor in seinem Leben, weil sein Geist durch das Lesen die Mauern des Gefängnisses verlassen hat.
In dieser Zeit hat er Briefe von seinen Geschwistern erhalten, die ihm von einer neuen religiösen Bewegung erzählt haben: der Nation of Islam (NOI). Ihr Anführer, Elijah Muhammad, hat eine Lehre verbreitet, die den schwarzen Menschen Stolz und Unabhängigkeit versprochen hat. Diese Botschaft hat Malcolm tief berührt. Er hat verstanden, dass der Rassismus in Amerika nicht nur ein politisches, sondern auch ein psychologisches Problem gewesen ist. Er ist zum Islam konvertiert und hat sein Leben komplett neu geordnet: Er hat das Rauchen aufgegeben, hat kein Schweinefleisch mehr gegessen und hat angefangen, stundenlang zu beten.
Ein symbolischer Akt dieser Verwandlung ist die Änderung seines Namens gewesen. Er hat den Nachnamen „Little“ abgelegt und durch ein „X“ ersetzt. Er hat erklärt, dass „Little“ der Name des weißen Sklavenbesitzers gewesen ist, der seine Vorfahren unterdrückt hat. Das „X“ hat für seinen wahren afrikanischen Familiennamen gestanden, den er niemals kennen würde. Als Malcolm X im Jahr 1952 nach sechs Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden ist, ist er kein Krimineller mehr gewesen, sondern ein hochintellektueller, disziplinierter und leidenschaftlicher Kämpfer für die Rechte seines Volkes.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1952 ist Malcolm X direkt nach Chicago gefahren, um Elijah Muhammad persönlich zu treffen. Er ist von der Präsenz des Anführers tief beeindruckt gewesen und hat sofort damit begonnen, als Minister für die „Nation of Islam“ zu arbeiten. Er hat eine unglaubliche Energie an den Tag gelegt: Er ist von Stadt zu Stadt gereist, hat auf Straßenecken gesprochen und hat in kurzer Zeit Tempel in Detroit, Boston und Philadelphia gegründet. Seine Reden sind wie elektrische Schläge für die schwarze Bevölkerung gewesen, die sich jahrelang unterdrückt gefühlt hat.
Im Jahr 1954 ist er zum Minister des Tempels Nr. 7 in Harlem ernannt worden. Harlem ist das kulturelle Herz des schwarzen Amerikas gewesen, und Malcolm X ist dort schnell zur wichtigsten Figur geworden. Er hat eine Sprache benutzt, die absolut direkt und kompromisslos gewesen ist. Er hat die weiße Gesellschaft als „blaueäugige Teufel“ bezeichnet und hat erklärt, dass die Integration in ein rassistisches System kein Ziel sein dürfe. Stattdessen hat er den „schwarzen Nationalismus“ gepredigt – die Idee, dass schwarze Menschen ihre eigenen Geschäfte, Schulen und Gemeinschaften aufbauen müssten, ohne die Hilfe oder Erlaubnis der Weißen.
In dieser Zeit ist ein starker Kontrast zwischen Malcolm X und Martin Luther King Jr. entstanden. Während King für gewaltfreien Widerstand und Liebe plädiert hat, hat Malcolm X das Recht auf Selbstverteidigung betont. Er hat den berühmten Satz geprägt: „Mit allen nötigen Mitteln“. Er hat King oft kritisiert und hat dessen Strategie als „Onkel-Tom-Verhalten“ bezeichnet, weil er geglaubt hat, dass man durch Bitten und Singen keine Freiheit gewinnen könne. Dieser ideologische Konflikt hat die amerikanische Gesellschaft tief gespalten, aber er hat Malcolm X auch zu einem Star in den Medien gemacht. Das Fernsehen hat ihn oft interviewt, weil seine scharfe Kritik und seine Intelligenz für hohe Einschaltquoten gesorgt haben.
Durch Malcolms Arbeit ist die Mitgliederzahl der Organisation massiv gewachsen. Er hat die Zeitung Muhammad Speaks gegründet, die zur auflagenstärksten schwarzen Zeitung in den USA geworden ist. Doch sein Erfolg hat auch Schattenseiten gehabt. Innerhalb der „Nation of Islam“ haben andere Anführer angefangen, eifersüchtig auf seinen Ruhm zu blicken. Auch das FBI unter J. Edgar Hoover hat ihn als eine enorme Gefahr für die nationale Sicherheit eingestuft und hat angefangen, ihn rund um die Uhr zu überwachen. Malcolm X hat zu diesem Zeitpunkt bereits gewusst, dass er sich in einem gefährlichen Kreuzfeuer zwischen dem Staat und den internen Rivalen befunden hat.
Im Jahr 1956 hat Malcolm X eine junge Krankenschwester namens Betty Sanders (später Betty Shabazz) kennengelernt, die ebenfalls ein Mitglied der „Nation of Islam“ gewesen ist. Malcolm ist ein sehr disziplinierter Mann gewesen und hat kaum Zeit für Romantik gehabt, aber Bettys Intelligenz und ihre Ernsthaftigkeit haben ihn tief beeindruckt. Er hat ihre Vorlesungen über Gesundheit und Ernährung besucht und hat schließlich gemerkt, dass sie die ideale Partnerin für sein turbulentes Leben sein könnte. Er hat ihr den Heiratsantrag ganz untypisch am Telefon aus einer Telefonzelle in Detroit gemacht, und sie hat sofort „Ja“ gesagt.
Die Hochzeit hat im Januar 1958 stattgefunden. Für Malcolm ist die Ehe ein wichtiger Anker gewesen. Betty ist nicht nur seine Ehefrau, sondern auch seine engste Vertraute geworden. Da Malcolm ständig auf Reisen gewesen ist, um neue Tempel zu gründen oder Reden zu halten, hat Betty die Last des Haushalts fast alleine getragen. Trotzdem hat sie ihn niemals gebeten, seine politische Arbeit aufzugeben. Sie haben gemeinsam sechs Töchter gehabt: Attallah, Qubilah, Ilyasah, Gamilah und die Zwillinge Malaak und Malikah (die erst nach seinem Tod geboren sind). Malcolm ist ein sehr liebevoller, wenn auch strenger Vater gewesen, der seinen Kindern Disziplin und Stolz beigebracht hat.
Das Familienleben ist jedoch von ständiger Angst überschattet gewesen. Da Malcolm X eine so polarisierende Figur gewesen ist, hat die Familie unter permanenter Überwachung gestanden. Das FBI hat ihr Haus verwanzt, und rassistische Gruppen haben immer wieder Drohbriefe geschickt. Malcolm hat oft Scherze über die Gefahr gemacht, aber im Geheimen hat er sich große Sorgen um die Sicherheit seiner Frau und seiner Kinder gemacht. Er hat gewusst, dass seine Feinde nicht nur in der weißen Gesellschaft, sondern zunehmend auch in den eigenen Reihen der „Nation of Islam“ zu finden gewesen sind.
Betty hat in diesen schwierigen Zeiten eine enorme Stärke bewiesen. Sie hat die wachsende Spannung zwischen Malcolm und Elijah Muhammad miterlebt und ist diejenige gewesen, die ihn oft gewarnt hat. Sie hat bemerkt, dass die Organisation ihren Mann isolieren wollte. In den seltenen Momenten der Ruhe hat die Familie versucht, ein ganz normales Leben zu führen – sie haben Ausflüge gemacht und gemeinsam gegessen. Diese privaten Momente sind für Malcolm die einzige Quelle der Erholung gewesen, bevor er wieder auf die Bühne treten musste, um für die Rechte von Millionen Menschen zu kämpfen.
In den frühen 1960er Jahren ist das Vertrauen zwischen Malcolm X und der Führung der „Nation of Islam“ langsam zerbrochen. Der erste Grund ist persönlicher Natur gewesen: Malcolm hat schockierende Gerüchte über seinen Mentor, Elijah Muhammad, gehört. Er hat erfahren, dass sein heiliges Vorbild mehrere außereheliche Affären mit jungen Sekretärinnen gehabt hat. Für Malcolm, der die strengen moralischen Regeln der Organisation absolut ernst genommen hat, ist diese Entdeckung ein moralischer Schock gewesen. Er hat versucht, mit Elijah Muhammad darüber zu sprechen, aber dieser hat die Taten nur gerechtfertigt, was Malcolm zutiefst enttäuscht hat.
Gleichzeitig hat sich die politische Spannung verschärft. Malcolm ist immer berühmter geworden und hat angefangen, sich mehr für die globale Bürgerrechtsbewegung zu interessieren. Er hat nicht mehr nur über „weiße Teufel“ sprechen wollen, sondern über konkrete politische Aktionen. Das hat den anderen Anführern der Organisation nicht gefallen, da sie Angst vor der Aufmerksamkeit des Staates gehabt haben. Sie haben Malcolm intern isoliert und haben seinen Erfolg mit großem Neid beobachtet. Sie haben das Gefühl gehabt, dass Malcolm X mächtiger als die Organisation selbst geworden ist.
Der endgültige Bruch ist nach dem Attentat auf Präsident John F. Kennedy im November 1963 passiert. Malcolm hat einen Kommentar abgegeben, der in der Öffentlichkeit als sehr gefühlskalt interpretiert worden ist. Er hat gesagt, dass die Gewalt, die Amerika in der Welt verbreitet hat, nun auf das Land zurückgekommen sei. Elijah Muhammad hat diesen Moment genutzt, um Malcolm für 90 Tage stummzuschalten. Er hat ihm verboten, in der Öffentlichkeit zu sprechen oder Interviews zu geben. Malcolm hat schnell gemerkt, dass dieses Verbot nicht nur temporär gewesen ist, sondern dass man ihn dauerhaft loswerden wollte.
Am 8. März 1964 hat Malcolm X schließlich die Konsequenzen gezogen. Er hat offiziell seinen Austritt aus der „Nation of Islam“ verkündet. In einer Pressekonferenz hat er erklärt, dass er eine eigene Organisation gründen werde, die politisch aktiver und flexibler sein sollte. Er hat sich wie ein Mann gefühlt, der nach langer Zeit aus einem dunklen Raum ins Licht tritt. Doch diese Freiheit hat einen sehr hohen Preis gehabt: Von diesem Moment an hat die „Nation of Islam“ ihn als Verräter betrachtet. Er hat gewusst, dass er nun nicht mehr nur vom FBI, sondern auch von seinen ehemaligen Brüdern gejagt wurde.
Im April 1964 hat Malcolm X eine Entscheidung getroffen, die alles verändert hat: Er ist nach Saudi-Arabien gereist, um die heilige Pilgerreise, den Hadj, zu machen. Bevor er nach Mekka gekommen ist, hat er andere Länder wie Ägypten und den Libanon besucht. Doch das Erlebnis in Mekka ist für ihn ein Schock im positiven Sinne gewesen. Er hat dort zum ersten Mal in seinem Leben gesehen, wie Millionen von Menschen aus allen Teilen der Welt – aus Afrika, Asien und Europa – gemeinsam gebetet haben.
Das Wichtigste für Malcolm ist die Erfahrung der Rassenlosigkeit im Islam gewesen. Er hat mit Menschen gegessen, getrunken und gebetet, die „weißer als weiß“ gewesen sind, aber ihn wie einen geliebten Bruder behandelt haben. In der „Nation of Islam“ hat er gelernt, dass weiße Menschen „Teufel“ sind. Doch in Mekka hat er begriffen, dass der Rassismus kein biologisches Problem ist, sondern ein spirituelles und soziales. Er hat verstanden, dass der wahre Islam die Barrieren zwischen den Rassen zerstören kann. Er ist zu einem „farbenblinden“ Muslim geworden, der Gerechtigkeit für alle Menschen gesucht hat.
Während dieser Reise hat er einen berühmten Brief an seine Frau und seine Freunde nach Amerika geschrieben. In diesem Brief hat er erklärt, dass er seine alten radikalen Ansichten korrigiert hat. Er hat seinen Namen offiziell in El-Hajj Malik El-Shabazz geändert. Dieser neue Name hat symbolisiert, dass er nun Teil einer weltweiten Gemeinschaft (der Umma) gewesen ist. Er ist nicht mehr nur ein Kämpfer für die schwarzen Amerikaner gewesen, sondern ein globaler Botschafter für Menschenrechte und universelle Brüderlichkeit.
Nach seiner Reise nach Mekka ist er noch weiter durch Afrika gereist. Er hat Staatsmänner wie Kwame Nkrumah (Ghana) und Gamal Abdel Nasser (Ägypten) getroffen. Er hat gesehen, dass die afrikanischen Nationen für ihre Unabhängigkeit gekämpft haben, und er hat beschlossen, den Kampf der schwarzen Amerikaner mit diesem globalen Kampf zu verbinden. Als er schließlich in die USA zurückgekehrt ist, ist er ein völlig neuer Mensch gewesen. Er ist optimistischer, weiser und internationaler geworden. Er hat gewusst, dass seine alten Freunde in der „Nation of Islam“ ihn nun noch mehr hassen würden, aber er ist bereit gewesen, die Wahrheit zu sagen – egal, wie gefährlich sie gewesen ist.
Nach seiner Rückkehr in die USA im Jahr 1964 hat Malcolm X eine völlig neue politische Richtung eingeschlagen. Er hat begriffen, dass der Kampf der schwarzen Bevölkerung in Amerika kein isoliertes Problem, sondern ein internationaler Kampf um Menschenrechte gewesen ist. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er zwei neue Organisationen gegründet: die religiöse Gruppe „Muslim Mosque Inc.“ und die politische „Organization of Afro-American Unity“ (OAAU). Er hat sich dabei am Vorbild der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) orientiert, um die Verbindung zwischen Afrika und Amerika zu stärken.
Sein Ton hat sich in dieser Zeit radikal verändert. Er hat aufgehört, alle weißen Menschen pauschal zu verurteilen. Stattdessen hat er erklärt, dass er bereit sei, mit jedem zusammenzuarbeiten – egal welcher Hautfarbe –, solange diese Person aufrichtig gegen den Rassismus kämpft. Er hat angefangen, den Fokus von der „Rassentrennung“ auf die „globale Gerechtigkeit“ zu verschieben. In seinen Reden hat er nun oft betont, dass das Problem Amerikas nicht nur die Hautfarbe, sondern das gesamte politische und wirtschaftliche System gewesen ist. Er hat sogar versucht, das Problem des US-Rassismus vor die Vereinten Nationen (UN) zu bringen, um internationale Sanktionen gegen die USA zu fordern.
Besonders interessant ist seine Annäherung an Martin Luther King Jr. gewesen. Obwohl die beiden Männer niemals ein langes privates Gespräch geführt haben, haben sich ihre Wege im März 1964 im Kapitol in Washington kurz gekreuzt. Sie haben sich angelächelt und die Hände geschüttelt. Malcolm hat angefangen, Kings Arbeit mehr zu respektieren, und hat sogar versucht, die Bürgerrechtsbewegung im Süden zu unterstützen. Er hat gemerkt, dass sie eigentlich das gleiche Ziel hatten, nur mit unterschiedlichen Methoden. Diese neue Einheit hat den amerikanischen Behörden und seinen Feinden große Angst gemacht, weil ein vereinter schwarzer Widerstand viel gefährlicher gewesen ist als eine gespaltene Bewegung.
Doch während er diese neuen Visionen entwickelt hat, ist der Druck auf ihn ins Unermessliche gestiegen. Er hat fast jede Nacht Drohanrufe erhalten. Er hat gewusst, dass die „Nation of Islam“ seine Ermordung geplant hat. Er ist oft mit Leibwächtern gereist und hat immer eine Waffe bei sich getragen. Trotzdem hat er sich geweigert, seine Arbeit zu stoppen oder sich zu verstecken. Er hat gesagt: „Ich lebe jeden Tag so, als ob es mein letzter wäre.“ Er ist in dieser Zeit ein einsamer Kämpfer gewesen, der zwischen den Fronten stand – geliebt von den jungen Radikalen, beobachtet vom Staat und gejagt von seinen alten Verbündeten.
Das Jahr 1964 und der Anfang von 1965 sind für Malcolm X eine Zeit des permanenten Terrors gewesen. Er hat genau gewusst, dass die Führung der „Nation of Islam“ seinen Tod beschlossen hat. Überall, wo er aufgetreten ist, hat er die feindseligen Blicke seiner ehemaligen Brüder gespürt. In der Zeitung der Organisation, Muhammad Speaks, sind Karikaturen veröffentlicht worden, die seinen abgeschlagenen Kopf gezeigt haben. Er ist rechtlich aus seinem Haus in Queens geworfen worden, und die Drohungen gegen seine Familie sind täglich extremer geworden.
Im Februar 1965 ist die Gewalt eskaliert. In einer kalten Nacht haben Unbekannte Brandbomben durch die Fenster seines Hauses geworfen. Malcolm ist mitten in der Nacht aufgewacht und hat seine schlafende Frau und seine vier Kinder aus dem brennenden Gebäude retten müssen. Obwohl das Haus schwer beschädigt worden ist und die Familie unter Schock gestanden hat, hat die Polizei Malcolm sogar beschuldigt, das Feuer selbst gelegt zu haben, um Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Ungerechtigkeit hat ihn zutiefst enttäuscht, aber er hat sich geweigert, seine öffentlichen Reden abzusagen.
In seinen letzten Interviews hat er sehr müde, aber auch sehr klar gewirkt. Er hat offen über seinen kommenden Tod gesprochen. Er hat gesagt: „Ich bin ein markierter Mann.“ Er hat angefangen, seine Leibwächter zu bitten, nicht mehr so streng zu kontrollieren, weil er niemanden unschuldig gefährden wollte. Er hat sich in dieser Zeit intensiv auf die Fertigstellung seiner Autobiografie konzentriert, die er gemeinsam mit dem Autor Alex Haley geschrieben hat. Er hat gewollt, dass die Welt die Wahrheit über seine Verwandlung erfährt, bevor es zu spät ist.
Trotz der massiven Gefahr ist er weiterhin durch das Land gereist, um für die OAAU zu werben. Er hat versucht, die schwarze Gemeinschaft darauf vorzubereiten, ohne ihn weiterzumachen. Am Abend vor seinem Tod hat er mit seiner Frau Betty über das Gefühl der Befreiung gesprochen. Er hat sich wie ein Mensch gefühlt, der seine Mission erfüllt hat. Er hat gewusst, dass die Verschwörung gegen ihn nicht nur aus der „Nation of Islam“ bestand, sondern dass auch staatliche Behörden ein Interesse an seinem Schweigen hatten. Er ist mit diesem Wissen in seinen letzten Tag gegangen, bereit, das ultimative Opfer für seine Überzeugungen zu bringen.
Am 21. Februar 1965 ist Malcolm X in den Audubon Ballroom in New York gekommen, um vor seiner Organisation (OAAU) eine Rede zu halten. Die Stimmung im Saal ist sehr angespannt gewesen, da die Drohungen in den Tagen zuvor massiv zugenommen hatten. Trotzdem hat Malcolm seine Leibwächter angewiesen, die Besucher am Eingang nicht zu durchsuchen. Er hat gewollt, dass sich die Menschen in seiner Nähe willkommen und nicht kontrolliert fühlen. Seine Frau Betty und seine vier kleinen Töchter haben in der ersten Reihe gesessen, um ihm zuzuhören.
Kurz nachdem Malcolm die Bühne betreten und die Menge mit „As-salamu alaykum“ begrüßt hat, ist im hinteren Teil des Saals absichtlich ein Streit provoziert worden. Als Malcolm versucht hat, die Situation zu beruhigen, sind plötzlich drei Männer aus der ersten Reihe aufgestanden. Sie haben das Chaos genutzt und haben mit einer Schrotflinte und Pistolen das Feuer auf ihn eröffnet. Malcolm X ist von insgesamt 21 Kugeln getroffen worden und ist noch auf der Bühne vor den Augen seiner Familie zusammengebrochen. Er ist wenig später im Krankenhaus für tot erklärt worden. Er ist nur 39 Jahre alt geworden.
Die Nachricht von seinem Tod hat die Welt schockiert. Während die Medien ihn oft als „Apostel der Gewalt“ dargestellt haben, ist sein Begräbnis in Harlem zu einer riesigen Demonstration der Liebe und des Respekts geworden. Tausende Menschen sind auf die Straßen gegangen, um sich von ihm zu verabschieden. Der Schauspieler Ossie Davis hat eine berühmte Grabrede gehalten, in der er Malcolm als „unseren glänzenden schwarzen Prinzen“ bezeichnet hat. Die drei Attentäter sind später gefasst und verurteilt worden, wobei sie alle Mitglieder der „Nation of Islam“ gewesen sind. Bis heute gibt es jedoch Theorien, dass auch staatliche Behörden in das Attentat verwickelt gewesen sind.
Nach seinem Tod ist seine Bedeutung jedoch noch weiter gewachsen. Seine Autobiografie, die nur wenige Monate später veröffentlicht worden ist, ist zu einem der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts geworden. Er ist zum Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, für die Suche nach der Wahrheit und für die Fähigkeit zur radikalen Selbstkorrektur geworden. Malcolm X hat gezeigt, dass ein Mensch sich völlig neu erfinden kann – vom Kriminellen zum Prediger und schließlich zum weltweiten Kämpfer für die Menschenrechte. Sein Name ist heute auf der ganzen Welt ein Synonym für Würde und unerschütterlichen Mut.
