Das Leben von Frida Kahlo (A1-A2)
NEWHÖREN
Die weltberühmte Malerin Frida Kahlo ist am 6. Juli 1907 auf die Welt gekommen. Ihre Geburt war in einem kleinen, gemütlichen Vorort von der großen Metropole Mexiko-Stadt. Der Name von diesem historischen Ort heißt Coyoacán. Frida hat eine ganz besondere und tiefe Verbindung zu ihrem Geburtsort gehabt, denn sie hat dort fast ihr ganzes Leben verbracht. Sie hat in einem Haus gewohnt, das sehr auffällig war: Die Wände von dem Gebäude waren komplett in einem leuchtenden, wunderschönen Blau gestrichen. Aus diesem Grund nennen die Menschen dieses Gebäude bis heute einfach nur „La Casa Azul“, was auf Deutsch „Das Blaue Haus“ bedeutet.
Aus der Perspektive von Historikern ist dieses Haus ein extrem wichtiger Ort für die Kunstgeschichte. Es war nämlich nicht nur ein einfaches Zuhause für Frida und ihre Familie. Als Frida älter und bekannter wurde, hat sich das Blaue Haus in einen lebendigen Treffpunkt verwandelt. Viele berühmte Künstler, Musiker, Schriftsteller und sogar internationale Politiker aus der ganzen Welt sind dorthin gereist, um Frida zu besuchen, mit ihr zu diskutieren und Zeit zu verbringen. Sie alle haben die kreative Atmosphäre in diesem blauen Gebäude geliebt.
Heute ist die Casa Azul kein normales Wohnhaus mehr. Nach Fridas Tod ist aus dem Gebäude ein weltberühmtes Museum geworden. Jedes Jahr reisen viele tausend Touristen aus verschiedenen Ländern nach Mexiko, um dieses Museum zu besichtigen. Sie können dort die originalen Möbel sehen, Fridas alte Kleider bewundern und ihre echten Malsachen anschauen. So können die Besucher genau verstehen, wie Frida Kahlo gelebt, gedacht und gearbeitet hat. Das Haus erzählt die Geschichte von Fridas Anfängen und zeigt den Ort, an dem ihre lange Reise als Künstlerin begonnen hat.
Frida Kahlo ist in einer sehr interessanten und multikulturellen Familie aufgewachsen. Ihr Vater hat Guillermo Kahlo geheißen. Er ist ein professioneller Fotograf gewesen und ist ursprünglich aus Deutschland nach Mexiko eingewandert. Frida hat ihren Vater sehr geliebt und hat eine ganz enge, liebevolle Beziehung zu ihm gehabt. Er hat ihr viel über die Natur, über Literatur und über die Kunst der Fotografie beigebracht. Ihre Mutter hat Matilde Calderón geheißen. Sie ist eine Mexikanerin gewesen und war eine sehr religiöse, fleißige und ernste Frau. Frida hat drei Schwestern gehabt, und zusammen haben die Mädchen viel im großen Garten vom Blauen Haus gespielt.
Als Frida gerade einmal sechs Jahre alt gewesen ist, hat ein trauriges Ereignis ihre Kindheit verändert. Sie hat eine sehr schwere und gefährliche Krankheit bekommen. Der Name von dieser Krankheit ist Polio (auf Deutsch sagt man Kinderlähmung). Frida hat wegen dieser Krankheit viele Monate lang im Bett liegen müssen und hat große Schmerzen gehabt. Die Ärzte haben versucht zu helfen, aber die Krankheit hat tiefe Spuren an ihrem Körper hinterlassen: Ihr rechtes Bein ist nach der Genesung dünner und auch ein bisschen kürzer geblieben als ihr linkes Bein.
Aus der Sicht eines Historikers war diese frühe Phase sehr wichtig für Fridas Charakter. Viele Kinder auf der Straße waren grausam und haben über sie gelacht. Sie haben ihr oft den Spitznamen „Frida mit dem Holzbein“ gegeben. Das hat Frida natürlich sehr traurig gemacht, aber es hat sie auch extrem stark und kämpferisch gemacht. Ihr Vater Guillermo hat ihr sehr geholfen. Er hat sie ermutigt, viel Sport zu machen, obwohl das für Mädchen in dieser Zeit in Mexiko nicht normal war. Frida ist geschwommen, hat Fußball gespielt und ist sogar auf Bäume geklettert, um ihr Bein kräftig zu machen.
Weil sie ihr dünnes Bein vor den Blicken der anderen Menschen verstecken wollte, hat sie schon als Kind angefangen, mehrere Lagen von dicken Socken zu tragen. Später hat sie dann ihre berühmten, wunderschönen langen Röcke getragen. Diese schwere Krankheit im Alter von nur sechs Jahren war die allererste große Prüfung in ihrem Leben. Sie hat damals gelernt, mit körperlichen Problemen und Isolation umzugehen. Diese Erfahrung hat ihre Persönlichkeit tief geprägt und war eine wichtige Vorbereitung für all die Schmerzen, die später in ihrem Leben noch kommen sollten.
Im Jahr 1922 hat für Frida Kahlo ein ganz neuer und aufregender Lebensabschnitt begonnen. Sie war damals 15 Jahre alt und hat eine sehr berühmte und renommierte Schule besucht: die Escuela Nacional Preparatoria in Mexiko-Stadt. Diese Schule war eine absolute Eliteschule. Aus historischer Sicht war es eine Besonderheit, dass Frida dort lernen durfte, denn an dieser Schule haben fast nur Jungen studiert. Unter den insgesamt 2.000 Schülern gab es nur 35 Mädchen. Frida war sehr stolz darauf, eine von ihnen zu sein. Sie hat jeden Tag eine lange Reise vom Blauen Haus in Coyoacán bis ins Zentrum der Stadt gemacht, um die Schule zu besuchen.
An dieser Schule hat Frida schnell eine Gruppe von sehr intelligenten und lebhaften Freunden gefunden. Diese Gruppe hat sich selbst „Los Cachuchas“ genannt. Der Name kam von den speziellen Mützen, die sie alle getragen haben. Die Jugendlichen haben sich sehr für Politik, Literatur und Philosophie interessiert. Sie haben stundenlang in der Schulbibliothek gesessen, dicke Bücher gelesen und über eine bessere und gerechtere Welt diskutiert. Frida war das mutigste Mädchen in dieser Gruppe. Sie war bekannt für ihren großen Humor, ihren scharfen Verstand und ihre manchmal wilden Streiche, mit denen sie die strengen Lehrer geärgert hat.
In dieser Zeit hat Frida noch überhaupt nicht daran gedacht, eine professionelle Künstlerin oder Malerin zu werden. Sie hat einen ganz anderen, großen Traum für ihre Zukunft gehabt: Sie wollte unbedingt Medizin studieren und eine erfolgreiche Ärztin werden. Sie hat sich im Unterricht ganz besonders für die Fächer Biologie, Chemie und Anatomie interessiert. Sie wollte genau verstehen, wie der menschliche Körper funktioniert, wie die Organe arbeiten und wie man Krankheiten heilen kann. Ihr Vater Guillermo hat sie bei diesem Wunsch stark unterstützt und hat ihr teure medizinische Fachbücher gekauft, die sie mit großem Interesse studiert hat.
Aus der Perspektive eines Historikers war diese Schulzeit extrem wichtig für Fridas spätere Kunst. Auch wenn sie keine Ärztin geworden ist, hat sie durch den Unterricht gelernt, den menschlichen Körper sehr präzise und ohne Angst zu betrachten. Dieses medizinische Wissen hat sie später genutzt, um ihre eigenen Schmerzen und Verletzungen sehr detailgetreu auf ihren Bildern zu zeichnen. Außerdem ist in dieser Zeit noch etwas Wichtiges passiert: An dieser Schule hat sie zum allerersten Mal den riesigen Maler Diego Rivera gesehen. Er hat damals ein großes Wandbild in der Aula der Schule gemalt. Frida hat ihn stundenlang bei der Arbeit beobachtet – ohne zu wissen, dass dieser Mann später ihr Ehemann werden würde.
Am 17. September 1925 ist ein schrecklicher Tag gekommen. Dieser Tag hat das Leben von Frida Kahlo für immer verändert. Frida war damals eine junge, fröhliche Frau von 18 Jahren. Sie hat einen schönen Nachmittag mit ihrem festen Freund Alejandro Gómez Arias in der Stadt verbracht. Am späten Nachmittag haben die beiden beschlossen, mit dem Bus nach Hause zum Blauen Haus zu fahren. Der Bus war aus Holz und war voll mit vielen Menschen. Frida und Alejandro haben zwei Sitzplätze im hinteren Teil des Busses gefunden.
Während der Fahrt ist ein großes Unglück passiert. Der Busfahrer hat versucht, eine Kreuzung schnell zu überqueren. Aber in diesem Moment ist eine schwere, eiserne Straßenbahn von der Seite gekommen. Die Straßenbahn konnte nicht mehr bremsen und ist mit großer Wucht direkt in die Seite des Holzflitzers gefahren. Der Aufbruch war extrem laut und brutal. Der Bus ist in viele kleine Stücke zerbrochen. Bei diesem Unfall sind mehrere Menschen gestorben, und viele Passagiere haben schwere Verletzungen erlitten.
Frida hat den Unfall fast nicht überlebt. Eine lange, schwere Eisenstange von der Straßenbahn hat ihren Körper durchbohrt. Die Stange ist in ihre Hüfte eingedrungen und auf der anderen Seite wieder herausgekommen. Als die Retter kamen, haben sie sofort gesehen, wie schwer die junge Frau verletzt war. Frida hat Brüche an vielen Stellen ihres Körpers gehabt: Ihre Wirbelsäule war an drei Stellen gebrochen, ihr Becken war in drei Teile zerbrochen und ihr rechtes Bein – das schon wegen der Polio-Krankheit schwach war – hatte elf Brüche. Auch ihr Fuß war komplett zertrümmert.
Aus der Sicht eines Historikers war dieser Unfall das absolute Ende von all ihren Zukunftsplänen. Ihr großer Traum, Ärztin zu werden und Medizin zu studieren, war in einer einzigen Sekunde vorbei. Die Ärzte im Krankenhaus haben zuerst gedacht, dass Frida sterben würde. Sie hat einen ganzen Monat absolut still im Krankenhaus liegen müssen und hat unvorstellbare Schmerzen gehabt. Danach ist sie nach Hause ins Blaue Haus gebracht worden, aber sie war für eine sehr lange Zeit komplett an ihr Bett gefesselt. Sie hat ein hartes Korsett aus Gips tragen müssen, damit ihre Knochen wieder zusammenwachsen konnten. Dieser Unfall hat ihr ganzes Leben lang Spuren hinterlassen: Sie hat bis zu ihrem Tod über dreißig Operationen gehabt und hat immer wieder unter schrecklichen körperlichen Schmerzen gelitten.
Weil Frida nach dem schrecklichen Busunfall viele Monate lang absolut flach im Bett liegen musste, hat sie eine sehr schwere Zeit durchgemacht. Sie konnte sich kaum bewegen, hatte schreckliche Schmerzen und durfte das Zimmer im Blauen Haus nicht verlassen. Ihre Freunde von der Schule konnten sie nicht oft besuchen, und Frida hat sich sehr einsam und traurig gefühlt. Sie hatte große Angst vor der Zukunft, weil sie nicht wusste, ob sie jemals wieder normal laufen oder stehen kann. Aber Frida war eine Kämpferin und wollte nicht einfach aufgeben.
Ihre Mutter, Matilde, hat in dieser deprimierenden Situation eine absolut geniale und liebevolle Idee gehabt. Sie hat verstanden, dass ihre Tochter eine Beschäftigung für den Kopf und für die Hände brauchte. Deshalb hat sie einen Schreiner bestellt. Dieser Handwerker hat ein ganz spezielles Holzbrett gebaut. Dieses Brett konnte man direkt an Fridas Bett befestigen. Es war eine tragbare Staffelei (ein Halter für Bilder), auf der Frida im Liegen malen und zeichnen konnte. Doch das war noch nicht alles: Die Mutter hat auch einen sehr großen Spiegel an der Decke montiert, genau über Fridas Kopf.
Durch diesen Spiegel konnte Frida sich selbst und ihren ganzen Körper perfekt sehen, ohne den Kopf bewegen zu müssen. Ihr Vater Guillermo hat ihr seine besten Ölfarben und Pinsel geschenkt. Frida hat sofort angefangen zu malen. Weil sie im Bett isoliert war und außer sich selbst im Spiegel fast nichts sehen konnte, hat sie beschlossen, Porträts von sich selbst zu zeichnen. Das Malen war für sie wie eine starke Medizin gegen den Schmerz und gegen die Langeweile. Sie hat all ihre Traurigkeit, ihre Träume, ihre kaputten Knochen und ihre Hoffnungen mit den Pinseln auf die Leinwand gebracht.
Aus der Perspektive von Historikern war diese Zeit im Krankenbett die Geburtsstunde einer der größten Künstlerinnen der Weltgeschichte. Das Bett ist zu ihrem allerersten Atelier (einer Werkstatt für Kunst) geworden. Frida hat später oft gesagt, dass das Malen ihr das Leben gerettet hat. Sie hat in dieser Isolation ihren ganz eigenen, einzigartigen Stil entwickelt. Sie hat nicht versucht, schöne und perfekte Bilder zu malen, sondern sie hat ihre echte Realität gezeichnet. Aus der dunkelsten und schmerzhaftesten Phase ihres Lebens ist so eine wunderschöne und unsterbliche Kunst entstanden, die die Menschen noch heute auf der ganzen Welt bewundern.
Als Frida nach vielen Monaten im Bett endlich wieder aufstehen und ein bisschen laufen konnte, hatte sie eine große Sammlung von eigenen Bildern gemalt. Sie war sich aber unsicher, ob ihre Kunst wirklich gut war oder ob sie nur ein einfaches Hobby für die Zeit der Krankheit war. Frida wollte unbedingt eine ehrliche und professionelle Meinung von einem echten Experten hören. Deshalb hat sie im Jahr 1928 einen sehr mutigen Entschluss gefasst: Sie hat ihre Bilder eingepackt und ist zu dem damals berühmtesten Maler in ganz Mexiko gegangen. Der Name von diesem Mann war Diego Rivera.
Diego Rivera war zu dieser Zeit bereits ein international bekannter und sehr reicher Künstler. Er war berühmt für seine riesigen Wandbilder, die man an großen öffentlichen Gebäuden in Mexiko-Stadt sehen konnte. Diego war ein sehr großer, dicker und lauter Mann, der zwanzig Jahre älter war als die junge Frida. Er hat gerade an einem neuen Wandbild auf dem Gerüst gearbeitet, als Frida zu ihm gekommen ist. Sie hat ihn einfach gerufen und gesagt, er solle von seiner Leiter herunterkommen, um sich ihre Bilder anzuschauen. Diego war überrascht von dem Mut des jungen Mädchens und hat zugestimmt.
Aus der Sicht eines Historikers war dieses Treffen ein absoluter Wendepunkt für beide Künstler. Diego hat sich Fridas Selbstporträts ganz genau angesehen und war sofort total begeistert. Er hat sofort erkannt, dass Frida ein riesiges, ganz besonderes Talent besaß. Er hat zu ihr gesagt, dass ihre Bilder absolut einzigartig, ehrlich und voller Kraft waren. Er hat noch nie zuvor Bilder gesehen, die so viel echtes Gefühl und so viel mexikanische Identität gezeigt haben. Diego hat Frida mit seinen Worten sehr viel Selbstvertrauen gegeben und sie eindringlich ermutigt, auf jeden Fall weiterzumalen.
Aus diesem ersten Treffen über die Kunst ist sehr schnell eine tiefe und intensive Liebesgeschichte geworden. Diego hat Frida oft im Blauen Haus in Coyoacán besucht und hat auch ihre Familie kennengelernt. Die beiden haben sich nicht nur künstlerisch perfekt verstanden, sondern sie haben auch dieselben politischen Ideen geteilt. Sie sind beide aktive Mitglieder der Kommunistischen Partei Mexikos gewesen und wollten, dass sich das Leben der armen Menschen in ihrem Land verbessert. Diego war fasziniert von Fridas Schönheit und ihrem scharfen Verstand, und Frida hat Diegos großes Talent und seine Energie bewundert. Ein einfaches Treffen wegen ein paar Bildern hat so zwei Leben für immer miteinander verbunden.
Am 21. August 1929 haben Frida Kahlo und Diego Rivera offiziell geheiratet. Es war ein großes und viel diskutiertes Ereignis in der mexikanischen Kunstszene. Frida war bei der Hochzeit eine junge Frau von 22 Jahren, und Diego war bereits 42 Jahre alt. Nicht alle Menschen in Fridas Umfeld waren glücklich über diese Verbindung. Besonders Fridas Mutter, Matilde, war strickt gegen die Hochzeit. Diego war nicht nur viel älter, sondern er war auch ein riesiger, sehr kräftiger Mann, während Frida klein, zierlich und durch ihre Unfälle sehr zerbrechlich war. Aus diesem Grund hat Fridas Mutter die Ehe mit einem berühmten Satz beschrieben: „Das ist eine Hochzeit zwischen einem Elefanten und einer Taube.“ Nur Fridas Vater Guillermo hatte Verständnis und wusste, dass Diego ein großer Künstler war, der Fridas Talent verstand.
Aus der Perspektive eines Historikers war diese Ehe eine der faszinierendsten, aber auch eine der turbulentesten und kompliziertesten Beziehungen in der gesamten Kunstgeschichte. Die beiden haben sich auf einer tiefen Ebene sehr geliebt, respektiert und bewundert. Sie haben zusammen gearbeitet, über Politik diskutiert und einander künstlerisch inspiriert. Aber ihr gemeinsames Leben war auch voller Dramen, Tränen und schwerer Krisen. Diego war kein treuer Ehemann. Er hat oft Liebesbeziehungen mit anderen Frauen gehabt, was Frida unendlich traurig gemacht hat und ihr emotional großes Leid gebracht hat.
Frida hat diese emotionalen Schmerzen und ihre Eifersucht oft direkt in ihren Bildern verarbeitet. Trotz all dieser Probleme und der vielen Tränen ist das Paar eine zentrale Achse der mexikanischen Kultur geblieben. Sie haben in verschiedenen Häusern gewohnt, viel gestritten, aber sie sind immer wieder zueinander zurückgekehrt. Diego hat Fridas Kunst immer gegen Kritiker verteidigt und hat sie als die beste Malerin ihrer Zeit bezeichnet. Diese Hochzeit war der Beginn eines gemeinsamen Lebensweges, der aus einer Mischung aus absoluter künstlerischer Genialität und permanentem privatem Chaos bestanden hat.
Zwischen den Jahren 1930 und 1934 haben Frida Kahlo und Diego Rivera eine sehr lange Zeit außerhalb von ihrer Heimat verbracht. Sie sind zusammen in die USA gereist. Der Grund für diese lange Reise war Diego: Er war dort ein absoluter Superstar und hat sehr große, teure Aufträge von reichen amerikanischen Geschäftsleuten bekommen. Er sollte riesige Wandbilder an berühmten Gebäuden in großen Städten wie San Francisco, Detroit und New York malen. Frida ist natürlich mit ihm gereist, aber dieses neue Leben in einem fremden Land war für die junge Künstlerin eine extrem große Herausforderung.
Für Frida war die Zeit in den USA voll von neuen Eindrücken, aber sie hat sich dort oft sehr unwohl und einsam gefühlt. Sie hat die moderne, industrielle Welt Amerikas mit den vielen großen Fabriken, den riesigen Wolkenkratzern und den reichen Menschen oft als kalt, langweilig und absolut unpersönlich empfunden. Sie hat ein sehr starkes Heimweh nach Mexiko gehabt. Sie hat das leckere mexikanische Essen, die bunten Farben auf den Straßen, die Natur und die Herzlichkeit der Menschen in ihrer Heimat schrecklich vermisst. Um ihre Liebe zu Mexiko zu zeigen, hat sie in den USA demonstrativ jeden Tag ihre traditionellen mexikanischen Kleider getragen, was bei den Amerikanern für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat.
In dieser Zeit in den USA hat Frida leider auch sehr große persönliche Tragödien erleben müssen. Ihr allergrößter Wunsch war es, ein eigenes Kind mit Diego zu bekommen. Sie ist auch schwanger geworden, aber wegen der schweren Verletzungen an ihrem Becken und an ihrer Wirbelsäule aus dem alten Busunfall war ihr Körper einfach zu schwach. Im Jahr 1932 hat sie in einer Klinik in Detroit eine sehr schwere und schmerzhafte Fehlgeburt erlitten. Dieses Ereignis hat Frida das Herz gebrochen und sie in eine tiefe Traurigkeit gestürzt.
Aus der Sicht eines Historikers war diese schwere Zeit in den USA jedoch ein ganz wichtiger Moment für ihre Kunst. Frida hat ihre Trauer und ihre Schmerzen nicht versteckt, sondern sie hat sie direkt auf die Leinwand gebracht. Sie hat in Detroit eines ihrer berühmtesten und schockierendsten Bilder gemalt: „Henry Ford Hospital“. Auf diesem Bild sieht man Frida ganz alleine und weinend in einem Krankenhausbett liegen, umgeben von Symbolen des Verlusts. Mit diesen Bildern hat sie gezeigt, dass sie keine Angst vor der harten Wahrheit hatte. Ihre Kunst ist in den USA viel reifer, ernster und weltberühmt geworden, weil sie Gefühle gemalt hat, die vorher noch kein Künstler so ehrlich dargestellt hatte.
Frida Kahlo ist heute nicht nur für ihre faszinierenden Gemälde auf der ganzen Welt bekannt, sondern auch für ihr ganz besonderes, unverwechselbares Aussehen. Wenn man an Frida denkt, hat man sofort ein Bild von einer stolzen Frau mit bunten Kleidern vor Augen. Als Frida älter wurde, hat sie eine ganz bewusste Entscheidung getroffen: Sie hat aufgehört, moderne westliche Kleidung zu tragen. Stattdessen hat sie angefangen, sich ausschließlich in traditionelle mexikanische Trachten zu kleiden. Ganz besonders geliebt hat sie die Tehuana-Tracht, die aus einer bestimmten Region im Süden von Mexiko kommt, dem Isthmus von Tehuantepec in Oaxaca.
Diese traditionelle Kleidung war wunderschön, extrem farbenfroh und sehr aufwendig gearbeitet. Sie hat aus sehr langen, weiten Röcken bestanden, die oft mit wunderschönen weißen Spitzen verziert waren. Dazu hat Frida Blusen mit bunten, handgemachten Stickereien getragen, die Blumen oder geometrische Muster gezeigt haben. Auch ihre Haare hat sie sehr kunstvoll frisiert: Sie hat sie zu Zöpfen geflochten, mit bunten Bändern fixiert und mit echten, frischen Blumen geschmückt. Dazu hat sie großen, schweren Schmuck aus Gold und Silber getragen, wie zum Beispiel große Ohrringe und Halsketten.
Aus der Perspektive eines Historikers hatte diese Kleidung zwei ganz wichtige Funktionen in Fridas Leben. Der erste Grund war politisch und kulturell: In dieser Region von Tehuantepec hatten die Frauen eine sehr starke, unabhängige Rolle in der Gesellschaft. Frida hat diese Frauen bewundert. Mit dieser Kleidung wollte sie allen Menschen zeigen, wie stolz sie auf die Kultur, die Traditionen und die Geschichte von Mexiko war. In einer Zeit, in der viele reiche Mexikaner die Mode aus Europa kopiert haben, war Frida eine stolze Patriotin, die ihre Wurzeln gefeiert hat.
Der zweite Grund für diese Kleidung war sehr pragmatisch und hatte mit ihrem kranken Körper zu tun. Die langen, weiten Röcke waren perfekt geeignet, um ihr rechtes Bein zu verstecken, das seit der Polio-Krankheit dünner und kürzer war und durch den Busunfall viele Narben hatte. Auch die weiten, kastenförmigen Blusen waren ein Segen für sie: Unter dem weichen Stoff konnte sie die harten, unbequemen Korsette aus Gips oder Metall verstecken, die sie für ihre gebrochene Wirbelsäule tragen musste. Ihre Kleidung war also wie eine wunderschöne Rüstung. Sie hat ihren Schmerz versteckt und sie gleichzeitig in eine majestätische Königin verwandelt. Man kann diese Kleidung auf fast all ihren berühmten Selbstporträts bewundern, und sie ist bis heute ihr absolutes Markenzeichen geblieben.
Frida Kahlo hat im Laufe ihres Lebens insgesamt 143 Gemälde geschaffen. Das ist für eine Künstlerin keine sehr große Anzahl an Bildern, aber jedes einzelne Werk ist voller Details und tiefer Gefühle. Das Besondere an ihrer Sammlung ist eine bestimmte Zahl: 55 dieser 143 Bilder sind Selbstporträts. Das bedeutet, dass fast jedes dritte Bild von Frida ein Porträt von ihrem eigenen Gesicht und ihrem eigenen Körper ist. Viele Menschen und Kunstexperten in Europa und Amerika haben sich oft gefragt, warum diese Frau sich so unglaublich oft selbst gemalt hat.
In den 1930er-Jahren sind einige berühmte Künstler aus Frankreich nach Mexiko gekommen. Einer von ihnen war der Dichter André Breton. Als er Fridas Bilder gesehen hat, war er total fasziniert. Er hat gesagt, dass Frida eine perfekte surrealistische Malerin sei. Surrealismus bedeutet, dass ein Künstler seine Träume, Fantasien und magische Welten malt, die es in der echten Realität gar nicht gibt. Doch Frida Kahlo hat dieser Meinung von den europäischen Experten sofort und sehr deutlich widersprochen. Sie hat einen berühmten Satz gesagt: „Sie denken, ich bin eine Surrealistin. Aber das stimmt nicht. Ich habe niemals Träume gemalt. Ich male meine eigene, echte Realität.“
Aus der Sicht eines Historikers gibt es zwei einfache und logische Gründe, warum Frida so viele Selbstporträts gemalt hat. Der erste Grund war ihre soziale Situation. Wegen ihrer schweren Unfälle, den vielen Operationen und den permanenten Schmerzen hat Frida sehr viel Zeit komplett alleine im Blauen Haus verbringen müssen. Sie konnte nicht einfach ausgehen, reisen oder Landschaften malen wie andere Künstler. Sie hat dazu mal gesagt: „Ich male mich selbst, weil ich so oft alleine bin und weil ich die Person bin, die ich am besten kenne.“ Sie war ihr eigenes, bestes Modell, das immer verfügbar war.
Der zweite Grund war psychologischer Natur. Das Malen war für Frida wie eine Therapie oder ein Tagebuch aus Farben. Wenn sie traurig war, weil Diego eine Affäre hatte, oder wenn sie Schmerzen in der Wirbelsäule hatte, hat sie diese Gefühle auf die Leinwand gemalt. Auf fast all diesen Bildern sieht man ihr Gesicht mit den typischen, zusammengewachsenen Augenbrauen und einem sehr ernsten, stolzen Blick. Sie weint zwar manchmal auf den Bildern, aber ihr Gesichtsausdruck bleibt immer stark und stabil. Sie schaut dem Betrachter immer direkt in die Augen. Mit ihren Selbstporträts hat sie der Welt gezeigt: „Ich bin hier, ich leide, aber ich bin stark und ich verstecke mich nicht.“
Wenn man sich die Bilder von Frida Kahlo ganz genau anschaut, sieht man sofort, dass sie keine einfachen Bilder sind. Sie sind wie Rätsel, die voller Geheimnisse und spezieller Zeichen stecken. Aus der Sicht von Historikern ist Frida Kahlo eine absolute Meisterin im Benutzen von Symbolen gewesen. Ein Symbol ist ein Bild oder ein Gegenstand, der eine tiefere Bedeutung hat. Frida hat diese Symbole benutzt, weil sie damit Gefühle ausdrücken konnte, die man mit normalen Worten nur sehr schwer erklären kann.
Ein ganz wichtiges und häufiges Thema auf ihren Bildern ist der physische und psychische Schmerz. Frida hat keine Angst gehabt, ihren kaputten Körper sehr realistisch zu zeigen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist das Bild „Die gebrochene Säule“. Auf diesem Gemälde sieht man Fridas Körper, der in der Mitte offen ist. Anstelle einer normalen Wirbelsäule sieht man eine antike Steinsäule aus der Architektur, die viele Risse hat und fast zerbricht. Überall auf ihrer Haut stecken kleine, spitze Nägel. Diese Nägel sind ein Symbol für die permanenten Nadelstiche und Schmerzen, die sie jede Sekunde an ihrer Haut und in ihren Knochen gespürt hat.
Neben dem Schmerz sieht man auch sehr oft Tiere auf ihren Selbstporträts. Frida hat Tiere über alles geliebt. Da sie wegen ihres Unfalls keine eigenen Kinder bekommen konnte, war das Blaue Haus voll von exotischen Haustieren. Sie hat kleine Affen, bunte Papageien, Katzen und sogar einen kleinen Hund gehabt. Auf ihren Bildern sitzen diese Tiere oft ganz nah auf ihren Schultern oder um ihren Hals. Die Affen sind für Frida ein Symbol für Schutz, Freundschaft und Trost gewesen. Sie waren wie die Kinder, die sie niemals haben durfte. Manchmal hat sie auch Vögel oder Schmetterlinge gemalt, die für Freiheit und die Sehnsucht nach einem Leben ohne Schmerzen stehen.
Ein weiteres großes Symbol in ihrer Kunst sind Pflanzen und lange, dicke Wurzeln. Oft sieht man auf den Bildern, wie die Wurzeln von mexikanischen Pflanzen aus der Erde kommen und sich fest um Fridas Beine oder um ihren Hals wickeln. Manchmal wachsen die Wurzeln sogar direkt aus ihrem eigenen Körper in die Erde hinein. Aus der Perspektive der Kunstgeschichte haben diese Wurzeln eine ganz klare Bedeutung: Sie zeigen Fridas tiefe, unzertrennliche Verbindung zu ihrer Heimat Mexiko und zur Natur. Sie wollte damit sagen, dass sie fest in der mexikanischen Erde verwurzelt ist, egal wie schwer ihr Leben ist. Frida hat als eine der allerersten Frauen in der Kunstgeschichte Tabuthemen wie Fehlgeburten, Operationen und weiblichen Schmerz so radikal und ehrlich dargestellt, was sie zu einer absoluten Pionierin gemacht hat.
Die Ehe zwischen Frida Kahlo und Diego Rivera war immer eine Berg-und-Tal-Bahn mit vielen Emotionen. Obwohl sie sich als Künstler sehr bewundert haben, gab es privat immer mehr Probleme. Diego hat viele Affären mit anderen Frauen gehabt. Das hat Frida oft traurig gemacht, aber sie hat versucht, es zu tolerieren. Doch im Jahr 1934 ist etwas passiert, das Fridas Herz komplett gebrochen hat: Diego hat eine geheime Liebesbeziehung mit Fridas eigener, jüngerer Schwester Cristina angefangen. Cristina war Fridas Lieblingsschwester. Dieser doppelte Verrat war ein Schock, von dem sich Frida emotional nur sehr schwer erholen konnte.
Frida hat nach dieser großen Enttäuschung eine radikale Konsequenz gezogen. Sie ist für eine Zeit aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen, hat sich die Haare ganz kurz geschnitten und hat aufgehört, die traditionellen Kleider zu tragen, die Diego so sehr geliebt hat. Sie hatte nun auch Affären mit anderen Männern und Frauen, um ihren Schmerz zu betäuben. Schließlich haben Frida und Diego im November 1939 offiziell die Scheidung eingereicht. In dieser extrem traurigen und einsamen Zeit hat Frida eines ihrer absolut berühmtesten Meisterwerke gemalt: „Die zwei Fridas“. Auf diesem großen Bild sieht man zwei Versionen von ihr: Eine Frida im europäischen Kleid mit einem gebrochenen Herzen und eine traditionelle mexikanische Frida, die ein kleines Foto von Diego in der Hand hält. Die beiden Fridas sind durch eine lange Ader miteinander verbunden, die Blut verliert.
Aus der Sicht eines Historikers war diese Trennung ein wichtiger Moment für Fridas Unabhängigkeit. Sie hat der Welt gezeigt, dass sie auch ohne den großen, mächtigen Diego Rivera eine eigenständige, erfolgreiche Künstlerin sein konnte. Sie hat ihre eigenen Bilder verkauft und ihr eigenes Geld verdient. Doch die Geschichte von Frida und Diego war noch nicht zu Ende. Die beiden konnten einfach nicht ohnehinander leben. Sie haben einander schrecklich vermisst. Diego hat verstanden, dass Frida die wichtigste Frau in seinem Leben war, und Frida hat Diego trotz allem immer noch geliebt.
Im Dezember 1940, nur ein Jahr nach der Scheidung, haben Frida und Diego in der amerikanischen Stadt San Francisco ein zweites Mal geheiratet. Die Bedingungen für diese zweite Ehe waren jedoch ganz neu und wurden streng vertraglich geregelt. Frida war nun reifer und selbstbewusster. Sie hat zu Diego gesagt, dass sie finanziell absolut unabhängig bleiben will und dass sie keinen Sex mehr miteinander haben würden. Sie wollten einfach Seelenverwandte und Partner in der Kunst sein. Sie sind zusammen zurück nach Mexiko in das Blaue Haus gezogen. Diese zweite Ehe war viel ruhiger und stabiler als die erste, weil beide akzeptiert hatten, dass ihre Liebe einzigartig und unkonventionell war.
Im Jahr 1943 hat für Frida Kahlo ein neues, sehr schönes Abenteuer begonnen. Sie hat ein offizielles Angebot von einer bekannten Kunstschule bekommen. Der Name von dieser Schule war La Esmeralda, und sie lag mitten in Mexiko-Stadt. Die Schuldirektoren wollten unbedingt, dass Frida dort als Professorin arbeitet und jungen Menschen das Malen beibringt. Frida hat dieses Angebot mit großer Freude angenommen. Aus der Perspektive eines Historikers war Frida eine ganz besondere Lehrerin, denn sie hat die starren und langweiligen Regeln des normalen Schulsystems komplett abgelehnt.
Frida wollte auf keinen Fall, dass ihre Schüler nur brav im Klassenzimmer sitzen, alte Gipsfiguren anschauen und die Techniken von toten Künstlern kopieren. Sie hat zu ihren Schülern gesagt: „Wenn ihr echte Kunst machen wollt, müsst ihr das echte Leben sehen!“ Sie hat die Jugendlichen eingepackt und ist mit ihnen nach draußen gegangen. Sie haben zusammen die bunten Märkte besucht, die Menschen auf der Straße beobachtet, mexikanische Volksfeste gefeiert und in den kleinen Dörfern die Natur studiert. Frida wollte, dass jeder Schüler seinen ganz eigenen Stil findet und stolz auf die eigene Kultur ist.
Nach einiger Zeit ist Fridas Gesundheit leider wieder viel schlechter geworden. Die Reise vom Blauen Haus in Coyoacán bis zur Schule im Zentrum der Stadt war wegen der permanenten Schmerzen in ihrer Wirbelsäule einfach zu anstrengend für ihren Körper. Sie konnte nicht mehr im Klassenzimmer stehen. Aber Frida wollte ihre Schüler nicht im Stich lassen. Sie hat daraufhin eine unkonventionelle Entscheidung getroffen: Sie hat den Unterricht einfach in ihr eigenes Zuhause, in das Blaue Haus, verlegt. Die Schüler sind mehrmals pro Woche mit dem Bus zu ihr gefahren und haben zusammen im sonnigen Garten oder direkt an ihrem Bett gelernt.
Eine kleine Gruppe von vier Schülern war besonders treu. Die Namen von diesen drei Jungen und einem Mädchen waren Arturo García Bustos, Guillermo Monroy, Arturo Estrada und Fanny Rabel. In der mexikanischen Kunstgeschichte ist diese Gruppe unter einem ganz berühmten Namen bekannt geworden: „Los Fridos“ (was übersetzt „Die Fridas“ bedeutet). Frida hat diese jungen Künstler wie ihre eigenen Kinder geliebt. Sie hat ihnen große Aufträge besorgt, damit sie Wandbilder (Murals) an den Wänden von lokalen Kneipen, Hotels und öffentlichen Wäschereien im Viertel malen konnten. Frida hat ihnen gezeigt, dass Kunst für das normale Volk da ist und nicht nur für reiche Museen. Diese Zeit als Lehrerin hat Frida trotz ihrer schweren Krankheiten sehr viel Lebensfreude und neue Energie gegeben.
Gegen Ende der 1940er-Jahre und am Anfang der 1950er-Jahre ist der Körper von Frida Kahlo leider immer schwächer und kranker geworden. Sie hat unvorstellbare Schmerzen gehabt. Ihre Wirbelsäule war so labil, dass sie in nur einem einzigen Jahr sieben schwere Operationen am Rücken überstehen musste. Sie hat viele Monate im Krankenhaus verbracht. Danach hat sie fast nur noch im Rollstuhl sitzen können oder hat absolut flach in ihrem Bett im Blauen Haus liegen müssen. Aber obwohl ihr Körper fast komplett am Ende war, war ihr Geist immer noch voller kreativer Energie. Sie hat einfach im Liegen weitergemalt.
Im April 1953 ist ein ganz großer und wichtiger Traum von Frida in Erfüllung gegangen. Ihre gute Freundin, die Kunsthändlerin Lola Álvarez Bravo, hat für Frida die allererste große Einzelausstellung in ihrer geliebten Heimat Mexiko organisiert. Vorher hatte Frida Ausstellungen in New York und Paris gehabt, aber noch nie eine eigene große Show in Mexiko-Stadt. Alle Menschen in der Kulturszene waren total begeistert und wollten dieses historische Ereignis unbedingt feiern. Doch genau vor der Eröffnung haben die Ärzte zu Frida gesagt: „Es ist absolut unmöglich. Sie sind viel zu schwach. Sie dürfen auf keinen Fall das Bett verlassen, sonst sterben Sie.“
Aus der Sicht eines Historikers war das, was dann passiert ist, einer der spektakulärsten und mutigsten Momente in der gesamten Kunstgeschichte. Frida hat zu den Ärzten gesagt: „Ich werde meine eigene Ausstellung auf keinen Fall verpassen!“ Sie hat eine unglaubliche Idee gehabt: Sie hat ihr großes, schweres Himmelbett aus Holz mit einem Lastwagen direkt vom Blauen Haus in die Kunstgalerie transportieren lassen. Die Mitarbeiter haben das Bett mitten in den großen Ausstellungsraum gestellt und mit schönen Tüchern geschmückt. Frida selbst ist in einer Ambulanz (einem Krankenwagen) zur Galerie gefahren worden.
Als die Türen der Galerie aufgingen, waren die Gäste sprachlos vor Staunen. Frida Kahlo ist wie eine Königin in ihrem Bett liegend mitten in der Galerie gewesen. Sie war wunderschön angezogen, hatte Blumen im Haar und hat viel gelacht. Sie hat mit den Gästen Champagner getrunken, hat mexikanische Lieder gesungen und hat den ganzen Abend fröhlich gefeiert. Dieser unvergessliche Abend hat der ganzen Welt ihren enormen Lebenswillen, ihren Stolz und ihren großen Humor gezeigt. Doch kurz nach diesem großen Triumph ist ein weiterer schwerer Schlag gekommen: Wegen einer schlimmen Infektion haben die Ärzte ihr den rechten Unterschenkel amputieren (abnehmen) müssen. Das war eine schreckliche psychische Belastung für die stolze Tänzerin und Malerin, und sie ist danach oft sehr depressiv gewesen.
Im Sommer 1954 ist der Lebensweg von Frida Kahlo an sein Ende gekommen. Ihr Körper war nach all den Operationen, der Amputation und den permanenten Schmerzen extrem schwach. Doch trotz der großen Schwäche hat sie im Juli 1954 noch einmal ihren ganzen Mut zusammengenommen: Sie hat zusammen mit Diego Rivera an einer großen politischen Demonstration auf der Straße teilgenommen, um gegen die Ungerechtigkeit in der Welt zu protestieren. Das war ihr allerletzter öffentlicher Auftritt. Nur wenige Tage später, am 13. Juli 1954, ist Frida Kahlo in ihrem geliebten Blauen Haus in Coyoacán gestorben. Sie ist nur 47 Jahre alt geworden.
Die offizielle Ursache für ihren Tod war eine Lungenembolie. Aber viele Historiker und Biografen, die ihr Leben ganz genau studiert haben, denken, dass sie vielleicht eine zu hohe Dosis von ihren starken Schmerzmitteln genommen hat, um den permanenten Qualen endlich zu entkommen. In ihrem Tagebuch hat man einen letzten, sehr bewegenden Satz gefunden, den sie kurz vor ihrem Tod mit roter Tinte geschrieben hatte: „Ich hoffe, dass der Abgang fröhlich ist – und ich hoffe, nie wiederzukehren.“ Ihr Leichnam wurde nach einer großen Abschiedsfeier eingeäschert, und ihre Urne steht bis heute in ihrem Schlafzimmer im Blauen Haus.
Aus der Perspektive eines Historikers hat nach ihrem physischen Tod eine absolut faszinierende Entwicklung begonnen. In den 1970er-Jahren – also zwanzig Jahre nach ihrem Sterben – haben Frauen und Künstlerinnen aus der feministischen Bewegung auf der ganzen Welt Fridas Bilder neu entdeckt. Sie waren total begeistert von dieser Frau, die so unabhängig war und die es als erste gewagt hatte, Frauenthemen wie Fehlgeburten, Operationen und weibliche Identität so ehrlich und ohne Scham zu malen. Frida Kahlo ist über Nacht zu einer weltweiten Ikone geworden. Dieser weltweite Boom um ihre Person hat sogar einen eigenen Namen bekommen: die „Fridamania“.
Heute ist Frida Kahlo eine der bekanntesten und populärsten Persönlichkeiten der gesamten Weltgeschichte. Ihr Gesicht mit den markanten Augenbrauen sieht man auf Postern, T-Shirts, Taschen und Briefmarken. Ihre originalen Gemälde sind extrem wertvoll und werden in großen Auktionen für viele Millionen Dollar an die wichtigsten Museen der Welt verkauft. Aber ihr allergrößtes Erbe für uns ist ihre Lebensgeschichte selbst. Frida Kahlo hat der ganzen Welt gezeigt, dass man nicht perfekt sein muss, um großartig zu sein. Sie hat bewiesen, dass man selbst aus den schwersten Krankheiten, Brüchen und Schmerzen eine unsterbliche, wunderschöne Kunst schaffen kann. Sie hat ihren Schmerz in pure Schönheit verwandelt und bleibt für immer ein Symbol für absolute Stärke, Stolz und Freiheit.

