Das Leben von Che Guevara (B1-B2)
NEWHÖREN

Ernesto Guevara de la Serna ist am 14. Juni 1928 in Rosario, Argentinien, geboren. Er ist das älteste von fünf Kindern einer wohlhabenden Familie gewesen, die aristokratische Wurzeln, aber sehr liberale und politisch linke Ansichten gehabt hat. Schon in seinen ersten Lebensjahren ist etwas passiert, das seinen Charakter für immer geprägt hat: Er hat seinen ersten schweren Asthmaanfall erlitten. Diese Krankheit ist ein ständiger Begleiter in seinem Leben gewesen und hat ihn oft an die Grenze des Todes gebracht.
Seine Eltern sind wegen seines Gesundheitszustands in das trockene Klima von Alta Gracia gezogen. Dort hat Ernesto gelernt, dass er Disziplin braucht, um zu überleben. Er hat nicht akzeptiert, dass sein Körper schwach ist. Er hat intensiv Sport getrieben, ist geschwommen und hat sogar Rugby gespielt – ein sehr harter Sport. Wenn er auf dem Spielfeld keine Luft mehr bekommen hat, ist er an den Rand gegangen, hat sein Inhalationsgerät benutzt und ist sofort wieder in das Spiel zurückgekehrt. Dieser enorme Willen, körperliche Schwäche durch mentale Stärke zu besiegen, ist später ein zentraler Teil seiner revolutionären Identität geworden.
Aber Ernesto ist nicht nur ein Athlet gewesen. Weil er wegen seiner Krankheit oft im Bett liegen musste, hat er angefangen, extrem viel zu lesen. Er hat die riesige Bibliothek seiner Eltern genutzt und hat alles verschlungen: von französischer Literatur (wie Victor Hugo) bis hin zu philosophischen Texten von Marx und Engels. Er ist ein sehr intelligenter und nachdenklicher Junge gewesen, der sich schon früh für die sozialen Unterschiede in Argentinien interessiert hat. Er hat gesehen, dass seine Familie privilegiert gewesen ist, während viele Menschen in seiner Umgebung in Armut gelebt haben.
Ernesto hat in dieser Zeit eine tiefe Empathie für die Schwachen entwickelt. Er hat sich nicht für Geld oder Status interessiert, sondern für die menschliche Existenz. Nach seinem Schulabschluss hat er sich deshalb entschieden, Medizin zu studieren. Er hat den Wunsch gehabt, Arzt zu werden, um das Leid der Menschen direkt zu heilen. Er hat nicht geahnt, dass er bald eine Reise antreten würde, die ihm gezeigt hat, dass man gegen manche Krankheiten nicht mit Medizin, sondern nur mit einer sozialen Revolution kämpfen kann.
Im Jahr 1947 hat Ernesto Guevara sein Medizinstudium an der Universität von Buenos Aires begonnen. Er ist ein extrem schneller und effizienter Student gewesen. Er hat es geschafft, Prüfungen in Rekordzeit abzulegen, obwohl er gleichzeitig in einer Klinik gearbeitet und intensiv Sport getrieben hat. Er hat sich besonders für die Forschung interessiert, vor allem für die Allergologie und die Dermatologie. Da er selbst unter Asthma gelitten hat, hat er eine tiefe wissenschaftliche Neugier für Krankheiten entwickelt, die den menschlichen Körper einschränken.
Während seines Studiums hat Ernesto jedoch gemerkt, dass die Medizin in den Lehrbüchern oft nichts mit der Realität der armen Bevölkerung zu tun gehabt hat. Er hat in Krankenhäusern gearbeitet, in denen die Menschen nicht nur an Viren gestorben sind, sondern an Hunger und schlechten Lebensbedingungen. Er hat viele Nächte damit verbracht, medizinische Fachzeitschriften zu lesen, aber er hat auch angefangen, seine eigenen Gedanken in Tagebüchern festzuhalten. Er ist kein typischer Student gewesen, der nur an eine Karriere und Geld gedacht hat; sein Fokus ist immer auf dem menschlichen Leid gelegen.
Ein entscheidender Moment in dieser Phase ist seine Arbeit in einem Labor für Lepraforschung gewesen. Er hat sich intensiv mit der sozialen Stigmatisierung von Leprakranken (Aussätzigen) beschäftigt. Er hat verstanden, dass diese Menschen nicht nur Medikamente gebraucht haben, sondern vor allem Würde und Integration in die Gesellschaft. Diese Erfahrung hat seine humanistische Weltsicht radikalisiert. Er hat angefangen zu glauben, dass ein Arzt nicht nur den Körper eines Individuums heilen muss, sondern die gesamte Struktur einer kranken Gesellschaft.
Trotz seiner akademischen Erfolge hat Ernesto eine große innere Unruhe verspürt. Er hat das Gefühl gehabt, dass er die Welt mit eigenen Augen sehen muss, bevor er sich in einer Praxis niederlässt. Er hat sein Studium mehrmals unterbrochen, um kleinere Reisen durch den Norden Argentiniens zu machen. Dort hat er die indigene Bevölkerung und die extreme Armut in den ländlichen Regionen kennengelernt. Diese kurzen Ausflüge sind jedoch nur der Vorgeschmack auf das gewesen, was im Jahr 1952 folgen sollte: die große Reise durch den gesamten Kontinent, die sein Leben und die Geschichte Lateinamerikas für immer verändert hat.
Im Januar 1952 hat Ernesto Guevara sein Studium vorübergehend pausiert, um gemeinsam mit seinem Freund Alberto Granado eine waghalsige Reise anzutreten. Ihr Transportmittel ist eine alte, unzuverlässige Norton 500 gewesen, die sie ironischerweise „La Poderosa“ (Die Mächtige) genannt haben. Ihr Ziel ist es gewesen, den gesamten südamerikanischen Kontinent zu durchqueren – von Argentinien über Chile und Peru bis nach Kolumbien und Venezuela. Was als ein abenteuerlicher Roadtrip begonnen hat, ist jedoch sehr schnell zu einer tiefgreifenden politischen und menschlichen Transformation geworden.
Die Reise ist von extremen Entbehrungen geprägt gewesen. Das Motorrad ist ständig kaputtgegangen, und sie haben oft unter freiem Himmel schlafen oder um Essen bitten müssen. In Chile hat Ernesto die Kupfermine von Chuquicamata besucht. Dort ist er schockiert gewesen, als er gesehen hat, wie die Bergarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen für ausländische Firmen geschuftet haben. Er hat dort zum ersten Mal begriffen, dass der Reichtum der großen Konzerne auf der Ausbeutung der armen Bevölkerung basiert hat. Er hat diesen Schmerz tief in seinem Herzen gespürt und hat angefangen, die Welt durch die Linse des Klassenkampfes zu betrachten.
Ein weiterer entscheidender Aufenthalt ist das Leprazentrum von San Pablo in Peru gewesen. Anstatt sich vor den Kranken zu fürchten, hat Ernesto ohne Handschuhe mit ihnen gearbeitet, mit ihnen Fußball gespielt und mit ihnen gegessen. Er hat die soziale Isolation dieser Menschen abgelehnt und hat verstanden, dass Lateinamerika nicht aus verschiedenen Nationen besteht, sondern eine einzige, große mestizische Rasse ist, die durch koloniale Grenzen künstlich getrennt worden ist. Er hat in seinem Tagebuch notiert, dass er sich nun nicht mehr als Individuum, sondern als Teil eines größeren Ganzen gefühlt hat.
Als Ernesto am Ende der Reise in Venezuela angekommen ist, ist er nicht mehr derselbe Mensch gewesen, der Monate zuvor in Argentinien losgefahren war. Er hat die unendliche Schönheit des Kontinents gesehen, aber auch die hässliche Fratze des Hungers, der Krankheit und der Unterdrückung. Er hat erkannt, dass seine medizinische Hilfe nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen ist. Er ist zu der Überzeugung gelangt, dass man das System nicht reformieren kann, sondern dass man es komplett zerstören muss. Er ist nach Argentinien zurückgekehrt, um sein Studium schnell abzuschließen, aber sein Geist ist bereits auf den Schlachtfeldern der Zukunft gewesen.
Nachdem Ernesto im Jahr 1953 sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen hat, ist er erneut auf Reisen gegangen. Sein Weg hat ihn nach Guatemala geführt, das zu dieser Zeit das Zentrum der politischen Hoffnung in Lateinamerika gewesen ist. Der demokratisch gewählte Präsident Jacobo Árbenz hat dort versucht, eine radikale Landreform durchzuführen, um das Land der armen Bauern von den großen US-amerikanischen Konzernen (wie der United Fruit Company) zurückzugeben. Ernesto ist von dieser sozialen Gerechtigkeit begeistert gewesen und hat sich entschieden, in Guatemala zu bleiben, um den Prozess als Arzt zu unterstützen.
In Guatemala-Stadt hat Ernesto viele linke Intellektuelle und Exilanten aus ganz Lateinamerika kennengelernt. Dort hat er auch seine erste Frau, die peruanische Ökonomin Hilda Gadea, getroffen. Sie ist eine überzeugte Marxistin gewesen und hat ihn tiefer in die politische Theorie eingeführt. Doch der Traum von einem gerechten Guatemala ist sehr schnell zerstört worden. Die US-Regierung hat die Landreform als kommunistische Bedrohung interpretiert und hat durch die CIA eine Invasion und einen Militärputsch organisiert. Ernesto hat sich freiwillig gemeldet, um für die Regierung Árbenz zu kämpfen, aber das Militär hat das Volk nicht bewaffnet, und die Regierung ist schließlich gestürzt worden.
Dieser Putsch ist für Ernesto eine traumatische Erfahrung gewesen. Er hat mit eigenen Augen gesehen, wie eine demokratische Hoffnung durch militärische Gewalt und ausländische Intervention vernichtet worden ist. Er hat verstanden, dass der Imperialismus niemals freiwillig Macht abgeben würde. Während dieser chaotischen Zeit hat er in der argentinischen Botschaft Zuflucht suchen müssen, um nicht verhaftet oder getötet zu werden. In seinen Briefen aus dieser Zeit hat er angefangen, sich selbst als einen Mann zu sehen, der bereit ist, sein Leben für den Kampf gegen die Unterdrückung zu opfern.
Guatemala ist der Ort gewesen, an dem der Arzt Ernesto Guevara endgültig gestorben ist und der Soldat in ihm geboren wurde. Er hat die Flucht nach Mexiko antreten müssen, erfüllt von Zorn und Entschlossenheit. Er hat in Guatemala gelernt, dass man eine Revolution nicht nur mit Worten und Medikamenten, sondern mit Waffen verteidigen muss. In Mexiko-Stadt ist er dann auf eine Gruppe von kubanischen Exilanten getroffen, die genau diesen bewaffneten Kampf geplant haben. Dort hat er zum ersten Mal den Namen eines Mannes gehört, der sein Schicksal für immer besiegeln sollte: Fidel Castro.
Nach seiner Flucht aus Guatemala ist Ernesto im Jahr 1954 in Mexiko-Stadt angekommen. Er hat dort als Fotograf und Arzt gearbeitet, um zu überleben, aber sein Kopf ist noch immer voller revolutionärer Ideen gewesen. Durch seine Frau Hilda hat er Kontakt zu einer Gruppe kubanischer Exilanten bekommen, die gegen den Diktator Fulgencio Batista kämpfen wollten. In einer Nacht im Juli 1955 ist er schließlich Fidel Castro vorgestellt worden. Die beiden Männer haben die ganze Nacht hindurch diskutiert – über Politik, Philosophie und die Befreiung Lateinamerikas.
Fidel ist von Ernestos Intelligenz und seiner Entschlossenheit sofort beeindruckt gewesen. Ernesto wiederum hat in Fidel den charismatischen Anführer gefunden, den er gesucht hat. Am Ende dieses Gesprächs hat Ernesto sich dazu bereit erklärt, sich der „Bewegung des 26. Juli“ anzuschließen. Sein offizieller Posten ist der des Expeditionsarztes gewesen. In dieser Zeit hat er von den Kubanern auch seinen berühmten Spitznamen bekommen: „Che“. Da Ernesto das typisch argentinische Füllwort „Che“ in fast jedem Satz benutzt hat, haben ihn die Kubaner einfach so genannt. Er hat diesen Namen mit Stolz akzeptiert, da er seine neue Identität als Revolutionär symbolisiert hat.
Die Vorbereitungen in Mexiko sind extrem hart gewesen. Die Gruppe hat unter der Leitung eines spanischen Bürgerkriegsveteranen ein intensives militärisches Training in den Bergen absolviert. Che hat trotz seiner schweren Asthmaanfälle niemals aufgegeben. Er hat gelernt, wie man schießt, wie man sich im Dschungel bewegt und wie man Guerillataktiken anwendet. Die mexikanische Polizei hat die Gruppe mehrmals verhaftet, aber Fidel hat es geschafft, sie immer wieder freizubekommen. Che hat während dieser Zeit in seinem Tagebuch notiert, dass er nun bereit sei, für eine gerechte Sache zu sterben.
Im November 1956 ist es schließlich so weit gewesen. 82 Männer sind an Bord der kleinen, völlig überladenen Jacht „Granma“ gestiegen. Das Schiff ist eigentlich nur für 12 Personen gebaut worden und ist bei stürmischer See fast gesunken. Viele Männer sind seekrank geworden, und Che hat als Arzt versucht, ihnen zu helfen, während er selbst kaum atmen konnte. Diese Reise ist kein gewöhnlicher Aufbruch gewesen, sondern ein Himmelfahrtskommando. Sie haben gewusst, dass die kubanische Armee sie an der Küste erwarten würde, aber ihr Wille, die Tyrannei zu beenden, ist stärker als die Angst vor dem Tod gewesen.
Die Landung der „Granma“ an der kubanischen Küste im Dezember 1956 ist ein absolutes Desaster gewesen. Das Schiff ist in einem Sumpf steckengeblieben, und die Männer sind sofort von Batistas Armee angegriffen worden. Von den 82 Revolutionären haben nur etwa 12 bis 20 überlebt. In diesem Chaos ist ein Moment passiert, den Che später als den entscheidenden Augenblick seines Lebens beschrieben hat: Er hat vor sich eine Tasche mit medizinischen Vorräten und eine Kiste mit Munition gesehen. Da er nicht beides tragen konnte, hat er sich für die Munition entschieden. In diesem Augenblick ist der Arzt symbolisch gestorben und der Krieger ist geboren worden.
Die Überlebenden haben sich in die unzugänglichen Berge der Sierra Maestra zurückgezogen. Die ersten Monate sind von Hunger, Kälte und schrecklichen Asthmaanfällen geprägt gewesen. Aber Che hat eine unglaubliche Disziplin an den Tag gelegt. Er ist nicht nur als Kämpfer aufgefallen, sondern auch als Lehrer. Er hat den Analphabeten unter den Bauern das Lesen und Schreiben beigebracht und hat gleichzeitig kleine Kliniken im Dschungel eingerichtet. Er hat verstanden, dass man das Vertrauen der Landbevölkerung gewinnen muss, um eine Revolution erfolgreich zu führen.
Wegen seiner taktischen Klugheit und seiner furchtlosen Art ist Che von Fidel Castro sehr schnell befördert worden. Im Juli 1957 ist er zum ersten „Comandante“ einer zweiten Kolonne ernannt worden. Che ist als Anführer sehr streng und fordernd gewesen. Er hat von seinen Männern dieselbe Opferbereitschaft verlangt, die er selbst gezeigt hat. Wer die Gruppe verraten hat, ist von ihm gnadenlos bestraft worden. Gleichzeitig hat er aber sein letztes Stück Brot mit seinen Soldaten geteilt. Sein Ruf als „Eiserner Kommandant“ hat sich in ganz Kuba verbreitet.
Der Höhepunkt seiner militärischen Karriere in Kuba ist die Schlacht von Santa Clara im Dezember 1958 gewesen. Mit einer kleinen Gruppe von Kämpfern hat er einen gepanzerten Zug der Regierungsarmee überfallen, der voller Waffen und Munition gewesen ist. Dieser strategische Geniestreich hat das Rückgrat des Diktators Batista gebrochen. Nur wenige Tage später, am 1. Januar 1959, ist Batista geflohen. Che Guevara und seine Truppen sind als Helden in Havanna eingezogen. Die Revolution hat gesiegt, aber für Che hat die eigentliche Arbeit für das „neue Kuba“ erst jetzt richtig begonnen.
Nach dem Sieg der Revolution im Jahr 1959 hat Che Guevara eine zentrale Rolle in der neuen Regierung eingenommen. Er ist zwar kein gebürtiger Kubaner gewesen, hat aber aufgrund seiner Verdienste die kubanische Staatsbürgerschaft erhalten. Fidel Castro hat ihm enorme Verantwortung übertragen: Che ist zuerst zum Leiter der Abteilung für Industrie und später zum Präsidenten der Nationalbank sowie zum Industrieminister ernannt worden. Es ist ein ironisches Bild gewesen: Der Mann, der den Kapitalismus gehasst hat, hat nun seine Unterschrift auf die neuen kubanischen Geldscheine gesetzt – jedoch nur mit seinem Spitznamen „Che“.
In seiner neuen Funktion hat Che versucht, die kubanische Wirtschaft radikal zu transformieren. Er hat die Verstaatlichung von US-amerikanischen Firmen und großen Plantagen vorangetrieben, um die Abhängigkeit vom Ausland zu beenden. Er ist ein radikaler Gegner des materiellen Anreizes gewesen. Er hat geglaubt, dass die Arbeiter nicht für Geld, sondern aus moralischer Überzeugung für das Wohl der Gesellschaft arbeiten sollten. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, hat er oft an seinen freien Sonntagen Freiwilligenarbeit geleistet – er hat auf den Zuckerrohrfeldern gearbeitet oder beim Bau von Schulen geholfen, um die Distanz zwischen Elite und Volk zu verringern.
Doch Che ist nicht nur im Inland aktiv gewesen. Er ist zum wichtigsten Botschafter der kubanischen Revolution auf der Weltbühne geworden. Er hat zahlreiche Reisen unternommen und hat Länder wie die Sowjetunion, China, Ägypten und Indien besucht. Im Jahr 1964 hat er eine legendäre Rede vor den Vereinten Nationen (UN) in New York gehalten. In dieser Rede hat er den Imperialismus scharf kritisiert und hat die Solidarität der „Dritten Welt“ gefordert. Er ist zu einer globalen Ikone für alle unterdrückten Völker geworden, die nach Unabhängigkeit gesucht haben.
Trotz seiner Macht ist Che in dieser Zeit zunehmend unzufrieden geworden. Er hat die wachsende Bürokratie innerhalb des Staates und die starke Abhängigkeit Kubas von der Sowjetunion kritisiert. Er hat das Gefühl gehabt, dass er als Minister in einem Büro gefangen ist, während in anderen Teilen der Welt Menschen noch immer unter Unterdrückung leiden. Sein revolutionärer Geist hat ihn dazu gedrängt, seine komfortable Position aufzugeben. Er hat sich entschieden, alles hinter sich zu lassen – seine Macht, seine Ämter und sogar seine Familie –, um den bewaffneten Kampf zurück in den Dschungel zu tragen.
In seiner Zeit als Minister hat Che Guevara eine Theorie entwickelt, die als „El Hombre Nuevo“ (Der Neue Mensch) bekannt geworden ist. Er hat argumentiert, dass ein sozialistisches System niemals funktionieren würde, wenn die Menschen weiterhin egoistisch und gierig bleiben. Er hat geglaubt, dass man den Menschen durch Erziehung und harte Arbeit transformieren muss. In seinen Schriften hat er betont, dass wahre Revolutionäre nicht durch Geld, sondern durch die Liebe zur Menschheit und durch ein tiefes Pflichtgefühl motiviert sein sollten. Er hat diesen hohen moralischen Standard zuerst von sich selbst verlangt und ist dadurch für viele zum Vorbild, für andere jedoch zu einem unerbittlichen Fanatiker geworden.
Doch während er über diese Ideale geschrieben hat, hat sich im Jahr 1965 etwas in seinem Leben radikal verändert. Er ist plötzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden. Monatelang hat die Welt gerätselt: „Wo ist Che?“ Es hat Gerüchte gegeben, dass er sich mit Fidel Castro zerstritten hat oder dass er krank ist. Die Wahrheit ist jedoch gewesen, dass Che das Gefühl gehabt hat, seine Aufgabe in Kuba sei erfüllt. Er hat einen berühmten Abschiedsbrief an Fidel geschrieben. In diesem Brief hat er erklärt, dass andere Nationen der Welt seine bescheidene Hilfe brauchen und dass er auf alle seine offiziellen Ämter, seine Staatsbürgerschaft und seinen Rang als Kommandant verzichtet.
Sein erster geheimer Weg hat ihn nach Afrika geführt, genauer gesagt in den Kongo. Er hat dort versucht, eine revolutionäre Bewegung gegen die pro-westliche Regierung zu unterstützen. Aber diese Mission ist ein kompletter Misserfolg gewesen. Che ist frustriert gewesen, weil die lokalen Kämpfer nicht seine Disziplin geteilt haben und weil das Klima und die Krankheiten seine Truppen geschwächt haben. Er hat einsehen müssen, dass man eine Revolution nicht einfach von außen „importieren“ kann. Nach mehreren Monaten im Untergrund ist er enttäuscht nach Europa und schließlich heimlich zurück nach Kuba gereist, um seinen nächsten – und letzten – Plan vorzubereiten.
Dieser Moment des Abschieds von Kuba ist sehr schmerzhaft gewesen, besonders für seine zweite Frau Aleida March und seine Kinder. Er hat gewusst, dass er sie wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Er hat sich verkleidet, hat seinen Bart rasiert und hat sich einen falschen Pass besorgt, um unerkundet zu bleiben. Sein Ziel ist nun Bolivien gewesen. Er hat gehofft, dort einen zentralen Fokus für eine südamerikanische Revolution zu schaffen, die sich wie ein Lauffeuer über den ganzen Kontinent ausbreiten sollte. Er ist bereit gewesen, alles zu opfern – nicht für Ruhm, sondern für seine unerschütterliche Vision einer gerechteren Welt.
Im November 1966 ist Che Guevara unter falschem Namen und verkleidet als kahlköpfiger Geschäftsmann in Bolivien angekommen. Er hat sich in die unwegsame Region am Rio Grande zurückgezogen, um dort eine Basis für seine nationale Befreiungsarmee (ELN) aufzubauen. Sein Plan ist es gewesen, einen „Brennpunkt“ (Foco) zu schaffen, der die Bauern mobilisieren und schließlich die gesamte Militärdiktatur stürzen sollte. Doch von Anfang an ist dieses Unternehmen unter einem schlechten Stern gestanden.
Anders als in Kuba ist es Che in Bolivien nicht gelungen, die Unterstützung der lokalen Bevölkerung zu gewinnen. Die Bauern in der Region sind misstrauisch gegenüber den fremden Kämpfern gewesen und haben oft mit der Armee kooperiert. Zudem hat die Kommunistische Partei Boliviens ihm die Unterstützung verweigert, was seine Gruppe politisch isoliert hat. Die physischen Bedingungen sind ebenfalls brutal gewesen: Che hat wieder unter extremen Asthmaanfällen gelitten und hat kaum noch Medikamente gehabt. Die Gruppe ist monatlich kleiner geworden, da Hunger, Krankheiten und erste Gefechte mit der bolivianischen Armee viele Opfer gefordert haben.
Was Che zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst hat: Er hat nicht nur gegen die bolivianische Armee gekämpft. Die CIA ist ihm bereits auf der Spur gewesen. Die USA haben Spezialisten geschickt, um die bolivianischen Ranger-Einheiten gezielt für den Kampf gegen Guerillataktiken auszubilden. Che ist in die Enge getrieben worden. Seine Gruppe ist in den Schluchten der Anden gefangen gewesen, ohne Funkkontakt nach Kuba und ohne Nachschub an Waffen oder Nahrung. Trotz dieser ausweglosen Lage hat er niemals an eine Kapitulation gedacht; er hat bis zum Ende an seine ideologische Mission geglaubt.
Am 8. Oktober 1967 ist es schließlich zur entscheidenden Katastrophe gekommen. In der Schlucht von Quebrada del Yuro ist Ches kleine Einheit von hunderten Soldaten eingekesselt worden. Nach einem heftigen Feuergefecht ist er verwundet und seine Waffe unbrauchbar gemacht worden. Als die Soldaten ihn festgenommen haben, hat er laut Berichten gesagt: „Schießen Sie nicht! Ich bin Che Guevara und ich bin für Sie lebend wertvoller als tot.“ Er ist in das kleine Dorf La Higuera gebracht und in einer einfachen Schule gefangen gehalten worden. Dort hat er seinen letzten Abend verbracht, wissend, dass das Urteil über sein Leben bereits an einem anderen Ort gefällt worden war.
Nach seiner Gefangennahme am 8. Oktober 1967 ist Che Guevara in die baufällige Schule des Dorfes La Higuera gebracht worden. Er hat die Nacht auf dem Boden verbracht, verwundet und erschöpft, aber dennoch ungebrochen im Geist. Am nächsten Morgen ist die Entscheidung über sein Schicksal gefallen: Die bolivianische Regierung hat in Absprache mit der CIA den Befehl zur sofortigen Exekution gegeben. Man hat Angst gehabt, dass ein öffentlicher Prozess weltweit Sympathien für ihn wecken könnte. Ein junger Unteroffizier namens Mario Terán ist ausgewählt worden, um das Urteil zu vollstrecken.
Als der Soldat den Raum betreten hat, hat Che angeblich seine letzten Worte gesprochen: „Beruhigen Sie sich und zielen Sie gut! Sie werden nur einen Mann töten!“ Mit diesen Worten ist er am 9. Oktober 1967 hingerichtet worden. Um seinen Tod zu beweisen, ist sein Leichnam mit einem Hubschrauber nach Vallegrande transportiert worden. Dort haben ihn Fotografen in einer Waschküche abgelichtet. Diese Bilder, auf denen er mit offenen Augen und einem friedlichen Gesichtsausdruck zu sehen ist, haben viele Menschen an christliche Ikonen erinnert. Sein Körper ist anschließend an einem geheimen Ort unter einer Landebahn begraben worden, damit sein Grab niemals zu einem Wallfahrtsort für Revolutionäre werden konnte.
Doch die Strategie der Regierung ist gescheitert. Der Tod von Che Guevara hat ihn nicht vernichtet, sondern ihn in einen Märtyrer verwandelt. Besonders das Porträt „Guerrillero Heroico“, das Alberto Korda Jahre zuvor aufgenommen hatte, ist nach seinem Tod zum meistgedruckten Bild der Weltgeschichte geworden. Es ist auf Flaggen, T-Shirts und Postern gelandet und ist zum universellen Symbol für Rebellion, Widerstand und Idealismus geworden. Für die einen ist er ein Held gewesen, der sein Leben für die Armen geopfert hat; für die anderen ist er ein gnadenloser Ideologe gewesen, der Gewalt als Mittel zur Macht akzeptiert hat.
Erst im Jahr 1997 sind seine sterblichen Überreste in Bolivien gefunden und nach Kuba überführt worden. Dort hat man ihm in Santa Clara ein riesiges Mausoleum errichtet. Sein Erbe bleibt jedoch widersprüchlich und lebendig. Che hat uns gezeigt, dass ein einzelner Wille die Weltordnung herausfordern kann. Ob man seine Methoden liebt oder ablehnt – er hat bewiesen, dass Ideen länger leben können als Menschen. Er ist als Ernesto Guevara gestorben, aber als „Che“ ist er in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegangen, wo er bis heute als Mahnmal gegen soziale Ungerechtigkeit weiterlebt.
