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Das Leben von Charles Darwin (A2-B1)

NEWHÖREN

Charles Darwin ist am 12. Februar 1809 in Shrewsbury, England, geboren. Er hat das Glück gehabt, in eine sehr wohlhabende und gebildete Familie hineingeboren zu werden. Sein Vater, Robert Darwin, ist ein sehr erfolgreicher Arzt gewesen und sein Großvater, Erasmus Darwin, hat sogar schon erste Ideen über die Entwicklung der Natur gehabt. Aber der kleine Charles ist kein besonders guter Schüler gewesen. Er hat sich in der Schule oft gelangweilt, weil er Latein und Griechisch nicht interessant gefunden hat.

Statt zu lernen, hat Charles seine Zeit lieber draußen verbracht. Er hat alles gesammelt, was er in der Natur gefunden hat: Muscheln, Mineralien, Vogeleier und vor allem Käfer. Er hat eine riesige Leidenschaft für die Entomologie (die Insektenkunde) entwickelt. Einmal hat er sogar zwei seltene Käfer in seinen Händen gehalten und hat einen dritten Käfer gesehen. Weil er keine Hand frei gehabt hat, hat er sich den Käfer kurzerhand in den Mund gesteckt, um ihn sicher nach Hause zu transportieren! Das zeigt, wie besessen er von der Natur gewesen ist.

Sein Vater ist über diese Hobbys nicht sehr glücklich gewesen. Er hat zu Charles gesagt: „Dich interessieren nur Hunde und das Fangen von Ratten. Du wirst eine Schande für dich und deine ganze Familie sein!“ Das ist ein sehr harter Satz gewesen, der Charles lange wehgetan hat. Der Vater hat deshalb entschieden, dass Charles Medizin studieren muss. Er hat gehofft, dass sein Sohn ein seriöser Wissenschaftler oder Arzt wird, genau wie er selbst.

Im Jahr 1825 ist Charles nach Edinburgh geschickt worden, um dort an der Universität Medizin zu studieren. Aber das ist ein großes Desaster gewesen. Charles hat das Blut nicht sehen können und die Operationen (damals noch ohne Narkose!) haben ihn schockiert. Er hat die Vorlesungen geschwänzt und hat lieber Zeit mit den Fischern an der Küste verbracht, um Meeresbiologie zu studieren. Dort hat er gelernt, wie man Tiere präpariert. Er hat verstanden, dass sein Weg nicht in das Krankenhaus, sondern in die wilde Natur führt. Aber zuerst hat er noch einen anderen, sehr ungewöhnlichen Umweg machen müssen.

Nach dem Abbruch seines Medizinstudiums ist Charles’ Vater sehr wütend gewesen. Er hat gedacht, dass aus seinem Sohn ein „Nichtsnutz“ wird. Deshalb hat er Charles im Jahr 1828 an die Universität Cambridge geschickt. Der Plan ist gewesen, dass Charles dort Theologie studiert, um ein Landpfarrer der anglikanischen Kirche zu werden. Zu dieser Zeit hat Charles kein Problem mit diesem Plan gehabt. Er hat an die Bibel geglaubt und hat gedacht, dass ein Leben als Pfarrer ihm genug Freizeit für sein Hobby – die Naturgeschichte – lassen würde.

In Cambridge hat Charles zwar brav für sein Examen gelernt, aber seine wahre Leidenschaft ist woanders gewesen. Er ist Mitglied in einem exklusiven Club für Käfersammler geworden. Er hat Stunden damit verbracht, durch die Moore und Wälder rund um Cambridge zu laufen, um seltene Insekten zu finden. Er hat sogar neue Methoden entwickelt, um Käfer zu fangen. In dieser Zeit hat er gemerkt, dass er kein Interesse an Dogmen oder Kirchengesetzen hat, sondern nur an den Fakten der Biologie und Geologie.

Ein Wendepunkt ist die Begegnung mit John Stevens Henslow gewesen. Henslow ist Professor für Botanik gewesen und hat das Talent von Charles sofort erkannt. Die beiden sind enge Freunde geworden. Man hat Charles in Cambridge oft den „Mann, der mit Henslow spazieren geht“ genannt, weil sie jeden Tag stundenlang über Pflanzen und Steine diskutiert haben. Henslow hat Charles beigebracht, wie man wissenschaftliche Beobachtungen macht und wie man Daten präzise sammelt. Ohne Henslow hätte Charles wahrscheinlich niemals den Mut gehabt, ein echter Wissenschaftler zu werden.

Obwohl Charles viel Zeit draußen verbracht hat, hat er sein Studium im Jahr 1831 erfolgreich abgeschlossen. Er ist unter den besten zehn Studenten seines Jahrgangs gewesen! Er hat sich darauf vorbereitet, eine kleine Kirche auf dem Land zu übernehmen. Aber genau in diesem Moment hat er einen Brief von Professor Henslow bekommen. Der Inhalt dieses Briefes hat alles verändert.

Henslow hat ihm geschrieben, dass ein Kapitän namens Robert FitzRoy einen gebildeten Begleiter für eine Forschungsreise sucht. Das Ziel: eine Weltreise mit dem Schiff HMS Beagle. Es ist keine bezahlte Stelle gewesen, und man hat einen Freiwilligen gesucht, der seine eigene Ausrüstung bezahlt. Charles ist sofort begeistert gewesen. Er hat gespürt, dass dies die Chance seines Lebens ist. Doch es hat ein großes Hindernis gegeben: Sein Vater hat „Nein“ gesagt. Er hat die Reise für gefährlich und Zeitverschwendung gehalten. Charles hat fast die Hoffnung verloren, aber sein Onkel Josiah Wedgwood hat ihm geholfen und den Vater schließlich überzeugt. So hat das größte Abenteuer der Wissenschaftsgeschichte begonnen.

Am 27. Dezember 1831 hat die HMS Beagle endlich den Hafen von Plymouth verlassen. Charles Darwin ist zu diesem Zeitpunkt erst 22 Jahre alt gewesen. Der Kapitän des Schiffes, Robert FitzRoy, hat einen sehr schwierigen Charakter gehabt, aber er ist ein exzellenter Seefahrer gewesen. Die HMS Beagle ist eigentlich ein sehr kleines Schiff gewesen (nur etwa 27 Meter lang), und Darwin hat sich den Platz in seiner Kabine mit zwei anderen Männern teilen müssen. Er hat dort kaum Platz für seine Bücher und seine Instrumente gehabt.

Die ersten Wochen auf See sind für Darwin eine Katastrophe gewesen. Er hat schreckliche Seekrankheit bekommen und hat tagelang in seiner Hängematte gelegen. Er hat sich oft gefragt: „Warum habe ich diese Reise nur begonnen?“ Aber sobald das Schiff die Küste von Südamerika erreicht hat, ist sein Leiden vergessen gewesen. Er ist an Land gegangen und hat eine Welt gesehen, die er sich niemals hätte vorstellen können. In Brasilien hat er zum ersten Mal einen tropischen Regenwald betreten. Er ist von der unglaublichen Vielfalt der Insekten, Vögel und Pflanzen total überwältigt gewesen. Er hat in sein Tagebuch geschrieben, dass dieser Anblick wie ein magisches Erlebnis gewesen ist.

Während das Schiff die Küsten vermessen hat, hat Darwin die meiste Zeit an Land verbracht. Er ist hunderte von Kilometern durch die Pampa geritten und ist sogar über die Anden geklettert. Er hat Kisten voller Proben gesammelt: getrocknete Pflanzen, in Alkohol konservierte Tiere und – was besonders wichtig gewesen ist – Fossilien. In Argentinien hat er die Knochen von riesigen, ausgestorbenen Säugetieren gefunden, die wie gigantische Gürteltiere ausgesehen haben. Er hat sich gefragt: „Warum sind diese Tiere ausgestorben, während ihre kleinen Verwandten heute noch leben?“ Diese Beobachtungen haben erste Zweifel an der Idee gesät, dass sich die Natur niemals verändert.

Darwin hat während dieser Reise tausende Briefe und Notizen nach England geschickt. Professor Henslow hat diese Berichte in wissenschaftlichen Kreisen vorgelesen, sodass Darwin in England schon berühmt geworden ist, bevor er überhaupt zurückgekehrt ist. Er hat auf dem Schiff auch das Buch „Principles of Geology“ von Charles Lyell gelesen. Lyell hat behauptet, dass sich die Erde über Millionen von Jahren ganz langsam verändert hat. Darwin hat angefangen, diese geologische Idee auf die Lebewesen zu übertragen. Er hat gelernt, die Natur nicht als ein fertiges Kunstwerk zu sehen, sondern als einen Prozess, der niemals aufhört. Diese fünf Jahre sind die wichtigste Ausbildung seines Lebens gewesen – und das Ziel, das alles verändern sollte, ist erst ganz am Ende der Reise gekommen: die Galapagos-Inseln.

Im September 1835 hat die HMS Beagle die Galapagos-Inseln erreicht, eine Gruppe von Vulkaninseln im Pazifik. Darwin hat zuerst gedacht, dass die Inseln hässlich und trostlos sind, weil es dort viel schwarzes Lavagestein und wenig Vegetation gegeben hat. Er hat die Inseln sogar als „Hölle“ bezeichnet. Aber als er angefangen hat, die Tiere zu untersuchen, ist er aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Er hat dort riesige Schildkröten gesehen, die so schwer gewesen sind, dass man sie kaum heben konnte.

Ein lokaler Beamter hat Darwin etwas sehr Interessantes erzählt: Er hat behauptet, dass er genau sagen könne, von welcher Insel eine Schildkröte kommt, nur indem er sich die Form ihres Panzers ansieht. Zuerst hat Darwin das nicht geglaubt, aber er hat angefangen, darüber nachzudenken. Er hat auch viele kleine Vögel gesammelt, die heute als Darwin-Finken weltberühmt sind. Er hat bemerkt, dass diese Vögel auf den verschiedenen Inseln sehr unterschiedliche Schnäbel gehabt haben. Einige haben dicke Schnäbel zum Knacken von Nüssen gehabt, andere haben dünne Schnäbel zum Fressen von Insekten gehabt.

Darwin hat in dieser Zeit eine sehr wichtige Frage gestellt: Warum hat Gott so viele verschiedene Arten für so kleine, benachbarte Inseln geschaffen? Wäre es nicht logischer, wenn sich die Tiere von einer einzigen Art, die vom Festland gekommen ist, langsam an die unterschiedlichen Bedingungen auf den Inseln angepasst haben? Er hat erkannt, dass die Isolation der Inseln dazu geführt hat, dass sich die Tiere unabhängig voneinander entwickelt haben. Das ist der Moment gewesen, in dem die traditionelle Idee der „Konstanz der Arten“ (dass Tiere sich niemals verändern) in seinem Kopf zu wanken begonnen hat.

Trotz dieser genialen Beobachtungen ist Darwin in diesem Moment noch nicht ganz perfekt organisiert gewesen. Er hat vergessen, die Vögel genau nach Inseln zu beschriften! Erst später in England hat er die Hilfe von Experten gebraucht, um seine Daten zu ordnen. Aber die Samen für seine Theorie sind gesät gewesen. Er hat die Galapagos-Inseln verlassen und hat gewusst, dass die Natur viel dynamischer und komplizierter ist, als man in den Kirchen von Cambridge gelehrt hat. Er hat angefangen zu verstehen: Die Umgebung formt das Lebewesen. Als er im Oktober 1836 nach fast fünf Jahren endlich wieder englischen Boden betreten hat, ist er kein schüchterner Theologiestudent mehr gewesen, sondern ein mutiger Revolutionär der Wissenschaft.

Im Oktober 1836 ist Charles Darwin nach fast fünf Jahren Weltreise wieder in England angekommen. Er ist kein unbekannter junger Mann mehr gewesen, denn seine Briefe und Fossilien haben ihn in der wissenschaftlichen Welt bereits berühmt gemacht. Er ist nach London gezogen und hat dort angefangen, seine Tagebücher und Notizen zu ordnen. Er hat Experten um Hilfe gebeten, um die Vögel von den Galapagos-Inseln zu untersuchen. Der Vogelexperte John Gould hat ihm etwas Schockierendes gesagt: Die Vögel, die Darwin für verschiedene Arten gehalten hat (wie Zaunkönige oder Kernbeißer), sind in Wirklichkeit alle Finken gewesen. Sie haben nur verschiedene Schnäbel gehabt.

In dieser Zeit hat Darwin seine berühmten „Notizbücher über die Transmutation“ angefangen. Im Jahr 1837 hat er eine Skizze gezeichnet, die heute legendär ist: Er hat einen kleinen Baum gemalt und darüber geschrieben: „I think“ (Ich glaube). Dieser „Lebensbaum“ hat gezeigt, dass alle Lebewesen gemeinsame Vorfahren haben und sich wie Zweige an einem Baum in verschiedene Richtungen entwickeln. Das ist eine revolutionäre Idee gewesen, denn damals haben fast alle Menschen geglaubt, dass Gott jedes Tier einzeln und perfekt erschaffen hat.

Aber Darwin hat noch eine Antwort auf eine wichtige Frage gesucht: Wie genau verändern sich die Arten? Die Antwort hat er im Jahr 1838 in einem Buch des Ökonomen Thomas Malthus gefunden. Malthus hat geschrieben, dass die menschliche Bevölkerung schneller wächst als die Produktion von Nahrungsmitteln. Darwin hat diese Idee auf die Tierwelt übertragen. Er hat begriffen, dass in der Natur ein ständiger Kampf ums Überleben herrscht. Nur die Individuen, die am besten an ihre Umwelt angepasst sind, überleben und bekommen Kinder. Er hat diesen Prozess „Natürliche Selektion“ genannt.

Obwohl er seine Theorie fast komplett im Kopf gehabt hat, hat er mit niemandem darüber gesprochen. Er hat gewusst, dass seine Idee die Kirche und die Gesellschaft schockieren würde. Man hat damals Menschen, die solche „atheistischen“ Ideen gehabt haben, oft ins Gefängnis gesteckt oder sozial ruiniert. Deshalb hat er sich entschieden, seine Theorie geheim zu halten. Er ist krank geworden – wahrscheinlich vor Stress und Sorge – und hat sich in ein ruhiges Haus auf dem Land zurückgezogen. Er hat über 20 Jahre lang Beweise gesammelt, bevor er den Mut gehabt hat, sein Wissen mit der Welt zu teilen. Er hat wie ein Detektiv gearbeitet, der ein Verbrechen aufklärt, das Millionen von Jahren gedauert hat.

Im Jahr 1842 ist Charles Darwin mit seiner Frau Emma in ein ruhiges Haus auf dem Land gezogen: Down House in Kent. Er hat London verlassen, weil er die Ruhe gebraucht hat und weil er oft sehr krank gewesen ist. Er hat unter Magenproblemen, Kopfschmerzen und Herzrasen gelitten. Viele Historiker glauben heute, dass sein Stress wegen der geheimen Theorie seine Krankheit schlimmer gemacht hat. Er hat gewusst: Seine Theorie wird die Welt verändern, aber sie wird auch viele Menschen verletzen, besonders seine gläubige Frau Emma.

Obwohl er geschwiegen hat, hat Darwin nicht aufgehört zu arbeiten. Er ist in Down House extrem fleißig gewesen. Er hat sich wie ein Detektiv verhalten und hat Beweise aus allen Bereichen der Natur gesammelt. Er hat acht Jahre lang nur über Rankenfußkrebse (Seepocken) geforscht! Er hat tausende von diesen kleinen Tieren unter dem Mikroskop untersucht, um zu verstehen, wie sie sich verändern. Er hat auch Tauben gezüchtet und hat mit Züchtern von Hunden und Pferden korrespondiert. Er hat gesehen, dass Menschen Tiere verändern können (künstliche Selektion). Er hat sich gefragt: „Wenn der Mensch das kann, warum sollte die Natur das nicht auch in Millionen von Jahren schaffen?“

Darwin hat jeden Tag denselben Rhythmus gehabt. Er ist morgens spazieren gegangen, hat Briefe geschrieben und hat in seinem Garten experimentiert. Er hat einen speziellen Weg im Garten gehabt, den „Sandwalk“. Dort ist er jeden Tag mehrere Runden gelaufen, um über seine Theorie nachzudenken. Er hat tausende Briefe an Wissenschaftler auf der ganzen Welt geschickt. Er hat sie nach Details über Pflanzen und Tiere gefragt, ohne ihnen seine ganze Theorie zu verraten. Er hat Beweise für die Geologie, die Embryologie und die Verteilung von Arten gesammelt.

In diesen 20 Jahren hat er nur ganz wenigen engen Freunden von seiner Idee erzählt. Er hat einem Freund geschrieben: „Es ist, als ob man einen Mord gesteht.“ Er hat Angst gehabt, dass man ihn als Ketzer bezeichnet. Er hat sogar ein langes Manuskript geschrieben und hat zu seiner Frau gesagt: „Falls ich sterbe, musst du dieses Papier veröffentlichen.“ Er hat gewartet und gewartet, weil er wollte, dass seine Theorie absolut perfekt und unangreifbar ist. Er hat nicht gewusst, dass am anderen Ende der Welt ein anderer Mann genau dieselbe Idee gehabt hat und dass sein langes Schweigen bald ein plötzliches Ende finden würde.

Im Juni 1858 ist ein Brief bei Charles Darwin in Down House angekommen, der ihn fast krank gemacht hat. Der Absender ist ein junger Forscher namens Alfred Russel Wallace gewesen. Wallace hat zu dieser Zeit in Malaysia und Indonesien Insekten gesammelt. In dem Brief hat Wallace ein kurzes Manuskript geschickt und hat Darwin um seine Meinung gebeten. Als Darwin das Papier gelesen hat, ist er fast ohnmächtig geworden. Wallace hat darin genau die Theorie beschrieben, an der Darwin seit 20 Jahren heimlich gearbeitet hat: die Evolution durch natürliche Selektion!

Darwin ist total verzweifelt gewesen. Er hat an einen Freund geschrieben: „Meine ganze Originalität wird zerstört werden!“ Er hat nicht gewusst, was er tun soll. Wenn er Wallace’ Papier veröffentlicht hätte, wäre Wallace der Entdecker der Evolution gewesen. Aber wenn er seine eigene Arbeit schnell veröffentlicht hätte, hätte es so ausgesehen, als ob er Wallace die Idee gestohlen hat. Es ist eine moralische Krise für Darwin gewesen, denn er ist ein sehr ehrlicher Mann gewesen. Er hat sich schrecklich gefühlt, weil er so lange mit der Veröffentlichung gewartet hat.

Seine Freunde, der Geologe Charles Lyell und der Botaniker Joseph Hooker, haben eine Lösung gefunden. Sie haben vorgeschlagen, dass beide Männer ihre Ideen gleichzeitig präsentieren. Am 1. Juli 1858 sind Auszüge aus Darwins alten Notizen und Wallace’ neues Manuskript bei einem Treffen der Linnean Society in London vorgelesen worden. Interessanterweise ist Darwin selbst nicht dabei gewesen, weil sein kleiner Sohn gerade an Scharlach gestorben ist. Er hat an diesem Tag ganz andere Sorgen gehabt als seinen Ruhm.

Die Präsentation der Theorie hat am Anfang gar nicht so viel Aufmerksamkeit erregt. Der Präsident der Gesellschaft hat am Ende des Jahres sogar gesagt, dass es „keine revolutionären Entdeckungen“ gegeben hat. Wie falsch er gelegen hat! Aber für Darwin ist dieser Moment der Startschuss gewesen. Er hat gemerkt, dass er sein großes Buch jetzt so schnell wie möglich schreiben muss. Er hat keine 20 Jahre mehr Zeit gehabt. Er hat sich für 13 Monate in sein Arbeitszimmer eingeschlossen und hat unter großem Druck das Buch geschrieben, das die Welt für immer verändert hat. Das Ergebnis ist ein Werk gewesen, das nicht nur die Biologie, sondern das gesamte Denken der Menschheit erschüttert hat.

Am 24. November 1859 ist das Buch mit dem langen Titel „On the Origin of Species“ (Über die Entstehung der Arten) in London erschienen. Es ist ein unglaublicher Tag gewesen. Alle 1.250 Exemplare, die der Verlag gedruckt hat, sind noch am ersten Tag ausverkauft gewesen! Die Menschen haben in den Buchhandlungen Schlange gestanden, weil sie wissen wollten, was dieser berühmte Herr Darwin über die Natur zu sagen hat. Darwin selbst ist an diesem Tag nicht in London gewesen; er hat sich in einem Kurort ausgeruht, weil er vor Stress und Angst wieder krank geworden ist.

In seinem Buch hat Darwin zwei radikale Thesen präsentiert. Erstens: Alle Lebewesen haben sich über Millionen von Jahren aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt. Zweitens: Der Motor dieser Entwicklung ist die natürliche Selektion. Er hat das Wort „Evolution“ im ganzen Buch fast nie benutzt, aber die Leser haben sofort verstanden, was er gemeint hat. Darwin ist sehr vorsichtig gewesen und hat in diesem Buch fast nichts über den Menschen geschrieben. Er hat nur einen kleinen Satz am Ende eingefügt: „Licht wird auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte fallen.“ Aber das hat gereicht, um ein politisches und religiöses Erdbeben auszulösen.

Die Kirche ist schockiert gewesen. Die Bischöfe haben gesagt, dass Darwin die Bibel beleidigt hat, weil er nicht an die Schöpfung in sechs Tagen geglaubt hat. Die Zeitungen haben hunderte von Artikeln geschrieben. Besonders berühmt ist eine Karikatur geworden, in der Darwins Kopf auf dem Körper eines Affen gezeichnet worden ist. Viele Menschen haben gelacht und haben gesagt: „Darwin glaubt, dass sein Großvater ein Schimpanse gewesen ist!“ Es hat große Debatten an den Universitäten gegeben. Die berühmteste Diskussion ist im Jahr 1860 in Oxford passiert, wo Darwins Freund Thomas Huxley (der „Bulldogge“ genannt wurde) die Theorie gegen den Bischof Samuel Wilberforce verteidigt hat.

Darwin hat diese Kämpfe meistens von seinem Haus aus beobachtet. Er hat tausende Briefe an Kritiker geschrieben und hat versucht, jede Frage wissenschaftlich zu beantworten. Er hat immer wieder betont, dass seine Theorie keine Meinung, sondern eine Schlussfolgerung aus tausenden Fakten ist. Trotz der vielen Angriffe hat sich die Idee der Evolution rasend schnell verbreitet. Junge Wissenschaftler auf der ganzen Welt haben gemerkt, dass Darwin die Biologie logisch gemacht hat. Ohne es zu wollen, ist der schüchterne Charles Darwin zum Anführer einer geistigen Revolution geworden, die das Selbstbild des Menschen für immer zerstört und gleichzeitig neu erschaffen hat.

Lange Zeit hat Charles Darwin in seinen Büchern geschwiegen, wenn es um den Menschen gegangen ist. Er hat die heftigen Reaktionen nach der „Entstehung der Arten“ beobachtet und hat gewartet. Aber im Jahr 1871 hat er sein zweites großes Werk veröffentlicht: „The Descent of Man“ (Die Abstammung des Menschen). In diesem Buch ist er ganz deutlich gewesen. Er hat geschrieben, dass der Mensch kein besonderes Wesen ist, das getrennt von der Natur erschaffen wurde. Er hat bewiesen, dass der Mensch und die Menschenaffen (wie Schimpansen und Gorillas) gemeinsame Vorfahren gehabt haben.

Darwin hat erklärt, dass auch unsere Gefühle und unsere Intelligenz eine lange Geschichte in der Tierwelt haben. Er hat beobachtet, dass Affen lachen können oder dass Hunde Liebe empfinden. Für viele Menschen im 19. Jahrhundert ist das eine schreckliche Beleidigung gewesen. Sie haben sich gefragt: „Haben wir dann überhaupt eine Seele?“ Aber Darwin ist bei den Fakten geblieben. Er hat sich nicht für Religion interessiert, sondern für die Anatomie und das Verhalten. Er hat auch über die „Sexuelle Selektion“ geschrieben – also wie Tiere (wie der Pfau mit seinen schönen Federn) ihre Partner wählen.

In seinem Privatleben ist Darwin ein sehr liebevoller Vater gewesen. Er hat mit seiner Frau Emma zehn Kinder gehabt, aber leider sind drei von ihnen früh gestorben. Besonders der Tod seiner Lieblingstochter Annie im Jahr 1851 hat sein Herz gebrochen. Er hat danach den Glauben an einen gütigen Gott fast komplett verloren. Er hat oft mit seinen Kindern in seinem Arbeitszimmer gespielt. Die Kinder haben gedacht, dass alle Väter den ganzen Tag lang tote Insekten untersuchen und über Pflanzen nachdenken! Er ist trotz seines Ruhmes sehr bescheiden geblieben.

Seine Gesundheit ist in seinen letzten Jahren nicht besser geworden, aber er hat immer weiter gearbeitet. Er hat Bücher über Regenwürmer, fleischfressende Pflanzen und den Ausdruck von Emotionen geschrieben. Er hat jeden Tag hunderte Briefe aus der ganzen Welt beantwortet. Wissenschaftler, Könige und einfache Leute haben ihm geschrieben. Darwin ist zu einem Symbol für eine neue Ära geworden. Er hat gezeigt, dass die Welt nicht statisch ist, sondern sich ständig verändert. Er hat den Menschen einen Spiegel vorgehalten, in dem sie ihre eigene, wilde Vergangenheit sehen konnten.

Im April 1882 ist das Herz von Charles Darwin nach vielen Jahren der Krankheit schwächer geworden. Er hat gewusst, dass sein Ende nah ist. Er hat zu seiner Frau Emma gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Tod.“ Am 19. April ist er friedlich in seinem geliebten Down House gestorben. Er hat sich eigentlich gewünscht, auf dem kleinen Friedhof in seinem Dorf begraben zu werden, ganz schlicht und bescheiden. Aber die wissenschaftliche Welt und das britische Parlament haben anders entschieden. Sie haben gesagt: „Ein Mann wie Darwin gehört an den wichtigsten Ort des Landes.“

So ist Darwin am 26. April 1882 mit einer großen Zeremonie in der Westminster Abbey in London beigesetzt worden. Es ist eine große Ehre gewesen. Er hat sein Grab direkt neben Isaac Newton bekommen, dem Entdecker der Gravitation. Dass ein Mann, der so viel Kritik an der Kirche geübt hat, in einer Kathedrale begraben wurde, hat gezeigt, wie sehr seine Theorie die Welt bereits verändert hatte. Sogar die religiösen Führer haben an diesem Tag anerkannt, dass Darwin die Natur auf eine neue, tiefere Weise erklärt hat.

Das Erbe von Charles Darwin ist gigantisch gewesen. Er hat die Biologie von einer bloßen Sammlung von Fakten in eine echte Wissenschaft verwandelt. Ohne seine Theorie der Evolution hätten wir heute keine moderne Medizin, keine Genetik und kein Verständnis für die Ökologie. Er hat uns gezeigt, dass alle Lebewesen auf diesem Planeten – von der kleinsten Blume bis zum größten Wal – miteinander verwandt sind. Diese Idee hat das menschliche Ego zwar kleiner gemacht, aber sie hat uns auch eine tiefere Verbindung zur Natur gegeben.

Heute, über 140 Jahre nach seinem Tod, ist Darwin aktueller denn je. Wir haben die DNA entdeckt und haben festgestellt, dass seine Vorhersagen fast alle korrekt gewesen sind. Er hat mit einer einfachen Schreibmaschine und einem Mikroskop Dinge verstanden, die wir heute mit Supercomputern bestätigen. Darwin ist nicht nur ein Wissenschaftler gewesen, sondern ein Symbol für die Freiheit des Denkens und die Kraft der Beobachtung. Er hat uns beigebracht, dass wir keine Angst vor der Wahrheit haben müssen, auch wenn sie unsere alten Träume zerstört. Er ist der Mann gewesen, der uns gezeigt hat, woher wir kommen, damit wir besser verstehen können, wer wir sind.