Das Leben von Isaac Newton
HÖREN

Isaac Newton ist am 4. Januar 1643 in Woolsthorpe-by-Colsterworth, einem winzigen Weiler in der Grafschaft Lincolnshire, zur Welt gekommen. Sein Start ins Leben ist unter extrem schwierigen, fast schon dramatischen Umständen erfolgt. Newton ist eine Frühgeburt gewesen; man hat damals erzählt, dass er so klein gewesen ist, dass er in einen Quart-Topf (etwa einen Liter) gepasst hätte. Niemand hat geglaubt, dass dieses schwache Kind überleben würde, doch Newton hat allen medizinischen Erwartungen getrotzt.
Noch tragischer ist die Tatsache gewesen, dass sein Vater, ein wohlhabender, aber analphabetischer Landwirt, bereits drei Monate vor Isaacs Geburt gestorben ist. Isaac hat seinen Vater also niemals kennengelernt. Als der Junge drei Jahre alt gewesen ist, hat seine Mutter, Hannah Ayscough, erneut geheiratet. Ihr neuer Ehemann, der wohlhabende Geistliche Barnabas Smith, hat jedoch keine Kinder aus erster Ehe in seinem Haus gewollt. Hannah ist zu ihrem neuen Mann gezogen und hat den kleinen Isaac bei seiner Großmutter mütterlicherseits zurückgelassen.
Diese traumatische Trennung von seiner Mutter hat eine tiefe Wunde in Newtons Psyche hinterlassen. Er hat sich verlassen und ungeliebt gefühlt. In seinen späteren Notizbüchern hat er gestanden, dass er in seiner Jugend so wütend auf seine Mutter und seinen Stiefvater gewesen ist, dass er sogar gedroht hat, ihr Haus über ihnen anzuzünden. Diese Einsamkeit hat ihn jedoch dazu gezwungen, Trost in seiner eigenen Gedankenwelt zu suchen. Er ist kein Kind gewesen, das mit anderen draußen gespielt hat. Stattdessen hat er mechanische Modelle, komplizierte Sonnenuhren und sogar kleine Windmühlen gebaut.
Als sein Stiefvater gestorben ist, ist seine Mutter mit drei weiteren Kindern nach Woolsthorpe zurückgekehrt. Sie hat gewollt, dass Isaac den väterlichen Hof übernimmt und ein Landwirt wird. Doch Newton hat kläglich versagt; er hat sich lieber unter einen Baum gesetzt und gelesen, während die Schafe davongelaufen sind. Sein Onkel und ein Schulleiter haben schließlich sein außergewöhnliches intellektuelles Potenzial erkannt. Sie haben seine Mutter überzeugt, ihn wieder zur Schule und später an die Universität Cambridge zu schicken. Diese frühen Jahre der Isolation und des emotionalen Schmerzes haben das Fundament für seinen späteren Charakter gelegt: Newton ist zeit seines Lebens ein introvertierter, misstrauischer und extrem ehrgeiziger Mann geblieben, der seine tiefste Befriedigung in der Lösung komplexer Probleme gefunden hat.
Im Jahr 1661 ist Isaac Newton an das Trinity College in Cambridge gekommen. Sein Start an der Universität ist jedoch alles andere als privilegiert gewesen. Da seine Mutter sich geweigert hat, sein Studium voll zu finanzieren, hat Newton als sogenannter „Sizar“ arbeiten müssen. Das hat bedeutet, dass er für wohlhabendere Studenten und Professoren niedere Dienste verrichtet hat, wie zum Beispiel Tische putzen oder Essen servieren, um sich sein Studium zu verdienen. Trotz dieser sozialen Demütigung hat er sich intensiv mit der aristotelischen Philosophie beschäftigt, die damals das Lehrprogramm dominiert hat. Doch Newton ist unzufrieden gewesen; er hat in seinen Notizbüchern den berühmten Satz notiert: „Amicus Plato, amicus Aristoteles, sed magis amica veritas“ (Platon ist mein Freund, Aristoteles ist mein Freund, aber die Wahrheit ist meine beste Freundin). Er hat angefangen, heimlich die Werke von Descartes, Gassendi und Kopernikus zu studieren und sich mit der modernen Mathematik und Mechanik vertraut zu machen.
Im Jahr 1665 hat jedoch ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung seine akademische Laufbahn unterbrochen: Die Große Pest ist in England ausgebrochen. Die Universität Cambridge hat ihre Tore geschlossen, um die Ausbreitung der tödlichen Krankheit zu verhindern. Newton hat keine andere Wahl gehabt, als in sein Heimatdorf Woolsthorpe zurückzukehren. Diese Flucht vor der Epidemie hat sich jedoch als ein glücklicher Zufall für die gesamte Menschheit erwiesen.
In der Isolation von Woolsthorpe ist Newton fast zwei Jahre lang geblieben. Ohne den Druck von Professoren oder Prüfungen hat er eine intellektuelle Freiheit genossen, die er in Cambridge niemals gehabt hätte. Er hat dort in einer fast meditativen Einsamkeit gearbeitet. In dieser Zeit hat er die Grundlagen für seine drei größten Entdeckungen gelegt: die Infinitesimalrechnung, die Natur des Lichts und die universelle Gravitation. Er hat später über diese Jahre gesagt, dass er sich damals im „Frühling seines Erfindergeistes“ befunden hat. Während die Welt um ihn herum vor der Pest gezittert hat, hat Newton in seinem kleinen Zimmer in Lincolnshire das Fundament für die moderne Naturwissenschaft geschaffen. Diese Phase der erzwungenen Ruhe ist zweifellos die produktivste Zeit im Leben eines einzelnen Wissenschaftlers in der gesamten Geschichte der Menschheit gewesen.
Die Jahre 1665 und 1666 sind als das „Annus Mirabilis“, das Wunderjahr, in die Annalen der Wissenschaftsgeschichte eingegangen. Während Isaac Newton in der ländlichen Abgeschiedenheit von Woolsthorpe Zuflucht vor der Pest gesucht hat, hat er eine intellektuelle Leistung vollbracht, die in ihrer Dichte und Genialität bis heute beispiellos geblieben ist. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass er in dieser kurzen Zeitspanne das mittelalterliche Weltbild endgültig zertrümmert und durch die Prinzipien der modernen Naturwissenschaft ersetzt hat.
Zunächst hat er sich der Mathematik gewidmet. Er hat die Unzulänglichkeiten der damaligen Geometrie erkannt und daraufhin seine Methode der Fluxionen entwickelt, die wir heute als Differenzial- und Integralrechnung kennen. Mit diesem völlig neuen mathematischen Werkzeug ist er plötzlich in der Lage gewesen, kontinuierliche Veränderungen und Bewegungen präzise zu berechnen. Ohne diese Entdeckung wäre die moderne Ingenieurskunst oder die Weltraumfahrt niemals möglich gewesen.
Parallel dazu hat er bahnbrechende Experimente zur Optik durchgeführt. Er hat ein Prisma benutzt, um das Sonnenlicht zu brechen, und hat dabei festgestellt, dass weißes Licht keineswegs homogen ist, sondern aus einem Spektrum verschiedener Farben besteht. Er hat bewiesen, dass Lichtstrahlen unterschiedliche Brechungsindizes besitzen, was die gesamte damalige Theorie über die Natur der Farben revolutioniert hat.
Den Höhepunkt seiner Überlegungen hat jedoch die universelle Gravitation dargestellt. Es ist überliefert, dass er im Garten seiner Mutter beobachtet hat, wie ein Apfel vom Baum gefallen ist. In diesem Moment hat er die kühne Hypothese aufgestellt, dass dieselbe Kraft, die den Apfel zur Erde zieht, auch den Mond in seiner Umlaufbahn hält. Er hat erkannt, dass die Schwerkraft eine universelle Eigenschaft der Materie ist, die über astronomische Distanzen hinweg wirkt. Diese fundamentale Erkenntnis hat zum ersten Mal eine Brücke zwischen der irdischen Mechanik und der himmlischen Astronomie geschlagen. Newton hat in diesen zwei Jahren der Isolation mehr über die Natur des Universums herausgefunden als ganze Generationen von Gelehrten vor ihm.
Isaac Newtons mathematische Brillanz hat ihren Höhepunkt in der Entwicklung der Infinitesimalrechnung gefunden, die er selbst als „Methodus Fluxionum“ bezeichnet hat. Dieses völlig neue mathematische System ist aus der Notwendigkeit entstanden, Dynamik und kontinuierliche Veränderungen mathematisch exakt zu beschreiben. Während die klassische Geometrie bei der Berechnung von Kurven und unregelmäßigen Bewegungen an ihre Grenzen gestoßen ist, hat Newton ein Werkzeug geschaffen, mit dem man Tangentensteigungen (Differenzialrechnung) und Flächeninhalte unter Kurven (Integralrechnung) bestimmen konnte.Newton hat diese revolutionären Ideen bereits während seiner Zeit in Woolsthorpe skizziert, aber er hat sie für viele Jahre nicht veröffentlicht. Seine Zurückhaltung ist auf seine tiefe Angst vor Kritik und öffentlichen Auseinandersetzungen zurückzuführen gewesen. Er hat seine Methoden lediglich in privaten Briefen und Manuskripten mit einigen wenigen Gelehrten geteilt. Diese Geheimniskrämerei hat jedoch zu einer der bittersten Kontroversen der Wissenschaftsgeschichte geführt.Unabhängig von Newton hat der deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz in den 1670er Jahren ebenfalls die Grundlagen der Infinitesimalrechnung entwickelt. Im Gegensatz zu Newton hat Leibniz seine Entdeckungen schnell publiziert und eine weitaus elegantere Notation eingeführt – die Symbole $\int$ für das Integral und $d$ für das Differenzial, die wir heute noch weltweit in der Mathematik verwenden. Als Newton und seine Anhänger in der Royal Society davon erfahren haben, ist ein beispielloser Prioritätsstreit entbrannt. Newton hat Leibniz öffentlich des Plagiats beschuldigt und seine Macht als Präsident der Royal Society genutzt, um einen offiziellen Bericht zu verfassen, der ihn selbst als alleinigen Erfinder bestätigt hat.Dieser Konflikt hat die europäische Mathematik für Jahrzehnte gespalten: Die britischen Mathematiker sind Newtons komplizierterer Notation treu geblieben, während der Rest Europas die effizientere Methode von Leibniz übernommen hat. Heute hat die Wissenschaftsgeschichte jedoch ein faires Urteil gefällt: Man hat anerkannt, dass beide Genies das Kalkülüs unabhängig voneinander entwickelt haben. Newton ist zwar der chronologisch Erste gewesen, aber Leibniz hat dem System die Form gegeben, die den wissenschaftlichen Fortschritt der Moderne erst ermöglicht hat.
Isaac Newtons Arbeit zur Optik hat das wissenschaftliche Verständnis vom Licht grundlegend transformiert. Bis zu diesem Zeitpunkt hat man geglaubt, dass weißes Licht eine reine, homogene Substanz ist und dass Farben entstehen, wenn Licht durch Materie „verunreinigt“ wird. Newton hat diese Theorie durch eine Reihe von brillanten Experimenten im Jahr 1666 widerlegt. Er hat ein Loch in seinen Fensterladen gebohrt und das einfallende Sonnenlicht durch ein Glasprisma geleitet. Dabei hat er beobachtet, wie sich das Licht in ein farbiges Spektrum aufgefächert hat. Um zu beweisen, dass das Prisma die Farben nicht selbst erzeugt, hat er die farbigen Strahlen durch ein zweites, umgekehrtes Prisma geleitet – und siehe da, die Farben haben sich wieder zu reinem weißen Licht vereint.
Diese Entdeckung hat weitreichende Konsequenzen für die Astronomie gehabt. Newton hat erkannt, dass herkömmliche Linsenteleskope (Refraktoren) ein physikalisches Problem haben: die chromatische Aberration. Da unterschiedliche Farben unterschiedlich stark gebrochen werden, ist es unmöglich gewesen, mit Linsen ein perfekt scharfes Bild ohne Farbränder zu erzeugen. Anstatt zu versuchen, die Linsen zu verbessern, hat Newton das gesamte Konzept des Teleskops revolutioniert. Er hat beschlossen, Spiegel anstelle von Linsen zu verwenden, um das Licht zu sammeln und zu bündeln.
Im Jahr 1668 hat er das erste funktionierende Spiegelteleskop der Welt konstruiert, das heute als „Newton-Teleskop“ bekannt ist. Dieses Instrument ist viel kleiner und leistungsstärker als die riesigen Linsenteleskope seiner Zeit gewesen. Er hat die Metallspiegel sogar selbst gegossen und poliert. Als er sein Teleskop der Royal Society in London präsentiert hat, ist die Begeisterung so groß gewesen, dass er sofort als Mitglied aufgenommen worden ist. Seine Abhandlung über Licht und Farben, die er später in seinem Werk „Opticks“ publiziert hat, hat jedoch auch heftige Kritik von Wissenschaftlern wie Robert Hooke hervorgerufen. Newton, der extrem empfindlich auf Kritik reagiert hat, hat sich daraufhin für Jahre aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen, doch seine optischen Prinzipien bilden bis heute die Basis für moderne Teleskope und die Spektroskopie.
Im Jahr 1687 hat Isaac Newton ein Werk veröffentlicht, das den Lauf der menschlichen Geschichte für immer verändert hat: Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica (Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie). Die Entstehung dieses Buches ist fast einem Zufall zu verdanken gewesen. Der Astronom Edmond Halley hat Newton in Cambridge besucht, um ihn nach der Form der Planetenbahnen zu fragen. Als Newton ihm sofort die Antwort gegeben hat – eine Ellipse –, ist Halley so beeindruckt gewesen, dass er Newton gedrängt hat, seine gesamten physikalischen Berechnungen zu publizieren. Halley hat das Projekt sogar aus eigener Tasche finanziert, da die Royal Society zu diesem Zeitpunkt kein Geld mehr gehabt hat.In der Principia hat Newton die drei universellen Bewegungsgesetze formuliert, die heute als Newtonsche Axiome bekannt sind. Er hat das Trägheitsprinzip, das Aktionsprinzip ($F = m \cdot a$) und das Prinzip von Actio und Reactio definiert. Mit diesen Gesetzen hat er zum ersten Mal bewiesen, dass die Bewegungen der Himmelskörper und die Bewegungen auf der Erde nach exakt denselben mathematischen Regeln funktionieren. Er hat das mittelalterliche Dogma zerstört, dass im Himmel andere Gesetze gelten als auf der Erde.Der absolute Höhepunkt des Werkes ist jedoch das Gravitationsgesetz gewesen. Newton hat mathematisch hergeleitet, dass sich zwei Körper gegenseitig mit einer Kraft anziehen, die proportional zu ihren Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat ihres Abstands ist. Er hat diese Formel genutzt, um die Keplerschen Gesetze zu beweisen und die Gezeiten der Ozeane sowie die Bahnen von Kometen zu erklären.Die Veröffentlichung der Principia hat Newton schlagartig zum berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit gemacht. Das Buch ist extrem anspruchsvoll gewesen, da Newton es in klassischer Geometrie und auf Latein geschrieben hat, um seine Kritiker zu beeindrucken. Trotz der Komplexität hat die wissenschaftliche Welt sofort erkannt, dass Newton das Universum „entzaubert“ und in ein präzises, mechanisches Uhrwerk verwandelt hat. Die Principia ist das wichtigste wissenschaftliche Werk geblieben, das jemals gedruckt worden ist, und hat das physikalische Weltbild bis zur Relativitätstheorie von Einstein dominiert.
Die Erzählung von dem fallenden Apfel ist zweifellos die berühmteste Anekdote der Wissenschaftsgeschichte. Viele Menschen glauben fälschlicherweise, dass Isaac Newton ein Apfel direkt auf den Kopf gefallen ist und er dadurch eine plötzliche Erleuchtung gehabt hat. In Wahrheit ist die Geschichte weitaus nuancierter gewesen. Newton hat diese Begebenheit erst spät in seinem Leben seinen Freunden erzählt, um zu verdeutlichen, wie er auf die Idee der universellen Gravitation gekommen ist.
Während seines Aufenthalts in Woolsthorpe im Jahr 1666 hat Newton beobachtet, wie ein Apfel von einem Baum zu Boden gestürzt ist. In diesem Moment hat er sich eine entscheidende Frage gestellt: Warum fällt der Apfel immer senkrecht zur Erde? Warum bewegt er sich nicht zur Seite oder nach oben? Er hat daraus geschlussfolgert, dass die Erde eine Anziehungskraft besitzen muss, die Materie in ihr Zentrum zieht. Doch der wahre geniale Geistesblitz ist die Erweiterung dieses Gedankens gewesen. Newton hat sich gefragt, ob diese Kraft vielleicht weit über die Erdatmosphäre hinausreicht.
Um dies zu beweisen, hat er ein Gedankenexperiment durchgeführt: Er hat sich eine Kanone auf einem sehr hohen Berg vorgestellt. Wenn man eine Kugel mit genügend Geschwindigkeit abfeuert, würde sie aufgrund der Erdkrümmung niemals den Boden berühren, sondern in einer permanenten Umlaufbahn um die Erde bleiben. Newton hat erkannt, dass der Mond im Grunde genau wie diese Kanonenkugel ist: Er befindet sich in einem ständigen „freien Fall“ um die Erde, wird aber durch die Gravitation auf seiner Bahn gehalten.
Damit hat Newton das Konzept der Fernwirkung etabliert. Er hat bewiesen, dass die Gravitation eine fundamentale Eigenschaft der Materie ist, die im gesamten Universum nach dem gleichen Gesetz funktioniert. Er hat mathematisch dargelegt, dass die Schwerkraft mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt – das sogenannte Abstandsquadratgesetz. Diese Entdeckung hat die Trennung zwischen der „unvollkommenen“ Erde und dem „perfekten“ Himmel endgültig aufgehoben. Für Newton ist das Universum kein mysteriöser Ort mehr gewesen, sondern ein rationales System, das durch eine einzige, universelle Kraft zusammengehalten wird.
Im Jahr 1696 hat Isaac Newton sein ruhiges Leben in Cambridge verlassen und ist nach London gezogen. Dieser Ortswechsel hat eine völlig neue Phase in seiner Karriere markiert. Durch den Einfluss seines Freundes Charles Montagu hat er den Posten des Aufsehers (und später des Meisters) der Royal Mint, der königlichen Münzprägeanstalt, erhalten. Viele Leute haben damals geglaubt, dass dies nur ein gemütlicher Ehrenposten für einen berühmten Gelehrten sei, doch Newton hat das Amt mit einer fast besessenen Ernsthaftigkeit ausgeübt.
England hat sich zu dieser Zeit in einer schweren Finanzkrise befunden. Die Währung ist durch minderwertige Münzen und professionelle Fälscher massiv entwertet worden. Newton hat daraufhin die „Great Recoinage“ (die große Neuausprägung) geleitet. Er hat alle alten Silbermünzen im Land eingezogen und sie durch neue, fälschungssichere Münzen mit geriffelten Rändern ersetzt. Er hat die Produktion in der Münze wie eine Fabrik organisiert und die Effizienz durch mathematische Präzision gesteigert.
Doch Newton ist nicht nur ein Administrator gewesen; er hat sich auch als unerbittlicher Ermittler betätigt. Er ist persönlich in die dunklen Spelunken von London gegangen, oft verkleidet, um Beweise gegen Geldfälscher zu sammeln. Da Geldfälschung damals als Hochverrat gegolten hat, ist sie mit dem Tod bestraft worden. Newton hat hunderte von Verhören geführt und ist besonders für seinen langen Kampf gegen den berüchtigten Fälscher William Chaloner bekannt geworden. Chaloner hat versucht, Newton durch politische Intrigen zu stürzen, doch Newton hat ihn mit akribischer Beweisführung überführt. Schließlich hat Newton dafür gesorgt, dass Chaloner am Galgen hingerichtet worden ist.
In dieser Zeit hat Newton bewiesen, dass sein rationaler Geist auch in der realen Welt der Kriminalität und Finanzen extrem effektiv sein konnte. Er hat das britische Pfund stabilisiert und das Land vor dem wirtschaftlichen Ruin gerettet. Obwohl er die reine Wissenschaft in Cambridge vermisst hat, hat er die Macht und den sozialen Status in London sehr genossen. Er ist zu einem der mächtigsten Männer Englands aufgestiegen und hat gezeigt, dass ein Mathematiker auch ein knallharter Gesetzeshüter sein kann.
Hinter dem rationalen Wissenschaftler, den die Welt gekannt hat, hat sich ein Mann mit einer tiefen Obsession für das Okkulte verborgen. Isaac Newton hat mehr Zeit mit der Alchemie und dem Studium der Bibel verbracht als mit der Physik oder der Mathematik. Er hat geglaubt, dass Gott das Universum mit einem geheimen Code verschlüsselt hat und dass es seine Aufgabe sei, diesen Code zu knacken. Er hat die Naturwissenschaft lediglich als einen Weg gesehen, die „Spuren des Schöpfers“ in der materiellen Welt zu finden.
Newton hat über 30 Jahre lang ein privates Labor in Cambridge betrieben, in dem er riskante chemische Experimente durchgeführt hat. Er hat versucht, den „Stein der Weisen“ zu finden, eine legendäre Substanz, die unedle Metalle in Gold verwandeln und das ewige Leben schenken sollte. Dabei hat er giftige Substanzen wie Quecksilber und Antimon geschmolzen und sogar gekostet, was wahrscheinlich zu seinen späteren psychischen Krisen beigetragen hat. In seinen geheimen Manuskripten, die man erst Jahrhunderte nach seinem Tod entdeckt hat, hat er detaillierte Anweisungen für alchemistische Prozesse hinterlassen, die er in einer höchst metaphorischen Sprache verfasst hat.
Ebenso intensiv hat er sich mit der Theologie beschäftigt. Newton ist ein tief religiöser Mensch gewesen, aber er hat heimlich eine ketzerische Meinung vertreten: Er hat die Dreifaltigkeit abgelehnt (Arianismus) und geglaubt, dass Jesus Christus nicht gottgleich sei. Er hat tausende von Seiten über die Prophezeiungen in der Bibel geschrieben, insbesondere über das Buch Daniel und die Offenbarung des Johannes. Durch komplexe mathematische Berechnungen hat er versucht, das Datum der Apokalypse zu bestimmen. In einem seiner Briefe hat er das Jahr 2060 als den frühesten Zeitpunkt für das Ende der Welt errechnet.
Für Newton sind Physik, Alchemie und Religion keine getrennten Disziplinen gewesen. Er hat das Universum als ein großes Rätsel betrachtet, das von einer göttlichen Intelligenz entworfen wurde. Er hat gehofft, durch die Alchemie die „aktiven Prinzipien“ des Lebens zu verstehen, die über die bloße Mechanik hinausgehen. Diese dunkle und mystische Seite von Newton zeigt uns, dass er nicht nur der erste moderne Wissenschaftler, sondern vielleicht auch der „letzte Magier“ der Geschichte gewesen ist.
In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens hat Isaac Newton eine soziale und wissenschaftliche Machtposition eingenommen, die vor ihm kein anderer Gelehrter jemals erreicht hat. Im Jahr 1703 ist er zum Präsidenten der Royal Society gewählt worden – ein Amt, das er bis zu seinem Tod mit eiserner Hand geführt hat. Newton hat die Gesellschaft komplett transformiert und sie zur wichtigsten wissenschaftlichen Institution der Welt gemacht. Doch er ist auch ein autoritärer Herrscher gewesen; er hat seine Macht oft genutzt, um Konkurrenten wie Robert Hooke oder Gottfried Wilhelm Leibniz systematisch zu diskreditieren.
Ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere ist das Jahr 1705 gewesen, als Königin Anne ihn für seine Verdienste um die Wissenschaft und das Land zum Ritter geschlagen hat. Seitdem hat er den Titel „Sir Isaac Newton“ getragen. Er ist der erste Wissenschaftler der Geschichte gewesen, dem diese Ehre aufgrund seiner intellektuellen Leistungen zuteilgeworden ist. Trotz seines enormen Ruhmes und Reichtums ist er jedoch ein einsamer Mann geblieben. Er hat niemals geheiratet und hat nur sehr wenige enge Freunde gehabt. In seinem Haus in London hat er ein fast asketisches Leben geführt, das ganz seinen Studien und seiner Korrespondenz gewidmet gewesen ist.
In seinen letzten Jahren hat sich seine Gesundheit zunehmend verschlechtert. Er hat unter schmerzhaften Nierensteinen und Verdauungsproblemen gelitten. Dennoch hat er bis kurz vor seinem Ende an Überarbeitungen seiner Werke gearbeitet. Am 31. März 1727 ist Isaac Newton im Alter von 84 Jahren im Schlaf gestorben. Sein Tod hat im ganzen Land eine Welle der Trauer ausgelöst.
Sein Begräbnis ist wie das eines Königs inszeniert worden. Sein Leichnam ist in der Westminster Abbey beigesetzt worden, an einem Ort, der normalerweise nur Monarchen und großen Staatsmännern vorbehalten gewesen ist. Er ist der erste Wissenschaftler gewesen, dem diese prestigeträchtige Ehre erwiesen wurde. Sein Grabmal ist ein monumentales Kunstwerk, das seine Entdeckungen in der Optik und der Astronomie feiert. Auf seinem Grabstein steht ein berühmter lateinischer Satz, der seine Bedeutung zusammenfasst: „Die Sterblichen mögen sich freuen, dass ein solcher Zierat des Menschengeschlechts unter ihnen geweilt hat.“ Newton hat das Fundament für die moderne Welt gelegt, und sein Erbe hat die Wissenschaft bis heute maßgeblich geprägt.
