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Das Leben von Leonardo da Vinci (A2-B1)

NEWHÖREN

Leonardo da Vinci ist am 15. April 1452 in der Nähe des kleinen Dorfes Vinci in der italienischen Region Toskana geboren. Sein vollständiger Name bedeutet einfach „Leonardo aus Vinci“. Er war ein uneheliches Kind: Sein Vater, Ser Piero, war ein reicher und wichtiger Notar, und seine Mutter, Caterina, war eine einfache Frau vom Lande. Weil seine Eltern nicht verheiratet waren, durfte der kleine Leonardo nicht die normale lateinische Schule besuchen. Er ist im Haus seines Großvaters aufgewachsen und hat als Kind viel Zeit alleine in der Natur verbracht.

Die Natur war Leonardos erste und wichtigste Lehrerin. Er hat stundenlang die Vögel am Himmel, die Pflanzen im Wald und das fließende Wasser in den Bächen beobachtet. Er hatte ein kleines Notizbuch, in das er alles gezeichnet hat, was er sah. Schon als kleines Kind konnte er fantastisch zeichnen. Weil er keine klassische Schulbildung hatte, war er frei von alten Dogmen und hat gelernt, die Welt mit seinen eigenen Augen kritisch zu hinterfragen. Aus der Sicht von Historikern war diese unbeschwerte Kindheit in der Natur das Fundament für seine spätere neugierige Wissenschaftsphilosophie.

Als Leonardo etwa 14 Jahre alt war, hat sein Vater sein großes Zeichentalent erkannt. Der Vater hat einige Zeichnungen des Jungen mit nach Florenz genommen. Florenz war zu dieser Zeit das Zentrum der Kunst und der Kultur in Italien. Er hat die Zeichnungen dem berühmten Künstler Andrea del Verrocchio gezeigt. Verrocchio war von dem Talent des Jungen so begeistert, dass er Leonardo sofort als Schüler in seine Werkstatt (Bottega) aufgenommen hat.

Die Werkstatt von Verrocchio war kein normaler Arbeitsplatz, sondern ein echter Ort der Kreativität. Leonardo hat dort nicht nur gelernt, wie man Farben mischt und auf Leinwand malt. Er hat auch gelernt, wie man Skulpturen aus Marmor und Bronze baut, wie man Gebäude plant und wie man Metalle verarbeitet. Alle Schüler mussten sehr hart arbeiten. Sie haben zuerst den Boden gefegt, Pinsel gereinigt und Farben aus Pflanzen und Mineralien hergestellt, bevor sie selbst malen durften.

Eine berühmte Geschichte aus dieser Zeit zeigt, wie genial der junge Leonardo gewesen ist. Verrocchio hat an einem großen Bild mit dem Titel „Die Taufe Christi“ gearbeitet. Er hat seinem jungen Schüler Leonardo erlaubt, einen kleinen Engel am linken Bildrand zu malen. Als das Bild fertig war, hat man den Unterschied sofort gesehen: Der Engel von Leonardo war viel lebendiger, weicher und realistischer gemalt als die Figuren seines Meisters. Die Historiker erzählen, dass Verrocchio danach seine Pinsel wütend abgelegt hat und nie wieder ein eigenes Bild malen wollte, weil sein Schüler ihn bereits übertroffen hatte.

Im Jahr 1472, im Alter von 20 Jahren, hat Leonardo seine Ausbildung erfolgreich beendet. Er ist als Meister in die Malergilde von Florenz aufgenommen worden. Obwohl er nun als eigenständiger Künstler arbeiten konnte, ist er noch ein paar Jahre in der Werkstatt seines Meisters geblieben, weil er die Werkzeuge, die Ruhe und die Gesellschaft der anderen Künstler sehr geschätzt hat. Florenz hatte aus dem einfachen Landjungen einen perfekten Handwerker und Künstler gemacht.

Nach seinen Jahren in der Werkstatt von Verrocchio hat Leonardo angefangen, als selbstständiger Künstler in Florenz zu arbeiten. Er hat schnell den Ruf bekommen, ein extrem begabter, aber auch sehr unkonventioneller Maler zu sein. Ein wichtiges Merkmal seiner frühen Bilder war eine neue Technik, die man Sfumato nennt. Dabei hat Leonardo die Konturen der Figuren nicht hart gezeichnet, sondern die Farben ganz weich ineinander verschwimmen lassen – wie Rauch in der Luft. Dadurch sahen seine Gesichter und Landschaften viel lebendiger und realistischer aus als die Bilder anderer Künstler seiner Zeit.

Aus historischer Sicht zeigt sich bei dem jungen Leonardo aber auch schon ein bekanntes Problem, das ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollte: Er hat extrem viele Projekte angefangen, aber nur sehr wenige wirklich fertiggemacht. Ein berühmtes Beispiel dafür ist das große Gemälde „Die Anbetung der Könige“, das eine Gruppe von Mönchen bei ihm bestellt hatte. Leonardo hat monatelang Skizzen gezeichnet, die Perspektive berechnet und mit dem Bild begonnen. Doch bevor das Bild fertig war, hat er das Interesse daran verloren und ist weggezogen. Das Gemälde ist bis heute unvollendet geblieben.

Leonardo hat sich schon in jungen Jahren nicht nur für das Malen interessiert. Sein Kopf war voller neuer Ideen für Maschinen, Gebäude und Waffen. Er war fasziniert von der Physik, der Geometrie und der Mechanik. Er hat gemerkt, dass Florenz zwar eine wunderschöne Stadt für Maler war, aber er wollte mehr sein als nur ein Künstler. Er wollte große Projekte planen, Kanäle bauen und Festungen konstruieren. Deshalb hat er begonnen, sich nach einem neuen Ort und einem mächtigen Herrscher umzuschauen, der seine vielseitigen Talenten finanziell unterstützen konnte.

Im Jahr 1482 hat Leonardo da Vinci eine große Lebensentscheidung getroffen. Er verließ Florenz und zog nach Mailand, das damals eine der reichsten und mächtigsten Städte in ganz Italien war. Regiert wurde die Stadt von dem ehrgeizigen Herzog Ludovico Sforza, der auch unter dem Spitznamen „Il Moro“ (der Maure) bekannt war. Um die Gunst des Herzogs zu gewinnen, verfasste der 30-jährige Leonardo einen extrem selbstbewussten Bewerbungsbrief, der in der Geschichte als eines der bemerkenswertesten Dokumente der Renaissance gilt.

In diesem langen Brief erwähnte Leonardo seine Talente als Maler erst ganz am Ende. Stattdessen präsentierte er sich in erster Linie als genialer Militäringenieur. Er versprach dem Herzog, neuartige Kriegsmaschinen zu bauen: tragbare Brücken für Soldaten, unzerstörbare gepanzerte Fahrzeuge (eine frühe Form des Panzers), gewaltige Katapulte, effektive Kanonen und geheime Tunnel für Belagerungen. Außerdem bot er an, als Architekt für prächtige Paläste und als Wasserbauingenieur für den Bau von Stadtkanälen zu arbeiten. Der Herzog war von diesen Ideen tief beeindruckt und stellte Leonardo sofort an seinem Hof an.

Leonardo verbrachte fast 17 Jahre am Hof der Sforza in Mailand. Diese Phase war eine der produktivsten Zeiten seines gesamten Lebens. Allerdings verbrachte er die meiste Zeit nicht mit der Malerei, sondern mit sehr vielseitigen Aufgaben für den Herzog. Er entwarf Waffen, plante das Abwassersystem der Stadt Mailand und erfand komplizierte Bühnenbilder sowie mechanische Apparate für die riesigen, opulenten Hochzeiten und Feste der Adelsfamilie. Er baute zum Beispiel mechanische Löwen, die von alleine laufen konnten und aus deren Brust Blumen fielen.

Ein ganz großes Projekt dieser Mailänder Jahre war das monumentale Reiterdenkmal für den Vater des Herzogs. Es sollte eine gigantische Pferdestatue aus Bronze werden, die über sieben Meter hoch war. Leonardo arbeitete jahrelang an den mathematischen Berechnungen, den Formen und der Anatomie des Pferdes. Er baute ein riesiges Modell aus Ton, das von allen Menschen in Italien bewundert wurde. Doch bevor die Statue gegossen werden konnte, brach ein Krieg mit Frankreich aus. Der Herzog musste das gesamte Bronzematerial, das für das Pferd gesammelt worden war, einschmelzen lassen, um daraus Kanonen zur Verteidigung der Stadt zu gießen. So blieb auch dieses Meisterwerk unvollendet, aber Leonardos Ruf als genialer Erfinder war in ganz Europa gefestigt.

Während seiner Zeit in Mailand erhielt Leonardo da Vinci im Jahr 1495 vom Herzog Ludovico Sforza einen äußerst wichtigen Auftrag. Er sollte die Nordwand des Speisesaals (das sogenannte Refektorium) im Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie mit einem großen religiösen Wandgemälde dekorieren. Das Thema des Bildes war das letzte Mahl Jesu mit seinen zwölf Aposteln, kurz bevor er verraten und verhaftet wurde. Dieses Kunstwerk sollte eines der berühmtesten, am meisten analysierten und faszinierendsten Gemälde der gesamten Menschheitsgeschichte werden: „Das Abendmahl“ (Il Cenacolo).

Leonardo plante das Werk mit akribischer wissenschaftlicher Präzision. Aus der Sicht von Historikern malte er nicht einfach eine starre, religiöse Szene, sondern fing einen extrem dramatischen und psychologischen Schlüsselmoment ein. Das Bild zeigt exakt den Augenblick, in dem Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Einer von euch wird mich verraten.“ Leonardo studierte die menschliche Körpersprache und die Mimik sehr intensiv. Er zeichnete in den Straßen von Mailand unzählige Skizzen von echten Menschen, um für jeden Apostel das perfekte Gesicht und die passende Emotion zu finden. Auf dem fertigen Bild kann man die schockierten Reaktionen der Jünger perfekt ablesen: Einige springen entsetzt auf, andere diskutieren aufgeregt, während Judas Ischariot erschrocken zurückweicht und den Geldbeutel mit dem Verratslohn fest in der Hand hält.

Auch die perspektivische Konstruktion des Bildes ist ein absolutes Meisterwerk der Ingenieurskunst. Leonardo nutzte die Gesetze der Mathematik und der Optik so geschickt, dass der gemalte Raum auf der Wand wie eine direkte, dreidimensionale Verlängerung des echten Speisesaals der Mönche wirkt. Alle Fluchtlinien des Raumes – die Linien der Decke, der Wandteppiche und der Fenster – laufen exakt im Kopf von Jesus zusammen. Dadurch wird der Blick des Betrachters automatisch auf die zentrale Figur des Bildes gelenkt, die inmitten der Aufregung der Jünger vollkommen ruhig und erhaben wirkt.

Die Arbeit an dem riesigen Gemälde (es ist etwa 4,6 Meter hoch und 8,8 Meter breit) dauerte fast drei Jahre. Die Mönche des Klosters beschwerten sich oft beim Herzog über Leonardos merkwürdige Arbeitsweise. Der Prior des Klosters verstand nicht, warum der Maler manchmal stundenlang vor der Wand stand, das Bild nur starr anstarrte und keinen einzigen Pinselstrich machte, oder warum er mitten am Tag aus der Stadt herbeilief, nur um einen einzigen Strich zu ziehen. Leonardo erklärte dem Herzog daraufhin weise, dass die größten Genies manchmal am meisten arbeiten, wenn sie am wenigsten tun, weil sie die Ideen erst in ihrem Kopf perfekt durchdenken müssen.

Leider traf Leonardo bei der Maltechnik eine verhängnisvolle Fehlentscheidung. Normalerweise malte man Wandgemälde als echte Fresken: Dabei wird die Farbe direkt auf den nassen, frischen Putz aufgetragen, was das Bild sehr haltbar macht. Weil Leonardo aber sehr langsam arbeitete und seine Farben ständig korrigieren wollte, erfand er eine neue, eigene Mischung aus Öl- und Temperafarben auf trockenem Putz. Diese experimentelle Technik hielt auf der feuchten Klosterwand überhaupt nicht. Schon wenige Jahre nach der Fertigstellung begann die Farbe von der Wand abzublättern. Obwohl das Bild im Laufe der Jahrhunderte durch Feuchtigkeit, Kriege und schlechte Restaurierungen schwer beschädigt wurde, fasziniert die dramatische Komposition und die psychologische Tiefe von Leonardos „Abendmahl“ die Menschen bis heute.

Neben der Malerei und der Technik hatte Leonardo da Vinci eine weitere riesige Leidenschaft: die Wissenschaft und das Erforschen der Natur. Er war fest davon überzeugt, dass man ein guter Künstler nur dann sein kann, wenn man die Welt um sich herum genau versteht. Für Leonardo war die Beobachtung der Schlüssel zu allem Wissen. Er glaubte nicht einfach an alte Bücher oder religiöse Lehren, sondern wollte alles selbst mit eigenen Augen sehen, messen und überprüfen. Sein wissenschaftliches Interesse war absolut grenzenlos: Er erforschte die Geologie der Berge, die Strömung des Wassers, das Wachstum der Pflanzen, das Licht in der Optik und vor allem die Funktionsweise des menschlichen Körpers.

Um Menschen und Tiere auf seinen Bildern so realistisch wie möglich zu zeichnen, begann Leonardo, sich intensiv mit der Anatomie zu beschäftigen. Er wollte nicht nur die Oberfläche der Haut sehen, sondern genau verstehen, was unter der Haut liegt. Er wollte wissen, wie die Muskeln arbeiten, wie die Knochen miteinander verbunden sind und wie das Blut durch den Körper fließt. Im Laufe seines Lebens sezierte (öffnete und untersuchte) er in Krankenhäusern und Sezierräumen in Mailand, Florenz und Rom mehr als dreißig menschliche Leichen. Das war in der Renaissance eine extrem schwierige, gefährliche und oft auch verbotene Arbeit, weil es damals keine Kühlschränke gab und die Kirche solche Untersuchungen sehr kritisch beobachtete.

Leonardo arbeitete oft nachts bei schwachem Kerzenlicht, umgeben von Leichen. Doch sein Forscherdrang war stärker als die Angst oder der Ekel. Er fertigte Hunderte von extrem präzisen Zeichnungen an, die bis heute zu den schönsten und wissenschaftlich wertvollsten Anatomiestudien der Weltgeschichte gehören. Er erfand ganz neue Zeichenmethoden: Er zeichnete Körperteile aus verschiedenen Blickwinkeln, schnitt Muskeln schichtweise ab und zeigte das Innere von Organen wie in modernen medizinischen Büchern. Eine seiner berühmtesten Zeichnungen aus dem Jahr 1490 ist der Vitruvianische Mensch. Dieses Bild zeigt einen nackten Mann in zwei Überlagerungspositionen in einem Kreis und einem Quadrat. Leonardo bewies damit, dass die Proportionen des menschlichen Körpers in perfekter Harmonie mit der Geometrie der Natur stehen.

Seine Studien gingen weit über das Zeichnen von Knochen hinaus. Er war der allererste Mensch, der die genaue Form der menschlichen Wirbelsäule zeichnete, das Herz und seine Ventile wissenschaftlich untersuchte und die Entwicklung eines Fötus (eines ungeborenen Babys) im Mutterleib detailliert darstellte. Leonardo verfasste Tausende von Seiten mit wissenschaftlichen Notizen. Er schrieb diese Notizen in einer speziellen Spiegelschrift von rechts nach links, die man nur lesen konnte, wenn man die Seite vor einen Spiegel hielt. Ob er das tun wollte, um seine Ideen vor Ideenräubern zu schützen, oder ob es einfach daran lag, dass er Linkshänder war, wissen Historiker bis heute nicht genau. Obwohl Leonardo diese medizinischen Bücher zu seinen Lebzeiten nie offiziell veröffentlicht hat, nahm er die moderne Medizin und Biologie um viele Jahrhunderte vorweg.

Schon als kleines Kind in den Hügeln der Toskana war Leonardo da Vinci fasziniert vom Fliegen. Er verbrachte stundenlang Zeit damit, Vögel am Himmel zu beobachten. Er analysierte ganz genau, wie sie ihre Flügel bewegten, wie sie den Wind nutzten und wie sie ihre Richtung beim Fliegen änderten. Er kaufte auf den Märkten in Florenz oft gefangene Vögel in Käfigen, nur um sie sofort wieder freizulassen und ihre Flugbewegungen in Freiheit zu studieren. Leonardo hatte einen großen Traum: Er wollte ein Gerät erfinden, mit dem auch der Mensch wie ein Vogel durch die Luft fliegen konnte.

In seinen Notizbüchern zeichnete er Hunderte von Skizzen für fantastische Flugmaschinen (Macchine volanti). Seine ersten Ideen basierten direkt auf der Natur: Er entwarf Fluggeräte mit riesigen, künstlichen Fledermausflügeln. Der Pilot sollte in der Mitte des Geräts liegen oder stehen und die Flügel mit seinen eigenen Arm- und Beinmuskeln über ein System aus Seilen und Hebeln bewegen. Eine seiner bekanntesten Erfindungen war die Luftschraube (Vite aerea). Diese Konstruktion gilt aus historischer Sicht als der direkte Vorläufer des modernen Hubschraubers. Leonardo plante eine große Schraube aus Segeltuch, die sich so schnell drehen sollte, dass sie sich in die Luft hochschraubte.

Neben den Flugmaschinen erfand Leonardo auch sehr praktische Sicherheitsgeräte für die Luftfahrt. Er zeichnete eine Pyramide aus Stoff und Holzleisten und erfand damit den allerersten Fallschirm. Er schrieb dazu, dass ein Mensch mit dieser Konstruktion aus jeder beliebigen Höhe ohne Gefahr auf den Boden springen könne. Auch ein System für einen Drachenflieger entwarf er bereits in seinen Notizbüchern. Leonardo baute einige kleine Modelle dieser Maschinen und testete sie in seiner Werkstatt. Historiker berichten sogar, dass er versuchte, eine große Flugmaschine auf einem Hügel in der Nähe von Florenz mit einem Assistenten zu testen, was jedoch scheiterte, weil die menschliche Muskelkraft einfach zu schwach für das Gewicht der Geräte war.

Obwohl seine Flugmaschinen zu seinen Lebzeiten nie wirklich funktionierten, zeigt diese Arbeit Leonardos unglaublichen Erfindergeist. Er war der Wissenschaft und der Technik seiner Zeit um viele Jahrhunderte voraus. Neben den Fluggeräten erfand er auch Taucheranzüge, Unterseeboote, automatische Wecker, Drehkräne für Baustellen und sogar selbstfahrende Wagen, die wie frühe Roboter funktionierten. Er nutzte die Gesetze der Mechanik und der Mathematik, um Maschinen zu erfinden, die das Leben der Menschen einfacher und sicherer machen sollten. Sein Traum vom Fliegen bewies, dass der menschliche Geist keine Grenzen kennt.

Im Jahr 1499 veränderte sich die politische Lage in Mailand schlagartig. Französische Truppen marschierten in die Stadt ein, und der Herzog Ludovico Sforza verlor seine Macht. Leonardo da Vinci musste Mailand verlassen. Nach kurzen Aufenthalten in Mantua und Venedig kehrte er im Jahr 1500 wieder in seine alte Heimat Florenz zurück. Die Menschen in Florenz empfingen ihn mit großem Respekt und Bewunderung, denn sein Ruf als überragender Künstler und Ingenieur war mittlerweile in ganz Italien bekannt. In dieser zweiten Florentiner Phase begann Leonardo mit der Arbeit an einem Gemälde, das später zum berühmtesten und wertvollsten Kunstwerk der gesamten Weltgeschichte werden sollte: die „Mona Lisa“ (in Italien auch bekannt als La Gioconda).

Das Gemälde entstand ab dem Jahr 1503 als Auftragsarbeit. Bei der dargestellten Frau handelte es sich nach wissenschaftlicher Erkenntnis sehr wahrscheinlich um Lisa Gherardini, die junge Ehefrau des reichen Florentiner Seidenhändlers Francesco del Giocondo. Auf den ersten Blick wirkt das Bild recht klein (es ist nur etwa 77 mal 53 Zentimeter groß) und zeigt eine einfach gekleidete Frau vor einer weiten, mystischen Naturlandschaft. Doch die malerische Ausführung war absolut revolutionär. Leonardo nutzte wieder seine perfekte Sfumato-Technik: Er trug unzählige hauchdünne, transparente Farbschichten übereinander auf. Dadurch entstanden extrem weiche Übergänge an den Mundwinkeln und den Augenränder der Frau.

Genau diese neuartige Technik verlieh dem Gesicht diesen legendären, geheimnisvollen Gesichtsausdruck. Es scheint fast so, als ob die Mona Lisa den Betrachter aus jedem Blickwinkel direkt in die Augen schaut und sich ihr Lächeln je nach Lichtstimmung verändert. Auch die Landschaft im Hintergrund war ein Meisterwerk der Optik: Je weiter die Berge im Hintergrund liegen, desto unschärfer und bläulicher zeichnete Leonardo sie. Diesen Effekt nennt man Luftperspektive. Es ließ das Bild erstaunlich dreidimensional und lebendig wirken.

Obwohl der Seidenhändler das Porträt für seine Frau bestellt hatte, übergab Leonardo das fertige Bild niemals an den Auftraggeber. Er verliebte sich gewissermaßen in sein eigenes Meisterwerk und nahm es auf all seinen späteren Reisen immer mit sich. Er arbeitete über viele Jahre hinweg immer wieder an kleinen Details des Bildes. Die Mona Lisa Begleitete ihn bis an sein Lebensende. Heute hängt dieses Meisterwerk im berühmten Louvre-Museum in Paris hinter kugelsicherem Glas, wo es jedes Jahr von Millionen von Menschen aus der ganzen Welt bestaunt wird.

Während seiner zweiten Zeit in Florenz traf Leonardo da Vinci auf einen anderen überragenden Künstler der Renaissance: den jungen Michelangelo Buonarroti. Michelangelo war mehr als zwanzig Jahre jünger als Leonardo, aber er war bereits extrem stolz, hochbegabt und weltberühmt für seine gewaltige Marmorstatue des David. Zwischen den beiden Genies entwickelte sich sehr schnell eine große und persönliche Rivalität. Die beiden Männer waren von ihrem Charakter und von ihrem Aussehen her völlig unterschiedlich: Leonardo war ein eleganter, freundlicher und stets edel gekleideter Mann, der die Natur und die Philosophie liebte. Michelangelo dagegen war ein eher zurückgezogener, wilder und oft zorniger Bildhauer, der den Staub der Steinbrüche auf seiner Kleidung trug und sich ausschließlich auf das Formbare konzentrierte.

Die Stadtverwaltung von Florenz beschloss im Jahr 1503, diese Konkurrenz für ein historisches Kunstprojekt zu nutzen. Sie gab den beiden Rivalen gleichzeitig den Auftrag, jeweils eine Wand im großen Saal des Rathauses (dem Salone dei Cinquecento im Palazzo Vecchio) mit einem riesigen Wandgemälde zu dekorieren. Beide Bilder sollten berühmte militärische Siege der Stadt Florenz zeigen. Leonardo wählte die historische Schlacht von Anghiari. Er entwarf eine extrem dynamische, wilde Szene mit reitenden Soldaten und wütenden Pferden, die um eine Fahne kämpften. Michelangelo sollte auf der gegenüberliegenden Wand die Schlacht von Cascina malen und wählte den Moment, in dem überraschte Soldaten beim Baden im Fluss nach ihren Waffen griffen.

Das Duell der beiden Künstler zog die Aufmerksamkeit ganz Italiens auf sich. Junge Maler und Studenten reisten von weit her an, nur um die Vorzeichnungen (die sogenannten Kartons) der beiden Meister zu studieren. Doch leider wurde keines der beiden riesigen Wandgemälde jemals fertiggestellt. Leonardo experimentierte bei seinem Bild wieder mit einer neuen, fehlerhaften Ölfarbe auf der Wand, die wegen der feuchten Raumluft nicht trocknen wollte. Er versuchte sogar, das Bild mit großen Kohlebecken zu trocknen, doch dabei schmolz die Farbe an der Wand einfach herunter. Das Experiment war gescheitert, und Leonardo gab die Arbeit frustriert auf. Michelangelo wurde kurz darauf vom Papst nach Rom gerufen, um die Sixtinische Kapelle auszumalen. Obwohl die Gemälde im Rathaus nie fertig wurden, prägte das Duell zwischen den beiden Giganten die Kunstgeschichte für immer.

Nach dem gescheiterten Projekt im Rathaus von Florenz begann für Leonardo da Vinci eine Phase großer politischer Unsicherheiten und ständiger Ortswechsel. Die politische Lage im zerklüfteten Italien war extrem instabil, und die Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen Stadtstaaten und den ausländischen Mächten veränderten sich fast täglich. Im Jahr 1506 kehrte Leonardo auf dringenden Wunsch der neuen französischen Herrscher wieder nach Mailand zurück. Die Franzosen bewunderten seine Kunst zutiefst und gaben ihm als Hofmaler sehr viel Freiheit. In dieser zweiten Mailänder Zeit widmete er sich weniger großen Monumentalgemälden, sondern vertiefte stattdessen seine wissenschaftlichen Forschungen. Er arbeitete intensiv mit dem jungen Anatomieprofessor Marcantonio della Torre zusammen und verbrachte unzählige Stunden damit, die Bewegung des Wassers und die Gesetze der Hydraulik für große Kanalprojekte zu studieren.

Doch das politische Schicksal traf Leonardo erneut. Im Jahr 1513 mussten die Franzosen Mailand wieder verlassen, und für den mittlerweile über sechzigjährigen Erfinder begann eine neue Reise. Gemeinsam mit seinen treuesten Schülern, darunter sein Begleiter Francesco Melzi, zog er nach Rom. Rom war in dieser Epoche das absolute Machtzentrum der katholischen Kirche und der europäischen Kunstwelt. Papst Leo X. aus der mächtigen Florentiner Familie Medici holte die besten Künstler des Landes an seinen Hof. Leonardo bekam eine Wohnung im berühmten Belvedere-Palast des Vatikans zugewiesen und erhielt ein monatliches Gehalt.

Aus der Perspektive von Historikern waren die Jahre in Rom jedoch keineswegs unbeschwert für den alternden Meister. Die Stimmung am päpstlichen Hof war von einer extrem harten Konkurrenz geprägt. Junge, aufstrebende Künstler wie der geniale Maler Raffael und der dynamische Bildhauer Michelangelo dominierten die großen Projekte im Vatikan. Während Raffael die prunkvollen Papstgemächer ausmalte und Michelangelo an der gigantischen Sixtinischen Kapelle arbeitete, fühlte sich Leonardo oft an den Rand gedrängt. Papst Leo X. misstraute Leonardos Arbeitsweise zutiefst, weil er wusste, dass der alte Meister viele Aufträge niemals zu Ende brachte. Der Papst beklagte sich einmal öffentlich darüber, dass Leonardo bereits das Trockenöl für die Farben mischte, bevor er überhaupt mit der ersten Skizze des Bildes begonnen hatte.

Hinzu kam, dass Neider und Gegner am Hof ihn beim Papst verleumdeten. Man warf ihm vor, dass seine anatomischen Untersuchungen an menschlichen Leichen im Krankenhaus Santo Spirito eine Sünde gegen die Kirche seien. Der Papst verbot ihm daraufhin weitere Sektionen, was Leonardo zutiefst kränkte und traurig machte. Anstatt sich mit dem Papst zu streiten, zog sich der erfahrene Forscher immer mehr in sein Laboratorium im Vatikan zurück. Er experimentierte mit pflanzlichen Farben, erfand neuartige Spiegel, entwickelte Ideen zur Gewinnung von Sonnenenergie und zeichnete unzählige, beängstigende Skizzen von gigantischen Sintfluten und Naturkatastrophen. Trotz der Enttäuschungen in Rom nutzte er die ruhigen Stunden, um weiter an seinen Notizbüchern zu arbeiten und seine geliebten Gemälde wie die Mona Lisa und den Johannes den Täufer im Detail zu perfektionieren.

Im Jahr 1516 traf Leonardo da Vinci eine weitere historische Entscheidung in seinem Leben. Er war inzwischen 64 Jahre alt, fühlte sich in Rom von den jungen Künstlern an den Rand gedrängt und litt zunehmend unter gesundheitlichen Problemen. In dieser schwierigen Situation erhielt er ein äußerst großzügiges Angebot vom neuen, jungen König von Frankreich: Franz I. (François Ier). Der französische König war ein großer Liebhaber der italienischen Renaissance und bewunderte Leonardos Genie zutiefst. Er lud den alten Meister offiziell nach Frankreich ein und versprach ihm vollkommene persönliche und künstlerische Freiheit. Leonardo nahm die Einladung an, packte seine Kisten und überquerte mit seinen Maultieren und seinen treuesten Schülern die hohen Alpen. In seinem Gepäck hatte er auch seine drei Lieblingsgemälde, darunter das Porträt der Mona Lisa, das er bis zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht abgegeben hatte.

Der französische König schenkte Leonardo einen wunderschönen Wohnsitz: das Herrenhaus Château du Clos Lucé in der Stadt Amboise, das nur wenige Hundert Meter vom königlichen Schloss entfernt lag. Franz I. gab dem alten Künstler den Titel „Erster Maler, Ingenieur und Architekt des Königs“ und zahlte ihm ein sehr hohes monatliches Gehalt. Das Beste an diesem Vertrag war, dass Leonardo keine Pflichten hatte. Er musste keine Bilder mehr auf Termin fertigstellen, sondern sollte einfach nur da sein, mit dem König sprechen und seine Gedanken teilen. Der junge König besuchte den alten Weisen fast täglich durch einen geheimen unterirdischen Tunnel, der die beiden Schlösser verband. Franz I. sagte später oft, dass er niemals einen Menschen getroffen habe, der so viel über Philosophie, Kunst und Naturwissenschaften wusste wie Leonardo.

Obwohl Leonardo in seinen letzten Jahren unter einer teilweisen Lähmung der rechten Hand litt, arbeitete sein Geist unermüdlich weiter. Er zeichnete mit der linken Hand, ordnete seine Tausenden von Notizbuchseiten und entwickelte fantastische Pläne für den französischen Hof. Er entwarf eine riesige, ideale Königstadt in Romorantin mit modernen Kanälen, sauberen Straßen und doppelten Treppenanlagen. Auch für die großen Feste des Königs erfand er wieder spektakuläre mechanische Wunderwerke. Bei einem berühmten Fest ließ er einen lebensechten, mechanischen Löwen durch den Saal laufen. Der Roboter-Löwe blieb vor dem König stehen, öffnete mit einem Klopfen seine Brust und ließ Hunderte von bunten Lilienblumen für den Monarchen herausfallen.

Leonardo verbrachte im Château du Clos Lucé drei ruhige, glückliche und sehr geschätzte Jahre. Er fühlte, dass sein Leben langsam zu Ende ging. Am 23. April 1519 verfasste er sein Testament und regelte seinen Nachlass. Seinem treuen Schüler Francesco Melzi hinterließ er all seine geliebten Notizbücher, Zeichnungen und Instrumente. Am 2. Mai 1519 starb Leonardo da Vinci im Alter von 67 Jahren im Schloss Clos Lucé. Eine romantische Legende besagt, dass der französische König Franz I. an seinem Bett saß und den sterbenden Meister weinend in seinen Armen hielt. Leonardo wurde in der Kapelle des Schlosses Amboise begraben. Er verließ diese Welt als ein hochgeachteter Mann, der bis zu seinem letzten Atemzug nach Wissen und Schönheit gesucht hatte.

Das geistige Erbe von Leonardo da Vinci ist eines der größten und faszinierendsten Vermächtnisse der gesamten Menschheitsgeschichte. Obwohl er im Mai 1519 gestorben ist, lebt sein Einfluss in der Kunst, der Wissenschaft und der Technik bis heute unvermindert weiter. Leonardo war der universale Mensch der Renaissance – ein sogenannter Uomo Universale. Er hat der Welt bewiesen, dass es keine starr getrennten Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft gibt. Für ihn war die Malerei eine Wissenschaft, und die Wissenschaft war eine eigene Form von Kunst. Er hat die Natur nicht nur betrachtet, sondern sie als ein einziges, perfektes System verstanden, in dem alle Dinge miteinander verbunden sind.

Das wertvollste Geschenk, das Leonardo der Nachwelt hinterlassen hat, sind seine legendären Notizbücher (die sogenannten Codices). Nach seinem Tod hat sein treuer Schüler Francesco Melzi Tausende dieser losen Seiten gesammelt und aufbewahrt. Auf diesen Seiten findet man eine unendliche Fülle an Skizzen, Gedanken, Berechnungen und Beobachtungen. Über Jahrhunderte waren diese Aufzeichnungen in der ganzen Welt verstreut, doch heute erforschen Wissenschaftler sie genauer denn je. In diesen Notizbüchern kann man sehen, dass Leonardo Erfindungen wie den Hubschrauber, den Fallschirm, das Unterseeboot, das Automobil, die Taucherausrüstung und moderne Brückenkonstruktionen um viele Jahrhunderte vorweggenommen hat. Viele seiner Ideen konnten erst im 20. Jahrhundert mit modernen Materialien wirklich gebaut werden, aber seine mathematischen und physikalischen Berechnungen waren damals schon erstaunlich präzise.

Auch in der Kunstwelt hat Leonardo völlig neue Maßstäbe gesetzt. Seine Gemälde wie die Mona Lisa oder Das Abendmahl gehören zu den wertvollsten Schätzen der Zivilisation. Er hat Techniken wie das Sfumato, die atmosphärische Luftperspektive und die psychologische Darstellung von Figuren perfektioniert. Nachfolgende Generationen von Künstlern – von Raffael und Michelangelo bis hin zu modernen Malern – haben seine Arbeiten intensiv studiert und von seinen Methoden gelernt. Seine Zeichnung des Vitruvianischen Menschen ist bis heute das weltweite Symbol für die Schönheit, die Symmetrie und das perfekte Zusammenspiel von menschlicher Anatomie und Mathematik.

Heute gilt der Name Leonardo da Vinci auf der ganzen Welt als das Synonym für absolutes Genie, unendliche Neugier und grenzenlose Kreativität. Er hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, Fragen zu stellen, die Natur genau zu beobachten und niemals aufzuhören zu lernen. Er war kein Mann, der sich mit einfachen Antworten zufriedengab; er wollte die Welt in all ihren Facetten verstehen. Genau dieser unerschütterliche Entdeckergeist macht Nikolaus, Erfinder und Künstler Leonardo da Vinci auch nach mehr als fünfhundert Jahren zu einer der inspirierendsten Persönlichkeiten aller Zeiten.

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