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Das Leben von Averroes (B1-B2)

NEWHÖREN

Ibn Ruschd ist im Jahr 1126 in Córdoba geboren worden, einer Stadt, die zu dieser Zeit als das „Juwel der Welt“ gegolten hat. Man muss verstehen, dass Córdoba im 12. Jahrhundert nicht einfach nur eine Stadt gewesen ist; es ist ein globales Zentrum für Wissenschaft, Kunst und Toleranz gewesen. Überall hat es Bibliotheken, Krankenhäuser und Schulen gegeben, in denen Muslime, Christen und Juden gemeinsam studiert haben. In genau diese Atmosphäre ist Ibn Ruschd hineingeboren worden.

Seine Familie ist außergewöhnlich einflussreich gewesen. Er ist in eine Dynastie von Juristen hineingeboren worden, die das intellektuelle Leben der Stadt geprägt hat. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater haben das Amt des Oberrichters (Qādī) von Córdoba bekleidet. Das hat bedeutet, dass Ibn Ruschd von klein auf gelernt hat, wie man komplexe Probleme analysiert und logische Urteile fällt. In seinem Elternhaus ist Bildung nicht nur ein Ziel gewesen, sondern eine absolute Notwendigkeit.

Ibn Ruschd hat eine erstklassige Ausbildung erhalten, die man heute als „universalistisch“ bezeichnen würde. Er hat natürlich das islamische Recht (Fiqh) und die Theologie (Kalam) bei den besten Lehrern seiner Zeit studiert. Er ist so brillant gewesen, dass er schon in jungen Jahren ein Experte für das malikitische Recht geworden ist. Aber sein Wissensdurst ist damit nicht gestillt gewesen. Er hat sich leidenschaftlich für die Naturwissenschaften interessiert und hat Medizin bei dem berühmten Arzt Abu Jafar Jarim studiert.

In dieser frühen Phase hat er auch die Grundlagen der Mathematik und der Astronomie gelernt. Er hat den Himmel beobachtet und hat schon damals angefangen, die aristotelische Sicht auf das Universum zu hinterfragen. Diese Kombination aus religiösem Recht und rationaler Naturwissenschaft ist entscheidend für seine spätere Philosophie gewesen. Er hat nie einen Widerspruch zwischen dem Glauben seines Vaters und der Logik der Wissenschaft gesehen. Córdoba hat ihm die Freiheit gegeben, beide Welten gleichzeitig zu erkunden, und dieses Fundament hat ihn zu einem der größten Denker der Weltgeschichte gemacht.

In seinen Dreißigern ist Ibn Ruschd durch seinen Freund, den berühmten Philosophen und Arzt Ibn Tufail, in den engsten Kreis der Macht eingeführt worden. Ibn Tufail ist zu dieser Zeit der Leibarzt des Almohaden-Kalifen Abu Yaqub Yusuf gewesen. Der Kalif ist selbst ein hochgebildeter Mann gewesen, der eine tiefe Leidenschaft für die Philosophie und die Wissenschaften gehegt hat. Eines Tages, im Jahr 1168, ist es in Marrakesch zu einer legendären Begegnung gekommen, die den Verlauf der Geistesgeschichte verändert hat.

Ibn Tufail hat Ibn Ruschd dem Kalifen vorgestellt. Zuerst ist Ibn Ruschd sehr vorsichtig und sogar etwas ängstlich gewesen, da die Philosophie in manchen religiösen Kreisen als gefährlich gegolten hat. Der Kalif hat ihm jedoch eine sehr direkte und schwierige Frage gestellt: „Was denken die Philosophen über den Himmel? Ist er ewig oder hat er einen Anfang?“ Ibn Ruschd hat zuerst gezögert, aber als er gesehen hat, wie tief das Wissen des Kalifen gewesen ist, hat er angefangen, leidenschaftlich zu argumentieren. Er hat die Theorien von Platon und Aristoteles mit einer Präzision erklärt, die den Kalifen tief beeindruckt hat.

Der Kalif hat jedoch ein großes Problem beklagt: Die arabischen Übersetzungen der griechischen Texte sind oft dunkel, kompliziert und fast unverständlich gewesen. Er hat sich an Ibn Ruschd gewandt und hat ihn gebeten, die Werke von Aristoteles systematisch zu kommentieren. Er hat gewollt, dass die Logik und die Naturphilosophie des Griechen klar und deutlich für alle Gelehrten zugänglich gemacht werden. Ibn Ruschd hat diesen monumentalen Auftrag angenommen. Er hat begriffen, dass dies seine Lebensaufgabe sein würde: Er hat Aristoteles nicht nur übersetzen, sondern ihn „retten“ wollen.

In den folgenden Jahren hat Ibn Ruschd mit einer unglaublichen Disziplin gearbeitet. Er hat Aristoteles als den „Gipfel der menschlichen Intelligenz“ betrachtet. Er hat geglaubt, dass Aristoteles die Wahrheit über die physische Welt gefunden hatte, so wie der Koran die Wahrheit über die spirituelle Welt offenbart hatte. Er hat angefangen, drei Arten von Kommentaren zu schreiben: kurze Zusammenfassungen, mittlere Erklärungen und große, detaillierte Analysen. Durch diese Arbeit ist er tief in die Struktur der Logik eingetaucht. Er hat bewiesen, dass die Vernunft ein göttliches Geschenk ist, das man benutzen muss, um die Schöpfung zu verstehen. Diese Jahre im Dienst des Kalifen haben ihn zum einflussreichsten Vermittler zwischen der antiken griechischen Welt und dem mittelalterlichen Denken gemacht.

Ibn Ruschd hat seine Aufgabe, die Werke von Aristoteles zu erklären, mit einer Präzision durchgeführt, die es vorher in der Geschichte nicht gegeben hat. Er hat nicht einfach nur Texte übersetzt; er hat sie seziert. In Paris, Padua und Bologna haben die Gelehrten des 13. Jahrhunderts seine Schriften entdeckt. Da sie kein Griechisch gekonnt haben, ist Averroes für sie die einzige verlässliche Quelle gewesen, um die antike Logik zu verstehen. Er ist so dominant gewesen, dass man ihn an den Universitäten einfach nur ehrfürchtig „Der Kommentator“ genannt hat.

Ein zentraler Aspekt seines Einflusses ist seine radikale Trennung von Vernunft und Offenbarung gewesen. Er hat behauptet, dass die Philosophie eine eigene Methode hat, um zur Wahrheit zu gelangen. Diese Idee hat in Europa eine riesige Debatte ausgelöst. Die Anhänger seiner Lehre, die man Averroisten genannt hat, haben argumentiert, dass die Vernunft autonom ist. Dies ist ein Schock für die christliche Kirche gewesen. Thomas von Aquin, einer der größten Theologen des Mittelalters, hat ganze Bücher geschrieben, um gegen manche Ideen von Averroes zu argumentieren, obwohl er gleichzeitig tiefen Respekt vor seiner Logik gehabt hat.

Averroes hat den Europäern beigebracht, wie man wissenschaftlich denkt. Er hat bewiesen, dass man die Natur durch Beobachtung und Syllogismen (logische Schlussfolgerungen) verstehen kann, ohne jedes Mal auf ein Wunder zu verweisen. Seine Kommentare sind die Standardwerke an den medizinischen und philosophischen Fakultäten Europas für fast 400 Jahre geblieben. Sogar der berühmte Dichter Dante Alighieri hat Averroes in seiner Göttlichen Komödie erwähnt und ihn in den „Limbus“ gesetzt – einen Ort für die großen tugendhaften Denker der Antike, die keine Christen gewesen sind.

Interessanterweise ist sein Einfluss im christlichen Europa oft größer gewesen als in seiner eigenen Heimat. Während in Al-Andalus die politische Lage instabiler geworden ist und konservative Kräfte an Macht gewonnen haben, hat sein rationalistisches Erbe in den lateinischen Übersetzungen weitergelebt. Er hat den Boden für den Säkularismus und die moderne Wissenschaft vorbereitet, indem er die Vernunft aus dem Gefängnis der Dogmen befreit hat. Ohne Averroes hätte Europa den Weg aus dem „dunklen Mittelalter“ vielleicht viel später gefunden.

Ibn Ruschd hat im Bereich der Medizin ein monumentales Werk verfasst, das unter dem arabischen Titel Kitāb al-Kulliyat fī al-Tibb bekannt geworden ist. In Europa hat man dieses Buch später einfach Colliget genannt. Während viele Ärzte seiner Zeit sich nur auf alte Überlieferungen verlassen haben, hat Ibn Ruschd einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt. Er hat die Medizin in sieben Bereiche unterteilt, von der Anatomie bis zur Therapie, und hat versucht, jede Krankheit durch die Gesetze der Natur zu erklären.

Eine seiner brillantesten Beobachtungen hat die Pocken (Blattern) betroffen. Ibn Ruschd hat als Erster in der Geschichte die Vermutung geäußert, dass ein Mensch, der die Pocken einmal überlebt hat, diese Krankheit niemals ein zweites Mal bekommen kann. Damit hat er die Grundlage für das Verständnis der Immunität gelegt, lange bevor man etwas über Viren oder das Immunsystem gewusst hat. Er hat begriffen, dass der Körper eine Art Gedächtnis besitzt, das ihn vor einer erneuten Infektion schützt. Das ist eine revolutionäre Erkenntnis für das 12. Jahrhundert gewesen.

Darüber hinaus hat er sich intensiv mit der Funktion des Auges beschäftigt. Er hat die Theorie aufgestellt, dass die Netzhaut (Retina) der eigentliche Ort der Lichtwahrnehmung ist. Vor ihm haben viele Wissenschaftler geglaubt, dass die Linse diese Aufgabe übernimmt. Ibn Ruschd hat jedoch durch logische Analysen bewiesen, dass die Netzhaut die entscheidende Rolle beim Sehen spielt. Er hat die Medizin nicht als Handwerk, sondern als eine Philosophie der Gesundheit betrachtet.

Sein Buch ist so einflussreich gewesen, dass es zusammen mit dem Kanon der Medizin von Avicenna (Ibn Sina) jahrhundertelang als Standardlehrwerk an den christlichen Universitäten in Europa gedient hat. Er hat gefordert, dass jeder Arzt auch ein Philosoph sein muss, um die Ursachen einer Krankheit wirklich zu verstehen. Für ihn ist der menschliche Körper das perfekte Beispiel für die göttliche Ordnung gewesen, die man nur durch den Verstand entschlüsseln kann.

Ibn Ruschd hat die Tradition seiner Familie fortgesetzt und ist zu einer der wichtigsten juristischen Autoritäten in Al-Andalus geworden. Im Jahr 1169 ist er zum Richter (Qādī) von Sevilla ernannt worden, und später hat er das prestigeträchtige Amt des Oberrichters in seiner Heimatstadt Córdoba bekleidet. In dieser Funktion hat er täglich über komplizierte Rechtsfälle entschieden, die von Handelsstreitigkeiten bis hin zu familiären Angelegenheiten gereicht haben. Er hat bewiesen, dass ein großer Philosoph auch ein sehr praktischer und effektiver Verwalter sein kann.

Als Jurist hat er ein bedeutendes Werk mit dem Titel Bidāyat al-Mujtahid verfasst. In diesem Buch hat er die Unterschiede zwischen den verschiedenen islamischen Rechtsschulen analysiert. Er hat jedoch nicht einfach nur die Regeln aufgelistet, sondern er hat nach den rationalen Gründen hinter den Gesetzen gesucht. Er hat geglaubt, dass das Recht eine logische Struktur besitzen muss. Wenn ein Gesetz keinen vernünftigen Zweck erfüllt hat, hat er versucht, es durch eine tiefere Interpretation (Ijtihād) besser zu verstehen. Für ihn ist die Rechtswissenschaft eine Form der angewandten Philosophie gewesen.

Besonders interessant ist seine Haltung gegenüber Frauen in der Gesellschaft gewesen. In seinen Kommentaren zu Platons Staat hat er kritisiert, dass Frauen in seiner Zeit oft nur zum Gebären und Erziehen von Kindern da gewesen sind. Er hat argumentiert, dass Frauen die gleiche intellektuelle Kapazität wie Männer besitzen und theoretisch sogar Kriegerinnen oder Philosophinnen sein könnten. Er hat behauptet, dass eine Gesellschaft schwach bleibt, wenn sie das Potenzial der Hälfte ihrer Bevölkerung ignoriert. Diese Meinung ist für das 12. Jahrhundert extrem fortschrittlich und mutig gewesen.

Trotz seiner hohen Position hat Ibn Ruschd immer versucht, bescheiden zu bleiben. Er hat gewusst, dass die Macht eines Richters eine große Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen bedeutet. Er hat seine juristische Arbeit dazu genutzt, um Frieden und Ordnung in den Städten zu bewahren. Diese Jahre als Richter haben ihm auch dabei geholfen, seine philosophischen Theorien zu schärfen, denn in den Gerichtssälen hat er jeden Tag gesehen, wie wichtig klare Begriffe und logische Beweise für das menschliche Zusammenleben sind.

Ein Jahrhundert vor Ibn Ruschd hat der große Gelehrte Al-Ghazali ein Buch namens Tahāfut al-Falāsifa (Die Inkohärenz der Philosophen) geschrieben. In diesem Werk hat er behauptet, dass die Philosophen wie Aristoteles oder Avicenna in religiösen Fragen völlig falsch liegen würden. Al-Ghazali hat argumentiert, dass die Philosophie den Glauben zerstören würde. Dieses Buch ist in der islamischen Welt enorm einflussreich gewesen und hat dazu geführt, dass viele Menschen Angst vor der Logik bekommen haben.

Ibn Ruschd hat jedoch gewusst, dass er auf diese Kritik antworten muss. Er hat sein wichtigstes philosophisches Werk verfasst: Tahāfut al-Tahāfut (Die Inkohärenz der Inkohärenz). Mit diesem Titel hat er Al-Ghazali direkt herausgefordert. Er hat Punkt für Punkt bewiesen, dass Al-Ghazali die Philosophie missverstanden hat. Ibn Ruschd hat argumentiert, dass der Verstand ein Geschenk Gottes ist. Er hat die berühmte These aufgestellt: „Die Wahrheit kann der Wahrheit nicht widersprechen.“ Damit hat er gemeint, dass die Wahrheit der Religion und die Wahrheit der Philosophie am Ende dasselbe Ziel haben.

Ein zentraler Streitpunkt ist die Frage der Kausalität gewesen. Al-Ghazali hat geglaubt, dass alles auf der Welt direkt durch den Willen Gottes passiert (Okkasionalismus). Er hat gesagt: „Das Feuer brennt nicht, weil es heiß ist, sondern weil Gott es in jedem Moment so will.“ Ibn Ruschd hat dem widersprochen. Er hat gesagt, dass Gott der Welt feste Naturgesetze gegeben hat. Wenn man die Naturgesetze leugnet, leugnet man laut Ibn Ruschd die Weisheit des Schöpfers. Er hat bewiesen, dass eine rationale Wissenschaft nur möglich ist, wenn die Welt logischen Regeln folgt.

Dieses Duell hat die Geschichte der Philosophie geprägt. Während Al-Ghazalis Ideen im Osten der islamischen Welt stärker geblieben sind, hat Ibn Ruschds Verteidigung der Vernunft den Weg für das kritische Denken im Westen geebnet. Er hat den Mut gehabt, gegen die konservative Meinung seiner Zeit aufzustehen. Er hat geglaubt, dass man ein besserer Muslim wird, wenn man seinen Verstand benutzt, um die Komplexität des Universums zu begreifen. Für ihn ist die Philosophie kein Feind der Religion gewesen, sondern ihre höchste Form der Bestätigung.

Ibn Ruschd hat in seinen Schriften oft über das Verhältnis von Religion und Philosophie nachgedacht. Er hat argumentiert, dass es verschiedene Wege gibt, um die Wahrheit zu erfassen. Für die breite Masse der Menschen ist die Religion mit ihren Gleichnissen und Bildern der richtige Weg. Für die Gelehrten und Philosophen hingegen ist die demonstrative Logik der Weg zur Erkenntnis. Er hat jedoch betont, dass beide Wege zur selben universellen Wahrheit führen.

Als seine Werke ins Lateinische übersetzt worden sind, haben die Denker an der Universität von Paris diese Ideen radikalisiert. Man hat ihnen die Theorie der „Doppelten Wahrheit“ unterstellt. Diese besagt, dass etwas in der Philosophie wahr sein kann (zum Beispiel, dass die Welt ewig ist), während es in der Religion falsch sein kann (dass die Welt erschaffen wurde). Obwohl Ibn Ruschd selbst nie behauptet hat, dass es zwei widersprüchliche Wahrheiten gibt, ist diese Interpretation als Averroismus bekannt geworden. Er ist somit zum Namensgeber einer intellektuellen Bewegung geworden, die die Vernunft über das Dogma gestellt hat.

Die Reaktion der Kirche ist extrem heftig ausgefallen. Im Jahr 1277 hat der Bischof von Paris viele Thesen des Averroismus offiziell verurteilt. Die Kirche hat befürchtet, dass die Autonomie der Vernunft die Autorität der Offenbarung untergraben könnte. Dennoch haben viele Denker heimlich weiter nach seinen Methoden studiert. Man hat Averroes als einen „Rebellen des Geistes“ betrachtet, der den Mut gehabt hat, die logische Analyse konsequent zu Ende zu führen.

Dieser Averroismus hat den Grundstein für die Trennung von Staat und Kirche (Säkularismus) in Europa gelegt. Er hat den Menschen beigebracht, dass man die physische Welt untersuchen kann, ohne ständig theologische Erklärungen zu benötigen. Auch wenn Ibn Ruschd selbst ein tiefgläubiger Muslim und Richter gewesen ist, hat seine Philosophie im Westen eine Dynamik entwickelt, die schließlich zur Aufklärung geführt hat. Er hat bewiesen, dass ein Gedanke, einmal ausgesprochen, eine Kraft besitzt, die Grenzen und Jahrhunderte überschreiten kann.

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts hat sich das politische Klima in Al-Andalus dramatisch verschlechtert. Die christlichen Armeen aus dem Norden haben immer mehr Druck auf das Almohaden-Reich ausgeübt. In dieser Krisenzeit hat der Kalif Abu Yaqub Yusuf die Unterstützung der konservativen religiösen Gelehrten (Ulema) benötigt. Diese strengen Theologen haben die Philosophie von Ibn Ruschd schon lange als ketzerisch und gefährlich betrachtet. Sie haben den Kalifen gedrängt, gegen die „fremden Wissenschaften“ vorzugehen, um die Einheit des Glaubens zu bewahren.

Im Jahr 1195 ist die Katastrophe schließlich eingetreten. Der Kalif hat dem Druck der Fanatiker nachgegeben und Ibn Ruschd ist offiziell in Ungnade gefallen. Man hat ihm vorgeworfen, dass seine philosophischen Lehren den Islam beleidigen würden. Dies ist ein schwerer Schlag für den alten Gelehrten gewesen, der sein ganzes Leben dem Dienst am Staat und dem Glauben gewidmet hatte. Seine hohen Ämter als Richter sind ihm entzogen worden, und er ist aus seiner geliebten Heimatstadt Córdoba verbannt worden.

Besonders schmerzhaft ist das öffentliche Verbot seiner Werke gewesen. In Córdoba hat man seine philosophischen Bücher auf einem großen Platz verbrannt, um ein Zeichen gegen den Rationalismus zu setzen. Ibn Ruschd ist in die kleine Stadt Lucena bei Córdoba geschickt worden, in der früher viele Juden gelebt hatten. Dort hat er in Isolation und Armut gelebt. Die Menschen, die ihn früher bewundert hatten, haben ihn nun gemieden, aus Angst vor der Rache der Regierung. Er hat diese Zeit der Demütigung mit großer Geduld ertragen, aber sein Herz ist über den Verlust seiner Bibliothek und seiner intellektuellen Freiheit gebrochen gewesen.

Dieses dunkle Kapitel ist jedoch nicht nur eine persönliche Tragödie für Ibn Ruschd gewesen. Es hat auch das Ende der großen Ära der Vernunft in der islamischen Welt von Al-Andalus markiert. Mit der Verbannung von Averroes ist das Licht der freien Forschung in dieser Region langsam erloschen. Während seine Bücher im Feuer von Córdoba verbrannt sind, haben sie jedoch im Geheimen bereits ihren Weg nach Europa gefunden. Der Kalif hat vielleicht die physischen Bücher zerstört, aber er hat die Kraft der Gedanken, die Ibn Ruschd in die Welt gesetzt hatte, nicht mehr aufhalten können.

Nach einigen Jahren in der Isolation hat sich die politische Lage im Almohaden-Reich erneut verändert. Der Kalif Abu Yaqub Yusuf ist gestorben, und sein Nachfolger, Abu Yusuf Yaqub al-Mansur, hat die Bedeutung von Gelehrten wie Ibn Ruschd wiedererkannt. Vielleicht hat der Kalif auch eingesehen, dass die Verfolgung eines so großen Denkers dem Ruf des Reiches geschadet hat. Im Jahr 1198 ist Ibn Ruschd schließlich begnadigt worden. Er ist jedoch nicht nach Córdoba zurückgekehrt, sondern an den Hof des Kalifen nach Marrakesch in Marokko gerufen worden.

Obwohl er offiziell wieder in Ehren aufgenommen worden ist, ist Ibn Ruschd ein gebrochener Mann gewesen. Die Jahre des Exils und die Zerstörung seiner Bücher haben tiefe Spuren hinterlassen. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits über siebzig Jahre alt gewesen und seine Gesundheit ist sehr schwach gewesen. In Marrakesch hat er nur noch kurze Zeit gelebt. Am 10. Dezember 1198 ist der große Philosoph friedlich gestorben. Man hat ihn zuerst in Marrakesch bestattet, doch sein letzter Wunsch ist es gewesen, in seiner Heimat zu ruhen.

Drei Monate nach seinem Tod ist sein Leichnam exhumiert und nach Córdoba überführt worden. Es gibt eine berühmte und sehr symbolische Erzählung über diesen Transport: Man hat seinen Körper auf der einen Seite eines Lasttieres befestigt, während auf der anderen Seite seine geretteten Bücher als Gegengewicht gehangen haben. Der junge Mystiker Ibn Arabi, der bei der Ankunft des Leichnams in Córdoba anwesend gewesen ist, hat diesen Anblick kommentiert. Er hat bemerkt, dass auf der einen Seite der Meister (der Körper) und auf der anderen Seite seine Werke (der Geist) gelegen haben.

Mit dem Tod von Ibn Ruschd ist eine Ära zu Ende gegangen. Er ist der letzte große Repräsentant der klassischen islamischen Philosophie in Al-Andalus gewesen. Kurz nach seinem Tod haben die Kriege in Spanien zugenommen, und das kulturelle Niveau der Region ist langsam gesunken. Aber während sein Körper in der Erde von Córdoba begraben worden ist, haben seine Ideen bereits die Straße von Gibraltar überquert und sind im restlichen Europa angekommen. Er hat die Welt verlassen, aber er hat ein intellektuelles Feuer entzündet, das niemand mehr löschen konnte.

Ibn Ruschd hat ein intellektuelles Erbe hinterlassen, das Grenzen, Religionen und Jahrhunderte überschritten hat. In der westlichen Welt ist er unter dem Namen Averroes zum Symbol für die Freiheit des Denkens geworden. Er hat bewiesen, dass man gleichzeitig ein gläubiger Mensch und ein kritischer Wissenschaftler sein kann. Seine Überzeugung, dass die Vernunft ein göttliches Werkzeug ist, hat den Weg für die europäische Renaissance und später für die Aufklärung geebnet. Ohne seine Kommentare hätte das Abendland die Logik des Aristoteles vielleicht niemals in ihrer vollen Tiefe wiederentdeckt.

In der modernen Philosophie betrachtet man Ibn Ruschd oft als einen der ersten Vorläufer des Säkularismus. Er hat zwar nicht die Religion abgeschafft, aber er hat argumentiert, dass die Wissenschaft ihre eigenen Gesetze und Methoden besitzt, in die sich die Theologie nicht einmischen darf. Diese Trennung von Glauben und Wissen ist das Fundament unserer modernen Gesellschaft. Sogar in der Kunst hat er Spuren hinterlassen: Der berühmte Maler Raffael hat ihn in seinem Fresko Die Schule von Athen dargestellt – er ist dort der einzige Denker mit einem Turban, der aufmerksam über die Schulter eines anderen Gelehrten blickt.

In den letzten Jahrzehnten hat auch die islamische Welt Ibn Ruschd wiederentdeckt. Viele moderne Reformdenker beziehen sich heute auf ihn, um zu zeigen, dass Rationalität und Toleranz tief in der islamischen Tradition verwurzelt sind. Er ist zu einer Identitätsfigur für einen aufgeklärten Islam geworden. In Córdoba steht heute eine stolze Statue von ihm, die die Besucher daran erinnert, dass diese Stadt einst das Licht der Vernunft in ein dunkles Europa getragen hat.

Averroes hat uns eine wichtige Lektion hinterlassen: Wahre Weisheit hat keine Nationalität. Er hat griechische Gedanken auf Arabisch kommentiert, damit sie später auf Latein die Welt verändern konnten. Er hat gezeigt, dass Wissen ein gemeinsames Gut der gesamten Menschheit ist. Sein Leben ist der Beweis dafür, dass Bücher zwar verbrannt werden können, aber eine mächtige Idee niemals stirbt. Heute, mehr als 800 Jahre nach seinem Tod, ist seine Botschaft aktueller denn je: Wir müssen den Mut haben, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen.